Bewegungssteuerung: Hacker zaubern mit Microsofts Kinect

Von

Keine zwei Wochen hat es gedauert. Sofort stürzten sich Hacker auf das Kamerasystem Kinect für die Xbox 360 - trotz aller Drohungen von Microsoft. Sogar ein Geldpreis wurde für den besten Hack ausgelobt. Und schon gibt es verblüffende Anwendungen für die 3-D-Kamera, die man gesehen haben muss.

Entwickler Kreylos: 3-D-Modell des eigenen Arbeitszimmers Zur Großansicht

Entwickler Kreylos: 3-D-Modell des eigenen Arbeitszimmers

Microsofts Konsolen-Kamerasystem namens Kinect verkauft sich offenbar hervorragend. Dem Unternehmen zufolge hat man in den ersten zehn Tagen seit dem Start in den USA - in Europa gibt es das System seit dem 10. November - weltweit bereits eine Million Kinect-Systeme abgesetzt. Doch mit der Hardware, die Bewegungsspiele für die Xbox 360 ermöglicht, werden nicht nur die Dinge angestellt, die Microsoft vorgesehen hatte. Direkt nach der Markteinführung in den USA hatte ein Hardwarehersteller eine Belohnung ausgelobt: Das kleine US-Unternehmen Adafruit bot zuerst 1000, dann 2000 und schließlich 3000 Dollar für den ersten Hack, der Kinect für nicht vorgesehene Nutzungsweisen öffnen würde. Microsoft reagierte ungehalten.

"Microsoft duldet die Modifikation seiner Produkte nicht", teilte ein Unternehmenssprecher mit. In Kinect sei "eine Vielzahl von Hard- und Software-Schutzmechanismen" eingebaut, die einen Missbrauch verhindern könnten. Man arbeite "eng mit den Strafverfolgungsbehörden" zusammen, um Kinect weiterhin vor "Herumpfuscherei" zu bewahren.

Die Hardware-Befreier dieser Welt ließen sich erwartungsgemäß nicht von Microsofts Drohungen abhalten. Für Apple, Sony oder jedes andere Unternehmen, das High-Tech-Hardware herstellt, gilt das gleiche: Irgendwer findet sich immer, der die Geräte von ihren Herstellerfesseln befreit. Auch mit Nintendos Wii-Technologie stellten Entwickler schnell höchst erstaunliche Dinge an.

Fotostrecke

20  Bilder
Kinect vs. Move: Neue Regeln
Bei Kinect dauerte es etwa eine Woche. Dann tauchten die ersten Demonstrationen auf, in denen die doch eigentlich als Konsolenerweiterung gedachte 3-D-Kamera plötzlich an einen PC angeschlossen wurde. Die ersten Anwendungen waren noch eher bescheiden - so brachte ein Programmierer den schwenkbaren, motorisierten Kinect-Kopf von einem Windows-PC aus dazu, brav zu nicken.

Dann aber veröffentlichte ein Entwickler namens Hector Martin eine Treibersoftware, mit der sich Kinect offenbar vollständig (wenn auch noch nicht optimal) vom Rechner aus ansteuern lässt. Was Microsoft übrigens offiziell nicht als verfolgenswerten Hack betrachtet: Die Integrität der Hard- und Software sei ja nicht berührt, es habe nur jemand Treiber entwickelt, um Kinect auch mit anderen Geräten - sprich: Computern - zu verbinden.

3-D-Simulation des Raumes, in dem man gerade sitzt

Kurz darauf erschien die erste, durchaus naheliegende Kinect-Anwendung: ein Multitouch-Interface, mit dem sich mit zwei Händen etwa Fotos drehen und vergrößern lassen. An so etwas arbeitet man bei Microsoft vermutlich auch schon. Was der deutsche Softwarentwickler Oliver Kreylos an der University of California in Davis nun aus den Möglichkeiten des Kamerasystems gemacht hat, dürfte auch in Redmond den einen oder anderen überrascht haben. Zu erklären, was Kreylos da anstellt, ist nicht ganz leicht: Er nutzt die Daten, die Kinect auswirft, um ein aktuelles, dynamisches 3-D-Modell des Raumes zu errechnen, den die Kamera gerade aufnimmt. Am besten sieht man sich das im Video selbst an:

Kreylos kann mit der Maus eine virtuelle Kamera durch den 3-D-Raum fliegen lassen, den er selbst erschaffen hat. Sein Abbild sitzt gewissermaßen in einem Computermodell des Raumes, in dem er sich tatsächlich aufhält. Die Illusion bricht erst da zusammen, wo die virtuelle Kamera in Bereiche blickt, die die echte Kinect-Kamera nicht sehen kann. Deshalb ist der simulierte Oliver Kreylos nur halb vorhanden, die hintere Hälfte seines Kopfes und Körpers sind unsichtbar, Teile des Raumes verlieren sich in schwarzen Schatten.

Wie gut die Raumsimulation ist, zeigt Kreylos in einem weiteren Video, indem er den Kinect-Karton vermisst - erst real, mit einem Lineal, dann virtuell, in seinem simulierten Raum.

Und siehe da: Die in 3D simulierte Box ist genauso lang wie die echte.

Microsoft reagierte auf die phantastischen Ergebnisse, die Entwickler ohne jede Erfahrung mit Kinect innerhalb weniger Tage aus dieser jahrelang vorbereiteten Technologie herausgeholt haben, nur mit einem sehr dürren Statement: Man unterstütze die Entwicklung solcher Treiber, die Kinect unabhängig von der Konsole nutzbar machen, nicht. "Wir ermutigen unsere Kunden, Kinect für Xbox 360 in Verbindung mit der Xbox 360 zu benutzen, um die bestmögliche Erfahrung zu garantieren."

Man kann nur hoffen, dass die Personalabteilung des Unternehmens, noch bevor diese Pressemitteilung veröffentlicht wurde, andere Briefe an Kreylos und die anderen Kinect-Hacker verschickt hat: Einladungen zum Vorstellungsgespräch.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 39 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ...
Newspeak, 16.11.2010
Die Beispiele zeigen vor allem, wie vorteilhaft es für die Allgemeinheit sein könnte, wenn es von Anfang an keine Firmengeheimnisse, Urheberrechte etc. gäbe. Viele Menschen wollen nämlich kreativ sein und Produkte konstruktiv nutzen, werden aber von der Industrie bevormundet, ihre Produkte immer nur für den von der Industrie vorgesehenen Zweck zu benutzen. Das nützt ohne Zweifel der Industrie und dem Kapitalismus, aber nicht der Menschheit.
2. Selten so einen Schwachsinn gelesen...
mobei 16.11.2010
...und das meine ich ernst. Zwar hat meiner Meinung nach Microsoft den Schritt in die falsche Richtung (=Apple) getan, indem sie die Benutzung ihrer Hardware für fremdzwecke bestrafen. Finde ich nicht richtig. Aber, lieber "Newspeak", Urheberrechte sind etwas ganz anderes. Diese bedeuten nämlich, dass das geistige Eigentum des Urhebers geschützt ist. Wenn Musik, Filme, Bilder, Spiele, aber auch Erfindungen beliebig kostenlos verbreitet werden dürften, würde sich niemand mehr finden, der diese produziert. Niemand würde hauptberuflich Künstler werden, weil er nichts verdient. Würden sie etwa für umsonst arbeiten (abgesehen von Freizeitbeschäftigungen)? Und dann gäbe es auch nichts, was kreativ verändert werden könnte. Urheberrechte kurbeln eher den Erfinderehrgeiz an, als die Menschheit durch den ach so bösen Kapitalismus zu unterdrücken. mobei
3. Dümmlich, dümmlich und nochmal
alex_d 16.11.2010
Das ist eine einmalige Gelegenheit für Microsoft und sie stellen sich so dümmlich an. Nokia und Apple zeigen, was man mit Apps alles tolles machen kann - for allem wenn Entwicklungskosten gespart werden können und der Vielfalt Freiheit geboten wird. Ich begreifs nicht!
4. Guter Gedanke, schlechtes Beispiel
Mr Bounz 16.11.2010
Zitat von alex_dDas ist eine einmalige Gelegenheit für Microsoft und sie stellen sich so dümmlich an. Nokia und Apple zeigen, was man mit Apps alles tolles machen kann - for allem wenn Entwicklungskosten gespart werden können und der Vielfalt Freiheit geboten wird. Ich begreifs nicht!
Hallo, ich habe den ersten Satz gelesen und dachte, das sehe ich auch so! Aber gerade Apple, die alles zensieren, immer 100% Kontrolle über alles haben wollen und Freiheit vermutlich demnächst aus allen erlaubten Wörterbuch Apps streichen werden, als Beispiel zu nehmen ist ein Unding. Wenn Sie von den guten alten Apple 2 Tagen sprechen würden, aber da hießen Apps noch Programme und jeder durfte diese schreiben und anbieten, OHNE Apple um Erlaubnis zu bitten! Zum Thema, MS sollte die Energie und Kreativität der freien Entwickler nutzen. Wobei dies im Konsolenbereich durch verschiedene (Spiele-)Entwickler ja sicher passiert. Man sollte sich nicht wundern, wenn der eine oder andere demnächst für MS arbeitet, denn Dumm sind die bei Microsoft nicht. MfG MrBounz
5. Geistiges Eigentum??
Deutscher__Michel 16.11.2010
Zitat von mobei...und das meine ich ernst. Zwar hat meiner Meinung nach Microsoft den Schritt in die falsche Richtung (=Apple) getan, indem sie die Benutzung ihrer Hardware für fremdzwecke bestrafen. Finde ich nicht richtig. Aber, lieber "Newspeak", Urheberrechte sind etwas ganz anderes. Diese bedeuten nämlich, dass das geistige Eigentum des Urhebers geschützt ist. Wenn Musik, Filme, Bilder, Spiele, aber auch Erfindungen beliebig kostenlos verbreitet werden dürften, würde sich niemand mehr finden, der diese produziert. Niemand würde hauptberuflich Künstler werden, weil er nichts verdient. Würden sie etwa für umsonst arbeiten (abgesehen von Freizeitbeschäftigungen)? Und dann gäbe es auch nichts, was kreativ verändert werden könnte. Urheberrechte kurbeln eher den Erfinderehrgeiz an, als die Menschheit durch den ach so bösen Kapitalismus zu unterdrücken. mobei
Nichts für Ungut aber das ist Nonsens...abgesehen das "GEistiges-Eigentum" das krankste ist was sich die Content-Indutrie bisher ausgedacht hat hat das nichts mit kostenloser Verbreitung zu tun. Es geht darum Dinge die ich kaufe frei benutzen zu können wie ich es will, und eben nicht wie ein Verwerter es mir vorschreibt. (Siehe PS3-> Unix). Sie würden auch kein Auto kaufen in dem sie nur bestimmte Dinge transportieren dürften oder? Patente gib es, geistiges Eigentum gibt es nicht!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Games
RSS
alles zum Thema Xbox
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 39 Kommentare
Fotostrecke
Minty Boost: Unversal-Ladegerät in der Kaugummidose


Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon kaufen.