"Assassin's Creed: Discovery Tour" im Test Endlich stressfrei durchs alte Ägypten

Willkommen im digitalen Museum: Das bekannte Videospiel "Assassin's Creed: Origins" bietet jetzt geführte Touren ins alte Ägypten an. Unser Autor hat die neue "Discovery Tour" ausprobiert.

Ubisoft

Spiele und Geschichte haben eine komplizierte Beziehung. Viele Games behaupten, historisch korrekt zu sein, wie zuletzt das kontrovers diskutierte Mittelalter-Rollenspiel "Kingdom Come: Deliverance". Meistens bedeutet das aber nur, dass sich die Entwickler große Mühe gegeben haben, Gebäude oder Landschaften, zunehmend auch die damals lebenden Menschen als Kulissen und Statisten eines Action-Spektakels zu benutzen.

Die Normandie zur Zeit des Zweiten Weltkriegs wurde in Shootern umfangreich vermessen, das End-Sechzigerjahre-New Orleans tritt als Hintergrund von "Mafia 3" an. London, Paris und Rom waren derweil Schauplätze jener Serie, die sich selbst wohl am ausdauerndsten rühmt, historisch korrekt zu arbeiten: "Assassin's Creed".

Doch auch wenn sich Entwickler aus Überzeugung und samt zahlreichen historischen Quellen oder unter Mithilfe von Wissenschaftlern daran versucht hatten, war die Aufarbeitung des Vergangenen bislang selten wirklich überzeugend. Schließlich musste sich das historisch Korrekte immer dem Spielerischen unterordnen. Geschichtliche Zusammenhänge gehen dabei gern im Kugelhagel unter, wichtige Figuren werden in albernen Missionen lächerlich gemacht.

Anderseits ist klar: Nur die wenigsten Spieler wären bereit, Stunden damit zu verbringen, mühsam Pfeile anzufertigen oder aus gesammelten Fellen einen Beutel zu nähen. Ein Spiel kann sich wie auch jedes andere Medium einer geschichtlichen Wahrheit immer nur annähern.

Action mit einem verschwörungstheoretischen Überbau

Die "Assassin's Creed"-Reihe war sich dieser Diskrepanz schon früh bewusst. Auf der einen Seite bietet sie Action mit einem verschwörungstheoretischen Überbau, in dem sich zwei verfeindete Gruppen durch wichtige Episoden der Weltgeschichte kämpfen, um die Weltherrschaft zu erringen. Zum anderen ist es eine Reihe, in der Grafiker sich ein Jahr lang damit beschäftigen können, eine Kirche wie Notre Dame detailgetreu ins Spiel zu bauen.

Bisher beschränkte sich das Spiel darauf, eine Art Wikipedia einzubauen, in der interessierte Spieler kurze Texte über markante Gebäude oder wichtige Ereignisse nachlesen konnten. Mit der sogenannten "Discovery Tour" für den neuesten Serienteil "Origins" versuchen die Entwickler jetzt etwas Neues.

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Neue Erweiterung: Das ist "Assassin's Creed: Discovery Tour"

In dem für Besitzer des Hauptspiels kostenlosen Download-Zusatz fehlt das Spiel komplett. Es gibt keine Missionen, keine Kämpfe, keine Aufgaben. Einfach nur die riesige Welt, die sich von Alexandria über Memphis bis ins südliche Ägypten erstreckt, die große Wüsten hat, fruchtbare Inseln im Nildelta, Pyramiden mit ihren Grabkammern, die Bibliothek von Alexandria, den Leuchtturm.

Zu Besuch in der Bibliothek

Es ist ein lebendig wirkendes Land. Bauern arbeiten auf den Feldern. Fischer, Marktleute, Handwerker gehen ihrer Tätigkeit nach. All das frei und ohne Druck zu erkunden, ist schon ein Genuss. Besser noch ist, dass es in dieser Welt 75 geführte Touren gibt, in denen - natürlich - die Mumifizierung erklärt und vor allem plastisch vorgeführt wird. In anderen Touren erfährt man etwas über den Tagesablauf ägyptischer Familien oder über die Bibliothek von Alexandria.

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"Assassin's Creed Origins": Vorwärts in die Vergangenheit

Die "Discovery Tour" ist also ein Weg, den historischen Anspruch zu manifestieren, ohne das Gameplay zu beschränken. Und sie ist zusätzlich eine hervorragende Idee, da sie helfen kann, die Begeisterung über die jeweiligen Epochen über Geschichte an sich, die in den "Assassin's Creed"-Spielen mitschwingt, korrekt zu vermitteln. Fakt wird von Fiktion getrennt.

Wie in einem Open Air-Museum kann man sich in der Welt bewegen, sich Objekte anschauen, Figuren dabei beobachten, wie sie ihre Arbeit verrichten. Und wenn man etwas genauer wissen möchte, kann man eine Tour machen.

Immer wieder wird dabei deutlich, dass "Assassin's Creed"-Entwickler Ubisoft mit der "Discovery Tour" auch auf die Schulen schielt. Eine erste Studie ist an der Universität Montreal in Arbeit. Sie soll zeigen, wie und ob Schüler mit Konzepten wie der "Discovery Tour" einen einfacheren Zugang zu Geschichte finden.

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Virtuelle Orte: So schön sind Spielewelten

Manche Frage bleibt offen

Beim Ausprobieren der "Discovery Tour" wünscht man sich manchmal tatsächlich einen Lehrer, der eine genauere Einordnung der gezeigten Dinge ins damalige Weltgeschehen geben kann, mitunter stolpert man über ungelenke Übersetzungen, aber das ist nebensächlich: Allein, dass es die Option gibt, ist schon ein großer Fortschritt, sie beantwortet viel Fragen, die man im Laufe des Hauptspiels entwickelt.

Stoff genug zum Lernen und Nachdenken bietet der Museum-Modus auch, weil er immer wieder die Diskrepanzen zwischen Spiel und Wirklichkeit zeigt, weil er darauf hinweist, was geändert wurde und warum das geschehen ist.

Medienkompetenz wird hier im Medium selbst geübt, das Spiel hinterfragt sich selbst und gibt Fälschungen zu. Anderswo weist es mit Quellen nach, was alles richtiggemacht wurde. Man mag es kaum sagen, aber in Zeiten von Zweifeln an Wissenschaft und der Verachtung von Fakten scheint es leider nötig, wenn man nochmal darauf hinweist, dass es weder Assassinen noch Templer wirklich gibt und eine sich über Tausende von Jahren hinstreckende Weltverschwörung ebenfalls Fiktion ist.


"Assassins Creed: Discovery Tour - Das alte Ägypten" von Ubisoft, kostenloser Download für Besitzer von "Assassin's Creed: Origins", einzeln erhältlich für Windows-PC, 19,99 Euro

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insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
leander_hausmann 21.02.2018
1. Als riesen Ägypten-fan...
muss ich sagen, dass ich das liebe. Das Spiel an sich ist mega gut. Aber dieser Discovery-Modus ist eine Spur geiler. was ich aber schade finde ist, dass sich das Spiel zei-technisch am Ende des Antiken Ägyptens abspielt. So 1000 v. Chr oder 500 v.Chr fände ich viel Spannender.
so_ein_typ 21.02.2018
2.
Schöner Artikel! Ich finde es super das Ubisoft diesen Weg geht und es sogar für die meisten kostenlos ist. (Sehr überraschend) Da wir aber bei AC sind möchte ich anmerken dass man in AC3 mit Conner tatsächlich stundenland jagen konnte um sich aus den Tiermaterialien Ausrüstung herzustellen. Ähnlich auch in Black Flag und dem hier erwähnten Origins.
alex_d 21.02.2018
3. alle achtung
auf einmal wird das Spiel für mich interessant. Ich werde es mit DESWEGEN holen. find ich ganz gut, wenn die viele Arbeit so anders verwurstet wird.
Balschoiw 21.02.2018
4. London
Ich fand schon Assasins Creed Syndicate, das im London um 1860 spielt total irre. Die Stadt war wirklich glaubhaft umgesetzt und es hat irre Spaß gemacht sich durch das Stadtleben zu turnen. Charles Dickens, Charles Darwin, Robert Topping, Karl Marx, Königin Victoria, den jungen Arthur Conan Doyle und Florence Nightingale trifft man auch noch nebenbei. Ich freue mich auf Ägypten und die Grand Tour. Danke für den Artikel.
andi5lebt 21.02.2018
5. Könnte etwas mehr ins Detail gehen.
Tolle Idee, auch ordentlich gemacht. Aber die meisten Stationen geben eher kurze Statements ab die ohne mehr Hintergrundinformationen auch nicht immer leicht zu verstehen sind. Stichwort xx.Dynastie, Altes/neues Königreich. Aber trotzdem gute kostenlose Erweiterung eines recht guten Spiel.
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