"Assassin's Creed: Odyssey" im Test Ein spielbarer Mythos

Was denn, ein weiterer Teil der "Assassin's Creed"-Reihe? Bevor Sie abwinken: "Odyssey" sticht aus der Masse heraus. Denn seine Macher haben die Interaktivität entdeckt - und den Humor.

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Der einäugige Bandit will nicht Zyklop genannt werden, er hasst das. Der Hass wächst noch, als eine Ziege an der Protagonistin Kassandra vorbeiläuft. Sie hebt das Stummelschwänzchen hoch und schiebt das zweite Auge des Banditen, das sie kurz zuvor gestohlen hat, in das Hinterteil der Ziege.

Willkommen in der Welt von "Assassin's Creed: Odyssey", willkommen im Jahr 431 vor unserer Zeit, inszeniert in einem Videospiel, das vor allem eines richtig macht: sich selbst nicht ganz so ernst zu nehmen.

Es ist ein beliebter Satz in Spiele-Rezensionen, der oft Wahrheit in sich trägt: Fans der Reihe werden sich direkt heimisch fühlen. Das trifft auch auf "Assassin's Creed: Odyssey" (für PlayStation 4, Xbox One, Windows-PC, ab 60 Euro) zu: Der Spieler klettert, schleicht, kämpft sich wieder durch eine offene Spielwelt, die voller Geheimnisse und Verschwörungen ist. So viel zum Vertrauten - aber das traute Heim hat auch neue Möbel bekommen.

Die Welt ist jetzt veränderbarer

So kann der Spieler zu Beginn des Spiels entscheiden, ob er eine Frau, Kassandra, oder einen Mann, Alexios, steuern möchte - wobei Kassandra der interessantere Charakter ist. Schließlich ist "Odyssey" das erste Spiel der Reihe, in dem der Spieler keinen männlichen Protagonisten (mit)lenken muss. Mit der jeweiligen Figur begibt er sich dann auf eine Reise durch die antike griechische Welt. Erkundet ihre Herkunft, die Beziehung zum Vater, zur Mutter, zum Bruder, erlebt eine Geschichte mit einigen spannenden Wendungen und dramatischen Höhepunkten.

Bisher ging es vor allem immer um eine größere Spielwelt, schönere Grafik, mehr Inhalt. Freilich, auch jetzt ist wieder alles groß, schön und mehr. Aber es ist auch etwas interaktiver. Wo der Spieler früher von Zwischensequenz zu Zwischensequenz lief, die an bestimmten Stellen der offenen Welt abrufbar waren, ist es nun die Welt selbst, die veränderbarer geworden ist.

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"Assassin's Creed: Odyssey": So sieht das Spiel aus

Der Spieler kann in der Interaktion mit anderen Figuren den Verlauf des Spiels beeinflussen. In den Dialogen gibt es mitunter verschiedene Optionen, die den Ausgang des Gesprächs verändern. Es sind Entscheidungen, die Folgen haben können. Der Spieler kann bestimmen, wie er wahrgenommen wird: Ist Kassandra freundliche Helferin? Tyrannische Eroberin? Eine Göttin?

Entscheidet sich der Spieler etwa dafür, eine erkrankte Familie vor der Ermordung zu retten, mag sich das zunächst gut anfühlen. Dieses Gefühl verschwindet aber, wenn sich die Krankheit plötzlich ausbreitet. Auch kann der Spieler erstmals romantische Beziehungen zu anderen Figuren aufbauen - egal, ob Mann oder Frau. Noch fühlen sich diese Veränderungen in der Spielwelt wie Nuancen an, doch sind sie ein erster Schritt in Richtung einer offenen Welt, die nicht nur Kulisse ist.

Griechische Geschichte im Kontext eines Spiels von 2018

"Assassin's Creed: Odyssey" ist die Rezeption der Rezeption einer Antike-Rezeption. Sicherlich wurden Millionen in Recherche, Nachbau, Modellierung gesteckt, in eine möglichst detailgetreue Annäherung an eine Welt, die wir heute antikes Griechenland nennen. Doch, so scheint es, haben die Entwickler von Ubisoft sich dabei vom Theater beeinflussen lassen, den beiden Disziplinen des griechischen Dramas, der Tragödie und der Komödie. Sie haben es lieber wie die alten Geschichtsschreiber gehalten, die Geschichte als Stoff für Geschichten nutzten.

In Antike, Mittelalter, Früher Neuzeit war Geschichtsschreibung eine Nutzbarmachung von historischen Figuren und Vorkommnissen. Eine Einordnung in den Kontext der jeweiligen Zeit, die Verhandlungen aktueller Diskurse durch die Geschichte - wer diese Texte nur nach historischer Akkuratesse befragt, versteht sie falsch. In "Assassin's Creed: Odyssey" wird eine griechische Geschichte in den Kontext eines Videospiels im Jahr 2018 eingeordnet. Hier wird der Mythos spielbar.

Mit amüsiertem Blick Gegner niederstrecken

Es ist vor allem der Humor, der "Odyssey" von anderen Teilen der "Assassin's Creed"-Reihe abhebt. Es ist die derbe Sprache, die immer wieder diese Illusion bricht, das hier könnte authentisch sein. Es ist der stets leicht amüsierte Blick der Protagonistin, die selbst recht verdutzt auf das Schauspiel zu blicken scheint, das sich vor ihr auftut, ein Blick, der auch eine gewisse Distanz zwischen Spieler und Protagonistin herstellt. Egal, ob sie gerade mit jemandem flirtet, auf der Suche nach einem geheimen Dokument ist oder - ja, auch dann - einen nach dem anderen auf einem Schlachtfeld niederstreckt.

Die Arbeit am Mythos zieht sich durch alle Künste. Literatur, Film, Videospiele - immer wieder werden die antiken Motive und Erklärmuster aktualisiert und formen damit auch das Medium selbst. In Richard Strauss' Oper "Elektra", heißt es: "Über Leichen hin werd' ich das Knie hochheben Schritt für Schritt." An dieser Stelle jauchzt die Musik wie kaum sonst im Stück. Die Oper ist ebenso eine Antike-Rezeption, die Aktualisierung eines historischen Stoffes, die Auseinandersetzung mit familiären Beziehungen.

In "Elektra" wurde der Mythos in den Kontext der Oper Anfang des 20. Jahrhunderts eingeordnet, nutzbar gemacht für eine musikalische Struktur, die dann eine ganz eigene Aussagekraft hatte. Es mag weit von der Hochkultur Oper entfernt scheinen, doch "Assassin's Creed: Odyssey" geht mit der Mythologie, mit der Geschichte ganz ähnlich um. Ein Umgang, der sich Freiheiten, Brüche, Dramatik und Absurditäten erlaubt, der sowohl Tragödie als auch Komödie ist. Ein spielbarer Mythos, der viel Spaß macht.

insgesamt 4 Beiträge
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Sal.Paradies 01.10.2018
1. Spiel kommt am 5.Oktober
Habe das Spiel vorbestellt und kann ab 5.Oktober loslegen. Was "interagieren" angeht, ist dies aber längst normal. Ob z.B. Horizon Zero Dawn, The Witcher 3,etc...sind diese Interaktionen doch längst Standard. Wer die griechischen Insel (und seine Geschichte) liebt, ist bei diesem Spiel genau richtig. Interessierte können Odyssey seit Tagen auf Youtube verfolgen und was ich bis jetzt gesehen habe, macht Lust auf mehr.
rleu 02.10.2018
2.
Warum nun Kassandra der interessantere Charakter ist erschließt sich mir nicht ganz. Führt man die Charaktere durch unterschiedliche Geschichten?
philosophus 02.10.2018
3. Kitsch als ...muss ?...
Die Personifizierung des Kitsch und der Entfremdung diese Assassin's Creed Spiele. Überall im mediterranen Raum, gibt es hunderte wundervolle griechische Tempeln, vom welchen spätere Architektur ihre Inspiration bis heute noch schöpft. Jedem Kunststudenten ist bekannt dass es DREI antike Säulenbauarten gibt: dorische, ionische und korinthische. Alle haben EINS gemeinsam... sie sind rund. Wo zum Teufel hat der "Designer" des Spiels, diese hässliche viereckigen Säulen gesehen, welche im ersten Bild zu "bewundern" sind? Ist es sooo schwer, sich mindestens ansatzweise an die Originale zu halten oder ist der Kitsch bei Com. Spielen ein obligatorisches muss ?...
stephan_sillje 08.10.2018
4.
Zitat von philosophusDie Personifizierung des Kitsch und der Entfremdung diese Assassin's Creed Spiele. Überall im mediterranen Raum, gibt es hunderte wundervolle griechische Tempeln, vom welchen spätere Architektur ihre Inspiration bis heute noch schöpft. Jedem Kunststudenten ist bekannt dass es DREI antike Säulenbauarten gibt: dorische, ionische und korinthische. Alle haben EINS gemeinsam... sie sind rund. Wo zum Teufel hat der "Designer" des Spiels, diese hässliche viereckigen Säulen gesehen, welche im ersten Bild zu "bewundern" sind? Ist es sooo schwer, sich mindestens ansatzweise an die Originale zu halten oder ist der Kitsch bei Com. Spielen ein obligatorisches muss ?...
Wenn man klugschnacken will, sollte man es richtig machen. Das im Bild sind keine Säulen, sondern Pfeiler und auch die gab es im antiken Griechenland. Nicht alle Gebäude damals haten Säulen. Deine Kritik ist total überzogen, weil du nur einen kleinen, unwichtigen Grund suchen willst, um rumzumotzen. Mehr ist das nicht.
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