"Halo 4" angespielt: Der Krieger und die Nackte

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Die "Halo"-Reihe gehört zu den erfolgreichsten der Videospielgeschichte, hat Milliarden Dollar eingebracht. Nach 46 Millionen verkauften Exemplaren kommt nun Teil vier, mit großem Tamtam und Rekorderwartungen. Viele Fans haben sehnsüchtig darauf gewartet. Warum eigentlich?

"Halo 4": Der Held und sein Gewehr Fotos
Microsoft

Beginnen wir mit einem Experiment: Wir schließen die Augen, atmen ganz tief in den Bauch. Wir stellen uns eine Waldlichtung auf einem fremden Planeten vor. Einfach an "Avatar" denken und Blumen und Gräser abziehen. Wir stellen uns einen Mann vor, der in einem grünen gepanzerten Schutzanzug mit Helm und golden verspiegeltem Visier über die Lichtung läuft. Dazu kleine Wesen, die wie eine Mischung aus Gartenzwerg und Einsiedlerkrebs aussehen. Wir stellen uns vor, wie diese Wesen mit schrill quietschenden Stimmen schreien: "Sie werden uns alle töten!" Dann setzt der Mann im Anzug seine Waffe an und metzelt die skurrilen Wesen nieder. Der Mann trägt den Namen Master Chief.

"Halo" ist, wenn man es genau betrachtet, nicht nur wahnsinnig erfolgreich, sondern auch ziemlich lustig.

So ist diese Drei-Milliarden-Dollar-Reihe aber nicht gemeint. Witz und Ironie sind hier ausgeschlossen. Szenen wie die beschriebene werden mit religiösem Eifer akzeptiert, nicht als Comedy verstanden. Ebenso wie die Tatsache, dass ein Held eben Master Chief heißen muss und mit einer holographischen künstlichen Intelligenz unterwegs ist, die Cortana heißt und in Gestalt einer fast nackten Frau erscheint. Dazu passt der Auftritt eines Master-Chief-Darstellersbei einer Werbeveranstaltung in Israel : Er empfahl seinem Publikum, "keine Mädchenspiele mehr" zu spielen, sondern bitte "Halo 4". Kurz zuvor erst hatte der ausführende Produzent des Spiels in einem Interview gesagt, für sexistische Einlassungen im "Halo"-Livechat werde es künftig "null Toleranz" geben. Für den Master Chief selbst gilt diese Regel augenscheinlich nicht.

"Sobald wir den Ereignishorizont überschreiten"

Ich persönlich kann die "Halo"-Reihe schon seit der eingangs beschriebenen Szene nicht mehr ernst nehmen. Sie stand am Anfang des ersten Teils - im vierten kommt sie wieder, aber dazu später. Dieser vierte Teil ist eben erschienen, einige Nebenprojekte sind in der offiziellen Nummerierung nicht mitgerechnet. Insgesamt hat Microsoft 46 Millionen "Halo"-Spiele verkauft, drei Milliarden Dollar damit umgesetzt. "Halo 4" wird mit einem riesigen Marketingaufwand begleitet, es gab Launch-Events mit Hubschraubern und reihenweise Hünen im Master-Chief-Kostüm. Ich habe die ersten beiden Teile durchgespielt, weil ich den quasi-religiösen Eifer der "Halo"-Fans verstehen wollte. Den dritten habe ich irgendwann entnervt aufgegeben, die Nebenprojekte kurz angespielt. Ich verstehe diese Serie nicht. Auch jetzt noch nicht.

Ich versuche es trotzdem einmal: Auf der einen Seite ist die Menschheit, ihr großer Held ist dieser Superkrieger namens Meisterchef oder Superboss oder so ähnlich. Auf der anderen Seite sind Außerirdische, die böse sind und die Menschheit vernichten wollen. Manchmal sind es auch mehrere verschiedene Arten von Außerirdischen, von denen einige auch mal gut sind. So genau weiß ich das nicht, weil die Dialoge schwülstig, langwierig und ermüdend sind. Vielleicht auch nur merkwürdig übersetzt. Beispiel: "Sobald wir den Ereignishorizont überschreiten, zerreißt uns die Atmosphäre."

Was ist an diesem Spiel bloß dran?

Egal. Ich versuche, ohne Vorurteile an den neuen Teil heranzugehen und bin über den Beginn überrascht. In dem wird über die Herkunft des "Master Chief" berichtet. Der ist schon als Kind zum Soldaten gedrillt worden, um so zu einem der besten, weil skrupellosesten Kämpfer zu werden. Die gleichen Methoden werden im Zusammenhang mit Kindersoldaten in Afrika beschrieben. Wie ihnen Humanität abtrainiert wird in einem Alter, in dem sie noch keine starke eigene Persönlichkeit gebildet haben. Ich bin fasziniert. Sollte "Halo 4" tatsächlich eine Geschichte zu erzählen haben, die über den üblichen Sci-Fi-Kitsch hinausgeht? Die mich dazu bringt, weiterzuspielen?

Der erste Dämpfer folgt bald. Da erfahre ich, dass künstliche Intelligenzen im Regelfall sieben Jahre leben, meine Begleiterin Cortana allerdings schon acht Jahre alt ist und es anscheinend im Rest des Spiels darum gehen wird, sie zu retten und von dem Planeten der Blutsväter auf die Erde zu bringen, wo sie repariert werden kann - oder was auch immer man mit künstlichen Intelligenzen macht, um ihre Lebensdauer zu steigern.

Der größte Dämpfer aber erfolgt kurze Zeit später, als ich den Master Chief über einen Planeten steuere, der aussieht, wie eine mit etwas mehr Details versehene neue Version des Planeten im ersten "Halo". Ich sehe dieselben Waffen, dieselben Fahrzeuge, dieselben Gegner. Ich habe das Gefühl alles schon einmal gesehen zu haben. Diese Grafik, die angeblich atemberaubend sein soll, die in Wirklichkeit aber steril und langweilig ist.

Und dann lasse ich den Master Chief auf Wesen schießen, die wie eine Mischung aus Einsiedlerkrebs und Gartenzwerg aussehen. Diesmal kreischen sie in Kauderwelsch und einer Stimmlage, die so klingt, als ob Gollum versucht, die Schlümpfe zu imitieren. Ich muss lachen und höre erst einmal auf. Vielleicht mache ich doch weiter. Irgendwas muss an diesem Spiel ja dran sein.

Das sagen die anderen: Die überwiegende Mehrheit der Kritiker ist positiv gestimmt: "Halo 4" wird als gutes Spiel mit straffem Gameplay und guter Grafik beurteilt. Eine gelungene Rückkehr des Master Chief soll es sein und vor allem der Multiplayer-Teil mache wieder großen Spaß. Nur wenige bemängeln fehlende Innovationen.


"Halo 4" von Microsoft, für Xbox 360, ca. 60 Euro; USK: Ab 16 Jahren

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insgesamt 62 Beiträge
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1. Wie weit...
chaos667 07.11.2012
...hat der Tester das Spiel überhaupt gespielt? Der Text beschreibt die ersten zwei Level, die neuen Gegner werden nicht beschrieben, die sehr gute AI auch nicht. Vielleicht sollte SPON auch einfach Spielereviews lassen. ;-)
2. Überschätzt
Meckermann 07.11.2012
Zitat von sysopMicrosoftDie "Halo"-Reihe gehört zu den erfolgreichsten der Videospielgeschichte, hat Milliarden Dollar eingebracht. Nach 46 Millionen verkauften Exemplaren kommt nur Teil vier, mit großem Tamtam und Rekorderwartungen. Viele Fans haben sehnsüchtig darauf gewartet. Warum eigentlich? http://www.spiegel.de/netzwelt/games/computerspiel-halo-4-rezensiert-von-carsten-goerig-a-865758.html
Das frag ich mich seit Halo 1 auch. Das war spielerisch sicher solide (steuerbare Fahrzeuge waren damals noch eine Seltenheit im Shooter-Genre), von der Story her aber doch eher abgedroschen und auch nicht besonders abwechslungsreich inszeniert. Das Bedürfnis nach einem Nachfolger hatte ich nie.
3. Hinnehmen
chris_7599 07.11.2012
Oh Mann Master Görig, was haben Sie denn von diesem Spiel erwartet: Eine Abhandlung über Kierkegaard? Das ist ein Ballerspiel, jeder weiß das und wers mag solls kaufen. Fertich
4.
erlachma 07.11.2012
Zitat von sysopMicrosoftDie "Halo"-Reihe gehört zu den erfolgreichsten der Videospielgeschichte, hat Milliarden Dollar eingebracht. Nach 46 Millionen verkauften Exemplaren kommt nur Teil vier, mit großem Tamtam und Rekorderwartungen. Viele Fans haben sehnsüchtig darauf gewartet. Warum eigentlich? http://www.spiegel.de/netzwelt/games/computerspiel-halo-4-rezensiert-von-carsten-goerig-a-865758.html
"Beispiel: "Sobald wir den Ereignishorizont überschreiten, zerreißt uns die Atmosphäre."" ist jetzt sooo falsch nicht. Bis auf die Tatsache, dass nicht die Atmospähre einen zerreißt, sondern die Gravitation. Atmosphäre im herkömmlichen Sinn gibts nämlich in der Nähe eines Ereignishorizonts nicht. Ich fürchte aber, dass der Autor des Artikels gar nicht weiß, was ein Ereignishorizont ist...
5. Keine Rezension
foxxraec 07.11.2012
Was dem Artikel außer der persönlichen Abneigung des Autors zu entnehmen sein soll, bleibt leider ein Rätsel. Hätte man sich auch sparen können...
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Zum Autor
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