Digitaltrend Gamification Das ganze Leben wird zum Spiel

Den Alltag zum Spiel machen: Badges sammeln und auftürmen
Axel Pfaender

Den Alltag zum Spiel machen: Badges sammeln und auftürmen

Von

2. Teil: Der neue große Hunger nach der verspielten Realität


Für den Spielmechanik-Experten Gabe Zichermann sind solche Ortungsspiele die Zukunft des Videospiels. "In hundert Jahren wird sich niemand mehr an ,Halo' erinnern", sagt der ehemalige Mitorganisator der Games Developers Conference - "aber Gamification wird ein fester Bestandteil des Lebens aller sein." Den Begriff "Gamification" hat die Werbeindustrie erfunden, als sich andeutete, dass das mobile Alltagsspiel das nächste größte Ding nach Wii und Facebook-Spielen werden könnte. Gemeint ist damit der Transfer von Elementen aus Computerspielen in das Leben abseits von Fernseher oder Monitor. Gemeint ist aber vor allem auch, Nutzer an ein Produkt oder eine Marke zu binden und sie immer wieder damit zu konfrontieren.

Kurz: Es geht um die "Gamifizierung" des gesamten Lebens. Bereits vor vier Jahren hat Zichermann kritische Vorträge über die Verknüpfung von realen Tätigkeiten mit Spielmechaniken gehalten, doch damals hat sich kaum jemand für seine Theorien über den gläsernen Spieler interessiert. Bis Foursquare Millionen Menschen durch das Verteilen bunter Bildchen dazu brachte, im Web 2.0 ihren Tagesablauf zu dokumentieren. Derzeit organisiert Gabe Zichermann eine Konferenz zum Thema, die Anfang kommenden Jahres stattfinden soll, den Gamification Summit in San Francisco. Und sicher ist: Dieses Mal wird ihm zugehört.

Für Zichermann entsteht der neue große Hunger nach der verspielten Realität aus dem veränderten Sozialverhalten vieler Menschen. Diese seien zum einen durch Freundschafts-Dienste wie Facebook und Smartphones ständig untereinander vernetzt, zum anderen sei eine neue Generation von Netznutzern herangewachsen, die mit Videospielen sozialisiert wurde. "Diese Generation will überall spielen", sagt er, "sie will auch im Alltag nicht auf Gameplay und Spielmechaniken verzichten." Foursquare macht seiner Meinung nach alles richtig: "Wollen Alltagsspiele eine große Zielgruppe erreichen, müssen sie so zugänglich wie möglich sein", sagt Zichermann, "und was könnte einfacher sein, als mit ein paar Klicks eine Belohnung in Form eines Abzeichens freizuschalten?"

Dazu kommt ein enormes Mitteilungsbedürfnis und eine tiefe Sehnsucht nach Sinn: Anscheinend reicht das pure Leben vielen Menschen nicht mehr. Erst indem sie ihren Freunden in den sozialen Netzen mitteilen, was sie gerade machen und dafür belohnt werden, bekommt für sie ein unscheinbarer Alltagsmoment einen Wert. Was sonst nebenbei geschieht, wird überhöht und in einen spielerischen Kontext gesetzt - als sei in einem Game gerade ein Auftrag erledigt worden: "Martin hat das Horn der Raserei erhalten. Awarded for: Mittagessen", meldet dann die Helden-To-do-Liste 'Epic Win' auf Facebook.

"Spiele, die unter dem Label Gamification auftreten, nehmen die Mechanik, die am wenigsten für ein Spiel wichtig ist, und stellen sie in den Mittelpunkt", kritisiert hingegen Margaret Robertson den Trend.

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Ignorant00 18.12.2010
1. Naja - mal wieder der nächste bezahlte Hype...
Zitat von sysopOnline-Dienste wie Foursquare oder Epic Win wollen mit Punkten und Belohnungen den Alltag ihrer Nutzer zum Spiel machen. Viele Entwickler jedoch sind nicht einverstanden mit der Vereinnahmung durch die Werbebranche - und entwickeln selbst Mechaniken für ein "Spiel des Lebens". http://www.spiegel.de/netzwelt/games/0,1518,735202,00.html
Wird sich meiner Meinung nach dem Second Life Hype anschliessen und in der relativen Bedeutungslosigkeit verharren. Natürlich werden sich ein paar Elemente entwicklen und dann weiterbestehen. Im übrigen fällt mid da am ehesten Geocaching ein, was schön die im Artikel beschriebenen Element vereinigt. Dusselige Abzeichen für das Leben, welches ich lebe zu bekommen erscheint mir bei weitem zu armselig, um wirklich erfolgreich zu sein! Wenn ich Essen gehe, dann doch hoffentlich, weil ich gerade Lust darauf habe und am besten mit ein paar Freunden. Wenn ich die dann nerve, weil wir unbedingt zum SoundSo müssen, wegen dem Abzeichen, dann mein Essen fotografiere und anschliessend online stelle - dann habe ich wohl keine wirklichen Freunde verdient und vergnüge mich stattdessen lieber mit tausenden von virtuellen - die aber leider nicht mehr von mir wissen, als die Anzahl meiner Starbucks Besuche.
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