Fan-finanzierte Brettspiele Atompanzer aus Texas, Amazonen aus Bottrop

Das ist der Traum jedes Verlags: Bevor das neue Brettspiel gedruckt wird, ist der Großteil der Auflage schon verkauft. Crowdfunding finanziert in den USA ganze Spielreihen, in Deutschland feiern kleine Verlage erste Erfolge im Millionenmarkt für Gesellschaftsspiele.

Von Joachim Budde

Joachim Budde

Spieleautor Till Meyer hat mit "Bankraub" Geld verdient, bevor es überhaupt in den Handel gekommen ist. Meyer hat die Entwicklung des Brettspiels über die deutsche Online-Plattform Spieleschmiede finanziert, ein spezielles Crowdfunding-Angebot für Gesellschaftsspiele. Die Spieleschmiede könnte den deutschen Spielemarkt aufmischen, eine Branche mit etwa 350 Millionen Euro Jahresumsatz.

Meyer hat sein Spiel von den Spielern finanzieren lassen, gut 29.000 Euro sammelte er von 513 Unterstützern ein. 18.000 Euro hatte der Spieleerfinder veranschlagt, um "Bankraub" überhaupt produzieren zu können. Er warb mit einer exklusiven Ausgabe für die Unterstützer: Wer 30 Euro in das Projekt gesteckt hat, bekommt das Spiel, je mehr die Unterstützer gaben, desto mehr exklusive Extras sollten sie bekommen (spezielle Erweiterungen, signierte Exemplare). Wer mit genug Geld eingestiegen ist, konnte zudem einem der Bankräuber auf den Aktionskarten oder dem Cover sein Gesicht leihen.

Inzwischen hat Meyer alle Schachteln signiert, das Bonusmaterial verteilt und den Unterstützern geschickt. "Bankraub" ist nun auch im regulären Handel zu haben, in einer abgespeckten Version. Meyers Fazit der Finanzierung durch Spieler: "Ich möchte nicht ausrechnen, was ich für einen Stundenlohn kriege, aber es hat Riesenspaß gemacht."

Spieler investieren 140.000 Euro

Über die Spieleschmiede haben kleine Verlage bislang fünf Spiele finanziert, insgesamt kamen fast 140.000 Euro zusammen. Bei einem Titel scheiterte die Finanzierung, Interessenten investierten nur weniger als die Hälfte der nötigen 25.000 Euro. In solchen Fällen bekommen die Finanziers ihre Einlagen zurück.

Die Spieleschmiede betreibt der deutsche Versandhändler Spiele-Offensive. Die Firma will sich mit dem Portal von großen Online-Händlern wie Amazon abheben, die Verbundenheit der Community mit der eigenen Seite stärken und neuen Spielideen eine Chance geben. Verlage, die einen Titel über die Spieleschmiede finanzieren wollen, müssen einen Prototypen einreichen. Mit solchen Vorgaben wollen die Betreiber sicherstellen, dass die Mechanismen des Spiels ausgereift sind und dass die Spielidee professionell umgesetzt wird.

Auch größere Verlage wie Pegasus-Spiele haben Interesse an dieser Finanzierungsform. Marketingleiter Michael Kränzle erläutert: "So ein Projekt ist vorab finanziert und auch der Vertrieb ist gesichert." Im Herbst wird der Verlag bei Kickstarter ein eigenes Projekt starten, ein luxuriös ausgestattetes Deckbau-Spiel, das auf dem Comic "Shakes & Fidget" basiert. Pegasus hat mit "Mutant Meeples" ein Spiel im Programm, dessen US-Originalausgabe über Kickstarter finanziert wurde.

"Freebooter's Fate" - 83.000 Euro für Figuren aus Zinn

Sehr erfolgreich lief die Finanzierung des deutschen Tabletop-Spiels "Freebooter's Fate". Es kommt ohne Spielbrett im engeren Sinn aus, die Spieler bewegen Figuren aus Zinn oder Kunststoff durch eine mehr oder weniger aufwendig gestaltete Landschaft, um sich gegenseitig zu bekämpfen und eine Aufgabe zu erfüllen.

"Freebooter's Fate" existiert seit zehn Jahren. Die Figuren stellt der Bottroper Autor Werner Klocke mit Liebe zum Detail weitgehend im Ein-Mann-Betrieb selbst her. Zum Jubiläum plante er eine Sonderedition, herausgebracht mit fünf neuen Charakteren - den "Legends". Klocke finanzierte die Entwicklung über die Plattform Indiegogo. Statt der veranschlagten 5000 Euro sammelte er 83.000 ein. Mit dem Geld schalteten die Unterstützer eine Bonus-Figur nach der anderen frei. "Einige davon existierten bis dahin nur als Zeichnung", sagt Klocke. Er musste schnell produzieren.

"Ogre" - eine Million Dollar für den Superpanzer

Viele der erfolgreich über Crowdfunding finanzierten Gesellschaftsspiele richten sich an eine spezielle Zielgruppe. Beispielhaft ist da die Neuauflage von "Ogre". Der amerikanische Kultautor Steve Jackson hat die Produktion der Deluxe-Neuauflage des Spiels per Kickstarter finanziert. Er wollte 20.000 Dollar, er brachte 923.000 Dollar zusammen - das ist Rekord in diesem Segment.

Die Regeln sind einfach, es spielt sich flott. Zwei Spieler in einer fernen Zukunft spielen gegeneinander. Der eine steuert einen nuklear betriebenen Superpanzer, einen Ogre. Der andere versucht, das monströse Gerät mit vielen kleinen Panzern aufzuhalten.

Die Förderer zahlten für die Deluxe-Fassung bis zu 100 Dollar. Dafür bekommen sie einen riesigen, sieben Kilogramm schweren Karton. Die Unterstützer konnten sich darüber hinaus vielfältige Devotionalien wie Schnapsgläser, Anstecker, Kappen oder Holzmodelle hinzubestellen. Größer könnten die Unterschiede kaum sein: Die Erstauflage von 1977 kostete zwei Dollar und war spartanisch ausgestattet. Viele der Förderer dürften die Erstausgabe gespielt haben. Nostalgie ist beim Crowdfunding eben ein guter Anreiz.

So groß der Erfolg für ihn gewesen ist, Werner Klocke hat auch die negativen Seiten dieser Art der Finanzierung kennengelernt. "Der Verwaltungsaufwand war enorm", sagt er. Indiegogo lieferte eine Excel-Tabelle mit den Kurznamen der Förderer und ihren Belohnungsstufen, die sich nicht ordentlich sortieren ließ. Außerdem liefen die Transaktionen bei PayPal unter anderen Namen als bei Indiegogo - eine zusätzliche Falle. "Wir hoffen, dass uns niemand durch die Lappen gegangen ist." Aber auch bei seinen Händlern haben die Legends für Unmut gesorgt: Crowdfunding überspringt Groß- und Einzelhandel, Klockes Geschäftspartner sind deswegen schlecht auf ihn zu sprechen. "Darum wird das wohl ein einmaliges Sonderprojekt bleiben", sagt er.

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
sebastian.wenzel 16.07.2013
1. Crowdfunding-Projekt: Verspielte YouTube-Sendung
Hallo, wer wissen will, welche weiteren Erfahrungen Spieleautoren mit Crowdfunding gemacht haben, denen empfehlen wir unser Video-Interview mit Till Meyer und Gerhard Junker: http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=t0nfaCyMsqo Übrigens: Auf Crowdfunding-Plattformen wie der Spieleschmiede oder Startnext gibt es nicht nur zahlreiche Gesellschaftsspiel-Projekte. Alina Schmidt und ich, der freie Journalist Sebastian Wenzel, sammeln unter http://www.startnext.de/zuspieler-tv im Moment Geld für eine YouTube-Sendung rund um Gesellschaftsspiele. 4490 Euro benötigen wir, 4311 Euro haben wir bereits eingenommen.
berock 16.07.2013
2.
Kurze Anmerkung: Kingdom Death:Monster ist das per crowdfunding bestfinanzierte Spiel bisher (über 2.000.000 $ via Kickstarter).
spon-facebook-10000004610 16.07.2013
3.
Wollte ich auch gerade sagen, dass der Artikel schlecht recherchiert ist. Auch Cthulhu Wars hat über 1,4 Millionen Dollar erzielt...
Originaldibbler 16.07.2013
4. optional
Es wird gesagt, dass OGRE das best finanzierte Spiel in diesem Segment ist. Die Farge ist welches Segment gemeint ist: Spiele, Wargames, Spiele ohne Miniaturen,...
bischaum 16.07.2013
5.
Es wird von Segmenten gesprochen, aber nicht erläutert, um welche es sich handelt. Bei "Brett- &Miniaturenspielen", wie es scheint, sonst würde Freebooter's Fate ja nicht aufgezählt werden, gibt es deutlich erfolgreichere Finanzierungen über 2Mio$. Nicht sonderlich erfolgreich recherchiert...gibt doch genügend einschlägige Seiten zu diesem "Segment" (http://www.magabotato.de/ zum Besipiel, wenns Miniaturenspiele sein sollen)
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