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25. April 2012, 17:08 Uhr

Computerspielpreis

Unionsfraktion kritisiert "Killerspiel"-Nominierung

Kann denn Ballern pädagogisch wertvoll sein? Für den Deutschen Computerspielpreis ist auch der Ego-Shooter "Crysis 2" nominiert. Das sorgt nun für heftige Kritik aus den Reihen der Union - obwohl auch CDU-Mitglieder in der Jury sitzen.

Hamburg - Am Donnerstagabend werden die Gewinner des diesjährigen Deutschen Computerspielpreises bekannt gegeben - ausgezeichnet wird unter anderem das "Beste Deutsche Spiel", 50.000 Euro Preisgeld bekommen die Gewinner in dieser Kategorie. Dieses Jahr könnte es besonders spannend werden: Denn die Jury des vom Bundestag mitgetragenen Preises hat den Ego-Shooter "Crysis 2" nominiert. Ein Spiel ab 18, bei dem man nicht nur auf Aliens, sondern auch auf Pixel-Menschen schießen muss.

Schon die Nominierung sorgt nun für heftige Kritik. Der Sprecher der Unionsfraktion für Kultur- und Medienpolitik, Wolfgang Börnsen, hält die Vorauswahl des "Killerspiels" für "unvertretbar". Börnsen forderte eine Neukonzeption und eine Rückbesinnung des Preises auf kulturell-pädagogische Spiele. Vergeben wird der Preis vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie den Branchenverbänden BIU und Game in insgesamt sieben Kategorien, darunter auch eigene Kategorien für Kinder- und Jugendspiele.

Die Unionsfraktion stehe in letzter Konsequenz "einer Neubesetzung der Jury offen gegenüber", so Börnsen. In der Jury sitzen auch Abgeordnete von Union, SPD und FDP, außerdem Vertreter der Branche, Jugendschützer, Pädagogen, Forscher und Journalisten. Die Jury habe sich nicht an die Vorgaben des Parlamentsbeschlusses gehalten, nach dem hochwertige sowie kulturell und pädagogisch wertvolle Spiele ausgezeichnet werden sollen, findet Börnsen.

Dass "Crysis 2" pädagogisch wertvoll ist, wird kaum jemand ernsthaft behaupten. Dafür handelt es sich um eines der wenigen weltweit erfolgreichen und konkurrenzfähigen Spiele eines deutschen Herstellers, die technisch und dramaturgisch mit den Produkten internationaler Spieleentwickler mithalten können.

Thomas Jarzombek, CDU-Bundestagsabgeordneter und eines von zwei Jurymitgliedern aus den Reihen der Union, sagte am Mittwoch zu der Nominierung: "Wenn ein Film wie Quentin Tarantinos 'Inglorious Basterds' mit Millionen von öffentlichen Geldern gefördert wurde und sogar mit dem Prädikat 'wertvoll' ausgezeichnet wird, kann man nicht Spiele verschmähen, die nicht viel anders sind." Der pädagogische Wert sei nur ein Kriterium des Computerspielpreises.

Auch der Sprecher der Arbeitsgruppe Kultur und Medien der SPD-Bundestagsfraktion, Siegmund Ehrmann, äußerte sich zu Börnsens Kritik an der Nominierung. Wichtig sei, so Ehrmann, "dass es sich um die Entscheidung einer unabhängigen Jury handelt, die auch kontroverse Entscheidungen treffen kann". Die SPD-Fraktion stehe "einer Diskussion für eine Konkretisierung der Zielsetzung des Computerspielepreises offen gegenüber". Voraussetzung dafür sei aber eine "sachliche und differenzierte Debatte". Ehrmann: "Allein die Verwendung des Begriffs 'Killerspiel' lässt Zweifel zu, ob die Union überhaupt ein Interesse an einer sachlichen und differenzierten Debatte hat."

Vergeben wird der Computerspielpreis am zehnten Jahrestag des Amoklaufs von Erfurt mit 17 Toten. Auch wenn unter Fachleuten längst Konsens darüber herrscht, dass es keinen simplen Kausalzusammenhang zwischen Gewalttaten und Videospielen gibt: Sollte an diesem Tag ein sogenanntes Killerspiel gewinnen, dürfte das für weitere Diskussionen sorgen.

Anmerkung der Redaktion: Der Jury des Deutschen Computerspielpreises gehört auch SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Christian Stöcker an.

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