"Borderlands 2" angespielt: Ekelhaft, brutal und lang
"Borderlands 2" verbindet Ego-Shooter, Comic-Optik und Rollenspiel. Das Ergebnis ist ein brutales, irrwitziges Spiel, das sich selbst nicht zu ernst nimmt. Das macht Spaß - erfordert aber auch Zeit und Geduld.
Was ist das nur für eine Welt? Durchtrainierte Anabolika-Kämpfer mit Masken, Supermenschen, die auch im Schnee mit nacktem Oberkörper herumlaufen. "Psychos" werden sie genannt, und man versteht schnell, warum. Manche sprengen sich freudig in die Luft, um die eigene Spielfigur mit ins Grab zu nehmen, andere schwingen rostige Sägen und suchen den Tod im Nahkampf. Einer starrt im Moment überall in deutschen Städten von Plakatwänden, beide Hände in einer Selbstmord-Geste auf den eigenen Hals gerichtet. Es ist nichts Menschliches mehr auf Pandora, dem von allen Göttern verlassenen Planeten aus dem Spiel "Borderlands 2".
Wie schon beim erfolgreichen ersten Teil - er verkaufte sich weltweit etwa 4,5 Millionen mal - geht es in der zweiten Auflage des Spiels darum, in einer Welt in Comic-Optik (siehe Fotostrecke) mit überdimensionierten Waffen Banditen, Roboter und schauerliche Kreaturen umzumähen. Wahlweise alleine oder im Coop-Modus mit bis zu drei Mitspielern. Vieles von dem, was die Spielebranche in den vergangenen Jahren ausprobiert hat, findet sich in dieser Mischung aus "Skyrim", "Diablo" und Ego-Shooter wieder, befreit vom heiligen Ernst, den solche Spiele oft mit sich herumschleppen.
Die unterkühlte Welt von "Borderlands 2" lässt sich dennoch nur mit reichlich Abwehrschilden und beißendem Zynismus ertragen - und das Spiel hat zu Recht keine Jugendfreigabe erhalten. Das Leben der auf Pandora Gestrandeten ist ekelhaft, brutal und kurz, es gilt das Recht des Stärkeren. Da bleibt nur die Aufrüstung des eigenen Leibes. Körper-Kapitalismus, gewissermaßen.
Riesenkanonen gegen Hochhaus-Monster
Klar, dass in dieser düsteren Zukunftsvision alle Macht von einem paramilitärischen Großunternehmen ausgeht. Die Hyperion Corporation, angeführt von einem Bösewicht namens Handsome Jack, kontrolliert Pandora, baut ein nach den Ereignissen im ersten Teil aufgetauchtes Mineral ab, und unterjocht die verbliebenen Bewohner, ehemalige Billiglöhner anderer Unternehmen. Wieder gilt es, eine geheimnisvolle Höhle zu finden, bevor es andere tun. Außerdem kann man Aufträge annehmen, die mit der eigentlichen Spielgeschichte nichts zu tun haben, wie man das aus anderen Rollenspielen kennt.
Die sehen zum Beispiel so aus: Axton, Deserteur und Glücksritter, rennt durch eine Eiswelt, auf der Suche nach einer kleinen Ansammlung Schrotthütten. Er soll für Ordnung sorgen, als selbsternannter Sheriff eine Horde Banditen stoppen, sprich: vernichten. Auf dem Weg allerdings muss er zunächst vierarmigen Riesenaffen entkommen, ausgesucht schlechtgelaunten Eiswüstenbewohnern namens Bullymongs, die mit Felsbrocken werfen.
Die erste Pistole, die Axton in die Hände bekommt, ist enttäuschend winzig. Keine Sorge, klärt das Spiel auf, man werde später belustigt an diese kleine Waffe zurückdenken, wenn man erst mit Riesenkanonen hochhausgroße Monster abknallt. In "Borderlands 2" wird der traditionelle Waffenfetischismus des Shooter-Genres ins Absurde überdreht. Die ersten Stunden aber vergehen mit Winzwaffen und Witzgegnern, wenn man nicht gerade in eine Herde Bullymongs hineinläuft und gesteinigt wird. Die Säbelzahntiger in "Skyrim" sind niedlich dagegen.
Affenmonster kann man auch überfahren
Am Grundprinzip aus dem ersten Teils hat sich wenig geändert: Man wählt einen von vier Charakteren aus, erledigt Missionen und sucht in Kisten nach Waffen, Geld und Munition. Zur Auswahl stehen zunächst neben Axton die magisch begabte Maya, der Muskelprotz Salvador und der Profikiller Zer0. In Begleitung von Claptrap, einem einrädrigen Roboter mit wildgewordenem Sprachcomputer und Aufmerksamkeitsstörung, erkundet man die postapokalyptische "Mad Max"-Welt. Nachts sollte man sich vor übergroßen Fledermäusen in Acht nehmen, die einen auf freiem Feld attackieren.
Der erste fahrbare Untersatz, eine Art Jeep, löst das Bullymong-Problem dann weitgehend: Die Bordkanone hat mehr Feuerkraft, und wenn das nicht weiterhilft, lassen sich die Riesenviecher auch über den Haufen fahren. Im Gegenzug werfen sie allerdings auch mit Fahrzeugen.
Nach mehr als fünf Stunden habe ich immer noch keine Riesenwaffen, um übergroße Roboter in Stücke zu schießen. Dafür kann mich der Angriff eines etwa gleichgroßen, dunkel bemantelten Gangsters binnen Sekunden umbringen. Obwohl ich diverse elektronische Schilde angelegt habe und mein leergeschossenes Gewehr sich in Richtung Gegner werfen lässt, wo es dann explodiert. Die Gegner sind nicht so dämlich wie in aktuellen Shootern wie "Call of Duty", sie tauchen plötzlich auf und handeln koordiniert. Kommt man nach längerer Zeit wieder an einen Ort zurück, sind auch die Gegner wieder da. Und ständig wird die Munition knapp.
Dann doch langatmig
Die Spielgeschichte dürfte etwa 30 Stunden in Anspruch nehmen, ohne dass man jede kleine Nebenmission absolviert. Allerdings stellt sich bei mir schon nach rund acht Stunden die erste Ermüdung ein: Zum Teil muss man arg lang durch die Landschaft laufen, um eine Mission zu erledigen oder nach dem Ableben zurück zum Einsatzort zu kommen. Außerdem ist die Zielfunktion zumindest bei Axton eher rudimentär angelegt, Magazin leerschießen, neu laden, Magazin leerschießen - das Zielen funktioniert praktisch automatisch. Die Herausforderung besteht nicht zuletzt darin, aus dem riesigen Arsenal an Feuergerät die jeweils günstigste Kombination auszuwählen, passend zum nächsten Gegner. "Borderlands 2" ist ein Waffen-Puzzle, das ein bisschen Geduld, vor allem aber viel Zeit erfordert.
Gespielt habe ich auf einer Xbox 360, wo mich schnelle Ladezeiten beeindruckten. Andere Rezensenten empfehlen allerdings die PC-Version, die deutlich mehr grafische Details liefern soll und bei der auch in unübersichtlichen Schlachtszenarien die Framerate hochgehalten wird - negativ aufgefallen ist mir das aber in den ersten Stunden des Spiels auch auf der Konsole nicht.
Wer nur auf schnelles Geballere aus ist, für den ist "Borderlands 2" nicht das richtige Spiel. Wer aber dem Sammeln von immer neuen Waffen und Rüstungen etwas abgewinnen kann und gerne Spielfiguren auf immer neue Level mit immer neuen Fähigkeiten hochrüstet, der findet hier, was er sucht - optisch teils spektakulär und weitgehend ohne ablenkenden Story-Kitsch.
"Borderlands 2", für Xbox 360, Playstation 3 und PC, ca. 50-60 Euro, keine Jugendfreigabe.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Dienstag, 02.10.2012 – 13:31 Uhr
- Drucken Versenden
- Nutzungsrechte Feedback
- Kommentieren | 69 Kommentare
- Netzwelt-Redakteur Ole Reißmann ist kein regelmäßiger Spieler. Um zu sehen, worüber seine Kollegen viele Worte verlieren, wirft er dennoch hin und wieder die Konsole an und versucht sich an "Max Payne", "Lollypop Chainsaw" oder "Skyrim". Für SPIEGEL ONLINE durchgespielt:
Jeannette Corbeau
- "Spec Ops: The Line": Wahnsinn in der Wüste
- "Battlefield 3": Groß, chaotisch, tödlich
- Die Seite Metacritic verzeichnet für "Borderlands 2" auf der Xbox aus 48 Rezensionen einen Wert von 90 von 100 möglichen Punkten. Zum Vergleich: "Call of Duty: Modern Warfare 3" kommt auf 85, "Final Fantasy XIII-2" auf 79 und "Mass Effect 3" auf 93 Punkte.
2K Games
- "Diablo III" im Test: Das Schwert ist willig, die Maus ist schwach (23.05.2012)
- Angespielt: Call of Duty - Modern Warfare 3 (13.12.2011)
- Angespielt: Skyrim (13.12.2011)
für die Inhalte externer Internetseiten.
MEHR AUS DEM RESSORT NETZWELT
-
Best of Web
Netz-Fundstücke: Was Sie im Internet unbedingt sehen müssen -
Silberscheiben
Das lohnt sich: Die besten CD- und DVD-Schnäppchen -
Bilderwelten
Bessere Fotos: So holen Sie ganz einfach mehr aus Ihren Bildern raus -
Angefasst
Gadget-Check: Handys und anderes Spielzeug in Matthias Kremps Praxistest -
Angespielt
Game-Tipps: Spiele für Computer und Konsole im SPIEGEL-ONLINE-Test

