E-Sport und Hate Speech "Ich hoffe, ihr sterbt alle"

Im Sport und beim Videospielen geht es um Emotionen: Manchmal aber haben sich Spieler und Zuschauer nicht im Griff. E-Sport-Teams suchen nach dem passendem Umgang mit der Online-Wut.

Frustrierter Gamer (Symbolbild)
Getty Images/iStockphoto

Frustrierter Gamer (Symbolbild)

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Kürzlich sorgte ein Tweet eines dänischen "Counter-Strike"-Teams für Aufsehen in der E-Sport-Szene. North veröffentlichte einen Screenshot mit Nachrichten, die Nutzer an das Team adressiert hatten. "Ich hoffe, ihr sterbt alle", hatten E-Sport-Zuschauer in öffentlichen Chats oder in Direktnachrichten an die Profispieler von North geschrieben, und: "Bekommt bitte Krebs, ihr Noobs".

Unter dem Tweet gab es eine lange Diskussion über die Umgangsformen in der Welt des kompetitiven Videospielens: Viele Nutzer bedankten sich bei North für den Mut, das Thema Hate Speech im E-Sport so klar anzusprechen: Bislang wurde das Phänomen im Gaming eher in anderen Kontexten debattiert, etwa wenn es um den Umgang der Branche mit Frauen und das Verhältnis zwischen Gamern und Spieleentwicklern ging.

Nicht nur ein E-Sport-Problem

Gilda Sahebi ist Journalistin und Projektleiterin der Initiative No Hate Speech Movement in Deutschland. Sie erklärt das Phänomen Hate Speech unter anderem mit der Distanz zwischen den Beteiligten damit, dass sie nur übers Internet miteinander verbunden sind: "Jemanden anzugreifen, ohne zu sehen wie das rein physisch bei der anderen Person ankommt, ist leichter, als wenn man sich auf der Straße gegenübersteht", sagt sie.

Manche Leute pöbeln Sahebi zufolge aus Langeweile, sie suchen auf perfide Weise nach Unterhaltung. Außerdem gebe es auch Leute mit "klaren ideologischen Zielen", die an koordinierten Attacken teilnehmen, sagt Sahebi: "Und andere wollen tatsächlich anderen wehtun, wollen sich wichtigmachen, andere ausgrenzen, sind einfach Rassisten oder Extremisten."

Dass es auf interaktiven Online-Plattformen zu Hate Speech kommt, sei unausweichlich, meint Sahebi. Die Wissenschaft habe aber gezeigt, dass mehr Moderation zu weniger Hate Speech führe - es lohnt sich also, die Hasskommentare nicht einfach hinzunehmen.

#StopToxicity

Christian Slot, der Pressechef von North, ist seit 15 Jahren im E-Sport tätig - abgehärtet gegen Online-Hass hat ihn das nicht. "Es macht betroffen, wenn man eine Nachricht bekommt, die einem selbst oder der Familie den Tod oder Krebs wünscht", sagt er dem SPIEGEL. "Unsere Botschaft an die Leute ist, dass am anderen Ende immer ein Mensch ist, der diese toxische Botschaft empfängt."

Mittlerweile bekommt North von vielen E-Sport-Teams Unterstützung: Unter dem Hashtag #StopToxicity plädiert man gemeinsam für einen menschlicheren Umgang in den Communitys.

Für die E-Sport-Branche ist es auch mit Blick aufs eigene Geschäft wichtig, den Hass in den Griff zu bekommen. Will man neue Zuschauer, talentierte junge Spieler für Turniere und auch Werbekunden gewinnen, könnte der Umgangston einiger Nutzer in den Chats Neueinsteiger sofort wieder abschrecken.

"Wir müssen mehr Ressourcen darauf verwenden, toxische Kommentare aus unseren sozialen Netzwerken zu entfernen", sagt wohl auch deshalb Christian Slot. Ebenso müsse man Mitglieder der E-Sport-Community, die sich problematisch verhalten, an zuständige Stellen melden - "wenn es sein muss, auch an die Behörden". Auch ein vollständiger Ausschluss von Personen aus der Community könne sinnvoll sein.

Eine "lautstarke Minderheit"

Peter Mucha ist Leiter des operativen Geschäfts beim Berliner Team G2 Esports. Er betont, dass auf den meisten Plattformen die Mehrheit der Fans oder Nutzer respektvoll miteinander umgehe. Es sei stets eine "lautstarke Minderheit", die Hate Speech betreibe. E-Sport-Zuschauer sollten "ihre Macht als Mehrheit der Fans nutzen, um eine Erwartungskultur zu schaffen, in der diejenigen, die sich schlecht verhalten, von der größeren Gruppe gemieden werden", meint Mucha. Das könne helfen, das Verhalten derjenigen zu ändern, die meinen, ihr Handeln bleibe ohne Folgen.

Die Bewegung mit dem Hashtag #StopToxicity sei ein "positiver Schritt nach vorne", sagt Mucha. Er hält es für wichtig, dass sich Profispieler vorbildlich verhalten: "Im Allgemeinen werden die Fans ihr Benehmen an das ihres Lieblingsathleten anpassen."

Die meisten Ligen und Entwicklerstudios populärer E-Sport-Titel haben längst Verhaltenskodizes aufgestellt - Regeln für den Umgang miteinander, die sowohl für Amateure als auch Profis gelten. Wer gegen die Regeln verstößt wird verwarnt, gesperrt oder vom Ligabetrieb suspendiert. Wie gut aber wirklich kontrolliert wird, wer sich angemessen verhält und wer nicht, variiert je nach Spiel.

Mehr Druck auf die Profis

Hasskommentare und digitale Drohungen erhöhen den Druck auf die Profis. Von Nachrichten mit einer Nadel auf einer Karte, die andeuten "Ich weiß, wo du wohnst", oder Todeswünschen würden sich alle Menschen betroffen fühlen, sagt dazu North-Pressechef Christian Slot.

Ob Beleidigungen oder Drohungen wortwörtlich gemeint sind oder nicht, sollte laut Hate-Speech-Expertin Sahebi bei der Bewertung keine Rolle spielen: Entscheidend sei die Wirkung beim Empfänger, sagt sie. Es gebe bereits Studien, denen zufolge Hate Speech im Internet eine "ähnliche negative Wirkung auf Körper und Geist hat wie körperliche Angriffe".

Viele E-Sport-Teams stellen ihren Profis Mentalcoaches und Sportpsychologen zur Seite. Peter Mucha von G2 Esports sagt, die Mitarbeiter würden die Spieler beim Umgang mit Turnierdruck, aber auch mit Hassbotschaften aus dem Publikum unterstützen.

North-Profi Nicklas "gade" Gade
North/Ritzau

North-Profi Nicklas "gade" Gade

Christian Slot betont, dass es North bei der #StopToxicity-Kampagne weniger um die Folgen für die Profis geht: Diese würden schon seit einiger Zeit professionell spielen und seien abgehärtet. Bei jungen Menschen aber, die "Counter-Strike", "League of Legends" oder "Fortnite" spielen und dabei mit Hass im Netz konfrontiert werden, sei das anders: Ein Zwölfjähriger zum Beispiel sei wohl nicht in der Lage, so mit Anfeindungen umzugehen wie seine Profis.

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insgesamt 14 Beiträge
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gaminggirl 18.02.2019
1. Netter Artikel
Ich spiele so gut wie keine online games und habe die e-sport Szene noch nie verfolgt. Wusste gar nicht, dass es dort tatsächlich "Psychologen" für die Spieler gibt. Sehr interessant. Das Bild dort oben ist aber kein frustrierter gamer. Der sucht sicherlich nur seinen Zettel mit den login-Daten unter der Tastatur ;-)
zac.m 18.02.2019
2. Die Kehrseite
der Medaille. Anonymität verführt dazu, dass der Mensch sein tierisches Selbst zur Schau stellt. Im Grunde sind wir alle Tiere, die durch Ratio, gesellschaftliche Umgangsformen und letzten Endes Staatsgewalt eingehegt werden. Wenn Anonymität den Staat außen vor lässt, versagen Ratio und Umgangsformen oft.
aysnvaust 18.02.2019
3. Das ist...
...kein Problem das sich auf die gamer-community beschränkt. Hate speech ist allgegenwärtig im Netz, und nicht nur in den foren, die von nerds / geeks frequentiert werden, sondern auch auf allgemein bekannten plattformen wie youtube. Besonders übel verhält es sich nach meiner Erfahrung auf Kanälen, die politische Themen behandeln (wobei das SPON forum übrigens absoluter Kindergarten ist im Vergleich zu internationalen / englischsprachigen Kanälen). Was die im Schluss des Artikels angesprochenen Zwölfjährigen betrifft: LOL, es sind hauptsächlich gerade die jüngeren, die in gamerforen verbal "die Sau rauslassen". Ich nenne das das "PipiKakaHiHi" Syndrom der Netzjugend.
gaminggirl 18.02.2019
4.
Zitat von zac.mder Medaille. Anonymität verführt dazu, dass der Mensch sein tierisches Selbst zur Schau stellt. Im Grunde sind wir alle Tiere, die durch Ratio, gesellschaftliche Umgangsformen und letzten Endes Staatsgewalt eingehegt werden. Wenn Anonymität den Staat außen vor lässt, versagen Ratio und Umgangsformen oft.
Sehr schöne Schlussfolgerung und vollkommen richtig. So funktioniert der "Selbsterhaltungstrieb" des Menschen seit jeher.
Fairplayground 18.02.2019
5. Mit Sport hat das nix zu tun
Die Spielehersteller machen zig Millionen damit, dass sie Emotion und Aggression in immer tiefere Tiefen führen. Hate Speech ist also so überraschend nicht. Gut, wenn Journalisten das kritisch beleuchten. Es ist mir aber unerklärlich, warum ein kritisches Magazin wie der Spiegel den Begriff E-Sport einfach übernimmt. Sportvereine sind gemeinnützig, die Gamebranche ist es nicht.
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