Von Carsten Görig
Für einen der einflussreichsten Männer Hollywoods hat Jon Landau bescheidene Wünsche: Ihm genügt es, einige Tage in einem engen, stickigen und überfüllten Raum auf der Videospielmesse E3 in Los Angeles zu stehen und ein Videospiel zu präsentieren. "Es ist ein Traum, den ich mir erfüllt habe", sagt Landau. "Ich bin ein großer Fan von Videospielen, und die Gelegenheit, endlich auf der E3 aufzutreten, konnte ich mir nicht entgehen lassen." So viel Demut, so viel Fan-Begeisterung? Vielleicht sollte man seinen Auftritt besser als Zeichen lesen, denn Landau ist der Mitproduzent von "Titanic" und Oscar-Preisträger: Hollywood hat erkannt, dass Videospiele zum milliardenschweren Markt geworden sind, an dem man gern ein paar Anteile haben möchte.
Landau, 49, zeigt das Spiel zu "Avatar", dem neuen Film, den er zusammen mit dem Regisseur James Cameron gemacht hat. Es ist der erste Kinofilm Camerons seit zwölf Jahren, seit dem Welthit "Titanic", der über 1,8 Milliarden Dollar einspielte. Entsprechend hoch sind die Erwartungen, entsprechend hoch das Budget. Mindestens 300 Millionen Dollar soll "Avatar" nach Schätzungen kosten, von der ersten Skizze bis zum fertigen Film hat es 15 Jahre gedauert, Cameron hat eine neue Kamera entwickelt, um den Film vollständig in 3D drehen zu können: Atemlos werden Superlative aufgezählt, sobald es um "Avatar" geht.
Doch auch mit dem Videospiel zu "Avatar" werden neue Wege beschritten. Schon deshalb ist Landau sehr bestrebt, die Bedeutung des Spiels herauszustellen: "Es ist eines der ersten Beispiele dafür, wie Hollywood und die Spieleindustrie anders als bisher zusammenarbeiten können."
Denn bisher war das Verhältnis beider Medien von Unverständnis geprägt. Regisseure dachten nur selten darüber nach, ob ein Spiel zu ihrem Film passen könnte, die Rechte wurden erst spät vergeben. Deshalb waren Spieleentwickler unter großem Zeitdruck, wenn sie ein Spiel zeitgleich zum Film veröffentlichen wollten, dem aus wirtschaftlicher Sicht einzig sinnvollen Verkaufsstart. Die Produktion eines großen Spiels dauert gern drei Jahre, aber drei Jahre vor Fertigstellung ist ein Filmprojekt meistens in einer frühen Konzeptionsphase, in der offenbar niemand an Nebenprodukte denkt. Herausgekommen sind deshalb oft lieblose Lizenzprodukte, welche die Handlung des Filmes mehr schlecht als recht nacherzählen und mit Actionszenen garnieren. "James Bond" zum Beispiel oder "Herr der Ringe". Sie waren für Filmfans gemacht, nicht für Spieler. Das soll sich bei "Avatar" ändern, das Spiel ist schließlich schon drei Jahre in der Entwicklung. Es soll Filmfans und Spielern einen anderen Blick auf die Welt von "Avatar" ermöglichen.
"Die Zeit ist eine Ausrede", sagt Landau, wenn man ihn darauf anspricht, dass "Avatar: Das Spiel" von der langen Produktionszeit des Films profitiert habe. "Kein Film wird innerhalb eines Jahres fertiggestellt. Gedreht ja, aber die ganzen Vorarbeiten, die Abstimmung des Drehbuchs, das Casting dauern viel länger." Bei "Avatar" wurden die Spieldesigner lange vor dem Filmdreh ins Boot geholt. "Das ist bei fast allen größeren Filmproduktionen möglich", sagt Landau, "man muss es nur wollen." Landau und Cameron wollten.
"Wir haben die richtigen Fragen gestellt, als wir uns mit James Cameron getroffen haben", sagt Yannis Mallat, Leiter des Ubisoft-Studios in Montreal, wo "Avatar: Das Spiel" entwickelt wurde. "Wir wollten von ihm etwas über die Welt von ,Avatar' erfahren, wissen, wie der Film aussieht, welche Atmosphäre er hat."
Dazu mussten sie den Planeten Pandora verstehen, auf dem der Film zu großen Teilen spielt, zum Beispiel den Konflikt zwischen Menschen und Na'vi: die Siedler, die den für sie lebensfeindlichen Planeten kolonisieren wollen, auf der einen Seite, und die blauen, groß gewachsenen Eingeborenen, die ihre Welt verteidigen, auf der anderen. "Wir wollten herausfinden, was für eine Art Spiel wir machen können. Und dafür ist der Hintergrund wichtig, die Welt, in der sich das Spiel bewegen soll, die physikalischen Gegebenheiten. Nicht zwangsläufig die Geschichte des Films, denn die wollen wir nicht nacherzählen." Die Romanze, ohne die kein Hollywood-Werk auskommt, die fehlt im Spiel.
Und so ist das Spiel zeitlich vor dem Film angesiedelt. Es erzählt von einem der ersten Konflikte zwischen Menschen und Na'vi, führt in die Welt von Pandora ein und gibt die Möglichkeit, beide Seiten kennenzulernen. Spieler müssen sich entscheiden, auf welcher Seite sie stehen, und entweder mit Hightech-Waffen gegen Na'vi antreten oder mit Unterstützung der Natur von Pandora die Siedler bekämpfen. Trotz des umfangreichen Waffenarsenals glauben Entwickler und Filmleute, dass das Spiel in die Welt von Pandora einführt, die Psychologie beider Seiten erklärt und eine Grundlage für den Film legt. Deshalb erscheint das Spiel auch zwei Wochen vor dem "Avatar"-Kinostart.
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