Spiel "Far Cry Primal" Mammutjagd im Ego-Shooter

Mit "Far Cry Primal" unternimmt der Spiele-Klassiker eine Zeitreise. Pfeil und Bogen statt Sturmgewehr, Säbelzahntiger statt Terrorist - der Trip in die Vergangenheit funktioniert unverhofft gut.

Ubisoft

Bärtige Männer, Säbelzahntiger, Lendenschurze und Keulen: In den ersten zwanzig Minuten fährt "Far Cry Primal" alle Steinzeitklischees auf, die man sich vorstellen kann - und verbringt die darauf folgenden zwanzig bis fünfzig Stunden damit, sie in einen historischen Kontext zu setzen. Selbst eine neue Sprache wird den Spielern beigebracht.

"Far Cry Primal" ist der neueste Teil einer Reihe, deren erster 2004 von dem deutschen Studio Crytek entwickelt wurde. Inzwischen wird die Serie vom Ubisoft-Studio in Montreal betreut und ist neben der "Assassin's Creed"-Reihe eine der erfolgreichsten Marken des weltweit drittgrößten Publishers - und ein seltenes Experiment. "Far Cry" verbindet Action mit großen Themen der Menschheit - und stellt Fragen nach Macht und der Lust daran.

Mit Geschichten, die von afrikanischen Bürgerkriegen zu Kämpfen gegen Diktatoren im Himalaya führten, hinterfragte "Far Cry" immer wieder die Beziehung von Spieler zu Spiel, lotete menschliche Abgründe aus. Die Titel ziehen eine spirituelle Ebene ein, die sie deutlich von den vermeintlich rationalen Kriegsgeschichten anderer Titel abhebt. Damit sind sie allesamt interessanter als die Rachegeschichten mit größenwahnsinnigen Terroristen, die man aus First-Person-Shootern sonst so kennt.

Der Kletterhaken erinnert ein bisschen an "Batman"

Während aber die bisherigen Teile der Serie in einer fiebrig verzerrten Gegenwart spielen, macht "Primal" einen Sprung in die Vergangenheit, etwa 12.000 Jahre zurück bis in die Steinzeit. Was hervorragend funktioniert. Auch weil das Spiel sein Thema ernst nimmt, ohne es zum reinen Geschichtsunterricht zu machen.

Natürlich wird in der Sprache von Actionspielen erzählt: Weiter geht es immer dann, wenn Kämpfe gewonnen und dafür Waffen eingesetzt werden. Und das ist ein Arsenal, das sich gar nicht mal so weit von dem anderer Actionspiele unterscheidet, auch wenn sie hier aus Museumsobjekten abgeleitet werden. Pfeil und Bogen, Keule, Speere und ihre Abwandlungen, dazu ein primitiver Kletterhaken, der aber eher bei "Batman" abgeschaut als in der Steinzeit verankert scheint.

Eine spirituell ferngesteuerte Eule übernimmt Aufklärung und Markierung von Gegnern. Durch all das gleicht das Gameplay in Grundzügen dann doch dem der Vorgänger: Es geht darum, Aufträge zu erledigen, das bekannte Gebiet zu erweitern, indem man Leuchtfeuer entzündet, und feindliche Außenposten erobert. Und wie schon in den Vorgängern gibt es viele verschiedene Wege zum Ziel: Leises Vorgehen oder direkter Angriff, Kampf unter Einsatz verbündeter Tiere oder allein.

Eigene Steinzeitsprache entwickelt

Die Entwickler haben eine mitteleuropäische Landschaft der Steinzeit auf ein riesiges Spielfeld gepresst - es handelt sich um die Gegend zwischen Donau und Karpaten. Sie fahren eine interessante Menagerie auf, von Mammuts bis zu Wollnashörnern, und zeigen die steinzeitliche Gesellschaft im Übergang vom Nomadenleben zur Sesshaftigkeit. Und den daraus folgenden Kampf um gute Böden, Ressourcen und sichere Orte.

Natürlich wird das überspitzt dargestellt. Auf der einen Seite die Udam, ein primitiver Stamm, der noch aus Kannibalen besteht. Auf der anderen die Izila, die schon weiter entwickelt sind, Dörfer bauen und Macht über das Feuer haben. Dazwischen stehen die Wenja, zu denen Protagonist Takkar gehört. Ein Stamm, der sesshaft wird, mit Takkar als Anführer. Der Spieler soll diesen vielleicht ersten riesigen Schritt der Menschheit aktiv miterleben.

"Far Cry Primal" wäre aber kein "Far Cry", wenn es nicht auch versuchen würde, die Gedankenwelt der Menschen zu erkunden, Motive für Handeln in Bewusstsein und Spiritualität zu finden. Takkar hat die Fähigkeit, Tiere zu zähmen und sich von ihnen helfen zu lassen. Vor allem aber wird das durch die Sprache erreicht. Die Entwickler haben eine kleine Gruppe Linguisten beauftragt, eine Sprache zu entwickeln, die in der Steinzeit hätte gesprochen werden können.

Was auf den ersten Schritt absurd anmutet, schließlich wird diese unverständliche Ursprache per Untertitel zurückübersetzt. Wenn man aber spielt, ergibt es doch Sinn. Die Art und Weise, wie gesprochen wird, macht einiges an Handlung deutlich, mit der Zeit lernt man Teile des erfundenen Steinzeit-Idioms.

Es macht vor allem deutlich, dass Steinzeitmenschen eben keine "uga, uga"-rufenden Primitivlinge waren, sondern kultivierte Wesen, deren wichtigste Aufgabe das Überleben war. Und die doch schon mehr wollten als das und in Natur und Tieren eine übersinnliche Macht sahen, gegen die und mit der sie leben mussten.


"Far Cry Primal" von Ubisoft, für Playstation 4, Xbox One und PC, ab 55 Euro; USK: Ab 16 Jahren

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insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
mighty_f 22.02.2016
1.
Ich persönlich finde die Ubisoft Spiele langsam so richtig abgelutscht. Hab die Far Cry reihe komplett gezockt fand sie anfangs auch nicht so schlecht, aber mit der Zeit nur noch langweilig. Assassins Creed hab ich das 2. und das dritte noch angezockt, aber das ist Langeweile pur. Irgendwie immer das selbe. Die sollten sich mal für ne Fortsetzung richtig Zeit nehmen und ein Kracher auf den Markt werfen (siehe Rockstar).
zapp-zarapp 22.02.2016
2. Ambivalenz
Soll man sich nun freuen, dass SPON regelmäßig die Spielelandschaft beackert oder soll man dran verzweifeln? Für Ersteres spricht, dass hier auch viele Nicht-Spieler mal mit der Materie in Kontakt gebracht werden, was dem teils hysterisch geführten Medienkulturkampf des letzten Jahrzehnts ein paar Zähne zieht. Dennoch hadere ich regelmäßig mit dieser SPON-Rubrik. Vieles wirkt weichgespült, erzählend (im Stil einer werbenden Industrie-Pressemitteilung) und wenig reflektiert oder recherchiert. Es ist klar, dass SPON kein Fachmagazin von Spielern für Spieler ist. Aber bei der Fußball-Berichterstattung bekommt es SPON doch auch hin, nicht jedes Spiel einfach nur hochzujazzen und jeden Trainer irgendwie nett zu finden. Womöglich habe ich ja alle kritischen Games - Artikel überlesen, aber die, die ich gelesen habe, lassen mich immer wieder Infoquellen wie 4players.de bevorzugen. Da könnte SPON mal ein wenig von dem Stil und Blickwinkel der Konkurrenz lernen und somit künftig weniger auf Blenderspiele hereinfallen. Oder einfach mal Spieler-Rezensionen auf der Online-Handelsplattform STEAM lesen. Oder METACRITIC sichten. Dann wüsste man, dass die Fachinstanzen sowohl Assassins Creed wie auch Farcry als Spieleserien schon länger kritisch hinterfragen. Nicht wegen Gewalt usw., sondern einfach wegen innovativer Flaute in den Spielmechaniken, die sich auch durch neue Szenerien nur bedingt übertünchen lassen. Aber es geht mir nicht um Spiel X oder Y. Es geht um die Frage, wen SPON hier mit welchem Anspruch informieren will?
hartmannulrich 22.02.2016
3. Rulaman!
Lest lieber den Rulaman! Der ist zwar schon fast 140 Jahre alt, aber im Vergleich zu diesem Spiel, der Beschreibung im Artikel nach, eindeutig moderner, und die Geschichte ist interessanter.
wittchen2000 22.02.2016
4. Wenn Killerspiele anfangen auf
wie Ubisoft das ja schon krampfhaft mit den "historischen Szenarien" in Assassins Creed versucht, da sollte man aber ganz schnell das weite Suchen. Technisch (wie immer hauptsächlich von der Grafik/Anzahl der Polygone her) ist es allerdings tatsächlich eine Höchstleistung. Weil in Killerspielen in erster Linie gekillt wird, deswegen ist natürlich der Sinn des Lebens in "pädagogisch wertvollen" Killerspielen natürlich das Killen, garniert mit etwas schmückendem Beiwerk. Wann hat dieser ganze Blödsinn endlich ein Ende?
NauMax 22.02.2016
5.
Zitat von wittchen2000wie Ubisoft das ja schon krampfhaft mit den "historischen Szenarien" in Assassins Creed versucht, da sollte man aber ganz schnell das weite Suchen. Technisch (wie immer hauptsächlich von der Grafik/Anzahl der Polygone her) ist es allerdings tatsächlich eine Höchstleistung. Weil in Killerspielen in erster Linie gekillt wird, deswegen ist natürlich der Sinn des Lebens in "pädagogisch wertvollen" Killerspielen natürlich das Killen, garniert mit etwas schmückendem Beiwerk. Wann hat dieser ganze Blödsinn endlich ein Ende?
Wissen Sie, was bescheuert ist? Während Sie sich hier über virtuelle Gewalt echauffieren, die Minderjährigen nicht zugänglich sein soll, sterben keine 3.000km Luftlinie von Ihrem warmen Wohnzimmer aus in der Realität Menschen. Warum sollen Freizeitbeschäftigung für Erwachsene (USK18) denn einen pädagogischen Wert haben? Es geht um Unterhaltung und da sind Videospiele um einiges besser als Fernsehen. Aber lassen Sie sich mal weiter durch die Glotze beschallen und schauen Sie weiter Ihre "Killerfilme" ;-)
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