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Computerspielpreis: Deutschland feiert Kinderspiele

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Konflikte, Waffen, Kampf - bei Filmpreisen gerne, bei Spielen bloß nicht! Beim deutschen Computerspielpreis hat die Politik Preise für zwei herausragende Titel verhindert. Die sind ja erst ab 16 freigegeben. Die Politik tut so, als würden Erwachsene nicht spielen und feiert Kindergartengames.

dtp entertainment

Bei der Verleihung des Deutschen Computerspielpreises hatte man den Eindruck, Computerspiele würden nur von Minderjährigen gespielt. Gewonnen hat das Entdecker-Spiel "Anno 1404", eine deutsche Co-Produktion mit blühenden Landschaften und harmlosen Aquarell-Welten.

Eigentlich war "Anno 1404" gar nicht nominiert. Um die nachträgliche Nominierung gab es Streit in der Jury. Dieser Konflikt ist eine Folge der verkrampften Haltung der Politik zur Games-Branche. Die 35-köpfige Jury mit Vertretern aus Politik, politiknahen Institutionen und Branchenexperten konnte sich ausgerechnet in der Kategorie "Bestes internationales Spiel" auf keinen der nominierten Beiträge einigen.

Kontroversen werde es immer geben, meinte Kulturstaatsminister Bernd Neumann lapidar, und zu jeder Preisverleihung gehöre eben auch ein kleiner Skandal, so Petra Müller, Geschäftsführerin des Medienboards Berlin-Brandenburg, das den Preis fördert.

Das waren die ursprünglich nominierten Titel:

  • Das Kinderspiel "Professor Layton" schied wohl wegen Unbedarftheit von vorneherein aus (freigegeben ab 0).
  • Das Fantasy-Rollenspiel "Dragon Age" schied für die Politik wohl aus, weil es erst ab 18 freigegeben ist.
  • "Uncharted 2". Diese Mischung aus Adventure und Third-Person-Shooter hätte das Zeug zum Gewinner gehabt. Es ist in Deutschland ab 16 freigegeben und hat soeben bei den renommierten "British Academy of Film and Television Awards" (BAFTA) gleich vier Preise abgeräumt.

Als bei der Preisverleihung der Trailer mit den Nominierungen lief, bei "Dragon Age" und "Uncharted 2" von Waffen und Kampf die Rede war und Krieger gezeigt wurden, die sich schmerzverzerrt Bauchwunden halten, war klar: Daraus wird nichts. Und so kam es dann auch, das ab sechs Jahren freigegebene "Anno 1404" gewann. Dass und weshalb es in letzter Minute nachnominiert wurde, wurde mit keiner Silbe erwähnt. "Anno 1404" gewannt dann auch gleich noch die mit 100.000 Euro dotierte Hauptauszeichnung des Abends als "Bestes deutsches Spiel" des Jahres.

Warum das so ist, erklärte Kulturminister Neumann dann gleich sich in seiner Eröffnungsrede: Ausschließlich "pädagogisch wertvolle" und "kulturell anspruchsvolle" Spiele würden prämiert, aber man wolle natürlich, die "Leistung der anderen nicht schmälern". Es zählten eben "nicht die Kassenerfolge", erklärte er mit einem Seitenhieb auf Til Schweigers anhaltende Verstimmung, mit seinen Blockbustern nicht automatisch für den Deutschen Filmpreis nominiert zu sein.

Entwickler: Politik stellt eine Generation unter "Generalverdacht"

Überhaupt der Vergleich mit der Filmbranche: Die gleichen kulturellen und politischen Institutionen, die sich gerade erst mühelos auf "Inglourious Basterds", die Splatter-Nazi-Persiflage von Quentin Tarantino, einigen konnten, inszenierten sich hier als gewaltabstinent. Diesen Seitenhieb konnte sich Stefan Reichart, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Spieleentwickler (G.A.M.E.), dann doch nicht verkneifen.

Die Politik habe zu viel Angst vor der Gewaltdebatte, man stelle noch immer eine ganze Generation "unter Generalverdacht", kritisierte er. "Dafür ist der Preis wohl noch nicht reif genug", er hoffe auf eine entspanntere Haltung in den kommenden Jahren. "Nach zwei Jahren erwartet man noch keine Wunder", sagte auch Olaf Wolters, Geschäftsführer des Bundesverbands Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU). Er wünsche sich, dass die pädagogischen Kriterien in den Hintergrund treten, "sonst können wir ihn gleich 'Deutschen Kinderspielpreis' nennen".

Das Jurymitglied Heiko Gogolin, Chefredakteur des Spiele-Magazins "GEE", fand, die unausgesprochene Gewaltdebatte zeige vor allem, dass eine Grundlagendiskussion über das Regelwerk "überfällig" sei. "Der Preis braucht endlich eine eigene Identität", er stehe an einer Weggabelung: "Entweder man entscheidet sich, konsequent auch Erwachsenenunterhaltung als Kategorie zu akzeptieren, oder man konzentriert sich auf pädagogisch Wertvolles." Klar ist: Eine zum "Kinderspielpreis" degradierte Auszeichnung verspielt jede Chance, in der Gamer-Szene anerkannt zu werden - alles auf Anfang.

Doch immerhin, man bemühte sich. Eine Steigerung zum Debüt des Preises 2009 in München sah man zumindest an den Laudatoren: Überreichten im vergangenen Jahr noch SPD-Frau Monika Griefahn und Reiner Calmund die Preise, hatte man in diesem Jahr begriffen, dass Leute mit mehr Street Credibility ranmüssen, will man in der Spiele-Szene anerkannt werden. Also Schauspieler Matthias Schweighöfer, Sänger Oli P., die beiden Jungs von der MTV-Show "Game One" - und mit der Moderatorin des 3sat-Computermagazins Yve Fehring durfte die einzige Frau auf die Bühne, die in irgendeiner Form als Branchenexpertin gelten kann.

Immerhin: Nachwuchspreis für ein Horrorspiel

Und noch etwas darf als Hoffnungsschimmer gelten, wenn auch der Eindruck bleibt, es sei ein Versehen gewesen: Den Preis für das beste Spielekonzept aus Studentenhand erhielt "Night of Joeanne" von einem Team der Düsseldorfer Hochschule für Mediadesign. Das Spiel komme "ohne Waffen" aus, betonte der Nominierungstrailer, "das Element der Schwäche" würde im Vordergrund stehen. Nun, so kann man es auch sagen. Schließlich zieht ein kleines Mädchen mit seinem Kuscheltier durchs Haus. "Pädagogisch wertvoll würden wir es nicht nennen", sagten die Macher hinterher noch.

Zu Recht: Denn "Night of Joeanne" ist ein Horrorspiel allererster Gruselgüte.

Die Preisträger im Überblick - mit Trailern.

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