"Duke Nukem 3D" wiederentdeckt Warzenschwein in Uniform

Röhrenmonitor an, 486er starten, Netzwerkkabel ran: Auf Lan-Partys in den Neunzigern war der Shooter "Duke Nukem 3D" der Hit - obwohl er indiziert war. Wir haben den Klassiker noch einmal ausprobiert.

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Die Sommerferien hatten gerade begonnen. Draußen schien die Sonne, es war perfektes Freibadwetter. Doch das war uns völlig egal. Wir wuchteten unsere Röhrenmonitore in den dunklen Hobbykeller eines Freundes, vernetzten unsere 486er-Computer und zogen die Vorhänge zu. Es roch vor allem nach Schweiß und kalter Pizza. Es war der unverwechselbare Duft einer Lan-Party.

In den Neunzigerjahren waren Multiplayer-Spiele im Internet für die meisten Menschen noch Science-Fiction. Spielen im lokalen Netzwerk dagegen lag im Trend, zumindest bei jenen, denen es gelang, ihre Rechner mit komplizierten IP-Einstellungen wirklich miteinander zu verbinden. Damals gab es nicht allzu viele Spiele, die sich über das IPX-Protokoll gemeinsam zocken ließen. "Duke Nukem 3D" war eines davon.

Ja, der Held war prollig und obszön, das Spiel sexistisch und brutal. Aber das schreckte uns nicht ab. Denn der Shooter war für diese Zeit eben auch extrem schnell und bestens geeignet für rasante Ballereien im Netzwerk. Überlebt hat nur, wer die Sprungtaste noch öfter drückte als den Schussknopf. Wer eine Chance im Mehrspielermodus haben wollte, der musste das Zusammenspiel zwischen Tastatur und Maus perfekt beherrschen.

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Ego-Shooter: "Duke Nukem 3D" im Retrotest

Das Spiel war nicht nur flinker, sondern auch vielfältiger als etwa "Doom 2", daher waren die Duelle schön abwechslungsreich - obwohl wir immer die gleiche Multiplayer-Karte auswählten. Ab und zu hopsten wir mit unseren Dukes zwar auch durch das Stadion, meistens aber landeten wir bei L. A. Rumble.

Schießen, schrumpfen, drauftreten

Jeder wusste, wohin er mit dem Jetpack fliegen musste, um schnell an den Raketenwerfer zu gelangen. Jeder ahnte, dass oben am Aufzug ein Gegenspieler mit einer Schrotflinte lauern würde. Und jeder rechnete damit, dass im engen Lüftungsschacht wieder eine Sprengfalle montiert war.

Da wir uns alle auskannten, mussten wir kreativ werden. Wir kundschafteten Vorsprünge für einen optimalen Hinterhalt aus, schrumpften Gegner, traten drauf, froren uns gegenseitig ein, rasten mit Steroiden noch schneller durch die Häuserschluchten und positionierten Duke-Nukem-Hologramme, um den Gegner zu täuschen.

Ich erinnere mich ziemlich gut an die Adrenalin-Ausschüttungen von früher, als ich das Spiel dieser Tage auf der Playstation 4 mit der aufgebohrten Version "20th Anniversary World Tour" starte. Mich beeindrucken noch heute kleine Details des Spiels wie Einschusslöcher in der Wand, explodierende Feuerlöscher und ein Billardtisch, auf dem man die Kugeln anstoßen kann. So etwas war damals richtig originell.

Aber ansonsten wirkt das Spiel jetzt, vor allem die Einzelspieler-Kampagne, leider ziemlich plump. Ich wähle im Startmenü immer wieder neue Level aus, zu langatmig ist die Suche nach Zugangskarten, zu ermüdend sind die Knopfdruckrätsel und die Dauerfeuergefechte zwischen Striptease-Tänzerinnen. Ja, ganz klar: "Duke Nukem 3D" war im Mehrspielermodus am besten, bei Duellen mit Freunden.

Duke Nukem wird freigesprochen

Auch wenn es nicht gut gealtert ist, lässt sich das Spiel mittlerweile immerhin wieder simpel kaufen. Früher war das schwieriger, denn das Spiel war seinerzeit indiziert worden. Rückblickend ist das kaum noch nachzuvollziehen: Der derbe Sprücheklopfer meiner Jugend wirkt heutzutage nur noch wie ein aus der Zeit gefallener Klischee-Macho.

Damals war der Pixelkampf gegen die Aliens aber durchaus großes Kino, weil die Figuren den Anschein von 3D erweckten. Und aus der Ferne betrachtet sieht es tatsächlich so aus, als würden dreidimensionale Warzenschweine in Polizeiuniformen durch die Level von "Duke Nukem 3D" marschieren. Aus der Nähe betrachtet sind es dann aber doch nur plattgedrückte Bitmaps.

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Indizierte C64-Games: Jugendgefährdende Pixelwüsten

Vom Index runter ist der Shooter erst seit Kurzem, seit Anfang 2017. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien hat das Spiel nach 20 Jahren wieder für den Handel freigegeben. Eigentlich hätte das Spiel noch fünf Jahre auf dem Index verbringen müssen. Doch offenbar hat das Softwareunternehmen Gearbox eine vorzeitige Streichung von der Liste erreicht, nachdem es die "Duke Nukem"-Rechte vom Entwicklerstudio 3D Realms aufgekauft hatte.

Ich selbst werde "Duke Nukem 3D" als grandioses Lan-Party-Spiel im Hobbykeller in Erinnerung behalten, meine aktuelle Runde auf der Playstation dagegen endet schnell wieder. Das Spiel war der perfekte Shooter für die Neunzigerjahre, ist es aber nicht mehr für 2017. Er weckt aber Erinnerungen, schöne und weniger schöne.

Nach meiner Testrunde jedenfalls fällt noch ein, wie bitter früher manches Lan-Duell endete: Nämlich damit, dass man plötzlich der Spieler war, der mürrisch in der Ecke hockte, seine abgerauchte Netzwerkkarte austauschte, die Festplatte formatierte oder Windows neu aufspielte. Und dazu dröhnte aus den Lautsprechern "Come get some". Verdammt!

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
rainerwäscher 01.01.2018
1. Als Computerspiele noch Spaß machten
Dukes Sprüche waren noch das Beste: "Nobody steals our chicks and lives." Noch heute verwende ich: "Ahhh, I needed that!" Gleichwertig und ähnlich: der Shadow Warrior: "Oh. smell remind me of old girl friend!"
frageniemals 01.01.2018
2. Herrliches Spiel
und man konnte soviel ausprobieren und entdecken. Die Ballerei war eigentlich Nebensache
anselmwuestegern 01.01.2018
3.
Die Realität überholt leider allzu oft die Fiktion. Was in dem 80ern als ethisch fehlgeleitet und Gefährdung der Entwicklung Jugendlicher eingestuft wurde, ist spätestens seit den Gräuel des "IS" nur ein schwacher Abklatsch der Realität. Wenn man es ernst nähme, müsste man viel mehr indizieren, auch in Film und Musik, vielleicht sogar in der Literatur. Allerdings steht jeder Index im Widerspruch zum freien Individuum. In der Zeit des Internets lassen sich Jugendliche nur schwer schützen, wenn sie mit der Technik besser umgehen können, als ihre Eltern und Erzieher. Ich bin zwar selbst mit Technik aufgewachsen (auch mit diesen Spielen), merke aber, dass der Nachwuchs meine Grenzen schon längst überwunden hat. Da sie jedoch parallel durch Engagement in Jugendgruppen und -Verbänden ihre soziale Kompetenz unter Beweis stellen, hält meine Sorge sich in Grenzen. Vielleicht sind sie der Entwicklung einer autonomen Ethik oder Moral viel näher, als wir es damals waren. Ich werde es merken, wenn ich pflegebedürftig werde und die Frage nach der Sterbehilfe aufkommt. ... aber auch das lässt mich ruhig schlafen.
zieglerm 01.01.2018
4. Warum Windows neu aufspielen ?
In der Regeln hat man den Terminator gesucht ;-), oder ein halbwegs funktionierendes COAX Kabel oder einen Freund angerufen um einen Hub zu leihen. Aber Windows aufspielen hat nichts geholfen, da zu diesen Zeiten alle aufwändigeren Spiele DOS Spiele waren, eben auch Duke Nukem 3D. Eine Windows Fassung gab es erst viel später.
skade 01.01.2018
5.
Al Bundy...Duke Nukem usw. solche Schätze hätten heutzutage keine Change mehr. Welch ein Rückschritt.
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