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"Call of Duty Black Ops 3": Krieg im Kopf der Kameradin

Von Stephan Freundorfer

"Call of Duty Black Ops 3": Unter Cybersoldaten und Kampfrobotern Fotos
Activision

Das Milliardengeschäft mit den "Call of Duty"-Spielen schwächelt seit einigen Jahren. Die zwölfte Episode der Ego-Ballerei kommt frisch daher, mit mehr Cyber und weniger Hurra-Patriotismus. Das funktioniert ganz gut.

Warnung: Der folgende Text enthält kleinere Spoiler über spätere Missionen in "Call of Duty: Black Ops 3".

Ein Minister wird ohne Rücksicht auf Verluste aus der Geiselhaft befreit, ein explodierendes Transportflugzeug verwandelt die Kulisse in eine lodernde Trümmerwüste, und von einem gepanzerten Vehikel aus wird alles niedergemäht, was vors Sturmgewehr läuft: Die erste Mission von "Call of Duty: Black Ops 3" sieht genauso aus, wie man das von einem "Call of Duty" erwartet: ernüchternd gewöhnlich, eine modern inszenierte, aber trotzdem antiquierte Ego-Ballerei.

175 Millionen Stück hat Activision seit der ersten Episode vor zwölf Jahren abgesetzt, damit über elf Milliarden US-Dollar Umsatz generiert. Doch die Zeit der Rekorde ist vorbei: Im November 2012 wurde mit "Black Ops 2" zum letzten Mal eine Bestmarke beim Umsatz am ersten Tag erreicht. Seither ist es still geworden an den "Call of Duty"-Veröffentlichungstagen. "Black Ops 2" kam auf rund 28,5 Millionen verkaufte Exemplare, "Call of Duty: Ghosts" 2013 auf drei Millionen weniger. Das im vergangenen Jahr veröffentlichte "Advanced Warfare" erreichte nur noch die 20-Millionen-Marke.

Der altbackene Einstieg täuscht

Für den klassischen Games-Markt sind das immer noch sagenhafte Zahlen, aber für Hersteller Activision, der sich in den vergangenen Jahren auf wenige Marken wie "Destiny", "Skylanders" oder eben "Call of Duty" konzentriert, ist das Schwächeln eines Hauptumsatzbringers heikel. Activision diversifiziert gerade: Die Firma kauft für fast sechs Milliarden Dollar den "Candy Crush"-Hersteller King Entertainment.

Seit "Ghosts" kümmern sich drei Studios mit jeweils mehreren Hundert Mitarbeitern um die "Call of Duty"-Reihe. Die Entwickler haben je drei Jahre Zeit, um eine neue Episode zu schaffen, die sich von den Vorgängern abhebt. Nun präsentiert das kalifornische Studio Treyarch (seit 2005 im "Call of Duty"-Business) das Ergebnis der vergangenen 36 Monate.

Der altbackene Einstieg täuscht: "Black Ops 3" ist ein gelungenes Actionspiel, der beste Serienteil seit Jahren, allerdings auch völlig zu Recht erst ab 18 Jahren freigegeben. "Wir haben das mit der ersten Mission absichtlich so gemacht", sagt Treyarchs Chefschreiber Craig Houston. "Die Leute sollten von einem Punkt aus starten, an dem sie genau zu wissen glauben, wohin das Ganze führt. Anschließend konnten wir das unterminieren."

Denn der namenlose, vom Spieler erstellte Protagonist - oder die Protagonistin, zum ersten Mal in der Seriengeschichte kann man auch als Frau spielen - wird am Ende der Mission von zweibeinigen Kampfrobotern zu einem blutigen Klumpen geschlagen. Er/sie wird gerade noch gerettet, zusammengeflickt, nanotechnologisch aufgemotzt und über ein neuronales Interface an die Datenwolke angeschlossen.

EU und Nato gibt's nicht mehr

Es ist das Jahr 2065, EU und Nato sind kollabiert, der Klimawandel hat neue Blöcke geschaffen, an deren Nahtstelle sich letztlich aber doch wieder die USA und Russland mit ihren Verbündeten und Vasallen gegenüberstehen. An gerade mal drei geografischen Schauplätzen - Ägypten, Singapur, Zürich - schickt "Black Ops 3" den Spieler, der als Angehöriger einer Cyber-Einheit des westlichen Bündnisses heikle Aufgaben in Krisengebieten erledigt und nach und nach dunkle Machenschaften von CIA und Coalescence - einem internationalen Roboterhersteller und Menschenoptimierer - aufdeckt.

Die geringe Zahl der Einsatzorte ist ebenso ungewöhnlich für ein "Call of Duty" wie die Länge der Story-Kampagne, die auf normaler Schwierigkeit etwa neun Stunden in Anspruch nimmt. Das ist etwa ein Drittel länger als bei den Vorgängern. Der Soundtrack ist filmreif, das Timing gut, die Ego-Kämpferei trotz überschaubarer Kulissenzahl abwechslungsreich. Das liegt an der Vernetzung des Heldenhirns - Houston und sein Autorenteam entführen den Spieler immer wieder in virtuelle Gefechtszonen, die im Simulator, im Kopf einer Kameradin oder im kollektiven Unterbewusstsein der Spezialeinheit entstehen.

Wer verstehen will, muss Dokumente lesen

Die Geschichte wird Richtung Finale zunehmend esoterisch und technologiekritisch, lässt aber erfreulich wenig Raum für Hurra-Patriotismus und viel für Interpretation. Auch diverse spielmechanische Neuerungen machen "Black Ops 3" zu einem frischen, nicht ganz so vorhersagbaren "Call of Duty"-Erlebnis. Der Held bekommt Sprungdüsen und kann an Wänden laufen, was eine vielfältigere Level-Architektur erlaubt. Man kann Roboter kurzschließen und gegnerische Hardware kontrollieren, was die taktischen Möglichkeiten erweitert, und in einem CIA-Safe-House lässt sich die Spielfigur zwischen den Missionen individualisieren.

Der neuen spielerischen Freiheit ist wohl auch geschuldet, dass am Ende der Geschichte so viele Fragen offen bleiben. "Die Antworten stecken alle im Spiel", sagt Craig Houston. "Allein im Computer des Spielers im Safe House lassen sich Aberhunderte von Dokumenten einsehen." Die Entwickler haben ihre drei Jahre genutzt, um ein komplexes Zukunftsszenario zu erschaffen, dessen Facetten kaum ein Spieler in ihrer Gänze zu Gesicht bekommen dürfte.

Zudem ist die Story-Kampagne nur ein Teil des großen Ganzen. Kompetitiver Multiplayer-Modus, zusätzliche Zombie-Spielvariante und eine alternative Kampagne, die aus anderem Blickwinkel an die Schauplätze der Story zurückführt: "Black Ops 3" ist ein dickes Paket, das die Serie dringend braucht.


"Call of Duty Black Ops 3" von Activision, für Playstation 4, Xbox One, PC, PS3 und Xbox 360 (ab 6.11., letztere beide ohne Story-Kampagne); ab ca. 60 Euro; USK: Ab 18 Jahren

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insgesamt 12 Beiträge
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1. 180° wende
agrippa76 06.11.2015
die 180° wende oder Fähnchen in den Wind halten seitens der Medien wird mir immer suspekter. War SPON nicht nach Winnenden dafür Killerspiele zu verbieten? Jetzt diese Lobhudelei, schon seltsam.......
2.
schnellerfuchs 06.11.2015
Ich werde mir dieses Spiel nicht kaufen. Activision hat meiner Meinung den Niedergang der Serie besiegelt als das erste Mal dieser Zukunftstechnologiekram und so ein komisches Setting kamen... Und das wird bei Black Ops 3 konsequent fortgesetzt.. Schade um die Black Ops Serie, Teil 1 war der absolute Wahnsinn, Teil 2 ein würdiger Nachfolger, aber wenn Black Ops 3 so wie es sich anhört quasi ein Advanced Warfare wird, braucht man das Spiel meiner Meinung nach garnicht kaufen.
3. "Killerspiele"
ChristianStöcker 06.11.2015
@"Agrippa76" Sie scheinen SPIEGEL ONLINE mit einem anderen Medium zu verwechseln. Hier wurde noch nie ein Verbot irgendwelcher Spiele gefordert. Hier ein paar Lesetipps: Aktuell: http://www.spiegel.de/netzwelt/games/ballerspiele-was-wurde-aus-der-killerspiel-debatte-a-1052941.html ... und gewissermaßen historisch: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/egoshooter-debatte-rohrkrepierer-gegen-ballerspiele-a-449843.html
4. Rückläufige Umsatzzahlen
H-Vollmilch 06.11.2015
wundern mich nicht mehr wirklich. Die Preise für s.g. "Toptitel" Spiele steigen immer weiter. Mittlerweile sind Preise ab 50€ aufwärts keine Seltenheit mehr. Bei allerliebe, aber kein Spiel rechtfertigt Preise von 60-70€. Dazu kommen die "Schutzmechanismen" die immer tiefer im eigenen System herumschnüffeln und der Onlinezwang bei reinen Singleplayerspielen welche bei Severausfall dann nicht spielbar sind.
5. Das beste COD
hirlix 06.11.2015
war eh Modern Warfare. Nicht umsonst gibt es immer noch viele volle Server, selbst 8 Jahre nach Release. Die damaligen Wertungen von um die 90 Punkten bei Metacritic kommen nicht von ungefähr. Seit diesem Teil ist es mit der Serie nur noch bergab gegangen. Es musste einfach immer spektakulärer werden und wirkte aber mit jedem Teil nur noch überladener.
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