Computerspielpreis: Unionsfraktion kritisiert "Killerspiel"-Nominierung

Kann denn Ballern pädagogisch wertvoll sein? Für den Deutschen Computerspielpreis ist auch der Ego-Shooter "Crysis 2" nominiert. Das sorgt nun für heftige Kritik aus den Reihen der Union - obwohl auch CDU-Mitglieder in der Jury sitzen.

Ego-Shooter "Crysis 2": Nominiert als Bestes Deutsches Spiel des Jahres Zur Großansicht

Ego-Shooter "Crysis 2": Nominiert als Bestes Deutsches Spiel des Jahres

Hamburg - Am Donnerstagabend werden die Gewinner des diesjährigen Deutschen Computerspielpreises bekannt gegeben - ausgezeichnet wird unter anderem das "Beste Deutsche Spiel", 50.000 Euro Preisgeld bekommen die Gewinner in dieser Kategorie. Dieses Jahr könnte es besonders spannend werden: Denn die Jury des vom Bundestag mitgetragenen Preises hat den Ego-Shooter "Crysis 2" nominiert. Ein Spiel ab 18, bei dem man nicht nur auf Aliens, sondern auch auf Pixel-Menschen schießen muss.

Schon die Nominierung sorgt nun für heftige Kritik. Der Sprecher der Unionsfraktion für Kultur- und Medienpolitik, Wolfgang Börnsen, hält die Vorauswahl des "Killerspiels" für "unvertretbar". Börnsen forderte eine Neukonzeption und eine Rückbesinnung des Preises auf kulturell-pädagogische Spiele. Vergeben wird der Preis vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie den Branchenverbänden BIU und Game in insgesamt sieben Kategorien, darunter auch eigene Kategorien für Kinder- und Jugendspiele.

Die Unionsfraktion stehe in letzter Konsequenz "einer Neubesetzung der Jury offen gegenüber", so Börnsen. In der Jury sitzen auch Abgeordnete von Union, SPD und FDP, außerdem Vertreter der Branche, Jugendschützer, Pädagogen, Forscher und Journalisten. Die Jury habe sich nicht an die Vorgaben des Parlamentsbeschlusses gehalten, nach dem hochwertige sowie kulturell und pädagogisch wertvolle Spiele ausgezeichnet werden sollen, findet Börnsen.

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Crysis 2: Hochglanzballerei aus Frankfurt
Dass "Crysis 2" pädagogisch wertvoll ist, wird kaum jemand ernsthaft behaupten. Dafür handelt es sich um eines der wenigen weltweit erfolgreichen und konkurrenzfähigen Spiele eines deutschen Herstellers, die technisch und dramaturgisch mit den Produkten internationaler Spieleentwickler mithalten können.

Thomas Jarzombek, CDU-Bundestagsabgeordneter und eines von zwei Jurymitgliedern aus den Reihen der Union, sagte am Mittwoch zu der Nominierung: "Wenn ein Film wie Quentin Tarantinos 'Inglorious Basterds' mit Millionen von öffentlichen Geldern gefördert wurde und sogar mit dem Prädikat 'wertvoll' ausgezeichnet wird, kann man nicht Spiele verschmähen, die nicht viel anders sind." Der pädagogische Wert sei nur ein Kriterium des Computerspielpreises.

Auch der Sprecher der Arbeitsgruppe Kultur und Medien der SPD-Bundestagsfraktion, Siegmund Ehrmann, äußerte sich zu Börnsens Kritik an der Nominierung. Wichtig sei, so Ehrmann, "dass es sich um die Entscheidung einer unabhängigen Jury handelt, die auch kontroverse Entscheidungen treffen kann". Die SPD-Fraktion stehe "einer Diskussion für eine Konkretisierung der Zielsetzung des Computerspielepreises offen gegenüber". Voraussetzung dafür sei aber eine "sachliche und differenzierte Debatte". Ehrmann: "Allein die Verwendung des Begriffs 'Killerspiel' lässt Zweifel zu, ob die Union überhaupt ein Interesse an einer sachlichen und differenzierten Debatte hat."

Vergeben wird der Computerspielpreis am zehnten Jahrestag des Amoklaufs von Erfurt mit 17 Toten. Auch wenn unter Fachleuten längst Konsens darüber herrscht, dass es keinen simplen Kausalzusammenhang zwischen Gewalttaten und Videospielen gibt: Sollte an diesem Tag ein sogenanntes Killerspiel gewinnen, dürfte das für weitere Diskussionen sorgen.

Anmerkung der Redaktion: Der Jury des Deutschen Computerspielpreises gehört auch SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Christian Stöcker an.

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1.
macfan 25.04.2012
---Zitat von Ehrmann (SPD)--- "Allein die Verwendung des Begriffs 'Killerspiel' lässt Zweifel zu, ob die Union überhaupt ein Interesse an einer sachlichen und differenzierten Debatte hat." ---Zitatende--- Ich stehe der Union alles andere als nahe, muss ihr hier aber Recht geben. Bei einem Egoshooter bin ich der Mann mit dem Gewehr und schieße andere "Menschen" ab. Der Begriff Killerspiel beschreibt das mE sehr gut. Dieses Genre sollte in der Tat nicht preiswürdig sein. Gruß, Horst
2.
LudwigN 25.04.2012
Zitat von sysopKann denn Ballern pädagogisch wertvoll sein? Für den Deutschen Computerspielpreis ist auch der Ego-Shooter "Crysis 2" nominiert. Das sorgt nun für heftige Kritik aus den Reihen der Union - obwohl auch CDU-Mitglieder in der Jury sitzen. http://www.spiegel.de/netzwelt/games/0,1518,829760,00.html
Nichts Neues von der Ewig-Gestrigen-Fraktion der Unionsparteien. Keine Ahnung von der Materie, aber jede Menge haltlose Vorurteile. Und wegen diesem weit verbreiteten Medienpessimismus in den Köpfen dieser bornierten Herren wird es noch ein weiter Weg sein, bis wir ein normales Land bezüglich eines liberalen Umgangs mit modernen Medien werden. Was hier alles unter dem Deckmantel des Jugendschutzes alles eingeschränkt, zensiert oder gleich ganz verboten wird ist wirklich ein Trauerspiel sondergleichen. Allein diese unsägliche Sprache offenbart doch schon den Geist dieser Leute. "Killerspiel" ist wirklich übelste Polemik. Früher war es die böse "Negermusik", "Schmutz und Schund" oder gar "entartete Kunst", dann wurde gegen den bösen Heavy Metal gewettert ("Teufelsmusik") und in den 80er gegen Horrorfilme. Und jetzt soll angeblich harmlose ballereien am Untergang des Abendlandes schuld sein. Mir scheint eher, dass diese Leute den Schuss noch nicht gehört haben.
3.
moritzmh 25.04.2012
Da will wohl jemand bei der Union sicherstellen, dass es für Rot-Grün nicht reicht? Sollen die Piraten über die 20% gebracht werden?
4. Dr.
Redigel 25.04.2012
Zitat von macfanIch stehe der Union alles andere als nahe, muss ihr hier aber Recht geben. Bei einem Egoshooter bin ich der Mann mit dem Gewehr und schieße andere "Menschen" ab. Der Begriff Killerspiel beschreibt das mE sehr gut. Dieses Genre sollte in der Tat nicht preiswürdig sein. Gruß, Horst
Sie schiessen keine Menschen ab, sondern deren Avatare. Wenn Sie das nicht unterscheiden können, würde ich mal zum Arzt gehen... In Aufbauspielen machen Sie den Planeten kaputt. In Strategiespielen machen Sie den Planeten kaputt und/oder ganze Rassen/Völker. Sie werden wohl kein einziges Pädagogisch wertvolles Game finden, dass eine breite Masse spielt.
5.
macfan 25.04.2012
Oh, was hinkt diese Antwort. In der Bundeswehr ist es kein Spiel. Und zwischen "nicht mit einem Preis auszeichnen" und "verbieten" liegen Welten. Aber wenn Sie mal über den Sinn der Bundeswehr nachdenken, ist das sicher auch nicht verkehrt. Es geht nur um die Gestaltung, nicht um den Inhalt? Da polemisiere ich jetzt mal genauso überzogen zurück. Das "Paulchen Panther"-Video, mit dem die NSU ihre Taten verherrlichte, war technisch erstaunlicherweise gar nicht mal so schlecht. Wenn es technisch noch besser "Weltklasse" wäre, wäre es Ihrer Meinung nach preiswürdig, weil man den Inhalt ignoriert? Gruß, Horst
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