"Call of Duty: Ghosts" durchgespielt Dümmlich durch die Schlauchwelt

Die Entwickler von "Call of Duty" haben ein bewährtes Feindbild wiederentdeckt: Kommunisten. Doch einstürzende, schlauchartige Welten, viel Pathos und dämliche Dialoge degradieren die Rettung der USA zur Schießübung. Dabei wäre Platz für eine feine Geschichte gewesen.

Von

Activision

"Ich bin stolz auf dich!", höre ich zum Schluss des Spiels. Und ich bin auch selbst stolz auf mich. Ich habe durchgehalten. Mich bis zum Ende von "Call of Duty: Ghosts" geschossen. Dabei habe ich versucht zu verstehen, warum jedes Jahr erneut Millionen von Spielern einen neuen Teil kaufen. Warum "Call of Duty" eine der zur Zeit erfolgreichsten Spieleserien ist. Doch daran bin ich gescheitert. Denn an der Solo-Kampagne kann es nicht liegen.

Vielleicht lässt sich die Solo-Kampagne auch als Experiment sehen: Wie viel Unfug toleriert ein durchschnittlicher Spieler, bevor er entnervt den Controller aus der Hand legt? Wie viele Häuser können einstürzen, wenn man durch sie hindurchläuft?

Aber das ist leicht zu beantworten: Bei "Call of Duty" wackelt fast jedes Haus. Flugzeuge stürzen grundsätzlich ab, und selbst Züge sind kein sicheres Transportmittel.

Die Entwickler haben sich scheinbar gefragt: Wie viele Szenen lassen sich aus vorherigen Spielen recyceln? Wie viel Pathos passt in die Dialoge? Inzwischen scheint "Call of Duty" wenig mehr zu sein als ein Versuch, mit möglichst geringem Aufwand möglichst viele Explosionen auf den Bildschirm zu bekommen. Was in Anbetracht der Umsätze, die das Spiel erzielen wird, zynisch wirkt. Verglichen vor allem mit dem Aufwand und der Liebe zum Detail, die in "GTA V" stecken. Dem einzigen Spiel, das sich ähnlich gut verkauft wie "Call of Duty".

Die Handlung ist bekannt: Wie immer sind die USA bedroht. Allerdings kommt das Böse diesmal aus dem Süden - aus Venezuela. Und da der Feind schon keinen Turban trägt, muss er zumindest Kommunist sein.

Die Föderation, wie Südamerika in dem Spiel nach einem fiktiven Zusammenschluss der Staaten heißt, greift die USA mit Weltraumwaffen an und macht die Städte dem Erdboden gleich. Das motiviert eine als Ghosts bezeichnete Gruppe von Elitesoldaten dazu, mit ungefähr vier Mann und einem Hund namens Riley die Föderation zu Fall bringen zu wollen.

Doch das allein genügt nicht: Einer der Anführer der Föderation ist ein ehemaliger Ghost, der im Kampf zurückgelassen wurde und nun auf Rache sinnt. Jedem Trash-Regisseur wäre Unrecht getan, wenn man diese Geschichte mit einem seiner Filme gleichsetzen würde. Selbst Filme von Uwe Boll sind da im Vergleich feingeistige Werke.

Leise Schicksale in Fanfaren erstickt

All das wäre es nicht wert, sich darüber aufzuregen, wenn es nicht immer wieder Momente im Spiel gäbe, aus denen etwas hätte werden können. In ihnen blitzt eine Geschichte auf, die zu erzählen spannend gewesen wäre: die Entstehung der Ghosts, das Unheimliche, Schattengleiche, das sie immer wieder umlagert. Stille Momente, die gleich wieder in Pathos und Explosionen untergehen. Leise Schicksale, die in einer Fanfare ersticken und so keinerlei Bindung zu Protagonisten oder Gegnern möglich machen. Auch so etwas ist in Ego-Shootern möglich, wie nicht nur "Half Life 2" zeigt.

Bei "Call of Duty" aber ist der Zwang offenbar groß, lediglich kleine Variationen des immer Gleichen zu liefern. Es nicht zuzulassen, dass das Getöse aufhört, weil Spieler sonst womöglich bemerken würden, dass sie sich in einer Hochglanzfassung des Moorhuhns befinden. In ihr werden Gegner wie in einer Galerie abgeschossen, zwei warten dann noch hinter Ecken, einer rechts, der andere links. Sonst würden den Gamern die schlauchartigen Level mit Tunnelblick auffallen, die keinerlei Variation im Spiel zulassen. Sie würden bemerken, dass sie nur von unsympathischen Typen durch die Gegend gescheucht werden und keinen Schritt tun dürfen, ohne einen Befehl erhalten zu haben.

Vielleicht sollte sich die "Call of Duty"-Reihe davon verabschieden, Solo-Kampagnen zu machen und sich auf den Multiplayer-Teil beschränken. Denn der Reiz daran lässt sich nachvollziehen. Und wer unbedingt Trash als Spielinhalt braucht, ist mit "Far Cry 3: Blood Dragon" deutlich besser bedient. Das zeigt ähnlich dämliche Dialoge wie "Call of Duty", nimmt sich dabei aber wenigstens nicht so ernst.

"Call of Duty: Ghosts" von Activision, für PC, Playstation 3, WiiU und Xbox 360, ab 55 Euro; USK: ab 18 Jahren

Mehr zum Thema
Newsletter
Games und Gadgets: Die Welt digital


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 46 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
cor 14.11.2013
1. Jedes Jahr das Gleiche
COD ist eine Gelddruckmaschine. Mit absolut minimalen Aufwand wird gleiche Spiel nochmal neu aufgewärmt. Die Änderungen sind dabei so minimal, dass sie schon beinahe lächerlich sind: Es gibt eine leicht modifizierste Grafikengine, steuerbare Hunde und die Fische - bitte anschnallen - schwimmen weg, wenn man ihnen zu nahe kommt.
z101 14.11.2013
2. Dem einzigen Spiel dass ...
Zitat: Verglichen vor allem mit dem Aufwand und der Liebe zum Detail, die in "GTA V" stecken. Dem einzigen Spiel, das sich ähnlich gut verkauft wie "Call of Duty". Es gibt zwar von GTA und Call of Duty immer diese schönen Blockbustermeldungen. Es gibt aber noch andere Spieleserien die sich deutlich besser verkaufen als GTA oder Call of Duty. Mario Kart Wii beispielsweise hat sich über 33 Mio mal verkauft und damit deutlich besser als GTA4, GTA5 oder irgendein Call of Duty bisher. Mario Kart 8 kommt übrigens im April 2014 heraus.
ScoopXL 14.11.2013
3. Stimme zu
Ich war jahrelang ein absoluter Fan dieser Reihe, aber in den letzten Teilen fehlte jegliches Gespür für Story und "Innovation". Mittlerweile ödet mich das Genre nur an und wenn ich wirklich einen interaktiven Quicktime Film spielen will, spiele ich Beyond oder Heavy Rain. Modern Warfare 2 war noch ein richtiger Brecher im Genre, die Teile danach leben meiner Meinung nach nur noch von dem Hype der Vorgänger.
marcomeerbusch 14.11.2013
4.
Dass die Singleplayer-Kampange bei CoD nicht unbedingt anspruchsvoll ist, weiss doch mittlerweile jeder. Jeder, der sich das Spiel kauft, weiss auch, dass man durch Schlauchlevel läuft und gescriptete Gegnerhorden niedermähen muss. Die Inszenierung halte ich nach wie vor für sehr gelungen. Ich halte das wie bei einem Actionfilm mit recht wenig Anspruch: Hirn aus, berieseln lassen. Natürlich ist der Onlinemodus das wichtigste an dieser Reihe, dieser motiviert auch viel länger, trotzdem ist der Offlinemodus "mal für Zwischendurch" immernoch gut genug.
Asturaetus 14.11.2013
5. Amüsant
Zitat von sysopActivisionDie Entwickler von "Call of Duty" haben ein bewährtes Feindbild wiederentdeckt: Kommunisten. Doch einstürzende, schlauchartige Welten, viel Pathos und dämliche Dialoge degradieren die Rettung der USA zur Schießübung. Dabei wäre Platz für eine feine Geschichte gewesen. http://www.spiegel.de/netzwelt/games/call-of-duty-ghosts-rezension-von-carsten-goerig-a-933293.html
Ich weiss nicht warum aber bei dem Satz konnte ich mir dann doch das Lachen nicht verkneifen. Es hat so etwas herrlich einfaches alltägliches und wenn man ehrlich ist, der Ganze übertriebene Einsatz von Action heutzutage sowohl in Film als auch in Spiel ist in gewisser Weise Alltag geworden. Was für das Actiongenre natürlich denkbar schlecht ist. Zieht es doch seine Faszination aus der außergewöhlichen Situation, dem Kritischen, etwas was uns im Alltag normalerweise fremd ist. Kein Wunder wenn dann die Machwerke nur noch als stumpf wahrgenommen werden - denn die dahinter stehenden Geschichten können für sich nun meist wahrlich nicht begeistern.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.