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24. September 2017, 20:13 Uhr

"Divinity: Original Sin 2"

Irgendjemand brennt immer

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Eine dichte Story, ausgefeilte Figuren, ein taktisch anspruchsvolles Kampfsystem und bis zu vier Spieler, die ein Team bilden. "Divinity: Original Sin 2" hat so ziemlich alles, was ein gutes Rollenspiel ausmacht.

Ich würde jetzt gern in Ruhe erzählen, dass es zu selten gute Koop-Spiele gibt und dass ich mich seit Monaten auf "Divinity: Original Sin 2" gefreut habe, weil man es nicht nur allein, sondern mit bis zu vier Leuten in einer Gruppe spielen kann, online oder über LAN-Kabel (in meinem Fall: zu zweit im selben Zimmer sitzend). Ein klassisches Rollenspiel mit facettenreichen Charakteren, einer fesselnden Geschichte, ansprechender Optik. Eigentlich muss es nur das Niveau seines Vorgängers halten, um...

...aber immer wenn ich kurz sinniere oder mir bei einem Dialog Zeit lasse, hat mein Mitspieler wieder eine neue Tür geöffnet, ist in einen Kampf hineingelaufen, den er allein nicht überlebt. Ja, ich komme gleich!

Also gut: das Kampfsystem. Die Kämpfe sind taktisch herausfordernd (verschiedene Schwierigkeitsgrade sind wählbar) und laufen rundenbasiert. Schnell klicken nutzt hier gar nichts. Stattdessen gilt es, gut zu planen. Entscheidend ist zum Beispiel, wo man seine Figuren positioniert, weil Zauber, Bögen und Wurfgeschosse keine endlose Reichweite haben.

Eine bunte Palette an Fähigkeiten ermöglicht es unter anderem, Flächen in Brand zu setzen oder zu vereisen (Achtung, rutschig!), Giftwolken zu erschaffen, Blitze zu schleudern, Gegner zu versteinern, zu verlangsamen, zu teleportieren oder kurzfristig auf die eigene Seite zu ziehen.

Und irgendwann brennt immer jemand. Zum Löschen muss dann beispielsweise ein Regenschauer herbeibeschworenen werden. Überhaupt wirken die vier Elemente - Erde, Feuer, Wasser und Luft - hier oft mit- oder gegeneinander: Ein Blitz macht aus einer großen Wasserfläche eine riesige Lähmfalle, ein Ölfass lässt das Feuer noch mal auflodern und so weiter. Kollateralschäden bei den eigenen Nahkämpfern inklusive.

Entschuldigung! Tut mir leid! Ich heile dich ja gleich. So, alles wieder gut...

Einige Auseinandersetzungen schafft man auch bei guter Planung erst im dritten, vierten Anlauf oder mithilfe eines der ältesten Kniffe aus der Computerspieltrickkiste: zurückziehen und die Tür blockieren.

Wann hast du denn das letzte Mal abgespeichert? Oh. Na dann müssen wir da jetzt durch.

Weil zweite Teile opulenter sein müssen als ihre Vorgänger - und weil Entwickler Larian auf Kickstarter mehr als zwei Millionen Dollar einsammelte -, gibt es in "Original Sin 2" mehr erlernbare Fähigkeiten als im ersten Teil. Fünf spielbare Rassen sowie sechs Charaktere mit eigenen Hintergrundgeschichten, Motivationen und Dialogoptionen, die man spielen oder als Begleiter mitnehmen kann. Darunter ein Zwerg, der eine Rebellion angezettelt und verloren hat. Eine Frau, die von irgendetwas Mächtigem und nicht besonders Nettem besessen ist. Oder der Untote auf der Suche nach Spuren seiner untergegangenen Zivilisation.

Über ein paar technische Ärgernisse lässt sich immer nörgeln. Zum Beispiel wird bei hoher Bildschirmauflösung der Mauszeiger so klein, dass er nahezu unsichtbar ist. Und in Kämpfen ist es manchmal eine echte Frickelei, gegnerische Figuren anzuvisieren. Davon abgesehen läuft das Spiel aber rund.

So kreativ das Kampfsystem ist, so altbekannt ist der Einstieg ins Spiel. Nett formuliert haben sich die Macher für einen der beiden bewährten Rollenspielstarts entschieden: Die potenziellen Helden sind aufgrund ihrer mystischen Fähigkeiten Gefangene. Sie wollen entkommen und finden so als Gruppe zusammen. Das Szenario trübt den Spaß zum Glück nicht lange, denn die Story, die weit nach "Original Sin 1" spielt, aber trotzdem daran anknüpft, lässt sich ansonsten gut an - mehr sei hier nicht verraten.

Das klassische Alternativszenario - als Jungspund erst einmal Ratten in einem Keller bekämpfen - bleibt einem zum Glück erspart.

Mit Ratten lassen sich übrigens, wie schon im Vorgänger, großartige Gespräche führen. Hier zeigt sich, wie an vielen anderen Stellen, eine große Liebe zum Detail. Ein spezielles Talent ermöglicht Gespräche mit Tieren, die nicht zwingend zielführend, aber oft sehr lustig sind. Zumindest bis der Mitspieler in den nächsten Kampf läuft.

Aber jetzt muss ich wirklich los.

Also einer durch die Mitte, zwei hinten links, Flügel ausgefahren und dann Feuer frei!

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