Dunja Hayalis Virtual-Reality-Marathon "Ich habe immer noch Muskelkater"

Mit Brille in digitale Welten und aufs Klo: Moderatorin Dunja Hayali hat 24 Stunden in der virtuellen Realität verbracht. Hier erzählt sie, wie es war - und welche ganz realen Auswirkungen ihr Trip hatte.

Hayali mit ihrer "VR-Schamanin" Vogl
ZDF/ Donnerstalk

Hayali mit ihrer "VR-Schamanin" Vogl

Ein Interview von


Fragen lässt sich Dunja Hayali anfangs gar nicht stellen, sie will sofort loserzählen: Davon, wie toll alles war, dass sie gern noch mehr Erfahrungen machen würde. Sie schwärmt von einem Fernsehexperiment, das wohl selbst für viele Gamer eine Qual wäre.

Zum Zeitpunkt des Interviews ist es anderthalb Tage her, dass Hayali 24 Stunden in der virtuellen Realität (VR) verbracht hat, in einem Mini-Loft in Berlin-Mitte, gefilmt fürs ZDF.

Mit einer HTC Vive auf dem Kopf ist Hayali durch bunte Comicwelten gehüpft und war virtuell Bowling spielen, sie hat aber auch Actionspiele ausprobiert. Eine als "VR-Schamanin" inszenierte Expertin sorgte für einen regelmäßigen Wechsel der Erlebnisse. Ein Arzt achtete während des Experiments auf ihre Gesundheit.

Die Moderatorin ist dabei nicht der erste Mensch, der einen ganzen Tag lang in der Digitalwelt unterwegs war: Ihr BR-Kollege Christian Schiffer zum Beispiel wagte wenige Tage vorher einen ähnlichen Versuch.

Hayalis Selbstversuch ist dennoch bemerkenswert, denn mit der Moderatorin setzte sich jemand intensiv mit VR auseinander, der weder Tech-Experte noch langjähriger Gamer ist, sondern Neuling. Die letzten Spiele, die sie intensiv gespielt habe, seien "Tetris" und "Super Mario" gewesen.

Zur Person
  • DPA
    Dunja Hayali, 42, ist Fernsehmoderatorin. Bekannt ist sie unter anderem aus dem "ZDF-Morgenmagazin". Im Februar 2016 wurde sie mit der Goldenen Kamera in der Kategorie "Beste Information" ausgezeichnet. Zu Hayalis Hobbys zählen Tauchen, Surfen, Ski- und Snowboardfahren.

SPIEGEL ONLINE: Frau Hayali, Sie hatten 24 Stunden lang eine HTC Vive auf dem Kopf. Wie haben Sie sich danach gefühlt?

Hayali: Direkt nachdem ich die Brille abgenommen hatte, war der Bezug zum eigenen Körper noch nicht so richtig da. In der virtuellen Welt sehen Sie sich ja nicht: Sie haben ja meistens keine Beine und Ihre Arme sind die Geräte, die Sie in der Hand halten. Ansonsten ging es mir ganz gut, mir war nie schlecht oder so.

ZDF/ Donnerstalk

SPIEGEL ONLINE: Wie sah ihr Gesicht aus? Die Brillen hinterlassen ja schnell Abdrücke.

Hayali: Abdrücke hatte ich auch. Und ich spüre bis jetzt, anderthalb Tage später, einen kleinen Druckschmerz da, wo die Brille saß. Ich habe auch immer noch Muskelkater in den Beinen. In einem Spiel bin ich Schüssen ausgewichen und habe mich dabei zu Boden geworfen.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie Flashbacks oder Albträume?

Hayali: Ich habe von den Erlebnissen geträumt, aber nicht ungewöhnlich viel oder schlimm. Und Flashbacks? Nein, keine großartigen. Obwohl: Auf der Toilette, wo ich beim Experiment stets nur Schwarz gesehen habe, habe ich immer die Augen zugemacht - das mache ich jetzt auch noch. Das gibt einen kleinen Flashback. Und offen ist natürlich, was 24 Stunden VR möglicherweise in drei Wochen bei mir auslösen, es gibt ja keine Langzeitstudien.

SPIEGEL ONLINE: Als ich von Ihrem Selbstversuch hörte, erschien er mir ziemlich konstruiert: Vor allem durch die Regel, dass Sie die Brille nicht einmal beim Essen, beim Schlafen oder eben auf der Toilette ausziehen durften.

Hayali: Auf der Toilette würde man die Brille normalerweise wohl ausziehen, ja. Ich wollte sie aber aufbehalten, weil ich auch herausfinden wollte, wie es ist, wenn man 24 Stunden niemand anderen sieht.

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SPIEGEL ONLINE: Allein waren Sie trotzdem nicht. Sie wurden sogar die ganze Zeit gefilmt. Wie hat das Ihr Erlebnis beeinflusst?

Hayali: Je länger sich die Leute von außen nicht gemeldet haben, desto besser konnte ich mich auf die virtuellen Welten einlassen. Seltsam war es, sich einen Porno in VR anzuschauen: Da lag ich dann auf diesem Bett und dachte: Okay, du weißt, hier ist die ganze Zeit noch eine Kamera, vergiss das nicht.

SPIEGEL ONLINE: Hat Ihnen der Porno gefallen?

Hayali: Für die Pornoindustrie wird Virtual Reality vermutlich ein Knaller. Das wirkt sehr real. Aber Riechen, Schmecken, Fühlen fehlen eben doch beim Erleben.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in der virtuellen Realität unter anderem 3D-Bilder gemalt und sind einem animierten Wal begegnet. Welche Erfahrung fanden Sie am aufregendsten?

Hayali: Ich bin eher friedfertig und halte nichts von Waffen. Erschreckend fand ich daher, wie gut mir VR-Shooter gefallen haben. Bei einem Kampf gegen Zombies dachte ich erst "Das ist ja albern", aber die Zombies sahen recht echt aus. Ich habe wohl sogar gerufen "Ich brauche mehr Waffen, ich brauche Munition".

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie irgendwann vergessen, dass Sie nur ein Spiel spielen?

Hayali: Einmal im Spiel hatte ich keine Waffen mehr und ein Zombie stand direkt vor mir. Da habe ich einfach wie wild auf ihn eingeschlagen - und dabei meinen Kameramann getroffen. Da ist mir das Herz kurz in die Hose gerutscht, ich habe mich richtig erschreckt - weil ich offenbar vergessen hatte, dass Leute mit im Raum sind.

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SPIEGEL ONLINE: Steht uns eine Debatte über die Wirkung von VR-Shootern bevor?

Hayali: Ich habe die ganze Diskussion um Ego-Shooter verfolgt und finde auch, dass Kinder sie nicht spielen sollten. Ein Erwachsener dagegen sollte eigentlich unterscheiden können, was virtuell ist und was real. Aber: Ich kann mir vorstellen, dass mit so real wirkenden Welten Schindluder getrieben wird, dass das etwas mit Menschen macht. Ich habe ja auch auf alles geschossen, was sich bewegt.

SPIEGEL ONLINE: Wie könnte Virtual Reality Gutes bewirken?

Hayali: In der Schule hätte ich wohl besser aufgepasst, wenn es zu meiner Zeit solche Brillen gegeben hätte: Mit ihnen könnte man zum Beispiel die Schlachten Napoleons miterleben oder in Biologie den Körper ganz anders erforschen. Und ich kann mir vorstellen, dass man mit VR eine Spinnenphobie in den Griff kriegen kann, oder dass man vielleicht wieder Bewegung spüren kann, wenn man ein Handicap hat oder im Krankenhaus liegt.

SPIEGEL ONLINE: Während des Experiments haben Sie einmal ihren Moderatorenkollegen Mitri Sirin getroffen, in Avatar-Form. Wie war das?

Hayali: Interessant. Ich hatte den Eindruck, wir erleben das, was wir machen, wirklich zusammen - obwohl sein Avatar ihm nicht hundertprozentig ähnlich sah. Wir konnten uns unterhalten, haben Bowling gespielt, waren in Tokio. Ich dachte mir: Über so eine Brille könnte ich mich mit einem Freund, der in New York lebt, virtuell in einem Café verabreden und ich hätte das Gefühl, ich würde da wirklich mit ihm sitzen.

SPIEGEL ONLINE: In 24 Stunden haben Sie viel in VR erlebt. Was fehlte Ihnen noch?

Hayali: Ich hätte mir Perspektivwechsel gewünscht: Man könnte ja in andere Menschen eintauchen, Rassismus erleben. Ich als schwarzer Mensch mit 190 Kilo und drei Beinen, als übertriebenes Beispiel. Und ich hätte mir gewünscht, dass man mich virtuell in die Straßenschluchten von Mossul oder Aleppo hineinversetzt. Ich habe zwischendurch auch gefragt: "Gibt es einen Flugzeugabsturz?"

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SPIEGEL ONLINE: Das würde ich auch in VR ungern erleben.

Hayali: Das ist total crazy, aber mich interessiert, was das mit einem macht: Taucht man dann wirklich ein und oder denkt man die ganze Zeit "Das ist nicht echt" und hält sich mit dem kleinen Finger an der Realität fest? Fängt das Herz an zu rasen? Wie panisch ist man? Und lassen einen diese Bilder wieder los?

SPIEGEL ONLINE: Gab es während des Experiments einen Punkt, an dem Sie abbrechen wollten?

Hayali: Nein. Ich war eher ein wenig traurig, als ich hörte, dass jetzt nur noch fünf Stunden kommen. Immerhin konnte ich viel über mich selbst lachen: etwa, als ich meinen Arm auf die Armlehne eines virtuellen Liegestuhls ablegen wollte und mein Arm dann einfach runterfiel. Manchmal habe ich mich aber auch über mich geärgert, zum Beispiel, weil ich beim Spielen geflucht habe. Das ist wohl öfter passiert.

Hinweis: Der Fernsehbeitrag zum VR-Experiment von Dunja Hayali wird am Donnerstag, 28. Juli, im ZDF zu sehen sein - um 22.15 Uhr, in der Sendung "ZDFdonnerstalk".


Video: So spielt es sich in der virtuellen Realität

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insgesamt 42 Beiträge
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Seite 1
Frida_Gold 22.07.2016
1.
Respekt, Frau Hayali. Schön, dass es doch noch Journalisten gibt, die selbst in ein Thema eintauchen wollen, um es zu verstehen, anstatt eine ohne Erfahrungen gebildete Meinung unters Volk zu bringen. Aber von Ihnen habe ich auch nichts anderes erwartet, schon Ihr Umgang mit Pegida und Co. hat mich sehr beeindruckt. Wären mehr wie Sie, hätten "Lügenpresse"-Rufer keine Chance.
mielforte 22.07.2016
2. bei dieser Schlagzeile
ist es mir um den deutschen Journalismus nicht Bang...
reflexxion 22.07.2016
3. eine mutige Frau
Ich bin sicher ein ausdauernder PC-Spieler, es gab früher Wochenenden im Winter, da hab ich die Rollläden runtergelassen und damals noch solo Rollenspiele gespielt, bis Montag früh ohne Pause. Das Spiel war damals so spannend, da kam gar nicht die Idee auf zu pausieren. Ich glaube es war Baldurs Gate II, bin aber nicht sicher. Ich habe 1983 angefangen mit PC-Spielen und ich mache das noch heute - aber bei weitem nicht mehr so extrem. Während dieser langen Zeit hat sich mein Geschmack bei Spielen immer wieder geändert, nur Ego-Shooter waren nie dabei, ich hatte mal Doom probiert und davon wurde mir nach 10 Minuten schlecht (seekrank). Trotz allem würde ich mich das was Frau Hayali gemacht hat nicht trauen. Unabhängig von der Gefahr der Übelkeit, das ist körperlich bedingt und hat nichts mit etwaiger Brutalität im Spiel zu tun, ich will einfach nicht so weit gehen, mich vollständig in virtuelle Welten zu begeben. Übrigens, die Ausrede mit der Schule und man kann so besser lernen haben wir auch schon in den 60er Jahren benutzt, damals um ein Spulentonbandgerät zu bekommen mit dem wir angeblich englische Vokabeln lernen wollten - ich kenne aber keinen der das dann wirklich gemacht hat.
benmartin70 22.07.2016
4.
Schöner Artikel, gut geschrieben und unterhaltsam. Zum Thema Shooter ist auch alles nötige gesagt worden. Ich warte nur bis hier wieder die Oberbedenkenträger und Mahner loslegen......
paulmeiersohn 22.07.2016
5. Eine deutsche Journalistin
Dies ist nun eine deutsche Journalistin im Jahre 2016. Bravo!
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