"Far Cry 4" Mein Gewehr, mein Elefant - und was für Berge!

Die "Far Cry"-Serie begann als Ego-Shooter mit großen Freiheiten. Teil vier setzt dieses Prinzip fort: Die gebirgige Spielwelt und ihre Möglichkeiten sind so faszinierend, dass die dünne Geschichte nicht stört.

Ubisoft

Eigentlich wollte ich nur die nächste Mission beginnen. Doch dann lief mir plötzlich ein Wildschwein über den Weg, dessen Fell ich hervorragend für die Herstellung eines Munitionsgürtels brauchen konnte. Ich habe es dann verfolgt und wollte es mit dem Messer erlegen. Dann bekomme ich nämlich mehr Fell, als wenn ich es durch Schüsse beschädige. Dummerweise kam ein Tiger dazwischen, vor dem ich flüchten musste. Mitten in eine Geiselnahme hinein, die ich unfriedlich beendete. Und dann stand da dieser Elefant.

"Far Cry 4" ist der neueste Teil einer Serie, die anfangs in Deutschland entwickelt wurde, beim Frankfurter Studio Crytek. Seit dem zweiten Teil liegen die Rechte bei dem französischen Publisher Ubisoft, der die Reihe in seinem Studio in Montreal weiterentwickeln lässt. Erfolgreich. Mehr als neun Millionen Mal hat sich der Vorgänger verkauft, die schräge Achtziger-Jahre-Hommage "Far Cry: Blood Dragon" wurde eines der bestverkauften Downloadspiele. "Far Cry 4" ist der erste Teil der Serie, der auch für die neue Konsolengeneration erscheint.

Ich steige auf den Elefanten, sitze hinter seinem Kopf, lenke ihn, spüre sein Gewicht, seine Trägheit und seine Kraft. Auf ihm reite ich durch die Bergwelt von Kyrat. Ein fiktionales Land, eine Mischung aus Tibet und Nepal, das sich zwischen den Gipfeln des Himalajas erstreckt. Steile Berghänge, sanftere Hügel, Seen, riesige Wälder, dazwischen kleine Siedlungen, ab und an eine kleine Stadt. Wunderbar ist der Weitblick, die Grafik detailreich. Mein Elefant bewegt sich ruhig, aber bestimmt durch die Wälder. Mit einem Druck auf einen Knopf nimmt er Fahrt auf. Gegner springen zur Seite, Tiger und andere Raubtiere halten respektvoll Abstand.

Abwechslungsreich und schwer berechenbar

In jedem "Far Cry"-Spiel geht es um spielerische Freiheit. Im Kern ein Ego-Shooter, kann es auch zu einem Schleichspiel werden. Je nach persönlicher Vorliebe kann die Umgebung, können Flora und Fauna zum Teil eines tödlichen Plans werden, indem man Feuer legt oder wilde Tiere in eine Gruppe von Feinden lockt. An diesem Grundprinzip ändert sich auch bei "Far Cry 4" wenig. Es wird sogar noch ausgebaut. Was das Spiel sehr abwechslungsreich und vor allem schwer berechenbar macht. Und das ist eine mehr als willkommene Abwechslung zu all den Spielen, in denen es nur eine Lösung gibt.

Vor mir ist eine Straßensperre aufgebaut. Eine Kurzmission entsteht daraus: Ich bekomme gutes Karma, wenn ich einen Leutnant der Armee beseitige. Also richte ich meinen Elefanten aus und rase mit ihm auf die Sperre zu. Er rammt ein Auto, das alle Gegner aus dem Weg räumt. Mission erledigt. Ich ziehe weiter. Hin zu einem Glockenturm, den ich besteige, um einen besseren Überblick über das Land zu bekommen.

Passendes Ende für ein großartiges Spiel

Protagonist des Spiels ist Ajay Ghale, ein junger Mann, der als Kind mit seiner Mutter aus Kyrat flüchtete und in Amerika aufwuchs. Jetzt will er die Asche seiner toten Mutter in der Heimat verstreuen, ihren letzten Wunsch erfüllen. Und trifft gleich als erstes den Diktator von Kyrat, Pagan Min, dessen große Liebe wiederum Ajays Mutter war. Und der ohne Anlauf von liebenswürdigen Reden zu grausamen Handlungen umschalten kann. Weshalb Ajay bei erster Gelegenheit flüchtet und sich den Rebellen anschließt, dem "Goldenen Pfad". Eine Gruppe, die von seinem toten Vater gegründet wurde und die jetzt tief zerstritten um die Zukunft des Landes ringt. Nach einem furiosen Beginn mit einem wunderbar wahnsinnigen Pagan Min verliert die Geschichte schnell an Fahrt. Was aber wenig macht. Die Geschichte ist nur wenig mehr als ein Mittel, Ort und Zeit des Spiels zu definieren.

Die wahre Geschichte schreiben die Spieler selbst. Oder besser gesagt: die wahren Geschichten. "Far Cry 4" ist ein Abenteuerspielplatz, auf dem gewisse Regeln gelten. Innerhalb dieser Regeln ist alles möglich. So kann ich davon erzählen, wie ich einen Bären in einen feindlichen Außenposten gelockt habe und nur zugeschaut habe, wie er meine Arbeit verrichtet, bis ich schließlich das Fort übernehmen konnte. Ich kann von meinen Klettereien in den Bergen berichten, von Verfolgungsjagden. Davon, wie ich in einem Kleinsthubschrauber über die Landschaft fliege, wie ich geduckt im Gebüsch auf Tiere lauere, die ich jagen will. Und wie ich immer wieder auf einem Elefanten reite und mich unbesiegbar fühle. Auch wenn ich es nicht bin. Wie sich herausstellt, als ich an eine größere Gegnertruppe gelange, die mich aus allen Rohren beschießt.

So geht es, bis ich schließlich Pagan Min erneut treffe. Und feststelle, dass all seine Gemeinheiten, seine Durchtriebenheit, sein Spaß an spielerischer Grausamkeit nur mich und mein eigenes Spiel spiegeln. Was einem großartigen Spiel ein passendes Ende setzt.


"Far Cry 4" von Ubisoft, für Xbox One und 360, Playstation 4 und 3, PC, ab 55 Euro; USK: Ab 18 Jahren



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
felisconcolor 24.11.2014
1. Eine der
besten Rezensionen seit langem.
majestic12 24.11.2014
2. Und ewig...
... spoilert der Games - "Redakteur"...
iffel1 24.11.2014
3. Ich find die
Moorhühner spannender ;o)
Leser161 24.11.2014
4. Und jetzt noch den Finishing Move
Far Cry 3/4 machen schon Fun und sind abwechslungsreich. Wenn jetzt noch ein bisschen an der Motivation geschraubt werden würde. Sprich: Die Sachen machen zwar alle Spass, aber man braucht sie nicht, es fällt einem alles in den Schoss: - Wozu Schätze suchen wenn man eh immer genug Geld hat? - Wozu neue Skills freischalten, wenn die zwar ganz nett, aber nie richtig spannend sind (vergleiche Dishonored) - Wozu Rumlaufen wenn an jeder Ecke ein Hubschrauber steht? - Wozu neue Waffen freischalten wenn mein Arsenal schon gleich nach Beginn ausreichend ist, sehr viel in Schutt und Asche zu legen. - Wozu überhaupt kämpfen, wenn man jederzeit ein Raubtier (oder zwei) rufen kann? So besteht die Herausforderung vor allem daraus möglichst viel auf einem Weg zu erledigen um sich die Lauferei zu sparen. Ich hoffe das Ubisoft das für die nächsten Versionen hinbekommt, um einen echten Kracher zu produzieren.
powerkraut 24.11.2014
5.
Zitat von majestic12... spoilert der Games - "Redakteur"...
Ist der Typ, der Sie mit der Knarre am Hals gezwungen hat, diesen Artikel zu lesen, jetzt weg? Glückwunsch!
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