Digitaltrend Gamification Das ganze Leben wird zum Spiel

Den Alltag zum Spiel machen: Badges sammeln und auftürmen
Axel Pfaender

Den Alltag zum Spiel machen: Badges sammeln und auftürmen

3. Teil: Meist fehlen erstrebenswerte Ziele


Für die 34-jährige Spieldesignerin des Londoner Gaming-Studios Hide&Seek sind Applikationen, die lediglich mit Achievement-Systemen um Nutzer buhlen, keine Konkurrenz für klassische Spiele oder die von ihr entwickelten Alternate-Reality-Games wie "Tate Trumps". Darin "kämpfen" sich Spieler durch das Tate-Modern-Museum in London und sammeln virtuell Exponate der Dauerausstellung. "Diensten wie Foursquare fehlen echte Spielmechaniken, Regelwerke und erstrebenswerte Ziele", fügt sie hinzu. "Wenn es in einem Spiel nicht möglich ist, zu verlieren oder Rückschläge zu erleiden, dann bedeuten auch die ganzen Auszeichnungen nichts."

Mit der Gamifizierung seien Spiele in einer Übergangsphase angekommen, in der viele Entwickler zwar merken, dass ihre Kunden Spiele in ihren Alltag integrieren wollen, aber noch nicht wissen, wie das gehen soll. Außerdem: Bei all den Badges und Trophäen gehe es nicht darum, den Alltag verspielter zu machen, sondern Produkte und Dienstleistungen zu bewerben, indem ihnen Erfolge übergestülpt würden, die in keinem Verhältnis zum betriebenen Aufwand stünden. Selbst "Nike+", ein Werbespiel des Schuhherstellers, das die Schritte des Nutzers zählt und ihn dafür belohnt, ist für Robertson im Kern kein Spiel: "Ein Spiel würde das Laufen als Mechanik nutzen, um ein Ziel zu erreichen, zum Beispiel einen interessanten Ort", sagt sie. "Man kann Wirklichkeit nicht einfach zum Spiel erklären. Spiele sind fiktionale Erweiterungen und Neukonzeptionen von Realität" - und in der Mittagspause ein Schnitzel mit Pommes zu essen sei eben keine spielerische Herausforderung.

Gamification-Experte Gabe Zichermann hält solche Kritik für eine typische, immer wiederkehrende Abwehrreaktion: "Als Spiele mobil und casual und sozial wurden, wollten auch die meisten 'ernsthaften' Spieldesigner erst einmal nichts damit zu tun haben", sagt er. Auch den Vorwurf der mangelnden Komplexität lässt er nicht gelten. Schließlich sei das Leben an sich schon wie ein Spiel: "Egal ob Sex mit dem Partner oder die Büroarbeit, alles läuft doch schon nach bestimmten Regeln ab", sagt er, "das muss nicht noch komplizierter werden. Einfaches Feedback reicht aus, um Nutzern den spielhaften Charakter ihres Lebens klar zu machen."

Wie Alltags-Gameplay aussehen kann, ohne auf Achievements zurückzugreifen, zeigt das Spiel "Macon Money" des Studios Area/Code. In ihm geht es darum, Kommunikationshürden abzubauen und Spieler offener für ihre Mitmenschen zu machen. Dazu werden Spieler mit einem bestimmten Code ausgestattet. Nur durch Gespräche zu anderen Men-- schen können sie herausfinden, wer ein Gegenstück ihres Codes besitzt. Finden sie durch Gespräche auf der Straße einen Code-Partner, erhalten sie einen Gutschein, mit dem sie dann gemeinsam in Buchhandlungen, Cafés oder Theatern bezahlen können. "Macon Money" gibt ihnen dabei den Antrieb, aus festgefahrenen sozialen Strukturen auszubrechen.

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Ignorant00 18.12.2010
1. Naja - mal wieder der nächste bezahlte Hype...
Zitat von sysopOnline-Dienste wie Foursquare oder Epic Win wollen mit Punkten und Belohnungen den Alltag ihrer Nutzer zum Spiel machen. Viele Entwickler jedoch sind nicht einverstanden mit der Vereinnahmung durch die Werbebranche - und entwickeln selbst Mechaniken für ein "Spiel des Lebens". http://www.spiegel.de/netzwelt/games/0,1518,735202,00.html
Wird sich meiner Meinung nach dem Second Life Hype anschliessen und in der relativen Bedeutungslosigkeit verharren. Natürlich werden sich ein paar Elemente entwicklen und dann weiterbestehen. Im übrigen fällt mid da am ehesten Geocaching ein, was schön die im Artikel beschriebenen Element vereinigt. Dusselige Abzeichen für das Leben, welches ich lebe zu bekommen erscheint mir bei weitem zu armselig, um wirklich erfolgreich zu sein! Wenn ich Essen gehe, dann doch hoffentlich, weil ich gerade Lust darauf habe und am besten mit ein paar Freunden. Wenn ich die dann nerve, weil wir unbedingt zum SoundSo müssen, wegen dem Abzeichen, dann mein Essen fotografiere und anschliessend online stelle - dann habe ich wohl keine wirklichen Freunde verdient und vergnüge mich stattdessen lieber mit tausenden von virtuellen - die aber leider nicht mehr von mir wissen, als die Anzahl meiner Starbucks Besuche.
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