Game-Projekt Dieser Mann spielt alle Rollenspiele durch. Alle.

Hunderte Titel, Tausende Stunden vor dem Bildschirm: Chester Bolingbroke will jedes Computerrollenspiel der Geschichte spielen, besprechen und dokumentieren. Die Jahre 1979 bis 1990 hat er schon geschafft, doch in der Gegenwart wird er wohl nie ankommen.

Von

Konrad Lischka

Chester Bolingbroke geht seine Leidenschaft methodisch an, man könnte auch sagen: akribisch. In einer Tabelle hat er alle Computerrollenspiele notiert, die er durchspielen will. 1191 Einträge umfasst die Liste derzeit, sie beginnt 1979 mit dem "Ultima"-Vorläufer "Akalabeth" und endet im Jahr 2012. In den vergangen dreieinhalb Jahren hat Bolingbroke immerhin 117 der Titel durchgespielt, besprochen und in einer zweiten Tabelle dokumentiert: Bewertung in zehn Kategorien, Spielzeit und Spieldauer. In insgesamt 2040 Stunden (das sind 85 Spieltage am Stück) hat er sein erstes Jahrzehnt Computerspielgeschichte geschafft. Er spielt gerade im Jahr 1990.

Warum tut ein Mann das?

Der Titel von Bolingbrokes Blog könnte ein Hinweis sein: CRPGaddict - Computerrollenspielsüchtiger. Seit Anfang 2010 schreibt Bolingbroke hier über seine Spielerfahrung, er rezensiert jeden Titel liebevoll, kenntnisreich und erhellend. Wenn man die Kommentare in seinem Blog liest (viele Dutzend bei fast jedem Beitrag), wird klar, dass er eine große, sehr interessierte und bewanderte Fangemeinde versammelt hat. Er ist 41 Jahre alt, Chester Bolingbroke ist ein Pseudonym. Warum? "Ich arbeite als Freiberufler für den öffentlichen Sektor. Ich will nicht, dass Menschen in meinem Job von meinem Spielblog erfahren."

Verliebt in "Ultima IV"

Bolingbroke spielt zehn bis zwölf Stunden in der Woche. Er lebt mit seiner Frau an der US-Ostküste und ist beruflich viel unterwegs, meist drei Wochen jeden Monat. Er hat sein Notebook immer dabei, die alten Rollenspiele laufen darauf in einem Dos-Emulator. Er spielt auch unterwegs, am liebsten aber zu Hause auf mehreren Monitoren: "Auf denen verteile ich das Spielfenster, mein Kartenmaterial, die Notizen und den Textentwurf."

Das erste Spiel, das Bolingbroke fesselte, war "Questron", ein Rollenspiel für den C64, das Mitte der achtziger Jahre erschienen ist. Er erinnert sich: "Ich habe lange 'Space Invaders', 'Asteroids' und andere Atari-Titel gespielt. Aber keines davon packte mich wirklich. Das passierte mit 'Questron', es war das erste Spiel, von dem ich abhängig wurde." Wenig später erschien "Ultima IV", einer der herausragenden Titel jener Zeit mit einer offenen Spielwelt, nichtlinearem Verlauf und einem ungewöhnlichen Konzept: Der Spieler muss seine Figur zu einem Vorbild in acht Tugenden wie Gerechtigkeit, Mitleid oder Demut entwickeln.

Bolingbroke spielte es jahrelang: "Das ist das erste Spiel, in das ich mich verliebt habe, es hat einen großen Teils meines Lebens zwischen dem zwölften und fünfzehnten Lebensjahr eingenommen. Auch Jahre später habe ich jedes Spiel mit 'Ultima IV' verglichen - und immer fehlte etwas."

Computerrollenspiele auf der To-do-Liste

Über die Jahre spielte er mal mehr, mal weniger, mal gar nicht. Aber immer wieder verlockte ein richtig gutes Rollenspiel Bolingbroke zu einer Marathonsitzung. Als seine Frau 2009 für drei Tage zu einem Kongress fuhr, verbrachte Bolingbroke die Zeit zu Hause mit "The Elder Scrolls IV: Oblivion". Eigentlich wollte er arbeiten und nur ein paar Stunden spielen. Bolingbroke löste sein Selbstkontrollproblem so: "Mein Problem war, dass Computerrollenspiele mit meiner To-do-Liste konkurrieren, also machte ich sie zu einem Teil meiner To-do-Liste." Er beschloss, jedes Computerrollenspiel durchzuspielen und zu dokumentieren.

Seine Texte beschreiben die Stärken und Schwächen jeder Spielmechanik genau. Es ist lesenswert, wie Bolingbroke das Lieblingsspiel seiner Jugend "Ultima IV" seziert oder beschreibt, warum sich Computerspiele in der Fantasywelt "Forgotten Realms" so besonders anfühlen.

Mit seiner Frau spielt er "Red Dead Redemption"

Was ihm an den Rollenspielen der Achtziger im Vergleich zu heute auffällt?

"Der Spieler musste viel mehr Zeit, Mühe und Denkarbeit investieren. Er musste Karten zeichnen, Hinweise notieren, Rätsel lösen und seine Expeditionen sorgsam planen. Heute haben große kommerzielle Rollenspiele Kartenautomatik, vorausgewählte Dialoge, automatische Tagebücher und so weiter. Wir haben Grafik- und Klangqualität gewonnen, aber den Nervenkitzel verloren, den man bei alten Spielen hatte, wenn man hektisch in den Notizen blätterte, um die Lösung eines Rätsels zu finden."

Bolingbroke spielt auch noch aktuelle Titel, zusammen mit seiner Frau auf der Xbox Spiele wie "Red Dead Redemption" und gerade das Fantasy-Actionspiel "Dragon's Dogma". Allein mag er mehr die alten Spiele: "Ich glaube, dass Computerrollenspiele ihren Höhepunkt zwischen 1995 und 2003 hatten, ich freue mich darauf, in dieser Zeit anzukommen."

Das wird beim gegenwärtigen Tempo noch etwas dauern. Bolingbroke ist zuversichtlich:

"Ich habe 18 Monate für 1988 gebraucht und 14 für 1989. Ich glaube nicht, dass ich je in der Gegenwart ankomme. Aber ich denke, ich werde so lange spielen und bloggen, wie ich lebe, es Blogs gibt und die Spiele verfügbar sind."

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insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
vicbrother 29.09.2013
1. Ende absehbar
Mit "Daggerfall" ist das Ende dann gekommen. Die Spielwelt kann er jedenfalls nicht komplett durchspielen...
marthaimschnee 29.09.2013
2.
Durchspielen ist meistens kein großes Ding, sogar Oblivion oder Skyrim schafft man in 50 Stunden. Aber das ist halt nur ein winziger Teil des Spiels, genau wie bei GTA, kann man mit jedem auch locker mehrere tausend Stunden verbringen.
eaog 29.09.2013
3. Am Rechner schön und gut..
..aber es gibt nichts, keine Grafik, keine Story und keine Mitspieler die dem Pen & Paper Rollenspiel das Wasser reichen können, wenn man einen guten Spielleiter hat. Die Weltdynamik ist durch einen Rechner aus dem selben Grund nicht zu erreichen wie man keine "echte" KI herstellen kann - es muss über das Eingebaute hinausgehen und nicht bloß reagieren und vorgescriptet ablaufen. Eben wie moderiertes und improvisiertes Theaterspiel in dem man seiner Rolle die größtmögliche Tiefe verleihen und eine spannende Geschichte erleben will, unterstrichen vom Ambiente - die beste Simulation ist immernoch im Kopf.
kölschejung72 29.09.2013
4.
Es gab in den Jahren viele Rollenspiele, die die Kunden enttäuscht hat. Manche sogar sehr. Insofern frage ich mich, warum sich der Herr nicht auf die "guten" Rollenspiele beschränkt. Alles andere ist irgendwie unsinnig und wirkt zwanghaft.
kaitou1412 29.09.2013
5.
Wo doch die meisten Rollenspiele auf Konsolen rauskommen … Haaach, Seiken Densetsu 2 und Terranigma …
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