"Angry Birds"-Macher Rovio: Imperium der bösen Vögel und grünen Schweine

Von Stephan Freundorfer, Espoo

Eine Horde wütender Vögel und grüner Schweine erobern von Finnland aus die Welt. Die "Angry Birds" aus dem gleichnamigen Handyspiel sind mittlerweile eine globale Marke. Der Hersteller Rovio plant nun den Aufstieg zum Unterhaltungskonzern. Dabei setzen die Macher ganz aufs Federvieh.

"Angry Birds": Vom Mobile-Game zur Medienmarke Fotos
Stefan Freundorfer

Sie sind überall. Die übellaunigen Vögel und ihre schweinischen Widersacher mögen in aller Welt bekannt sein, nirgends aber sind sie so allgegenwärtig wie in ihrer finnischen Heimat. An Kiosken und in Hotel-Minibars findet man "Angry Birds"-Chips, Finnlands größter Bier- und Brause-Konzern Olvi hat vier Sorten "Angry Birds"-Limo im Programm, Skandinaviens größtes Kaufhaus - Stockmann im Zentrum Helsinkis - füllt ganze Regale mit "Angry Birds"-Spielzeug und -Süßigkeiten. Der Vergnügungspark Särkänniemi im zwei Autostunden entfernten Tampere lockt die Besucher seit einigen Monaten in ein "Angry Birds"-Land.

Die Finnen sind stolz auf das schrägen Federvieh, das in ihrem Land für das Smartphone-Spiel "Angry Birds" erfunden wurden - ein simples Physik-Puzzlespielchen, bei dem mit einer Schleuder verschiedenfarbige Vögel auf dümmlich dreinblickende Schweine gefeuert werden, die sich in wackligen Konstruktionen zu verbergen versuchen. Zwölf Mann arbeiteten für das Entwicklerstudio Rovio, als das erste "Angry Birds" im Dezember 2009 herauskam. Heute sind 450 Menschen am finnischen Casual-Game-Universum tätig, rund 400 davon am Stammsitz in Helsinkis Nachbarstadt Espoo.

Videospiel-Vögel auf 15.000 Produkten

Im Frühjahr 2010 hatte "Angry Birds" die Spitze der iOS-Charts in Großbritannien erobert, dann erreichte der Kult die USA und den Rest der Welt. Rovio schob Android- und PC-Versionen hinterher, brachte die Vögel auf weitere Mobilgeräte und in den Browser, veröffentlichte drei Fortsetzungen, in denen Protagonisten und Spielmechanik minimal verändert wurden.

Eine Milliarde Downloads später ist "Angry Birds" ein globales Phänomen, eine weltweit bekannte Unterhaltungsmarke. Über einen bevorstehenden Börsengang wird hartnäckig spekuliert. Rund 75 Millionen Euro hat Rovio 2011 umgesetzt, bei einem Vorsteuergewinn von 48 Millionen. Die Erlöse stammen längst nicht mehr nur aus dem App-Store und dem Geschäft mit Anzeigen in den Gratis-Varianten des Spiels.

"Im vergangenen Jahr resultierten 30 Prozent unserer Umsätze aus der Lizenzierung physischer Produkte", sagt Ville Heijari, Vizechef der Abteilung Markenentwicklung. Schon früh bemerkten die Mobile-Games-Macher, dass man nicht nur mit dem simplen Spielprinzip einen Nerv getroffen hatte, sondern auch mit den unverwechselbaren Charakteren. Vögel und Schweine zieren Malbücher und T-Shirts, Tassen und Plastikspielzeug, Kissenbezüge und Socken. Rund 15.000 "Angry Birds"-Produkte von 400 Lizenznehmern aus aller Welt gibt es aktuell, zwei Dutzend Mitarbeiter kümmern sich ausschließlich um den Rechtehandel.

Zwar wird auch ausgiebig programmiert bei Rovio in Espoo sowie im Tochterstudio in Stockholm, das man im August eröffnet hat. Viel mehr als neue Levels für die erhältlichen "Angry Birds"-Episoden oder Variationen der Marke - wie das diese Woche erscheinende Mobilspiel "Bad Piggies", das die Schweine in die Hauptrolle versetzt - entstehen dabei aber offensichtlich nicht. Die ebenfalls in diesen Tagen erscheinenden Versionen für Xbox 360, Playstation 3 und Nintendo 3DS stammen nicht einmal von Rovio selbst, sondern von Auftragsentwicklern aus Helsinki und Oxford.

Der im Juli veröffentlichte Titel "Amazing Alex" - Rovios einzige echte neue Marke seit "Angry Birds" - wurde nicht von den Finnen erfunden, sondern als bereits im App-Store gestartetes Spiel eingekauft und überarbeitet. Auch mangelt es dem Game an innovativen Momenten. Vielmehr erinnert "Amazing Alex" stark an den PC-Physikspiel-Klassiker "Incredible Machine" und Epigonen wie "Crazy Machines". Mit dem Erfolg des Flaggschiffs kann der Abklatsch einer alten Idee nicht mithalten.

Gutes Geld mit Fan-Service

Wann also kommt ein Spiel vom größten Games-Unternehmen (und Animationsstudio) Finnlands, das es mit der Strahlkraft von "Angry Birds" aufnehmen kann? Eine klare Antwort gibt es nicht. Ville Heijari und seine Kollegen wissen, dass sie mit "Angry Birds" viel Glück hatten, dass sich ein Casual-Game-Bestseller nicht beliebig planen und wiederholen lässt. Die Finnen haben ihre Strategie entsprechend angepasst: "Wir wollen ein Entertainment-Unternehmen sein", sagt Heijari. Ein Disney-Konzern aus Finnland?

"Angry Birds" bleibt das Kernprodukt der Finnen und die Millionen Fans eine verlässliche Zielgruppe, mit der sich gutes Geld verdienen lässt. Das nächste Produkt aus dem Hause Rovio werden "Angry Birds Toons", kurze Zeichentrickfilme, in denen Vögel und Schweine in allerlei abstrusen Situationen aufeinander stoßen.

Die Länge der Cartoons ist ebenso überlegt gewählt wie die Plattform, auf der sie unters Volk gebracht werden. Unter drei Minuten dauert jede Episode, um die Aufmerksamkeit des typischen Smartphone-Nutzers nicht zu stark zu fordern. Gezeigt werden die Cartoons innerhalb der Spiele selbst - ohne Medienbruch und unkompliziert innerhalb der App zu erwerben, wenngleich sich Rovio zu Preisen oder Geschäftsmodell noch nicht äußert.

Und noch einen Vorteil hat der Vertrieb der Kurzfilme über die Rovio-Apps: Wie schon bei ihren Spielen können die Finnen auch bei den "Angry Birds Toons" in gewaltigem Umfang Nutzungsdaten erheben und evaluieren - wie oft ein User welchen Film sieht, an welchen Stellen gehäuft abgeschaltet wird oder welche Episoden zu einer nachfolgenden Spielerunde motivieren.

Wegen der durchaus datenhungrigen Spiele-Apps ist Rovio in den vergangenen Jahren bereits häufig kritisiert worden. Dem "Wall Street Journal" zufolge übertragen "Angry Birds"-Spiele etwa die Geräte-ID und den Aufenthaltsort des Nutzers. Rovio betont stets, all das diene nur dem besseren Verständnis dessen, was die Nutzer wollten.

"Eine Marke muss ein Dialog sein", sagt Kalle Kaivola, der Chef von Rovios Entwicklungsabteilung. Die "Angry Birds"-Konversation scheint nach zweieinhalb gesprächigen Jahren noch lange nicht beendet zu sein.

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insgesamt 24 Beiträge
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1. Tamagotchi,Diddl usw..
multyy 30.09.2012
Ich denke Angry Birds wird in ein bis zwei Jahren nur noch in Finnland bekannt sein. So schnell wie der Aufstieg, so schnell folgt der Abstieg.
2.
kork22 30.09.2012
In der Musikbranche würde man das One Hit Wonder nennen.
3.
herbert_schwakowiak 30.09.2012
Zitat von multyyIch denke Angry Birds wird in ein bis zwei Jahren nur noch in Finnland bekannt sein. So schnell wie der Aufstieg, so schnell folgt der Abstieg.
Aber vorher schnell noch Angry Birds - die Trickfilmserie und Angry Birds - der Kinofilm! Und dann auf dem Höhepunkt des Hype kommt der Börsengang ...
4.
Klopsdrops 30.09.2012
Zitat von multyyTamagotchi, Diddl usw. ... Ich denke Angry Birds wird in ein bis zwei Jahren nur noch in Finnland bekannt sein. So schnell wie der Aufstieg, so schnell folgt der Abstieg.
Sowas ähnliches wollt' ich auch grad schreiben.
5.
PublicTender 30.09.2012
Zitat von sysopEine Horde wütender Vögel und grüner Schweine erobern von Finnland aus die Welt. Die "Angry Birds" aus dem gleichnamigen Handyspiel sind mittlerweile eine globale Marke. Der Hersteller Rovio plant nun den Aufstieg zum Unterhaltungskonzern. Dabei setzen die Macher ganz aufs Federvieh. Angry Birds: Vom Mobile-Game zur Medienmarke - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/games/angry-birds-vom-mobile-game-zur-medienmarke-a-858372.html)
Erinnert sich noch jemand an Moorhuhn? Die wollten auch GAAAAANZ gross rauskommen, globale Marke, etc. Betonung liegt auf "wollten".
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