Politische Computerspiele Flüchten als Nervenkitzel

Eine Flucht aus Syrien, erzählt anhand von WhatsApp-Nachrichten: Neue Videospiele ziehen Spieler hinein in die Schicksale von Flüchtlingen. Doch dürfen Entwickler daraus Abenteuergeschichten bauen?

Bury me my love/The Pixel Hunt

Von Laura Selz


Heute Nacht will Nour in ein Boot steigen. Du hingegen bist in Syrien zurückgeblieben. Was schreibt Ihr euch?

Täglich spielen sich auf der Welt Fluchtgeschichten ab - und jetzt kann man von solchen Schicksalen nicht nur hören oder lesen, sondern sie sogar spielen. Als Videogame. Das Spiel "Bury me, my love" kommt als Messaging App daher und wird auf dem Handy gespielt. Die Idee dazu hatte der Spieleentwickler aus einer "Le Monde"-Reportage, die die Reise einer Syrerin anhand ihrer gespeicherten WhatsApp-Nachrichten erzählte. Florent Maurin war klar, dass man daraus ein spannendes Spiel entwickeln könnte. Ein Spiel, das Adrenalin durch Empathie und Spannung durch Kooperation erzeugt.

Der Spieler schlüpft in die Rolle des Daheimgebliebenen. Er muss Nour auf ihrer Flucht helfen. Alle Entscheidungen, die der Spieler trifft, haben Konsequenzen. Das führt zu über 20 verschiedenen Ausgängen der Geschichte. "Die Banalität des Mediums und die Tragweite der Schicksale fühlen sich zusammen betrachtet seltsam an. Aber genau so läuft es in der Realität", sagt Maurin. "Und jeder, der mit Smartphones hantiert, wird dieses Spiel intuitiv verstehen."

Sein früheres Leben als Journalist hatte Maurin rasch desillusioniert. Die Aufmerksamkeit der Menschen würde heute anders funktionieren. Über Interaktion und Intuition. Hier müsste das Videospiel das perfekte Medium sein, dachte er. Seine Firma Pixel Hunt entwickelt heute gesellschaftskritische Games. "Bury me, my love", eine Co-Produktion von Figs und Arte, soll ab Oktober für Android und iOS erhältlich sein.

Anteilnahme statt Tötungsabsicht

Die Gaming-Szene begreift das Spiel immer stärker als Medium für interaktives Storytelling. Es war eine Frage der Zeit, bis sie auch Fluchtschicksale als neue Abenteuerwelten entdecken. Das Spiel "Path Out" zum Beispiel erinnert in seiner Retro-Optik an Zelda und erzählt die Reise von Abdullah Karam. Der Spieler muss den Helden durch seine zerstörte Stadt navigieren.

Das Indie-Studio Causa Creations hat sich auf politische Spiele spezialisiert. Den echten Abdullah Karam hatten die Entwickler als Praktikanten kennengelernt. "Abdullah wollte mit uns ein Spiel machen, dass seinem eigenen Geschmack als Gamer entspricht und mit dem er seine Geschichte teilen kann", sagt Gründer Georg Hobmeier. Gemeinsam entwickelten sie "Path Out" - das erste Kapitel gibt es derzeit noch gratis zum Download. Ab Herbst soll die Vollversion kommen.

Andere Spiele konzentrieren sich auf die Phase der Ankunft des Helden. Letztes Jahr zeigte "North" von Outlands Games, welch kafkaeske Welten sich da auftun. "North" versetzt den Spieler in die Rolle des Sprachlosen. In bedrohlichen, fast surrealen Szenen irrt er durch fremde Städte, schaut in fremde Gesichter und hört fremde Zungen. Ein unangenehmes Spiel. Aber spannend.

Allen Spielen gemein ist, dass die Haltung eines Ego-Shooters hier keine Überlebenschancen hat. Keine Tötungsabsicht zieht sich durch das Spiel, sondern die Anteilnahme. "Spiele wie Counter Strike imitieren den Krieg und sind doch komplett davon entfernt. Da geht es um Spaß. Bei den neuen, politischen Games aber ist der Realitätsbezug und damit der Nervenkitzel direkt da", sagt Maurin.

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Games über Flüchtlinge: "Bury me, my love"

Können solche politischen Games auf dem Markt bestehen? Oder sind das pädagogische Liebhaberproduktionen? "Politische Games sind schon länger in der Indie-Szene beliebt", sagt Hobmeier. "Aber davon leben konnte man bislang noch nicht."

Bis 11 bit Studios im Jahr 2014 das Spiel "This War of mine" herausbrachte. Ein bislang unerreichter Meilenstein. Nach nur zwei Tagen waren die Produktionskosten von 500.000 Dollar eingespielt, und innerhalb des ersten Jahres weitere drei Millionen Dollar. Für die Indie-Szene ein Riesen Erfolg. In "This war of mine" muss sich der Spieler um eine Gruppe Flüchtlinge kümmern; sie vor Soldaten beschützen, Essen beschaffen, Angriffen ausweichen. Die Grafik ist düster und episch. "Ich konnte das nicht durchspielen", sagt Maurin. "Nach drei Stunden war ich deprimiert. Dann fing ich wieder an."

Ist das Spielen von Flüchtlingsschicksalen zynisch? Schwer zu sagen, welche Formate geeignet sind, um den Menschen die Geschichten der Geflüchteten wirklich näher zu bringen. "Jedem Medium wurde mal vorgeworfen, es sei nicht angemessen für das Erzählte. Auch dem Roman", sagt Hobmeier. Aber Games seien erwachsen geworden. Die Entwickler und die Spieler von damals sind heute älter und entdecken, dass man mit dem Medium nochmal ganz andere Dinge erzählen kann. "Wie die Graphic Novel zum Beispiel. Früher waren Comics für Kinder, aber das lag nicht am Medium", sagt Maurin.

insgesamt 4 Beiträge
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bermany 09.09.2017
1. Zynismus
Seit mit "Wrecked" sogar Flugzeugabstürze zum Comedy-Thema mutieren, ist Zynismus offenbar cool geworden. Verachtung hilft nicht, der Rubel rollt.
micheleyquem 10.09.2017
2. Naja, sagen wir mal so....
Zitat von bermanySeit mit "Wrecked" sogar Flugzeugabstürze zum Comedy-Thema mutieren, ist Zynismus offenbar cool geworden. Verachtung hilft nicht, der Rubel rollt.
... dass es Leute gibt, die sowas tatsächlich mit einigem Aufwand in die Realität umsetzen, ist im Neo-Liberalismus, wo es ausser Habgier keine Werte mehr gibt, nicht sonderlich überraschend. Man sollte sich vielmehr endlich man ein Bild von Leuten machen die für sowas Geld ausgeben und ihre Zeit vor ihren Displays mit sowas verbringen. Man muss es wirklich mal sagen: DIese ganze Entwicklung ist nur wegen der ans Perverseste grenzende Oberflächlichkeit der Computerleute möglich. Leute die Romane wie The Circle schreiben, oder die Assanges und Snowdens, sind ganz extreme Ausnahmen. Man sollte allerdings keinerlei Illusionen. Diese Art der Konsumenten von allem und jedem sind die enorme Mehrheit und die werden die Zukunft gestalten. Totalüberwachung, Datensammlung und Bargeldabschaffung sind nicht mehr aufzuhalten Dieser grosse Rest, bei dem es leider nicht weiter reicht, die Masse lebt nach dem Motto: "Mir geht es gut, sonst ist mir alles scheißegal"
frenchie3 10.09.2017
3. Also, wenn Ballerspiele zum Morden
anregen - warum sollen solche Spiele nicht zu Denken und Verstehen anregen? Ich find die Ideen klasse. Wenn erst einmal einer ein Spiel programmiert bei dem man einen Antrag bei der französischen Sozialversicherung unterbringt ist die Spitze der politischen Spiele erreicht. Ach nee, sorry, falsches Beispiel, in dem Fall wäre es das Horrorgenre
Monger1981 11.09.2017
4. immer noch ein Thema?
Würde eine erfolgreiche TV Serie über Flüchtlinge gedreht werden, wäre ein Gokden Globe im Gespräch. Das selbe Thema als Computerspiel, und es wird über die Verrohung der Menschheit debattiert. Es nervt, genau die selben Muster mit jedem neuen Medium zu sehen, statt sich über mehr kulturelle Vielfalt zu freuen.
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