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Debatte um Shooter "Battlefield V"

Hilfe, eine Frau!

Der Shooter "Battlefield V" spielt im Zweiten Weltkrieg und hat, so lässt ein Trailer vermuten, offenbar eine weibliche Hauptfigur. Im Netz ärgert das manche Gamer sehr. Wir haben nachgefragt: Warum eigentlich? Und was sagen Gamerinnen dazu?

Von

Electronic Arts

Werbebild zu "Battlefield V"

Montag, 28.05.2018   19:18 Uhr

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Es gibt Empörungswellen im Netz, die lassen sich selbst im Jahr 2018 vorhersagen wie Ebbe und Flut. Sie gibt es eigentlich immer dann, wenn eine große Videospiel-Firma entscheidet, bei ihren oft per se fiktiven Charakteren stärker auf Diversität zu setzen: Dann zum Beispiel, wenn das Fußballspiel "Fifa" einen Storymodus rund um einen schwarzen Nachwuchsspieler dazubekommt. Oder wenn im Shooter "Overwatch" als eine von vielen Figuren ein lesbischer Charakter etabliert wird. Oder ein schwuler Charakter im Rollenspiel "Dragon Age: Inquistion".

Immer wieder sind die Foren und sozialen Medien dann voll von Fragen wie "Muss das sein?", von Abwehrreaktionen, die oft zu verbalen Angriffen auf den Hersteller oder manchmal auch auf Menschen aus diesen Gruppen allgemein werden.

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Zu Wort meldet sich dabei nicht der überwiegende, aber ein sehr lauter Teil der Gamer. So ist es jetzt auch im Fall von "Battlefield V": Der nächste Teil der Shooter-Reihe wurde am 23. Mai mit einem Trailer enthüllt: Er spielt im Zweiten Weltkrieg, im Mittelpunkt des Action-Clips steht eine Frau.

YouTube-Video: Trailer zu "Battlefield V"

Die präsenteste Reaktion darauf sind Wut und Ablehnung. Viele Online-Kommentatoren schreiben etwa, im Zweiten Weltkrieg habe es keine Frauen gegeben: besonders keine, die Metall-Prothesen als Arm tragen. Dazu kommen Vorwürfe, dass "die Geschichte verwaschen" werde. Solche Kommentare landeten dann wiederum - mal mehr, mal weniger kommentiert - in den Artikeln vieler Gaming-Websites.

Wir haben mal nachgefragt

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Doch wie ernst ist die Kritik der Gamer überhaupt? Und ist sie so grundsätzlich, dass sich die Spieler das neue Spiel gar nicht erst kaufen würden? Wir haben bei 20 Online-Kommentatoren nachgefragt, was sie eigentlich mit Sätzen wie "Es ist Mode, Frauen in jedes Videospiel zu packen" meinen. Nicht alle, aber einige haben uns auch geantwortet.

"Ich vermute, man wollte auf den Zug aufspringen und vielleicht auch die ein oder andere Frau, die vorher von einem Kauf abgesehen hat, ins Boot holen", schreibt uns ein Nutzer auf unsere Anfrage zurück. Andere Nutzer ärgern sich darüber, dass die "Battlefield"-Macher mit ihren Trailern nicht mehr nur Männer anzusprechen scheinen - allerdings kommt diese Feststellung mit dem Zusatz, das sei an sich kein Problem. Es solle nur bitte nicht so offensiv passieren.

Einige der Kommentare und Erläuterungen dazu zeigt unsere Zitatstrecke:

In den Antworten geht es mehrfach auch um Realismus und Authentizität. "Hier werden historische und epische Personen an unser modernes Weltbild 'angepasst'", schreibt uns etwa ein Nutzer auf Facebook. "Damit schadet man nicht nur der Geschichte, sondern auch unserem Kulturgut." Ein anderer Online-Kommentator erklärt: "Ich denke, dass genauso emotionale oder tiefgehende Geschichten mit männlichen Soldaten erzählt werden können."

"Battlefield" war schon immer ein Actionspektakel

Besonders beim Zweiten Weltkrieg scheint es den Spielern wichtig zu sein, dass das Spiel historisch so akkurat wie möglich ist - obwohl "Battlefield"-Schlachten vor allem unrealistische Actionspektakel sind. Auf Twitter begründet ein Nutzer seinen Wunsch sogar damit, dass man den vielen Männern, die im Zweiten Weltkrieg gestorben sind, sonst Unrecht tue. "Man stelle sich mal den Aufschrei vor, wäre 'Black Panther' von einem Weißen oder Asiaten gespielt worden", unterstreicht ein anderer.

Auch wenn nicht jede Argumentation schlüssig wirkt und es ein historischer Fakt ist, dass auch Frauen im Krieg kämpften: Die Erklärungen, die uns geschickt werden, sind meist länger und komplexer als die Sprüche in den Tweets und Kommentaren. Ein Nutzer schreibt etwa, dass ihn vor allem störe, dass Frauen sich in Spielen genauso steuerten wie die Männer. Dass sich nicht die Mühe gemacht werde, genuin weibliche Charaktere zu kreieren.

Teilweise widersprechen sich Kommentatoren aber auch selbst. Etwa dann, wenn Nutzer anprangern, dass mit der Frau in "Battlefield" Aufsehen erregt werden soll, sie aber offenbar nicht sehen, dass sie mit ihren Tweets, YouTube-Kommentaren oder Forenbeiträgen selbst dazu beitragen. Nur einer der Antwortenden will sich den neuen Serienteil übrigens nicht kaufen - wegen angeblicher Untreue zur Geschichte. Der Rest ärgert sich offenbar nicht so sehr, dass er das Spiel deswegen nicht spielen möchte.

Was sagen eigentlich Gamerinnen zu der Debatte?

Interessant an der Debatte über die weibliche Figur in "Battlefield V" ist noch, dass dabei vor allem eine Gruppe selten zu Wort kommt: Gamerinnen. Wie nehmen sie eigentlich die Empörung im Netz, hinter der fast ausschließlich Männer stecken, wahr?

"Ich beschäftige mich schon zu lange mit Videospielen, um davon noch überrascht oder verärgert zu sein", sagt uns dazu Rae Grimm, die Redaktionsleiterin des Spielemagazins "GamePro". Die Reaktionen auf Frauen in Spielen seien "traurig, aber keinesfalls neu", was man hier erlebe, sei eine natürliche Evolution des Videospiels: "Die Repräsentation einer oft ignorierten, aber stetig wachsenden Zielgruppe."

Eine Twitter-Nutzerin erzählt auf Nachfrage, dass sie vorgestern "Battlefield 1" gespielt habe, den vorherigen Serienteil, der im Ersten Weltkrieg spielt. Dabei habe sie "einen komplett verbrannten Soldaten innerhalb von Sekunden mit einer Spritze wiederbelebt, sodass er frisch poliert und mit voller Lebenskraft weiterkämpfen konnte". Ob das denn historisch akkurat gewesen sei, fragt sie.

Grundsätzlich finde sie die Lautstärke des Protests einiger Männer mindestens ernüchternd, sagt sie weiter: Schließlich spiele sie schon seit 2002 "Battlefield" und daher seit Jahren nur männliche Soldaten.

"Kann mich besser mit ihnen identifizieren"

Und eine dritte Gamerin schreibt uns: "In jedem Spiel, in dem ich die Wahl habe, spiele ich einen weiblichen Charakter. Ich finde sie meistens schöner designt und kann mich besser mit ihnen identifizieren." Es geht also um Wiedererkennung. Und die Anerkennung eines Publikums, das längst nicht mehr nur aus Männern besteht.

In jedem Fall zeigen unsere Nachfragen: Es wird wohl auch weiterhin diese Abwehrkämpfe um ein Medium geben, das lange als "männlich" verstanden wurde. Die Sorge einiger Männer, dass "ihr Hobby" nicht mehr nur ihnen gehört. Und vielleicht geht es einigen Nutzern tatsächlich um Realismus - dann stellt sich nur die Frage, wie gut sich ausgerechnet die "Battlefield"-Reihe zum Streiten eignet.

Über die Debatte freuen wird man sich immerhin beim Hersteller, trotz oder gerade wegen allerlei wütender Kommentatoren im Netz, denn so wissen jetzt auch Sie als unser Leser, dass bald ein neues "Battlefield" erscheint - mit einer Frau.

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