Netzwelt

"Cuphead" im Test

Scheitern, aber mit Stil

Diesen Spieletest übermittelte uns der Autor mit wenigen, vielsagenden Worten: "Hallo Netzwelt, hier kommt 'Cuphead'. Sieht toll aus. Aber bockschwer. Was habe ich geflucht."

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Mittwoch, 04.10.2017   11:34 Uhr

Den Teufel im Glücksspiel besiegen zu wollen, war noch nie eine gute Idee. Er gewinnt nämlich immer und fordert dann die Seele der Verlierer. Betroffen sind in diesem Fall der kleine Cuphead und sein Bruder Mugman, die noch eine letzte Chance bekommen: Sie müssen die Seelen anderer Sünder einsammeln. Diese wiederum geben ihre Seelen natürlich ungern her, weshalb sie in schwierigen Kämpfen besiegt werden müssen, die den Spieler immer wieder in den Wahnsinn treiben werden.

"Cuphead" wurde von den kanadischen Brüdern Jared und Chad Moldenhauer erdacht, die das Spiel mit ihrem kleinen unabhängigen Studio entwickelten und sich dabei von Microsoft unterstützen ließen - weshalb das Spiel jetzt ausschließlich für Windows-PC und die Xbox One erscheint.

Erstmals vorgestellt wurde "Cuphead" 2014, das Spiel wurde damals mit Vorschusslorbeeren überhäuft. Das lag zum einen am Gameplay, in dem es vor allem darum geht, eine Ansammlung von Boss-Kämpfen zu überstehen. Am wichtigsten aber war wohl der Stil des Spieles.

"Cuphead" geht optisch zurück in die erste große Zeit der Comics, als Titel wie Popeye, Betty Boop oder auch Oswald the Lucky Rabbit subversiv wurden. Weshalb hier nicht nur der Protagonist mit einem Tassenkopf durch die Gegend läuft, sondern die Gegner Erde schleudernde Kartoffeln, Strahlen aussendende Möhren oder auch Spielautomaten und Grabsteine sein können.

Die Menüs sind wie Texttafeln aus Stummfilmen gestaltet, die Musik könnte direkt aus den Dreizigerjahren nach heute geschickt worden sein, Flecken und Streifen im Bild geben die nötige Patina. Das ist immer wieder großartig anzusehen und vor allem: Das tolle Aussehen des Spiels beruhigt die Nerven, die immer wieder blank gelegt werden.

Während sich die Grafik an Comics und Animationsfilmen orientiert, geht das Gameplay dahin zurück, wo Spiele noch wehgetan haben. In eine Zeit also, in der jeder Sprung sitzen, jedes Ausweichen geübt werden musste und in der jeder noch so kleine Fehler einen Gesundheitspunkte-Abzug bedeutete. Und von denen gab es meistens nicht allzu viele.

Bei "Cuphead" ist das auch so. Drei Fehler und man kann das Level von vorn beginnen. Das ist frustrierend. Allerdings nicht unbedingt, weil das Spiel unfair ist. Das ist es nämlich gar nicht so sehr, wenn man sich wirklich die Mühe macht, einzelne Level auswendig zu lernen. Sondern eher, weil man immer wieder an die Grenze seiner Fähigkeiten gebracht wird, weil man sich einfach nicht alle gegnerischen Züge, die Richtungen aller Geschosse merken kann. Besonders älteren Spielern macht "Cuphead" schnell klar, dass sie nicht mehr 15 Jahre alt sind und dass ihre Reflexe mittlerweile etwas zu wünschen übrig lassen.

Und so springt man über Geschosse, die von Gegnern ausgespuckt oder geschleudert werden, weicht Vogelköpfen aus, die von oben picken, und schießt mit allem, was man hat auf Öfen, Zwiebeln oder Pilze - und stirbt einen Tod nach dem anderen.

Schließlich gibt man klein bei und versucht erstmal, Gegner auf einem einfacheren Schwierigkeitsgrad zu besiegen, was noch schwer genug ist und mit einer weiteren Demütigung endet: Seelen erobert man erst dann, wenn man Kämpfe auf der normalen Schwierigkeitsstufe schafft.

"Cuphead" ist also prima für Spieler, die Wert auf ein präzises Spiel legen. Für Spieler, denen es wichtig ist, so elegant wie möglich und nicht nur einfach ohne Fehler durch die Level zu gehen. Für alle anderen ist es ein Spiel, bei dem man den Stil bewundern kann sowie die Konsequenz, mit der sich Stil und Gameplay verbinden. Doch um wirklich großartig zu sein, ist "Cuphead" für solche Spieler auch viel zu oft frustrierend.


"Cuphead" von StudioMDHR, für Windows und Xbox One, 19,99 Euro; USK: Ab 6 Jahren

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