Fangame-Projekte Der Softwarekonzern als Endgegner

Fans arbeiten jahrelang an Neuauflagen von Videospielen, die ihre Kindheit prägten. Sie investieren enorm viel Zeit und Geld - und werden manchmal kurz vor dem Ziel jäh gestoppt.

Catmic

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Die Idee ist schon 20 Jahre alt: Ende der Neunzigerjahre schmiedeten Fans von Point-and-Click-Adventures den Plan, einen Nachfolger zu "Day of the Tentacle" aus dem Jahr 1993 zu basteln. Das Ziel des Projektteams lautete: Mit freiwilligen Helfern und ohne Budget sollte ein Spiel entstehen, das mit Erfolgstiteln von Profistudios wie LucasArts mithalten kann. Doch es sollte ein langer Weg werden. Damals war Stefanie Enge noch ein Kind.

Zehn Jahre später erfuhr die Berlinerin von den Nachfolgerplänen. "Ich war begeistert von dem Projekt, aber jahrelang ist nichts passiert", sagt Enge. "Day of the Tentacle" sei ihr Lieblingsspiel in der Kindheit gewesen. Die 28-Jährige habe unbedingt wissen wollen, wie die Geschichte weitergeht. Also bewarb sie sich um einen Posten im Entwicklerteam. Mit 16 Jahren stieg sie ein und tüftelte fortan in ihrer Freizeit an dem Adventure, am Wochenende auf der Couch und auf dem Weg zur Arbeit in der Bahn.

Immer wieder traten Bugs bei "Return of the Tentacle" auf, die ausgebessert werden mussten.
Catmic

Immer wieder traten Bugs bei "Return of the Tentacle" auf, die ausgebessert werden mussten.

Doch das Comic-Spiel kam nicht wirklich voran. Immer wieder verloren Entwickler das Interesse, konzentrierten sich auf ihre Jobs oder verbrachten lieber mehr Zeit mit der Familie. Vor etwa dreieinhalb Jahren stand das Spiel dann kurz vor dem Aus. "Es hatte sich zerschlagen", sagt Enge.

Das verbliebene Team entschied sich für einen radikalen Neuanfang. Übrig waren noch Stefanie Enge und vier weitere Mitglieder. Sie verwarfen alles, was bisher für das Spiel entwickelt worden war. Sie wechselten die Engine aus, entwarfen neue Charactergrafiken, spielten neue Sounds ein und dachten sich eine andere Geschichte aus. Das Projekt nahm wieder Fahrt auf.

"Eine Familie mit einem gemeinsamen Ziel"

Kyle Rebel bastelt seit fünf Jahren und mit etwa 100 Helfern an dem ambitionierten Projekt "Skywind". Der 23-Jährige und sein Team wollen das Rollenspiel "Morrowind" aus dem Jahr 2002 komplett neu gestalten, mit dem Spieler problemlos mehr als 100 Stunden verbringen konnten. "Morrowind" soll neue Landschaften, Texturen und 3D-Figuren bekommen und letztendlich so aussehen wie das etwa zehn Jahre später erschienene "Skyrim".

Alle Gegenstände müssen für "Skywind" neu gestaltet werden
Papi / TES Renewal Project

Alle Gegenstände müssen für "Skywind" neu gestaltet werden

Als einer der Gründer ist der Niederländer davon überzeugt, dass die meisten Fan-Entwickler irgendwann an den Punkt kommen, an dem sie am liebsten aufgeben würden. "Manchmal kann es sehr frustrierend sein, an einem Projekt wie diesem zu arbeiten", sagt Rebel. Das liege an Sprachbarrieren, am Ärger über manche freiwillige Helfer oder an der Tatsache, "dass wir Hunderte, wenn nicht Tausende Stunden in ein Projekt stecken, die wir stattdessen mit einem bezahlten Job oder einem entspannenderen Hobby verbringen könnten".

Allerdings seien die Projekthelfer für ihn mehr als nur Kollegen. "Wir sind eine Familie mit einem gemeinsamen Ziel", sagt Rebel. "Vermutlich werde ich niemals eine bessere Möglichkeit bekommen, an einem 'The Elder Scrolls'-Titel zu arbeiten. Das Projekt ist meine Leidenschaft." Wann das Spiel erscheinen wird, ist unklar. Auf einen Veröffentlichungstermin will sich das Team nicht festlegen.

Nintendo tritt Abmahnwelle los

Auch wenn die meisten Fangames kostenlos angeboten werden, bewegen sich die Hobbybastler in einer rechtlichen Grauzone. Einige Softwarekonzerne sehen es gar nicht gerne, wenn man urheberrechtlich geschützte Inhalte verwendet. Im Jahr 2016 etwa traf es den australischen Entwickler Adam Vierra, der jahrelang an einem Pokémon-Spiel tüftelte.

Die Fans warteten gebannt auf den Titel, doch kurz vor der Veröffentlichung schritten die Anwälte von Nintendo ein, die in dieser Zeit reihenweise Fangame-Entwickler abmahnten. Vierra musste seine Arbeit einstellen, bevor andere Spieler "Pokémon Prism" ausprobieren konnten.

"Pokémon Uranium": Von den Fans gefeiert, von Nintendo aus dem Verkehr gezogen
~JV~ and InvoluntaryTwitch

"Pokémon Uranium": Von den Fans gefeiert, von Nintendo aus dem Verkehr gezogen

Ein paar Monate zuvor hatte die Abmahnwelle bereits "Pokémon Uranium" getroffen, das in der ersten Woche mehr etwa 1,5 Millionen Mal heruntergeladen wurde. Zwei Fans hatten zehn Jahre lang daran gearbeitet, doch sie mussten den offiziellen Download kappen. In einer Kurzmitteilung auf Twitter hieß es damals: "Unglücklicherweise ist 'Pokémon Uranium' ein Fangame, und es gibt eine Grenze, wie weit Projekte wie dieses kommen können."

Der nächste Rückschlag

Bei "Return of the Tentacle" lief es nach dem Neustart zunächst rund. Das Team stellte einen Videoteaser online und kündigte die Veröffentlichung für den Sommer 2016 an. Doch dann kam der nächste Rückschlag. Tester scheiterten an Rätseln, schlimme Bugs tauchten auf. Außerdem ging ein halbes Jahr dafür drauf, alle Sprecher für die Dialoge zu finden. Schließlich konnte man die Helfer nicht bezahlen und war auf Freiwillige angewiesen. Von Spendern habe man kein Geld annehmen wollen, um nicht als kommerzielles Projekt zu gelten und sich damit rechtliche Probleme einzuhandeln.

Zwei Jahre später ist das Projekt dann doch noch gelungen. Das kostenlose Spiel wird seit Juli zum Download angeboten und ist bisher knapp 100.000 Mal heruntergeladen worden. Nutzer haben die Dialoge in zwölf Sprachen übersetzt, unter anderem lässt sich das Menü nun auch auf Japanisch und Hebräisch anzeigen. "Wir sind total überwältigt vom Feedback", sagt Stefanie Enge. Würde sie also nochmal ein Fan-Adventure entwickeln? "Nein", sagt sie. "Eine Zeit lang macht das sehr viel Spaß und man lernt enorm viel." Aber das Risiko sei einfach zu hoch, dass man "wahnsinnig viel Arbeit" in ein Projekt investiere, das dann verboten wird.

In der Fotostrecke zeigen wir, welche Videospiele die Fans in Eigenregie zum Leben erweckt haben:

insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
Fuxx81 09.08.2018
1. Selber schuld
Weiß doch jeder, dass man sich nicht ohne Erlaubnis an den Ideen von anderen bedient..
loki_loker 09.08.2018
2.
Sie sollen Kunde von Filmen/Spielen/Musik werden und diese kaufen, aber doch bloß kein Fan. Die machen Dinge einfach aus Spaß an der Sache, das geht nun wirklich nicht! Da verdient die Firma nämlich nichts dran!
realistico 09.08.2018
3. Commander Keen
..würde mich über eine Neuauflage und Weiterentwicklung von Commander Keen freuen. Und natürlich über eine Windows-Version von Bubble Trouble (Ambrosia Software), das es nur für den Mac gab...
mcmercy 09.08.2018
4.
Ich verstehe diese Leute nicht. Warum macht man nicht ein Kickstarter Projekt. Ändert die Figuren etwas und baut ein neues Spiel in ähnlicher Art und Weise, mit dem man dann auch was verdienen kann. Haben die alle zuviel Zeit?
o.o 09.08.2018
5. keine Reaktion von Lucas Arts...
... liegt wohl daran, dass die anzuschreibende Firma seit 2012 Disney heißt.
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