"Counter-Strike" und Co. Was wurde aus der Killerspiel-Debatte?

Kann man in "Counter-Strike" wirklich Schulmädchen erschießen? Nein. Doch mit solchen Argumenten wurde eine ganze Debatte geführt. Politiker und Journalisten forderten mit kruden Behauptungen ein Verbot von "Killerspielen". Und heute?

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Die Recherche-Serie
Über viele Nachrichten und Menschen wird eine Zeit lang sehr ausführlich berichtet - dann verschwinden sie wieder aus den Schlagzeilen. Wie entwickeln sich die Themen weiter, was wurde aus den Personen? Das erklären wir in dieser Serie.
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Will man mit Politikern ins Gespräch kommen, ist die "Killerspiel"-Debatte ein miserabler Türöffner. Nicht einmal Dorothee Bär möchte ein Interview geben, dabei hat die CSU-Abgeordnete einst die erste Lan-Party im Bundestag mitorganisiert. Und aus dem Büro von Heiko Maas (SPD), der sich sonst gern und häufig zur digitalen Welt zu Wort meldet, heißt es freundlich, zu diesem Thema wolle sich der Justizminister nicht äußern. 2009 hatte Maas bei einem Wahlkampf-Chat noch gesagt, er hätte mit einem Killerspielverbot "kein Problem".

In den frühen Nullerjahren hatten sich viele Politiker für ein Verbot von Ego-Shootern stark gemacht. Es könne "kein Freizeitvergnügen sein, andere Menschen zu ermorden", sagte etwa der bayerische Innenminister Joachim Herrmann - als gäbe es keinen Unterschied zwischen virtuellen Gefechten und realen Gewalttaten. Auslöser der Debatte um Shooter-Spiele waren vor allem die Amokläufe junger Männer, etwa in Erfurt, Emsdetten und Winnenden.

Wir haben hier zur Erinnerung noch einmal zehn besonders einprägsame Ereignisse aus dem Verlauf der Killerspiel-Diskussion versammelt:

Zehn denkwürdige Momente der Killerspiel-Debatte

Was ist überhaupt ein Killerspiel?
Als derjenige, der den Begriff in Deutschland etabliert hat, gilt Bayerns Ex-Innenminister Günther Beckstein. Am 1. November 1999 erschießt der Lehrling Martin Peyerl in Bad Reichenhall vier Menschen und sich selbst, Beckstein fordert bald darauf ein Verbot "sogenannter Killerspiele".

Wo die Grenze zwischen Action- und vermeintlichen "Killerspielen" verläuft, ist bis heute Definitionssache. An dieser Stelle sei erwähnt, dass der Begriff auch in einigen älteren Artikeln von SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE verwendet wurde.

Bei einer Sitzung der Innenministerkonferenz im Juni 2009 hieß es, Killerspiele seien "Spiele, bei denen ein wesentlicher Bestandteil der Spielhandlung die virtuelle Ausübung von wirklichkeitsnah dargestellten Tötungshandlungen oder anderen grausamen oder sonst unmenschlichen Gewalttätigkeiten gegen Menschen oder menschenähnliche Wesen ist."

Reizthema "Counter-Strike":
Während der bayerische Verbotsverstoß von 1999 vergleichsweise kleine Wellen schlägt, sieht es nach dem Schul-Amoklauf von Erfurt 2002 anders aus. Damals steht vor allem der Taktik-Shooter "Counter-Strike" in der Kritik, diverse Medien stellen ihn als Lieblingsspiel des Amokläufers Robert Steinhäuser dar. In der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" heißt es beispielsweise, "Counter-Strike" sei ein Spiel, "in dem man vom Polizisten (sogar die GSG 9) über den Passanten bis hin zum Schulmädchen jeden erschießen soll, ehe man selber erschossen wird" - was schlicht nicht stimmt.

In einem Bericht der Untersuchungskommission zum Amoklauf wird im April 2004 klargestellt, dass "Counter-Strike" beim Spielekonsum Steinhäusers kein Dauerbrenner gewesen sei. Am Morgen der Tat hatte er den Ermittlungen zufolge den deutlich unrealistischer daherkommenden Shooter "Quake 3 Arena" gespielt.

Verbotspläne der Großen Koalition:
Im Jahr 2005 kommt es zur Großen Koalition zwischen CDU, CSU und SPD - samt einer Vereinbarung, die Spielefans erzürnt. Im Koalitionsvertrag heißt es unter dem Punkt "Aufwachsen ohne Gewalt", dass ein "Verbot von 'Killerspielen'" erörtert werden soll.

Praktisch wird diese Forderung nicht umgesetzt, in den Koalitionsverträgen von 2009 und 2013 taucht das Wort Killerspiele nicht mehr auf.

Für einen Spielverkauf ins Gefängnis?
Nach dem Amoklauf von Emsdetten im November 2006 verschärft sich die Debatte über ein "Killerspiel"-Verbot erneut. Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber fordert: "Killerspiele, die Jugendliche zum Töten von Menschen animieren, gehören in Deutschland verboten."

Kurz darauf wird ein Gesetzesplan seines Innenministers Günther Beckstein bekannt. Darin heißt es: "Wer Computerspiele, die es den Spielern als Haupt- oder Nebenzweck ermöglichen, eine grausame oder die Menschenwürde verletzende Gewalttätigkeit gegen Menschen oder menschenähnliche Wesen auszuüben, verbreitet, [...] herstellt, bezieht, liefert [...], wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe bestraft." Der Plan wird nicht umgesetzt. Gewaltverherrlichende Medien sind in Deutschland ohnehin längst verboten.

Clip gegen Fernsehlügen:
Am 15. November 2007 stellt Matthias Dittmayer ein fortan vielbeachtetes YouTube-Video ins Netz. In dem neunminütigen Clip zeigt der Spieler und Jurastudent, wie fehlerhaft und tendenziös die Spieleberichterstattung mehrerer öffentlich-rechtlicher Fernsehsendungen ist.

"Killerspiele in ARD, ZDF und WDR" ist mittlerweile 2,4 Millionen-mal abgerufen worden, Dittmayer veröffentlichte 2014 eine 270 Seiten lange Zusammenfassung der Debatte über Killerspiele.

Nirvana trifft auf "GTA":
Beispielhaft für die von Dittmayer und anderen Spielern kritisierte Berichterstattung könnte ein "Panorama"-Beitrag aus dem Februar 2007 stehen. Darin wird eine Sexszene aus "GTA: San Andreas" gezeigt, die jedoch nur Spieler zu sehen bekommen, die sich zuvor den sogenannten Hot Coffee Mod heruntergeladen haben, eine inoffizielle Abwandlung des Actionspiels.

Der Beitragssprecher kommentiert die Sexszene: "Wer hier möglichst viele Frauen vergewaltigt, gewinnt." Dazu läuft das Nirvana-Lied "Rape Me". Viel plumper - und inhaltlich falscher - geht es eigentlich nicht.

Virtuelle Gladiatorenkämpfe:
Eine der lautesten Stimmen für ein Killerspiele-Verbot ist über die Jahre der CSU-Politiker Joachim Herrmann - er macht gleich mit mehreren Zitaten auf sich aufmerksam.

Dem ZDF-Magazin "Frontal21" zum Beispiel sagt er im April 2009: "Wir müssen solche Spiele eindeutig verbieten. Das kann kein Freizeitvergnügen sein, andere Menschen zu ermorden. Das hat es im Altertum gegeben, dass man da begeistert im römischen Circus zugeschaut hat, wenn sich die Gladiatoren gegenseitig erstochen haben. Das war eigentlich in der Aufklärung überwunden. Wir können nicht in derartige archaische Zeiten zurückfallen."

Ein fast leerer Container:
Am 11. März 2009 erschießt in Winnenden Tim K. 15 Menschen und sich selbst. Auf seiner Festplatte entdeckten Ermittler später mehrere Ego-Shooter. Infolge der Tat wird das "Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden" gegründet, das unter anderem ein Verbot von "Killerspielen" fordert.

Am 17. Oktober 2009 stellte die Organisation in der Stuttgart Stuttgarter einen Container auf, in den Bürger ihre "Killerspiele" entsorgen sollen. Dem Aufruf folgt allerdings kaum jemand, der Container bleibt fast komplett leer.

"World of Warcraft" als Shooter:
Obwohl das Mehrspieler-Rollenspiel bereits vor knapp elf Jahren erschienen ist und zu den bekanntesten Spielen überhaupt zählt, wird "World of Warcraft" auffallend häufig für ein "Killerspiel" gehalten. Dabei sieht man auf ersten Blick, dass das Spiel zumindest kein Shooter ist.

Noch 2012 behauptet der Fernsehjournalist Ranga Yogeshwar in einem Interview - trotz skeptischer Nachfrage des Moderators -, es handle sich um Spiel, in dem es nur darum gehe, "zu ballern, andere abzustechen et cetera".

Kritik an "Crysis 2":
Im April 2012 empören sich Politiker von CDU und CSU über die Vergabe des Deutschen Computerspielpreises, der heute auch vom Bundesverkehrsministerium getragen wird. Der Grund: Als bestes deutsches Spiel wird "Crysis 2" 2011 ausgezeichnet, ein ab 18 Jahren freigegebner Shooter des Frankfurter Studios Crytek.

Die Unionsfraktion hatte bereits gegen die Nominierung des Titels protestiert. Zur Jury, die letztlich den Preis vergab, gehörten jedoch auch diverse Bundestagsabgeordnete - auch solche von der Union, zum Beispiel der heutige CDU-Generalsekretär Peter Tauber.

Sechseinhalb Jahre nach Winnenden ist der Ballerspiel-Streit aus der Öffentlichkeit verschwunden. Der USK, hierzulande für die Altersfreigabe von Spielen zuständig, wird von vielen Seiten gute Arbeit bescheinigt. Im Bereich wissenschaftliche Studien fehlen weiter klare Belege dafür, dass Actionspiele Menschen zu Gewalttätern machen. Anfang des Jahres ist Christian Pfeiffer in den Ruhestand gegangen, Deutschlands wohl spielekritischster und vielleicht auch umstrittenster Kriminologe.

Beim Thema "Killerspiele" ist das Bundesfamilienministerium federführend, auf eine konkrete Anfrage hin verweist es nur auf die bestehende Gesetzeslage und bezeichnet lediglich den "wachsenden Markt der Online-Spiele" als "besondere Herausforderung für den Jugendmedienschutz". Und auch im politischen Berlin hat schon lange niemand Bekanntes mehr ein "Killerspiel"-Verbot gefordert.

CDU-Politiker Jarzombek: Froh, dass die Debatte vorbei ist
Hagen Colberg

CDU-Politiker Jarzombek: Froh, dass die Debatte vorbei ist

Er kenne niemanden mehr, der sich aktiv dafür einsetze, sagt Thomas Jarzombek, der für die CDU im Bundestagsausschuss zur Digitalen Agenda sitzt und einem Verbot schon in der Vergangenheit kritisch gegenüberstand. "Das steht meines Wissens aktuell in keinem Wahlprogramm, in keinem Parteiprogramm, in keinem Koalitionsvertrag. In die Debatte ist Vernunft eingekehrt."

Kaum jemand sagt noch "Killerspiel"

Der Begriff "Killerspiel" - der von jeher eine negative Konnotation hatte - wird offenbar tatsächlich nur noch selten verwendet. Beispielhaft belegen das Google-Trends-Statistiken, die zeigen, dass der Begriff während der Nullerjahre viel häufiger online gesucht wurde.

Google-Suchstatistik zum Begriff "Killerspiele": Kaum noch Interesse

Google-Suchstatistik zum Begriff "Killerspiele": Kaum noch Interesse

Maximilian Schenk, Geschäftsführer des Spielebranchenverbands BIU, sagt, die Diskussion um Actionspiele werde weitergeführt, jedoch ohne den "total unbrauchbaren, vereinfachenden Begriff 'Killerspiel'". Wer beim Thema Spiele versuche, Stimmungsmache zu betreiben, "der wird sich selbst eher in ein schlechtes Licht rücken".

Auch Linda Breitlauch vom zweiten großen Branchenverband Game findet, die Debatte habe sich professionalisiert. Das sehe man zum Beispiel bei Fernsehberichten zum Thema: "Wir reden endlich inhaltlich substanziell über Spiele, wie es bei anderen Medien schon lange der Fall ist. Ob ein Spiel gut oder schlecht ist, macht sich schließlich am Inhalt fest, nicht am Genre."

Alles wieder gut also im Spiele-Deutschland?

Weiter keine Lan-Partys in bayerischen Schulen

Na ja, würde wohl Patrik Schönfeldt sagen, ein Spielefan, der seit 2009 für ein besseres Image seines Hobbys streitet. Damals, in den Monaten nach Winnenden, hat er den Verband für Deutschlands Video- und Computerspiele (VDVC) gegründet, der heute 1200 Mitglieder hat.

Das Thema "Killerspiele" sei zwar aus der politischen Diskussion verschwunden, sagt Schönfeldt, mittlerweile 28 Jahre alt: "Die Auswirkungen der Killerspiel-Debatten sind aber noch da: etwa in Form von Verboten, die damals beschlossen wurden und die weiter bestehen. In Bayern zum Beispiel dürfen bis heute keine Lan-Partys in Schulgebäuden stattfinden." Schönfeldt meint auch, dass der Ruf des Hobbys Videospielen nachhaltig beschädigt wurde - gerade bei älteren Menschen.

Screenshot der USK-Website: Die USK berät darüber, mit welcher Altersfreigabe Spiele in Deutschland auf den Markt kommen

Screenshot der USK-Website: Die USK berät darüber, mit welcher Altersfreigabe Spiele in Deutschland auf den Markt kommen

Umgekehrt könnte die Debatte bei jüngeren Menschen für eine gewisse Politikverdrossenheit gesorgt haben: "Das war ein Moment, in dem viele Videospieler gemerkt haben 'Hey, von dem, was sie reden, haben die Politiker eigentlich keine Ahnung - erzählen die vielleicht auch bei Themen, bei denen ich keine Ahnung habe, so einen Unsinn?'", sagt Schönfeldt.

CDU-Politiker Jarzombek teilt diese Einschätzung: "Uns als Partei hat die Diskussion schon geschadet", sagt er. "Wer 16 oder 18 ist, kannte die Spiele, über die diskutiert wurde. Der hat gemerkt, ob das stimmt, was über den Inhalt der Spiele gesagt wird - und dann möglicherweise auch Rückschlüsse auf andere Bereiche gezogen." So etwas sei "schlecht fürs Vertrauen in die Politik".

Patrik Schönfeldt bezweifelt dennoch, "dass sich die Sicht der Beteiligten von damals geändert hat".

Wolfgang Bosbach denkt genauso wie 2006

Tatsächlich hat über die Jahre kaum ein Spielekritiker öffentlich seine Meinung geändert, einige Politiker stehen auch heute noch zu ihren Aussagen.

CDU-Politiker Wolfgang Bosbach: Er sagt, in seiner Familie wurde auch seit 2006 kein sogenanntes Killerspiel angeschafft
DPA

CDU-Politiker Wolfgang Bosbach: Er sagt, in seiner Familie wurde auch seit 2006 kein sogenanntes Killerspiel angeschafft

Wolfgang Bosbach etwa teilt mit, dass seine Haltung dieselbe sei wie in einem SPIEGEL-ONLINE-Interview aus dem November 2006 - seine Haltung "zu solchen Computer-'Spielen', in denen das realitätsnah simulierte Töten von Menschen in der fiktiven Spielwelt wesentlicher Bestandteil der Spielhandlung ist und der Erfolg des Spielers im Wesentlichen davon abhängt". Bosbach hatte 2006 unter anderem gesagt, es sei ein Unterschied, "ob man Gewalt im Fernsehen oder Kino nur sieht, oder aber aktiv eingreifen kann und selbst zum 'Täter' wird".

Eine Gamer-Kritik als Gamer-Hymne

Eine interessante Rezeptionswandlung hat mit der Zeit ein Anti-Killerspiel-Lied durchgemacht, "Mehr Waffen" von Christina Stürmer. 2003 war es als Kritik an Shooter-Spielern veröffentlicht worden - mit Zeilen wie "Freundin brauchst du keine, in deinem Spiel da hast du eine". Patrik Schönfeldt sagt, das Lied sei mittlerweile zu einer Art inoffiziellen Gamer-Hymne geworden: Es werde zum Beispiel immer wieder einmal unter auf YouTube veröffentlichte Spielszenen gelegt. Selbstironie als Waffe gegen Vorurteile.

Rollenspiel "Skyrim": Von "Bild" als "Killerspiel" bezeichnet
Bethesda

Rollenspiel "Skyrim": Von "Bild" als "Killerspiel" bezeichnet

In der Berichterstattung über Spiele stößt man heute seltener auf eklatante Falschbehauptungen als noch vor zehn Jahren - vermutlich, weil auch in den Redaktionen zunehmend Leute sitzen, die mit Videospielen groß geworden sind. Doch es gibt immer noch Ausreißer. So fragte etwa die "Bild"-Zeitung im April, ob ein straffälliger Soldat ein "Killerspiel" nachgespielt habe. In dem Artikel ging es um "Skyrim", ein bekanntes Rollenspiel, das in einer Fantasy-Welt spielt.


Zusammengefasst: Die populistische und unsachliche Killerspiel-Debatte, die vor einigen Jahren vor allem Unionspolitikern befeuert haben, gibt es in dieser Form nicht mehr. Auch der Begriff "Killerspiel" ist weitgehend aus der Öffentlichkeit verschwunden. Natürlich gibt es aber weiter Politiker, die Shootern kritisch gegenüberstehen - etwa Wolfgang Bosbach von der CDU.

Zum Autor
Markus Böhm ist Redakteur im Netzwelt-Ressort von SPIEGEL ONLINE. Er widmet sich Themen wie Virtual Reality, Videospielen, Apps, Streaming-Diensten, YouTube und Webtrends.

E-Mail: Markus Böhm

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insgesamt 139 Beiträge
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Seite 1
Atheist_Crusader 25.09.2015
1.
Und heute sind Videospiele so sehr zum Massenphänomen geworden, dass man 1.) mit diffusen, realitätsfremden Theorien darüber kaum noch Jemanden ängstigen kann und 2.) wahrscheinliche eher die Leute gegen sich aufbringen würde. Noch dazu sind die Zocker von damals eben heute so 5-15 Jahre älter und können nicht mehr wie kleine Kinder behandelt werden, denen man alles verbieten muss. Manche sind sogar in die Politik gegangen und können ihren Parteikollegen dann direkt erklären, was das für ein Blödsinn ist. Was der Artikel übrigens verschweigt, sind zwei Dinge, die ebenfalls unter die Killerspiel-Debatte gefallen sind, obwohl sie keine Videospiele sind: Paintball und Softair. Aber da ist wohl das gleiche passiert: die Kinder von damals sind erwachsen geworden und ihre Hobbys inzwischen zu weit bekannt und akzeptiert.
aspro86 25.09.2015
2. Welche Debatte?
Alles schön und gut, aber es wäre naiv zu glauben, dass die Dummschwätzer von damals zur Vernunft gekommen wären, siehe Bosbach. Die Debatte ruht, weil es zum Glück lange Zeit keine Gewalttaten gab, bei der man auf irgendeine Weise die Killerspiele verantwortlich machen konnte. Sobald wieder so etwas passieren würde, die Debatte würde wieder von Null beginnen, mit der gleichen Polemik, den gleichen Scheinargumenten. Die Rentner stehen nunmal bei den Wählerzielgruppen an erster Stelle. Denen Angst vor Computerspielen zu machen und sich mit scheinbarer Law-and-Order-Politik zu profilieren, ist halt einfacher und verführerischer, als sich konstruktiv mit dem Thema zu beschäftigen. Wenn man dabei ein paar Gamer abschreckt, die wahrscheinlich sowieso kaum Union wählen, wird da billigend in Kauf genommen. Wenn man die auch noch so nachhaltig von der Politik im Allgemeinen vergrault, dass die gar nicht mehr wählen, hat man nicht mal was zur Opposition verloren.
hksm 25.09.2015
3.
Und 3.) sind "Ballerspiele", besonders solche mit 3D, prozentual geschrumpft, auch dank des immer noch steigenden Absatzes von "kleinformatigen Endgeräten mit Telefonfunktion", auf denen sowas einfach nicht praktisch spielbar ist. 4.) Es auch irgendwann langweilig wird. War anno dazumal noch *jeder* Titel ein Hit (Doom, Quake, Unreal), war unter aller technischer Weiterentwicklung bei Rage und dem noch zu erscheinenden Doom 4 nur ein Gähnen zu hören. Mit anderen Worten, das Genre hat sich ausgelebt, was auch zum Rückgang der Diskussionen führte, meine ich jedenfalls.
mirroronwall 25.09.2015
4. abgeflaute Debatte
Der Grund, warum die "Debatte" (es war eher eine Hetzjagd) nicht fortgeführt wurde, ist dass andere Nachrichten im Wahlkampf das Thema verdrängt haben - statt dass sich die Ansichten der Generation 50+ geändert hätten. Ein erneutes reflexartiges Aufflammen populistischen Aktionismus' ist nach Gewalttaten schon fast eine Gewissheit. Neue Medien sind schon immer in der Geschichte von älteren Medien denunziert worden, weil letztere um ihr Dasein fürchten mussten. Schade ist lediglich, dass in solcherlei Debatten wirklich Ursachenforschung nicht betrieben wird. Bei einer solchen wären gewalthaltige Medien nur als ein Aspekt von vielen, die zur Destabiiisierung von bereits instabilen Individuen beitragen, erkannt worden. Aber Autoritätspersonen machen es sich gerne mit Verbotsforderungen leicht, obwohl diese nie zum Ziel führen (vor allem nicht im Internetzeitalter). Ganz folgenlos ist die Debatte dennoch nicht geblieben: Seit Anfang des Jahres gilt ein verschärfter §131 StGB, der erstmals eine Versuchsstrafbarkeit einführt und damit unter dem bekannten Deckmantel des Jugendschutzes versucht, einen Straftatsbestand zu erweitern. Mit USK18., Indizierung und Beschlagnahmung wird immer mehr die Erwachsenenunterhaltung beschnitten, anstatt (technische) Jugendschutzkonzepte und Medienkompetenz voranzutreiben, ohne die es im Internetzeitalter keinen funktionierenden Jugendschutz geben kann.
NoUse4aName 25.09.2015
5. Bosbach
So sehr ich Bosbach sonst schätze, sein "in meiner Familie kauft niemand "Killer"-spiele" ist an sich schon ein schlechter Witz - hat er doch lediglich Töchter, die an solchen Spielen in der Regel eher weniger Interesse zeigen.
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