Gewalt in Videospielen Das Weiße Haus ballert drauflos

Donald Trump sorgt sich um Gewalt in Videospielen? Kein Wunder. Denn dank eines YouTube-Videos kann man erahnen, auf welcher Basis das Weiße Haus über das Thema debattiert.

Szene aus dem Video
Youtube/ The White House

Szene aus dem Video

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Kopfschüsse aus nächster Nähe, ein Stich direkt ins Herz, unbewaffnete Zivilisten, die in einem Flughafenterminal beschossen werden: Im Netz macht gerade ein anderthalbminütiges Video namens "Violence in Video Games" die Runde, das zeigt, wie gewalttätig es in manchen Videospielen zugeht. Das Video enthält so brutale Szenen, dass wir es hier bewusst nicht verlinken.

Zwar gibt es im Netz viele Videos, die Gewalt aus Spielen zelebrieren, etwa indem sie besonders brutale Todesszenen zeigen. In diesem Fall aber ist das Video anders zu verstehen. Denn nicht irgendein Kanal hat es auf YouTube gestellt, sondern "The White House", ein offizieller Account der US-Regierung. Sonst dokumentiert der Kanal beispielsweise Auslandsreisen von Präsident Donald Trump im Video.

Mit Games hat sich der Kanal bislang nicht beschäftigt, dieser Clip ist somit das erste Signal, welches das Weiße Haus per YouTube an Spielefans und -firmen sendet. Solange man keinen besonderen Gewaltfetisch hat, lässt sich das Video eigentlich nur auf eine Art interpretieren, als: Amerika, wir haben ein Problem. Denn so brutal, so schlimm sind Videospiele - hier ist der ultimative Beweis.

Völlig ohne Kontext

Das Video selbst verzichtet auf jegliche Einordnung des Gezeigten: Nicht einmal seine Beschreibung verrät, aus welchen Spielen die offenbar im Netz zusammengesammelten Szenen stammen. Es verrät auch nicht, ob die Gewalt Teil der Geschichte oder Selbstzweck ist. Es wird auch nicht gesagt, dass es sich um Spiele für Erwachsene handelt und sich keines der gezeigten Spiele an Kinder richtet.

Flughafen-Szene aus "Modern Warfare 2"
Youtube/ The White House

Flughafen-Szene aus "Modern Warfare 2"

Bekannt ist immerhin, warum sich das Weiße Haus überhaupt gerade jetzt mit Videospielen beschäftigt. Anlass ist der Amoklauf von Florida, bei dem ein 19-Jähriger an seiner ehemaligen Schule 17 Menschen erschoss. Donald Trump machte danach auch den Einfluss brutaler Videospiele und Filme auf Jugendliche zum Thema: eine Äußerung, die Assoziationen an die Killerspiel-Debatte der Nullerjahre weckt.

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Für den gestrigen Donnerstag lud Donald Trump in einer Hauruck-Aktion Vertreter der Spielebranche und auch Spielekritiker ins Weiße Haus. Nach allem, was man über das nicht-öffentliche Treffen weiß, endete es ergebnislos. Als Einführung ins Thema soll zunächst der Gewalt-Supercut gezeigt worden sein.

Was soll man danach sonst denken?

Dass das Video jetzt auf YouTube steht, ist bizarr. Die meisten Nutzer werden wohl zweimal auf den Kanalnamen schauen, so absurd wirkt es, dass das Weiße Haus Actionspiel-Ausschnitte hochlädt. Und vielleicht ist das Ganze auch nur ein Versehen. Denn der Clip wurde zumindest so veröffentlicht, dass ihn nur aufrufen kann, wer den direkten Link dazu kennt. Womöglich war das Video also gar nicht für die über 250.000 Nutzer gedacht, die es in kurzer Zeit schon gesehen haben.

In jedem Fall lässt "Violence in Video Games" erahnen, welche Vorstellung Donald Trump von Spielen haben muss, ein Präsident, dessen Lieblingsmedien Twitter und das Fernsehen sind. Worüber er spricht, wenn er vermeintlich allgemein von Gewalt in Spielen spricht. Wer als Laie so ein Video gezeigt bekommt, kann nur zu dem Schluss kommen, dass Videospiele schrecklich sind.

Denn wer diesen Clip sieht, ahnt wohl nicht unbedingt, dass Actionspiele mit solchen Szenen nur ein Teil des Spielemarktes sind. Dass ein hier wie ein Killer-Simulator wirkendes Spiel wie "Fallout 4" längst nicht nur aus Kämpfen besteht. Oder dass die Flughafenszene aus "Call of Duty: Modern Warfare 2" zu Recht zu den umstrittensten Passagen der Games-Geschichte gehört.

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Der falsche Debattenstart

So wie dieses Video daherkommt, könnte das Weiße Haus auch einen Clip mit einem Titel wie "Violence with weapons" ins Netz stellen, ein Video, das ohne jeden Kontext zeigt, wie US-Waffenbesitzer Menschen erschießen.

Es ist klar, dass das nicht passieren wird - und es ist sogar wünschenswert. Denn bei einer Debatte, die so oder ähnlich beginnt, lässt sich absehen, dass kein konstruktiver Dialog zustande kommen wird. Nicht mit den Herstellerfirmen, nicht mit den Menschen, deren Hobby vielleicht umstritten ist, ihnen aber heilig.

Debattiert werden sollte aber durchaus. Zum Beispiel darüber, ob es für junge Menschen in den USA bislang nicht viel zu leicht ist, an brutale Games zu kommen. Nur vielleicht nicht in einer Situation, in der man gerade wieder einen Schuldigen für einen Amoklauf sucht. Und erst recht nicht mit einem 90-sekündigen Gewaltporno, der nach Kontext schreit und jetzt einfach so durchs Netz geistert.



insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
benmartin70 09.03.2018
1.
Tja, alternative Fakten, nur diesesmal durch den Urheber diese Begriffes. Vom Weissen Haus genauso gut recherchiert wie seinerzeit der Bericht von Frontal21 zu dem Thema.
robert.spillner 09.03.2018
2. Unbewusst verlinkt
"Das Video enthält so brutale Szenen, dass wir es hier bewusst nicht verlinken." Dann muss das wohl gänzlich unbewusst in der Quellenangabe unter dem Screenshot passiert sein :-)
rueckenschwimmer 09.03.2018
3. differenzierung
ja da wird differenzierung angemahnt, bei einem thema dessen abstrusität sich kaum überbieten lässt. ein an belanglosigkeit kaum zu überbietendes genre, das sich mittlerweile zur "kunstform" aufgebläht hat, zu dem es professuren gibt, die natürlich von der spieleindustrie unterstützt werden, und einer lobby die jedes mal laut quietscht, wenn jemand auch nur andeutet, dass es vielleicht doch ein bisschen stimmt, dass gewaltverherrlichende spiele auch auswirkungen auf den spielenden hat. diese lobby wird aber fast nirgends als solche bezeichnet und deren geld und marktmacht wird nicht thematisiert. und ganz ehrlich - es mag ja den spielenden "heilig" sein, es ist eines der überflüssigsten dinge, die die menschheit bisher hervorgebracht hat, zu nichts nutze ausser zur unterhaltung, ablenkung, verblödung. und - auch das werden die spieler nicht gern hören - es ist ein business, es hat nichts mit kunst zu tun, nicht mal mit kunsthandwerk.
Jor_El 09.03.2018
4. Wie clever ^^
die Lösung kann ja so einfach sein. Um weitere Masaker zu verhindern, nehmen wir den Leuten ihre virtuellen Ballerspielwaffen weg und lassen ihne ihre realen halbautomatischen Waffen. GENIAL, auf diese Idee muss man erst einmal kommen. ^^ (face palm)
tonyphlex 09.03.2018
5. Ist doch klar,
Die Trump Regierung will sagen, dass wenn alle Potentiell angegriffene ihre eigene Verteidigungswaffe dabei gehabt hätten, dann würden sie sofort und noch bevor der Angreifer mit seiner Angreiferwaffe angreifen kann...mit der Verteidigungswaffe sich verteidigen. So quasi als präventiv Verteidigung...... also der Zeit voraus.
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