Weltraumspiel "Eve Online": Warum Island im Weltall Millionen verdient

Von und Sandro Odak

"Eve Online": Die demokratische Weltraum-Simulation Fotos
CCP

Das Weltraumspiel "Eve Online" ist anders: Wer ausgeraubt wird, verliert echten Geldwert, die Fans wählen eine eigene Vertretung und beeinflussen die Entwicklung. Zum Fanfest reisen Tausende nach Island. All das sorgt dafür, dass "Eve" einem Branchentrend widersteht: Es wächst.

Die großen Online-Rollenspiele verlieren Kunden: Bei "World of Warcraft" sind von ehemals mehr als zwölf Millionen aktiven Spielern heute noch 8,3 Millionen übrig. Anbieter stellen einst erfolgreiche Abo-Spiele wie "Herr der Ringe Online" und "Star Wars: The Old Republic" auf ein Gratismodell um. Ein Titel wächst gegen diesen Trend. Das isländische Weltraumspiel "Eve Online" feiert dieses Jahr den zehnten Geburtstag, die Spieler zahlen jeden Monat 11 bis 15 Euro. Dem Betreiber CCP geht es gut: Im Geschäftsjahr 2012 machte die Firma 50,59 Millionen Euro Umsatz und 3,64 Millionen Euro Gewinn.

Die Weltall-Simulation hat derzeit etwas mehr als 500.000 Spieler, und es werden mehr. Die Gemeinschaft (96 Prozent Männer, Durchschnittsalter 32) ist treu bis fanatisch (siehe Fotostrecke) und wächst - manche Fans lassen sich vom Firmenchef sogar verheiraten. Wenn CCP zum "Fanfest" nach Reykjavík lädt, kommen Tausende. Und wenn in der Welt von "Eve" eine Schlacht ausbricht, werden dabei schon mal Tausende echter Euro an Wert vernichtet, das gehört zum Spielprinzip: "Eve"-Geld lässt sich in echtes umtauschen.

PC-Piloten treffen Playstation-Söldner

Mitte Mai hat CCP den Ego-Shooter "Dust 514"veröffentlicht, in dem man auf der Playstation 3 gegen echte Mitspieler antreten kann. Weltall-Simulation und Shooter laufen auf einem System. PC-Spieler, für die es in "Eve Online" vor allem um Diplomatie und Handel geht, können Playstation-Söldner anheuern. Die fechten am Boden die Fehden der Piloten aus. Viele "Dust"-Spieler bemerken die zweite Ebene gar nicht.

CCP-Geschäftsführer Hilmar Veigar Pétursson erklärt: "Viele starten 'Dust 514' und spielen es wie einen ganz normalen Shooter. Sie wissen nicht, dass ein Eve-Pilot diesen Krieg bezahlen muss." Man kann sich auch einer Corporation anschließen und per Headset über Plattformgrenzen hinweg kommunizieren, aber das ist kein Muss.

Diese Interaktion ist ein Novum: Es gibt zwar viele Titel, die auf PC und Konsolen gleichzeitig erscheinen. Dass die unterschiedlichen Versionen jedoch in derselben Welt spielen, ist selten.

In "Eve Online" spielen Abonnenten aus der ganzen Welt auf einem System. Dieser globale Ansatz führt mitunter zu skurrilen Situationen. Teut Weidemann etwa, deutsches Entwickler-Urgestein und passionierter "Eve"-Spieler, erlebte Folgendes:

"Es gab mal eine Situation, da dachte ich, ich hätte einen super Handel abgeschlossen, aber dieser führte durch ein gefährliches System. Der Handel entpuppte sich als Falle, war extra dafür gedacht, gierige Händler anzulocken. Mein Frachter wurde angegriffen. Ich schrie im Chat, dass ich jeden, der mir hilft, belohnen würde. Tatsächlich kam mir ein Russe zur Hilfe, und ich entging knapp der Zerstörung. Er jedoch verlor sein Schiff. Dabei lief die Kommunikation über meine Frau, die Russisch kann, was etwas umständlich war, da ich ihre kyrillischen Eingaben per Copy and Paste ins Spiel übertragen musste. Aber es klappte. Diese Geschichte erzählte der Russe seinen Kollegen. Ich wurde fast ein Jahr später noch von Mitgliedern seiner Allianz darauf angesprochen - in Russisch, da sie dachten, ich spräche es fließend."

Demokratische Strukturen festigen die Beziehung zu Fans

Nicht jede Erweiterung der vergangenen zehn Jahre fand Zuspruch. Als 2011 verfrüht zwei neue Features veröffentlicht wurden, kündigten massenhaft Spieler aus Protest ihr Abo. Erst nachdem sich Firmenchef Pétursson in einem offenen Brief persönlich entschuldigte, kamen die Vergraulten zurück.

Um solchen Problemen aus dem Weg zu gehen, gibt es den "Council of Stellar Management". Der Rat wird von Spielern gewählt. Die Community-Vertreter fliegen zweimal jährlich nach Island, um Standpunkte der Fans mit denen der Entwickler abzugleichen. US-Diplomat Sean Smith war Mitglied dieses Rats. Als der Amerikaner im September 2012 bei einem Terroranschlag auf die amerikanische Botschaft in Bengasi ums Leben kam, trauerte die Fangemeinde.

Was Fachleute wie Weidemann am komplexen Spielsystem von "Eve Online" schätzen, ist für Neueinsteiger eine Hürde. CCP lässt einem alle Freiheiten zu tun, was man will: Man kann handeln oder brandschatzen, Wurmlöcher erforschen, Alien-Artefakte suchen oder sich einer der großen Allianzen anschließen, die um die seltene Ressource Technetium Kriege führen. Weil es so gut wie keine Regeln gibt, können Piraten ehrlichen Piloten ihre wertvolle Fracht einfach klauen.

Ein erklärtes Spielziel gibt es nicht. Geschäftsführer Pétursson sagte Fans, die Firma habe in der Anfangsphase nicht genug Geld gehabt, um eigene Spielinhalte zu kreieren. Das überließ man den Spielern. Sie kümmern sich um ihre eigene Geschichte und bestimmen ihr virtuelles Leben selbst. Manche sind Bergarbeiter, die Rohstoffe von Asteroiden abbauen, andere Händler. Oder eben gesetzlose Piraten. Mit Monatsabo.

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1.
amerlogk 02.06.2013
Zitat von sysopCCP Das Weltraumspiel "Eve Online" ist anders: Wer ausgeraubt wird, verliert echten Geldwert, die Fans wählen eine eigene Vertretung und beeinflussen die Entwicklung. Zum Fanfest reisen Tausende nach Island. All das sorgt dafür, dass "Eve" einem Branchentrend widersteht: Es wächst. http://www.spiegel.de/netzwelt/games/eve-online-wie-ccp-fuer-island-millionen-im-weltall-verdient-a-901440.html
Und leider herrscht in der deutschen Community die Kleinstaaterei, wie im Mittelalter, seit Ev0ke/Ewoks geschrumpft sind. Es gibt übrigens eigene News Seite der Community. Genauso unparteiisch wie der Spiegel. ;) www.evenewsd24.com Ansonsten, wer einsteigt, der allgemeine deutsche Channel hat das Niveau dieses Forums, der deutsche Hilfe-Channel ist ein echter Edelstein hingegen. :)
2. optional
McMacaber 02.06.2013
... EVE ist ein Nischenprodukt. WoW generiert mit den knapp 8Mio Usern fast eine Milliarde Umsatz p/a. Blizzard hat eine klassische CashCow - und bislang gibt es keine Konurrenz, egal mit wie viel Aufwand produziert. Ihr erwähntes StarWars-MMORPG nur als Beispiel - die Leute sind nach dem Gratismonat in Scharen geflüchtet, die free2play-Option wurde hier als Notbremse gezogen.
3. eve
Derix 02.06.2013
Zitat von McMacaber... EVE ist ein Nischenprodukt. WoW generiert mit den knapp 8Mio Usern fast eine Milliarde Umsatz p/a. Blizzard hat eine klassische CashCow - und bislang gibt es keine Konurrenz, egal mit wie viel Aufwand produziert. Ihr erwähntes StarWars-MMORPG nur als Beispiel - die Leute sind nach dem Gratismonat in Scharen geflüchtet, die free2play-Option wurde hier als Notbremse gezogen.
Das ist durchaus richtig, dass eve ein nischenprodukt ist; allerdings eines, welches seit 10(!) jahren stetigen zufluss findet. Kaum ein anderes mmo hat dies geschafft.
4. optional
exor85 02.06.2013
"Wer ausgeraubt wird, verliert echten Geldwert ... "Eve"-Geld lässt sich in echtes umtauschen." Kopf -> Tisch Vielleicht sollten die Verfasser des Textes sich erst mal mit dem Spiel auseinander setzten, bevor so eine Unwahrheit geschrieben wierd.
5.
yves1981 02.06.2013
Wirklich tolles Spiel, aber es ist wie alle MMOs einfach zu Zeitaufwändig, sonst würde ich es heute noch spielen.
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