Dokumentarfilm "Going Cardboard": Warum Amerikaner deutsche Brettspiele lieben

Von Hendrik Breuer

Deutscher Exportschlager Brettspiel: In den Vereinigten Staaten gilt "German-style games" inzwischen als Gütesiegel. Aufbauspiele wie "Die Siedler von Catan" haben einen Brettspiel-Boom ausgelöst. Die Dokumentation "Going Cardboard" zeigt, wie im Web Analogspiele populär wurden.

Brettspiel-Boom in den USA: Dokumentarfilm "Going Cardboard" Fotos
T-Cat Productions

Ein Amerikaner steht im Ruhrgebiet und ist glücklich: "Das muss man in seinem Leben einmal gesehen haben", sagt er. Der Mann ist aus den Vereinigten Staaten nach Essen gereist, um vier Tage lang neue Brettspiele zu spielen. Jedes Jahr im Oktober findet in Essen die wohl größte Messe für Brettspiele statt, die "Spiel". Der US-Fan sagt auf dem Essener Messegelände: "Die 'Spiel' ist unser Mekka."

Mit der Messeeröffnung beginnt die US-Dokumentation "Going Cardboard". Die Filmemacherin Lorien Green zeichnet nach, wie Brettspiele - vor allem deutsche - in den Vereinigten Staaten in den vergangenen 15 Jahren eine wachsende, eingeschworene Fangemeinde gewonnen haben. Greens Film zeigt, wie am ersten Tag der Spiel in Essen Hunderte Brettspieler nach Eröffnung in die Hallen stürzen, um einen freien Platz an Spieltischen mit den Neuerscheinungen des Jahres zu ergattern - unter ihnen auch Fans aus Übersee.

Das Web schafft ein Publikum für Analogspiele

Der Film erzählt, wie deutsche Brettspiele in Nordamerika durch Mundpropaganda bekannt geworden sind. Green lässt Protagonisten der Szene und bekannte Spielautoren wie Reiner Knizia ("Keltis") oder Klaus Teuber ("Die Siedler von Catan") erzählen.

Green führt in "Going Cardboard" den wachsenden Erfolg der Gesellschaftsspiele in Amerika auf von deutschen Autoren erdachte moderne Klassiker zurück, vor allem "Die Siedler von Catan" und "El Grande", die in den neunziger Jahren erschienen sind. Edel aufgemachte Strategiespiele heißen seitdem in den Vereinigten Staaten auch "German-style board games" oder "Euro Games".

"Euro Games kommen meist freundlicher daher und vermitteln ein besseres gemeinsames Spielerlebnis als amerikanische Brettspiele", erzählt Brettspiel-Fan Scott Nicholson SPIEGEL ONLINE. Was den German style ausmacht? "Es wird etwas aufgebaut, nicht zerstört", sagt der Professor für Bibliothekswissenschaft an der Syracuse University. Von 2005 bis 2010 hat er den Videopodcast "Board Games with Scott" produziert und ist seitdem so etwas wie das Gesicht der US-Brettspielbewegung.

Nicholson ist der Meinung, dass die Spiele ihre gestiegene Popularität vor allem dem Internet verdanken. Online hätten viele Amerikaner überhaupt erst von den Euro Games gehört. Junge Unternehmer hätten zuerst Spiele importiert und dann englische Versionen der oft aus Deutschland stammenden Originalspiele verlegt.

Populäre Siedler in Nordamerika

Einer dieser Unternehmer ist Jay Tummelson, Gründer von Rio Grande Games. Seit 1998 hat er mehr als 550 Gesellschaftsspiele veröffentlicht. Inzwischen kommen seiner Ansicht nach aber auch mehr und mehr interessante Brettspiele von Autoren außerhalb Deutschlands. Die Jury des urdeutschen Preises "Spiel des Jahres" scheint ähnlicher Meinung zu sein. In den vergangenen drei Jahren gewannen zwei Amerikaner und ein Franzose den Preis.

Das Spiel, das den Boom in den USA einst mit auslöste, "Die Siedler von Catan", ist allerdings noch immer eines der bestverkauften Euro Games, mittlerweile liegt es selbst in großen Kaufhäusern aus. Guido Teuber, Sohn des Erfinders, bestätigt SPIEGEL ONLINE, dass in Nordamerika tatsächlich immer mehr Brettspiele gekauft werden. Teuber lebt in San Francisco und ist für die weltweite Lizenzierung des Erfolgsspiels zuständig.

Seit 1997 arbeitet er daran, die Siedler in Nordamerika so populär zu machen wie in Europa. Aus einer US-Startauflage von 5.000 Exemplaren sind bis heute 1,5 Millionen verkaufte Catan-Basisspiele geworden, was allerdings weniger als zehn Prozent der weltweit abgesetzten Catan-Spiele ausmacht. Zum Vergleich: In Deutschland wurden laut Verlagsangaben bereits elf Millionen Spiele verkauft.

Deutsche Brettspiel-Klassik

Teuber sieht noch viel Wachstumspotential: "Geek chic ist seit ein paar Jahren in, und dieser Trend kommt auch uns weiterhin zugute."

"Going Cardboard" ist ein gelungener Low-Budget-Dokumentarfilm darüber, wie die Amerikaner zu den Euro Games gefunden haben. Allerdings scheint der Film durch die mehrjährige Nachproduktion etwas den Puls der Spielwelt verpasst zu haben. Dokumentarfilmerin Green hat den Film mit einem Mini-Budget von weniger als 5000 Dollar und in dreijähriger Heimarbeit erstellt. Die DVD-Produktion konnte sie über das Crowdfunding-Portal Kickstarter finanzieren.

Die meisten Interviews und Filmszenen aus "Going Cardboard" stammen aus dem Jahr 2009. Seitdem haben junge Spielautoren aus anderen Ländern zu den Deutschen aufgeschlossen und Spiele wie "Dominion" und "7 Wonders" entwickelt. Lorien Green zeigt, wie viel diese Spiele deutschen Klassiker wie "Carcassonne" zu verdanken haben - ohne "German-style Games" wären sie wohl nie entstanden.

"Going Cardboard" (English mit deutschen Untertiteln) ist erhältlich über www.boardgamemovie.com. Die nächste "Spiel" findet vom 18. bis 21. Oktober 2012 in Essen statt.

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insgesamt 14 Beiträge
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    Seite 1    
1. TableTop
joerghennicke 18.04.2012
Es gibt dazu seit kurzem ein recht interessantes Vlog. Wil "Wesley Crusher" Wheaton und Gäste spielen und besprechen auf "TableTop" jeweils (für die Amerikaner) neue Brettspiele... Geek & Sundry - TableTop (http://tabletop.geekandsundry.com/) Sehenswert und mit 100% Nerd-Faktor!
2. Schön oder ?
lomert 18.04.2012
Zitat von sysopDeutscher Exportschlager Brettspiel: In den Vereinigten Staaten gilt "German-style games" inzwischen als Gütesiegel. Aufbauspiele wie "Die Siedler von Catan" haben einen Brettspiel-Boom ausgelöst. Die Dokumentation "Going Cardboard" zeigt, wie im Web Analogspiele populär wurden. Dokumentarfilm "Going Cardboard": Warum Amerikaner deutsche Brettspiele lieben - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/games/0,1518,826864,00.html)
Wer "Aufbauspiele" spielt sündigt in dieser Zeit nicht und wird auch nicht dazu animiert, was man von "Vernichtungsspielen" wohl nicht behaupten kann. Wenn diese Spiele allerdings anfangen das Leben des Einzelnen und von ganzen Gruppen zu bestimmen, wird es unschön. Dann braucht man für diese Leute nur noch genügend "Brot" und schon kann jedes menschenfeindliche System in aller Ruhe agieren. Ein Traum für alle autoritären und provitgeilen Eliten würde wahr werden.
3.
Arno Nühm 18.04.2012
Brettspiele sind toll, ist bloß nicht ganz so einfach Mitspieler zusammenzukriegen, verglichen mit Online-Games.
4. ...
taggert 18.04.2012
Zitat von lomertWenn diese Spiele allerdings anfangen das Leben des Einzelnen und von ganzen Gruppen zu bestimmen, wird es unschön. Dann braucht man für diese Leute nur noch genügend "Brot" und schon kann jedes menschenfeindliche System in aller Ruhe agieren. Ein Traum für alle autoritären und provitgeilen Eliten würde wahr werden.
Der Traum der Profit-Geilen ist in der "westlichen Welt", durch die real-Umsetzung von "Monopoli", doch schon längst Realität... :) Und es sieht so aus, als wären wir in der langsam letzten Spielrunde angekommen. ;)
5.
xof112 18.04.2012
Moin moinzusammen, kennt jemand hier das Spiel welches auf Bild 5 der Fotostrecke zu diesem Artikel zu sehen ist? Vielen Dank schon einmal... Viel Spass beim Diskutieren! Gruss Christoph
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