"Avatar" als Film und Spiel: Hollywood hofft auf den digitalen Doppelpass

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James Camerons Science-Fiction-Spektakel "Avatar" läutet eine Strategiewende im Hollywood-Business ein: Erstmals wurden Film und Videospiel konsequent gemeinsam entwickelt. Das Zusammenspiel könnte Vorbote eines völlig neuen Unterhaltungsgenres sein.

20th Century Fox

Für einen der einflussreichsten Männer Hollywoods hat Jon Landau bescheidene Wünsche: Ihm genügt es, einige Tage in einem engen, stickigen und überfüllten Raum auf der Videospielmesse E3 in Los Angeles zu stehen und ein Videospiel zu präsentieren. "Es ist ein Traum, den ich mir erfüllt habe", sagt Landau. "Ich bin ein großer Fan von Videospielen, und die Gelegenheit, endlich auf der E3 aufzutreten, konnte ich mir nicht entgehen lassen." So viel Demut, so viel Fan-Begeisterung? Vielleicht sollte man seinen Auftritt besser als Zeichen lesen, denn Landau ist der Mitproduzent von "Titanic" und Oscar-Preisträger: Hollywood hat erkannt, dass Videospiele zum milliardenschweren Markt geworden sind, an dem man gern ein paar Anteile haben möchte.

Landau, 49, zeigt das Spiel zu "Avatar", dem neuen Film, den er zusammen mit dem Regisseur James Cameron gemacht hat. Es ist der erste Kinofilm Camerons seit zwölf Jahren, seit dem Welthit "Titanic", der über 1,8 Milliarden Dollar einspielte. Entsprechend hoch sind die Erwartungen, entsprechend hoch das Budget. Mindestens 300 Millionen Dollar soll "Avatar" nach Schätzungen kosten, von der ersten Skizze bis zum fertigen Film hat es 15 Jahre gedauert, Cameron hat eine neue Kamera entwickelt, um den Film vollständig in 3D drehen zu können: Atemlos werden Superlative aufgezählt, sobald es um "Avatar" geht.

Doch auch mit dem Videospiel zu "Avatar" werden neue Wege beschritten. Schon deshalb ist Landau sehr bestrebt, die Bedeutung des Spiels herauszustellen: "Es ist eines der ersten Beispiele dafür, wie Hollywood und die Spieleindustrie anders als bisher zusammenarbeiten können."

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James Cameron: Technologische Entwicklung vorantreiben

Denn bisher war das Verhältnis beider Medien von Unverständnis geprägt. Regisseure dachten nur selten darüber nach, ob ein Spiel zu ihrem Film passen könnte, die Rechte wurden erst spät vergeben. Deshalb waren Spieleentwickler unter großem Zeitdruck, wenn sie ein Spiel zeitgleich zum Film veröffentlichen wollten, dem aus wirtschaftlicher Sicht einzig sinnvollen Verkaufsstart. Die Produktion eines großen Spiels dauert gern drei Jahre, aber drei Jahre vor Fertigstellung ist ein Filmprojekt meistens in einer frühen Konzeptionsphase, in der offenbar niemand an Nebenprodukte denkt. Herausgekommen sind deshalb oft lieblose Lizenzprodukte, welche die Handlung des Filmes mehr schlecht als recht nacherzählen und mit Actionszenen garnieren. "James Bond" zum Beispiel oder "Herr der Ringe". Sie waren für Filmfans gemacht, nicht für Spieler. Das soll sich bei "Avatar" ändern, das Spiel ist schließlich schon drei Jahre in der Entwicklung. Es soll Filmfans und Spielern einen anderen Blick auf die Welt von "Avatar" ermöglichen.

"Die Zeit ist eine Ausrede", sagt Landau, wenn man ihn darauf anspricht, dass "Avatar: Das Spiel" von der langen Produktionszeit des Films profitiert habe. "Kein Film wird innerhalb eines Jahres fertiggestellt. Gedreht ja, aber die ganzen Vorarbeiten, die Abstimmung des Drehbuchs, das Casting dauern viel länger." Bei "Avatar" wurden die Spieldesigner lange vor dem Filmdreh ins Boot geholt. "Das ist bei fast allen größeren Filmproduktionen möglich", sagt Landau, "man muss es nur wollen." Landau und Cameron wollten.

"Wir haben die richtigen Fragen gestellt, als wir uns mit James Cameron getroffen haben", sagt Yannis Mallat, Leiter des Ubisoft-Studios in Montreal, wo "Avatar: Das Spiel" entwickelt wurde. "Wir wollten von ihm etwas über die Welt von ,Avatar' erfahren, wissen, wie der Film aussieht, welche Atmosphäre er hat."

Dazu mussten sie den Planeten Pandora verstehen, auf dem der Film zu großen Teilen spielt, zum Beispiel den Konflikt zwischen Menschen und Na'vi: die Siedler, die den für sie lebensfeindlichen Planeten kolonisieren wollen, auf der einen Seite, und die blauen, groß gewachsenen Eingeborenen, die ihre Welt verteidigen, auf der anderen. "Wir wollten herausfinden, was für eine Art Spiel wir machen können. Und dafür ist der Hintergrund wichtig, die Welt, in der sich das Spiel bewegen soll, die physikalischen Gegebenheiten. Nicht zwangsläufig die Geschichte des Films, denn die wollen wir nicht nacherzählen." Die Romanze, ohne die kein Hollywood-Werk auskommt, die fehlt im Spiel.

Und so ist das Spiel zeitlich vor dem Film angesiedelt. Es erzählt von einem der ersten Konflikte zwischen Menschen und Na'vi, führt in die Welt von Pandora ein und gibt die Möglichkeit, beide Seiten kennenzulernen. Spieler müssen sich entscheiden, auf welcher Seite sie stehen, und entweder mit Hightech-Waffen gegen Na'vi antreten oder mit Unterstützung der Natur von Pandora die Siedler bekämpfen. Trotz des umfangreichen Waffenarsenals glauben Entwickler und Filmleute, dass das Spiel in die Welt von Pandora einführt, die Psychologie beider Seiten erklärt und eine Grundlage für den Film legt. Deshalb erscheint das Spiel auch zwei Wochen vor dem "Avatar"-Kinostart.

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insgesamt 17 Beiträge
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1. Gähn
Herr_Bazi 15.12.2009
Im Grunde ist es völlig egal, denn die Umsetzung ist schlecht und völlig belanglos. Wenn Filmemacher über Spiele sprechen sind jene nur an der Promotion interessiert, aber Ahnung über das Medium haben sie nicht. Ich finde es deswegen lächerlich beide Formen vereinen zu wollen, da sie einfach nicht miteinander zu vergleichen sind. Typen wie Landau wissen nicht, wie schwierig es ist ein gutes Spiel zu machen, eben weil es ein interaktives Medium ist. Und so kommt bei dem Film zum Spiel oder umgekehrt meist nur berüchtigte Lizenzware raus, die weder der einen noch der anderen Unterhaltungsform etwas nützt.
2. ...
antelatis 15.12.2009
In 90% der Fälle kann man sagen: Film zum Spiel = Schrott Spiel zum Film = Schrott Ist bei Film-Büchern ja auch schon immer so ähnlich gewesen... Eigentlich ist das nur dazu da, um den Fans noch ein bisschen zusätzlich Kohle aus der Tasche zu ziehen.
3. grotesk und unwirklich
toskana2 15.12.2009
Zitat von sysopJames Camerons Science-Fiction-Spektakel "Avatar" läutet eine Strategiewende im Hollywood-Business ein: Erstmals wurden Film und Videospiel konsequent gemeinsam entwickelt. Das Zusammenspiel könnte Vorbote eines völlig neuen Unterhaltungsgenres sein. http://www.spiegel.de/netzwelt/games/0,1518,666848,00.html
Gott behüte, dass wir dieses neue Unterhaltungsgenrebekommen! Diese unsere Welt ist schon heute so pervers,so abstrus und krank, so grotesk und unwirklich! Das müsste fürs erste reichen!
4. clash of ideologies
nyo 15.12.2009
Wenn von der Arbeit von Filmemachern und Spieleentwicklern "Hand-in-Hand" gesprochen wird, vergessen die Leute doch meistens den sehr unterschiedlichen Background beider Genres. Filme sind quasi die Dinosaurier der heutigen Unterhaltungsbranche. Spiele hingegen wissen durch ihre Interaktivität und JA auch durch ihre spannenden Geschichten mehr und mehr zu fesseln. Inzwischen sind sogar schon meine Eltern von einigen Spielen (Shadow of the Colossus: hat mehr Atmosphäre als die meisten Hollywood-Blockbuster zusammen) derart begeistert, dass sie sich eine PS2 zugelegt haben. Auch vergessen die Filmemacher, dass Spieler eine andere Umgangsform mit ihrem Medium gewöhnt sind. Wesentlich aktiveres Feddback und weniger Vertrauen in die Kritikerszene (vor allem dadurch gekennzeichnet, dass es sehr viele, häufig qualitativ hochwertige Rezensionszeitschriften und -internetseiten gibt) dürften Filmemacher nicht gewöhnt sein. Vor allem macht ihnen aber bestimmt der drohende Verlust ihres Alleinstellungsmerkmals, Kunst in bewegten Bildern zu machen, Angst. Denn die Diskussion, ob Spiele Kunst sind/ sein können, schreitet weiter fort. Sicherlich muss man hier differenzieren, aber das gilt genauso und vielleicht auch häufiger bei Filmen. Grundsätzlich finde ich die Idee gut, Filme und Spiele gemeinsam zu entwickeln, wenn sich dadurch die Qualität beider erhöhen lässt. Vor allem wird aber die Spielergemeinschaft dankbar sein, wenn der "Lizenzmüll" auf ein erträglicheres Maß begrenzt wird. P.S.: Dass Spieleentwickler Filme machen ist keineswegs so eine große Neuerung. Es sei hierbei an Final Fantasy erinnert.
5. Filmlizenzspiele
yello 15.12.2009
Ja, es gibt nur 2-3 wirklich gute Filmlizenz(!) Umsetzungen. Also Film zu Spiel. Aktuell: Batman Arkham Asylum http://www.amazon.de/Koch-Media-GmbH-Batman-Arkham/dp/B001V7U0JC Ich weiß leider pers. auch nicht wieso es jedesmal scheitert. Entweder haben die Entwickler nicht genug Zeit, nicht genug Material oder sind einfach zu unerfahren im jeweiligen Genre. Aber moment: Reden wir hier über Spiele? Lasst uns lieber aufhören, sonst geht die "KILLERSPIELE" Debatte wieder los. Achja in Avatar The Game schiest man auch Tiere und Menschen ab. Wieder n Killerspiel :(
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Heft 12/2009 Mit "Avatar" fusionieren Film und Videospiel



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