Von Mathias Hamann
Hamburg - Mal angenommen, ein begeisterter Hobbyregisseur nimmt ein paar Charaktere aus "Star Wars", entwirft neue dazu und dreht mit ihnen einen Streifen namens "Die sieben Sternenkrieger". Der Film hat ein paar Helden aus dem Original, sonst aber eine ganz andere Handlung. Fans geben dem Hobbyregisseur immer wieder Tipps oder helfen sogar bei den Computeranimationen. Selbst "Star Wars"-Schöpfer George Lucas findet das Fanprojekt prima und gibt seinen Segen. Dann heuert ein anderes Filmstudio den Hobbyregisseur an. Er soll "Die sieben Sternenkrieger" noch einmal drehen, das Studio will den ganzen Spaß ins Kino bringen. Gleichzeitig sichern sie sich die Namensrechte an "Die sieben Sternenkrieger." Wie würde George Lucas wohl reagieren, wenn ein Konkurrent mit seinem Universum Geld machen will?
Mit dem Computerspiel "DotA" ist genau das passiert. Es basiert auf dem Echtzeitstrategiespiel "Warcraft III" der Firma Blizzard. "DotA" ist eine Modifikation, kurz Mod. In "Warcraft III" dirigiert der Spieler seine Einheiten noch einsam gegen den Computer oder via Internet gegen einen menschlichen Spieler. Für die Mod änderte ein Modder namens "Eul" das Spielprinzip. Die Spieler steuern nur noch einen Helden, den sie, wie in einem Rollenspiel, vorher aufpäppeln müssen. Statt allein treten sie mit anderen menschlichen Spielern im Team gegeneinander an. Das Ziel: die Basis des Gegners zerstören, "Ancient" genannt. Natürlich gilt es auch, die eigene Basis zu schützen. Daher auch der Name "DotA": "Defense of the Ancients." Die Mod begeistert weltweit Millionen Fans, Turniere locken professionelle Teams mit Preisgeldern. Zwei Firmen kopierten das "DotA"-Prinzip und nannten ihre Schöpfungen "Heroes of Newerth" und "League of Legends". Die "DotA"-Fans blieben dem Original treu.
Selbes Prinzip, ähnliche Grafik, nur besser
Nach dem Modder "Eul" übernahm ein weiterer mit dem Netznamen "Icefrog" "DotA". Niemand kennt seinen wahren Namen. Er kommuniziert via Internet und Blog mit den Fans von "DotA". Jahrelang schuf er neue Helden, entschärfte Fehler und balancierte das Spiel aus. Dann heuerte ihn die Spielefirma Valve (" Half-Life", " Portal")an. Der Auftrag: "DotA" noch einmal entwickeln. Dasselbe Prinzip, ähnliche Grafik, nur besser.
"Wir sind in der Firma große 'DotA'-Fans", erklärte Erik Johnson von Valve im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Er betreut "DotA" bei Valve, wirkte im Gespräch aber leicht abwesend. Er starrte auf einen Monitor, auf dem eine Partie "DotA 2" lief. Zur Präsentation der Spiels bei der Kölner Gamescom hatte Valve einige der besten Zockerteams an den Rhein geholt und ließ sie gegeneinander antreten, dem Gewinner winkten eine Million US-Dollar. Um den Stand versammelten sich Hunderte Fans, im Internet schauten Tausende die Live-Übertragung und auch Erik Johnson während des Interviews.
"Wir wissen noch nicht, wie wir 'DotA 2' monetarisieren", erklärt Gabe Newell, Gründer und Chef von Valve. Gibt es ein Abo-Modell, lassen sich bestimmte Gegenstände im Spiel gegen echtes Geld kaufen? "Wir wissen es noch nicht", sagt der Valve-Boss.
"Wirklich befremdlicher Schritt von Valve"
Bisher muss man Blizzards "Warcraft III" kaufen, wenn man die "DotA"-Modifikation spielen will. Blizzard selbst will ebenfalls ein "DotA" auf dem Markt bringen. Doch das ist nicht so einfach, denn Valve hat Schutzrechte für den Namen angemeldet.
Rob Pardo, Vizepräsident fürs Game-Design bei Blizzard, kritisierte in einem Interview mit "Eurogamer" das Valve-Vorgehen: "Es erscheint mir einfach nur als ein wirklich befremdlicher Schritt von Valve, zu versuchen, ein exklusives Markenrecht an etwas zu erwirken, das bislang für uns und jeden innerhalb der 'Warcraft III'-Community frei zugänglich war", so Pardo.
Wem gehört "DotA"? Nun Valve! Gabe Newell versichert: "Wir nehmen niemandem etwas weg." Zum einen kann ja jeder weiter den Ursprungstitel "Warcraft III" verändern, zum anderen binden die Entwickler für den Nachfolger Fans mit ein.
"Es wird schon sehr viel Wert auf Feedback gelegt", bestätigt Lenny Schwiebert. "Von den 104 Helden aus 'DotA' hat man erst mal 46 der populärsten in den Nachfolger übernommen", erklärt Sebastian Kröll ein Beispiel. Beide sind als sogenannte Beta-Tester im Einsatz. Jahrelang gaben sie "DotA"-Betreuer "Icefrog" Tipps und Verbesserungsvorschläge, der lud die zwei dann ein, frühe Versionen des Nachfolgers auszuprobieren. Die beiden wollen für diese Beta-Tests kein Geld, obwohl sie neben Arbeit und Studium täglich ein paar Stunden investieren. Als Fans wünschen sie, dass am Ende ein gutes Spiel herauskommt. Als Erscheinungstermin hat Valve Anfang 2012 angepeilt. Ende September kündigte Valve an, man werde die Veröffentlichung von "DotA 2" noch schneller vorantreiben als eigentlich geplant: "Die Rückmeldung, die wir aus allen Richtungen bekommen, ist einfach, dass die Leute endlich spielen wollen."
Wird Blizzard für sein "DotA" wegen des Namensrechts klagen? "Wir nehmen dazu keine Stellung", sagt Christian Beer, Blizzards PR-Mann in Deutschland. Frank Pearce, ein leitender Blizzard-Manager, erklärte "Eurogamer", dass seine Firma den Namen "DotA" nicht verwenden wird.
Die Szene wartet gespannt auf die Blizzard-Schöpfung. Die Idee klingt faszinierend: Die Spieler können Charaktere diverser Blizzard-Titel steuern und im Team gegen andere antreten. Das wäre so ähnlich, als ob Gestalten verschiedener Filme von George Lucas sich einen Showkampf liefern: Zum Beispiel die Jedis Yoda und Obi-Wan Kenobi gegen den Archäologen Indiana Jones und seinen Vater: Lichtschwerter gegen Peitsche.
Apropos: Viele halten den letzten "Indiana Jones" und auch die neueren "Star Wars"-Filme für ein Vergehen an der Originalidee. Doch anders als bei Games können Fans Filme nicht so leicht verändern. Da klagen schnell die Anwälte. Schade eigentlich.
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