Computerspiele in der Familie Wenn Eltern mit den Kindern zocken

Die Generation, die erstmals mit Videospielen aufgewachsen ist, hat längst selbst Kinder. Dürfen die nun unbegrenzt zocken? Oder vielleicht gar nicht? Fünf Eltern berichten.

Szene aus "Minecraft"
TeamMojang

Szene aus "Minecraft"

Protokolle von


Videospiele hatten es lange Zeit besonders bei Eltern nicht einfach: Jahrzehntelang waren sie von vielen geächtet, bestenfalls als Zeitverschwendung, schlimmstenfalls als vermeintlich gefährliche "Killerspiele". In dieser Zeit sind viele Menschen aufgewachsen, die trotz der Widerstände intensiv am Computer gespielt haben.

Mittlerweile sind viele von ihnen selbst Eltern und digitale Spiele gehören inzwischen zum Alltag der allermeisten Kinder. Hier erzählen fünf Gamer, wie sie ihre Kinder im Hinblick auf den Umgang mit Videospielen erziehen:

Thomas Haaks, 53, Diplom-Informatiker. Drei Kinder im Alter von 28, 21 und 15.

Benjamin und Thomas Haaks

Benjamin und Thomas Haaks

"Für meine Kinder ist es Segen und Fluch zugleich, dass ich Informatiker bin. Denn ich kann genau protokollieren, wie viel die so spielen. Und habe ein Programm installiert, das den PC um eine bestimmte Uhrzeit - nach einer kurzen Warnung - herunterfährt.

Andererseits aber kenne ich mich auch mit Spielen gut aus. So braucht mein Jüngster mir etwa nicht erklären, dass er in 'League of Legends' nicht einfach ausmachen kann, während er gerade in einem Onlinematch ist. Das weiß ich und respektiere es auch.

Grundsätzlich haben wir aber eine Medienzeit eingeführt. In dieser Zeit können die Kinder entscheiden, was sie spielen oder schauen wollen. Dokumentationen oder ähnliches haben wir nie zu dieser Medienzeit dazugezählt, das war für uns Bildung. Heute würde ich wohl auch einige Videospiele dazuzählen. So etwa 'Minecraft', wo Kinder durchaus auch Mathematik, Logik oder Kreativität lernen können.

Manchmal kommt es bei der Medienzeit auch zu Kompromissen und Nachverhandlungen. Wenn der Jüngste etwa darum bittet, noch eine halbe Stunde zocken zu dürfen, dann erlauben wir ihm das. Aber erst, nachdem er vorher eine halbe Stunde im Garten auf dem Trampolin rumgehüpft ist."


Oliver Waack-Jürgensen, 55, Physiotherapeut. Mehrere Kinder, Stiefkinder und Enkel.

Oliver Waack-Jürgensen

Oliver Waack-Jürgensen

"Ich bin seit 1985 Zocker und kenne die vielen Vorurteile gegenüber Videospielen. Mir selbst haben Spiele bei meiner Sozialisierung geholfen. Ich war nie ein sonderlich sozialer Typ. Erst Onlinespiele wie 'Ultima Online' haben das geändert und dazu geführt, dass ich viele Leute kennengelernt habe: Zunächst im Spiel, dann auch bei Treffen im echten Leben.

Meine Lebenspartnerin hat zwei Söhne, einer ist 12, der andere 15. Der Ältere spielt kaum Spiele, von denen er weiß, dass er nicht gewinnen kann. Der Jüngere dagegen ist ziemlich ambitioniert. Das führt schon mal dazu, dass er den Monitor anschreit. Ich gehe dann zu ihm und rede mit ihm darüber - Kommunikation ist das Wichtigste.

Auch meine Enkel, die sind 5 und 6, sind schon begeistert von 'Minecraft'. Ich habe ihnen das Spiel Weihnachten gezeigt, als ich bei meiner Tochter zu Besuch war. Natürlich saß ich am Rechner immer daneben, 'Minecraft' war Teil unserer Feiertage.

An zwei Parametern messen wir, ob es mit den Videospielen zu weit geht: an den schulischen Leistungen und am zwischenmenschlichen Verhalten. Wenn sich da für uns merklich etwas verändert, sprechen wir mit den Kindern darüber."


Marcus Richter, 42, Moderator und Radiojournalist. Erzieht zwei Kinder mit.

Marcus Richter
Werbeagentur Haas

Marcus Richter

"Meine Freundin hat zwei Kinder. Eines ist im Grundschulalter, das andere geht auf eine weiterführende Schule. Beruflich habe ich auch mit Videospielen zu tun, daher überlege ich mir sehr gut, welche Spiele die Kinder sehen dürfen, an welchen Erlebnissen ich sie teilhaben lasse.

So mag ich etwa sogenannte Free2Play-Spiele nicht sonderlich und erkläre das den Kindern auch. Sicherlich werden sie im Freundeskreis oder auf dem Schulhof trotzdem damit in Kontakt kommen. Aber immerhin haben sie dann hoffentlich meine Worte im Kopf und wissen, welche Haken diese Spiele haben.

Wie viel gespielt wird, ist täglich Verhandlungssache. Ein paar feste Regeln gibt es natürlich: Nicht kurz vor dem Schlafen noch zocken zum Beispiel. Regeln wie "Jetzt darfst du noch zehn Minuten spielen" halte ich nicht für sinnvoll. Das geht doch auch an der Logik vieler Spiele vorbei. Logischer ist: "Dieses Level kannst du noch zu Ende zocken, dann ist Schluss."

Wenn wir in den Urlaub fahren, nehme ich gern ein Spiel mit, das wir gemeinsam ausgiebig erkunden können. So war das etwa bei 'The Witness' der Fall. Die Ästhetik dieses Rätselspiels hat die Kinder total gefangen. Auch 'No Man's Sky' haben sie aufmerksam mitverfolgt, Raumschiffe sind halt cool."


Caroline Valdenaire, 32, Projektmanagerin. Ein Sohn, fünf Jahre, eine Tochter, drei Jahre.

Caroline Valdenaire

Caroline Valdenaire

"Sobald die Kinder im Bett sind, freue ich mich aufs Spielen. Gerade bin ich mit 'Horizon Zero Dawn' fertig geworden. Als nächstes folgen wohl 'Sea of Thieves' und 'A Way Out'. Die Zeit fürs Spielen nehme ich mir ganz bewusst. Videospiele sind seit jeher ein großer Teil meines Lebens.

Meine Kleine weiß gar nicht, was Videospiele sein sollen. Aber mein Sohn findet das schon jetzt sehr spannend. Und ich finde es spannend, dass er es spannend findet. Als ich 'Horizon - Zero Dawn' gespielt habe, wollte ich ihm die unglaubliche Aussicht zeigen, die man hat, wenn man auf einen Berg klettert. Die Kämpfe habe ich ihm derweil natürlich nicht gezeigt. So zocke ich inzwischen fast jedes Spiel mit diesem Blick: Was könnte ich ihm zeigen, was würde ihn faszinieren?

Allein ist er allerdings ziemlich schnell überfordert, ein Videospiel ist eben ziemlich komplex. Auf dem Mini-SNES hat er etwa versucht, 'Super Mario World' zu zocken, ist aber ziemlich schnell daran verzweifelt. Dabei denkt man doch gerade bei Mario, dass es für Kinder ist. Stattdessen hat er jedoch ein Spiel ganz bis zum Schluss gespielt, das eigentlich total 'erwachsen' ist: 'Journey'. Das habe ich ihm gezeigt, ohne es ihm zu erklären. Er hat das alles selbst für sich entdeckt und es dann über mehrere Tage durchgespielt."


Kai Roos, 44, Gymnasiallehrer. Vier Kinder, 5 bis 16 Jahre alt.

"Ein Schlüsselerlebnis war für uns, als wir 'GTA 5' gespielt haben und eine unserer Töchter sah, dass da ein Auto durch eine Stadt fährt. Sie ist dann auf Papas Schoß geklettert. Sofort habe ich versucht, mich an alle Verkehrsregeln gehalten. Doch das geht nicht lange gut bei 'GTA'. Irgendwann bin ich dann doch über Rot gefahren. Hat unsere Tochter natürlich gesehen und mich direkt ermahnt. Ich habe ihr dann erklärt, dass das ein Spiel ist. Danach wurde es wild: Sie wollte, dass wir richtig durch die Stadt rasen.

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Multiplayer-Games: Was sich gut zusammen spielen lässt

Eigentlich interessieren sich unsere Kinder aber für andere Spiele. Unsere Neunjährige etwa spielt 'Yonder'. Das kann man lapidar als 'Zelda'-Klon bezeichnen, es kommt jedoch ohne Gewalt aus. Die älteste Tochter hat damals auf der Wii 'Endless Ocean' gespielt und danach sogar eine Rezension dazu geschrieben. 'Animal Crossing' war lange Zeit unser Familienspiel. Eine unserer Töchter hat dadurch sogar ein wenig Schreiben und Lesen gelernt.

Als Lehrer merken wir, dass der Umgang mit Videospielen unverkrampfter wird. So hatten wir etwa schon mal eine Lan-Party im Lehrerkollegium. Dennoch erlebe ich es immer wieder, dass Eltern bei dem Thema die Nase rümpfen und sofort pädagogische Gefahren sehen. Andere fragen, welche Spiele gut für Kinder geeignet sind. 'Flower' etwa ist ein guter Vorschlag.

Ich setze mich mit der Organisation "Child's Play" dafür ein, dass digitale Spiele auch in Krankenhäusern etabliert werden. Unsere jüngste Tochter ist mit eineinhalb Jahren an Leukämie erkrankt und war über ein Jahr immer wieder im Krankenhaus. Spiele haben sie in dieser Zeit über Wasser gehalten. Ich habe ein iPad angeschafft und ihr ganz einfache Spiele gezeigt, die sie ablenken konnten. Dank unserer Arbeit hat das Krankenhaus mittlerweile eine Konsole im Wartezimmer."

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Von Anfang an spaßig: In dieser Fotostrecke empfehlen wir Spiele mit Einsteiger-Hilfen


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Paddel2 20.02.2018
1. Angst aus Unwissenheit
Es ist wie so oft: Ängste entstehen vor dem Unbekannten. Es kann doch nicht sein, dass Eltern heutzutage keine Berührpunkte zu Videospielen haben oder immer noch alte Vorurteile formulieren. Ich kenne kaum Akademiker aus den sogenannten MINT-Fächern, die keine Zocker-Vergangenheit haben. Videospiele können einen bedeutenden pädagogischen Beitrag leisten und schulen nachweislich die kognitiven Fähigkeiten.
hakim 20.02.2018
2. Na endlich....
Die Berichterstattung über Videospiele ist ja meist anders geprägt. So viel Angst und Vorurteile und schlichte Nichtwissen bei Politikern, Lehrern, Erziehern und generell vielen älteren Menschen. Die Online_Spielewelt ist schon lange zentraler Baustein der Bildung unserer Kinder. Andere Beschäftigungen z.B. Sport, Handwerken, Garten etc. letnen Kinder auch am besten, von Menschen, die davon begeistert sind und sich auskennen. Das sollte auch bei neuen Medien so sein. Also lernt von euren Kindern!!! Ich konnte die Begeisterung meiner Kinder verstehen, wenn sie bei "Mariocart" (ein AutoRennspiel) gegen Spieler aus der ganzen Welt antreten. Wenn ein Deutscher, zwei Amerikaner ein Afrikaner und zwei Spanier zusammen spielen, versteht auch ein Kindergarten-Kind 'fließend Englisch ist Basiswissen, das will ich schnell lernen' Da ist die Begeisterungskernspirale angeschmissen, man muss sie nur noch mit Angeboten (englische Kinderbücher, CDs, Reisen, Kurse) nachfüttern. Das ist dann Aufgabe der Eltern und Lehrer. Meine Kinder wollten schon vor der Schule lesen lernen, denn nur so kann man ohne ständig um Hilfe betteln zu müssen textlastige Adventures spielen. Die anhalten Begeisterung fürs Lesen, haben wir den Beleidigungsduellen bei 'Monkey Island' zu verdanken. In 'Minecraft' kann man zwar auch irgendwelche Monster erschießen, aber vor allem ganze Städte dreidimensional errichten. Programmieren lernen wollen Fortgeschrittene in 'Minecraft' sowieso. Sie bringen es sich mit Tutorials selbst bei teilweise in Teamarbeit. Überhaupt sind Online-Rollenspiele das beste Training der Kernkompetenz 'Teamfähigkeit'. Ein schlagkräftiges Team zusammenstellen, Aufgaben verteilen je nach Fähigkeiten, führen und führen lassen, das alles lernen Kinder mit Begeisterung. Kleine Handyspiele, wie GeometryDash o.ä. eignen sich hervorragend, um selbst Level zu bauen oder sie mit der Kinder-Programmierplattform "Scratch" nach zu programmieren und dann eigene Projekte umzusetzen. Schach haben unsere Kinder mit "Fritz und Fertig" gelernt. Schon mit 4-5 Jahren konnten sie problemlos mit einem Erwachsenen spielen. Der Sprung vom sehr kindgerechten Computerspiel aufs echte Brett funktionierte ruckelfrei. Ein storylastiges Adventure wie 'To the moon' kann man schön zusammen spielen und es gibt unzählige Gelegenheiten mit den Kindern über Jugend und Alter, Träume und Schicksalschläge und unterschiedliche Lebenswege zu philosophieren. Und danach will man den unwiderstehlichen Soundtrack auf dem Keyboard nachspielen. Dafür gibt es unzählige YouTube Tutorials und tolle Software, wie z.B. Synthesia. Ein billiges E-piano oder Keyboard und YouTube reicht aus, um heute Klavier zu lernen. Wenn die Begeisterung erst mal geweckt ist, kann ein echter Klavierlehrer dazu kommen ( und versaut es hoffentlich nicht). Interessiert Euch dafür, was Eure Kinder da machen. Teilt ihre Begeisterung, anstatt einfach Unbekanntes schlecht zu machen oder zu verbieten. Es macht so viel Freude, die Begeisterung der Kinder zu teilen.
jujo 20.02.2018
3. ...
Was hat sich geändert? die Art der Spiele! Ich selbst, 73, spiele am PC nur Schach und online Backgammon, Als Kinder , Jugendliche spielten wir 66, Skat, Schach, Canasta u.s.w. Gezockt wurde zu allen Zeiten. Ich kann nicht beurteilen ob online zocken der Sozialisation abträglich oder gar zuträglich ist. Wir älteren stöhnen über das Verhalten der Jüngeren, das war schon immer so und wird auch in Zukunft so sein. Mein ältester Enkel ist jetzt 7 Jahre alt, noch spielt er mit uns mit Begeisterung Brettspiele, mal abwarten wann das "uncool" wird.
vitalik 20.02.2018
4.
Also hat sich fast nichts geändert. Sicherlich gab es früher die Eltern, die die Spiele als Killerspiele betitelt haben, aber bei den meisten ging es doch eher um die "Zeit am Computer". Ob es nun früher oder heute ist, müssen die Eltern entscheiden, wie viel Zeit beim Spielen vertretbar ist. Das Vorgehen bei Caroline verstehe ich nicht. Wie läuft es dann ab? Ruf sie das Kind zu sich, um dann eine Szene zu zeigen und dann 5 Minuten später sagt sie, dass das Kind weggehen soll, da Mama gleich ein Monster erledigen muss. Da fände ich es besser, man würde direkt ein Spiel auswählen, wo das Kind die gesamte Zeit die Geschichte mitverfolgen kann.
Forumname42 20.02.2018
5. "Immer direkt auf den Kopf zielen"
Sehr einseitig, dieser Artikel. Man sollte von SPON erwarten dürfen, dass gerade in Verbindung mit dem Thema Familie nicht nur die Perspektive für den Einsatz von Videospielen / Games vorgestellt wird, sondern auch kritische Stimmen und ein paar der zahlreich erhältlichen Kommentare von Lern- und Hirnforschern. Gruselig und didaktisch nicht vertretbar ist die eingeklinkte Bilderstrecke, z.B. Bild 3: "Ebenso lässt sich eine Zielhilfe zuschalten, die immer direkt auf den Kopf der Gegner zielt." Oder Bild 5: "Es setzt darauf, dass Spieler (...) die vielen Gegner mit wenig Munition besiegen." Ist das eine Spielwelt und Welt, die wir unseren Kindern vorleben wollen? Löse Deine Aufgaben mit Kopfschüssen auf den Gegner und verbrauche dabei möglichst wenig Munition? Klingt eher wie ein Aufnahmetest zur Teilnahme im Syrienkrieg. Wohl kaum Spiele, die im Familienkontext eine Rolle spielen sollten. Wer das unbedenklich findet, sollte nochmal über Empathie nachdenken.
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