Alltag eines Profi-Gamers "Ich habe den zweitbesten Job der Welt"

Timo "TimoX" Siep zählt zu Deutschlands talentiertesten Gamern: Als Profi-Zocker vertritt er den VfL Wolfsburg im Fußballspiel "Fifa". Der 20-Jährige hat aber auch schon eine Idee für die Zeit danach.

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Von Anne-Sophie Galli


Timo Siep, Gamer-Name "TimoX", sitzt vorgebeugt auf einem Sessel auf der Bühne, nur seine Daumen bewegen sich, er blickt auf den Bildschirm vor sich. Neben ihm sitzt der Gegner. Beide haben Controller in den Händen. Sie drücken Tasten, ihr Puls rast, auf dem Bildschirm kämpfen ihre virtuellen Mannschaften um Tore. Es geht um 25.000 Euro Preisgeld und den Meistertitel in der "Virtuellen Bundesliga", noch aber sind beide erst im Viertelfinale. Der Sportsender Sport1 überträgt das Match aus dem Deutschen Fußballmuseum in Dortmund live.

Es ist der 31. März, die jungen Männer spielen das Fußballspiel "Fifa", das in Deutschland seit Jahren zu den beliebtesten Videospielen überhaupt zählt. Timo Siep möchte unbedingt gewinnen - für sich selbst, für seine Fans und nicht zuletzt für seinen Arbeitgeber, den Fußballverein VfL Wolfsburg. Der zahlt dem 20-jährigen Kölner jeden Monat einige Tausend Euro, damit er täglich trainieren kann.

Wie Wolfsburg haben in den vergangenen zwei Jahren auch andere Fußballclubs Profi-Gamer unter Vertrag genommen: Schalke, Stuttgart, Leipzig, Bochum, Nürnberg, Bayer Leverkusen, Hertha, Köln. Wobei Hertha schon früher einen Test hatte.

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CHRISTOPHE SIMON / AFP

Sie alle wollen auf der Trend-Welle reiten, den Moment nicht verpassen, wenn das Phänomen E-Sport noch größer wird und endgültig die Massen bewegt. Und natürlich wollen die Clubs im digitalen Sportwettbewerb Geld verdienen, etwa durch Sponsoren. Für ihre Marke möchten die Clubs zudem Fans jenseits der klassischen Fußball-Anhängerschaft gewinnen.

Millionen schauen weltweit zu

Rund um den Globus verfolgen mittlerweile Millionen Menschen Turniere von E-Sportlern wie Timo Siep - meist im Netz, zum Teil auch in Stadien. Professionell gespielt werden außer "Fifa" zum Beispiel "Counter-Strike", "Dota 2" und "League of Legends", in diesen Spielen geht es bislang sogar um noch mehr Geld und Aufmerksamkeit.

Auch die weltweiten Umsätze mit Werbung, Sponsoring, Turniertickets, Medienrechten und Fanartikeln der E-Sport-Branche steigen: Von etwa 325 Millionen Dollar (rund 280 Millionen Euro) 2015 auf fast 655 Millionen Dollar 2017, wie das internationale Marktforschungsinstitut Newzoo schätzt. Der Milliardenumsatz sei in Sicht. Große Firmen wie Red Bull, Coca-Cola, Sony und Microsoft mischen mit.

Vor dem Hintergrund dieses Booms begeistert das Modewort "digital" auch manche Manager von Bundesliga-Vereinen. Sie wollen "digitaler werden". Bei Wolfsburg kümmert sich Christopher Schielke um das Thema. Sein Titel: Verantwortlicher Digitale Strategie & E-Sport. "Es ist heute schwierig, junge Leute ausschließlich über den klassischen Sport zu erreichen", sagt er. "Wir hoffen, dass E-Sport langfristig unser Kerngeschäft des Fußballs unterstützen wird."

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E-Sportler "TimoX": "Fifa" als Beruf

Wolfsburg bezahlt neben Timo Siep noch zwei Gaming-Profis, außerdem Manager und Betreuer. Außerdem fördert der Verein drei Nachwuchsspieler, die er in Casting-Turnieren ausgewählt hat. In einer sogenannten Gaming-Akademie neben dem Stadion sollen sie geschult werden. Schalke 04 hat ebenfalls eine Vorreiterrolle.

Andere Clubs investieren weniger: Sie lassen zum Beispiel Studenten für kleines Geld in ihren Trikots zocken. Hertha BSC bildet vorerst nur Jugendliche zu Profis aus. Andere - die Bayern etwa - sind skeptisch.

Timo Siep muss jede Woche mehrere Stunden Training und seine Online-Wettkämpfe live ins Internet übertragen. So steht es in seinem Vertrag. Weil zunehmend mehr junge Menschen den E-Athleten zuschauen, lässt sich dabei mit Werbung Geld verdienen.

Posieren im Wolfsburg-Trikot

Der 20-Jährige filmt sich im VfL-Trikot und mit Energydrinks von Sponsoren. Er demonstriert, wie er in "Fifa" den Ball hin und her schießt. Gleichzeitig unterhält er sich mit Fans im Netz über ein Mikrofon. Diese können ihm in einem Chat schreiben.

"Wie werde ich E-Sportler?", fragt ein Zuschauer. "Einfach viel üben und Turniere gewinnen." Siep hustet. "Bist du immer noch krank?" - "Ja, Mann. Gefühlt seit zehn Jahren." Siep spielt trotzdem. "Ich müsste schon mein Bein verlieren, dass ich nicht Fifa spielen würde."

Als Junge wollte Timo Siep Profi-Kicker werden. Aber diesen Traum hat er aufgegeben, nachdem er sich beim analogen Fußballspielen den Arm gebrochen hatte. Heute findet er: "Ich habe den zweitbesten Job der Welt - besser wäre nur echter Fußballer sein."

Pro Jahr muss Siep rund 100 YouTube-Videos drehen. Oft filmt er sich, wie er aus seinem Jugendzimmer gegen andere Profis spielt. Oder er steht im Trainingslager mit VfL-Kickern im US-Staat Florida auf einem Surfbrett vor der Kamera. Nach etwas mehr als einem Jahr folgen ihm über 60.000 Nutzer auf YouTube - ungefähr doppelt so viele Menschen, wie im VfL-Stadion Platz finden.

Das Gaming-Fieber packte Siep bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Von seinen Eltern hatte er sich danach sein erstes "Fifa"-Spiel gewünscht. "Manchmal habe ich so viel gespielt, dass meine Eltern die Playstation versteckten", erinnert er sich. Dann nahm ihn ein Freund mit zu einem kleinen Turnier. Er gewann den Hauptpreis - eine Spielkonsole.

"Papa war stolz"

Im Gymnasium nahm Timo Siep jedes Wochenende an Online-Turnieren teil, bei denen der Sieger 100 Euro kassierte. "Andere gehen halt kellnern", sagt er. "Aber den Eltern habe ich nichts gesagt." Mit 17 wurde er zum ersten Mal Deutscher Meister, brachte einen silbernen Pokal und 800 Euro nach Hause. "Papa war stolz und hat sofort Fotos in den Familienchat geschickt", erinnert sich Siep.

Kurz nach seinem 18. Geburtstag unterschrieb er das Angebot der Agentur Stark eSports. Sie betreut außer ihm auch mehrere E-Athleten anderer Bundesligisten und entwickelt mit Clubs E-Sport-Strategien.

Siep holte nochmals den Meistertitel - und damit schon 2000 Euro. Seine Agentur vermittelte ihn an den VfL. Sogar seine Schule konnte Siep überzeugen, dass er statt des Mathe-Abis ein großes Turnier spielen und die Klausur nachholen durfte.

Inzwischen hat der 20-Jährige, wie er erzählt, mehr als 50.000 Euro Preisgeld gewonnen. Dazu kommt sein Monatsgehalt vom VfL. Er leistet sich Markenklamotten, ein Auto, Strandurlaube. "Ich lade auch mal meine Eltern zum Essen ein", sagt Timo. "Und ein bequemer Gamerstuhl und Bildschirme, die ich gewonnen habe, stehen bei Papa im Büro." Seine Turniere verfolgen die Eltern über den Livestream von zu Hause. Siep möchte nicht, dass sie mitkommen.

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Beliebte Spieleserie: Zum Durchklicken: So hat sich die "Fifa"-Reihe verändert

Fotos und Herzchen

Jeden Tag schreiben ihm ungefähr 50 Leute, schicken Fotos oder Herzchen-Emojis. Siep antwortet kurz, etwa mit "Danke für die Worte. Schönen Tag noch." Er sagt: "Ich weiß, welche Bedeutung das für sie hat, weil die denken halt, ich bin der krasseste Typ."

Auf Kölns Straßen fragen ihn Fans manchmal nach Selfies. Doch gerade wegen dieser Aufmerksamkeit sei es für ihn schwer, eine Freundin zu finden. "Frauen sagen immer, du bist Fame und deswegen muss ich nett sein", sagt er. "Aber ich will doch eigentlich Leute kennenlernen, die mich mögen - mich als Timo, nicht als TimoX."

Vor jedem Turnier geht der "Fifa"-Profi zum Friseur, damit seine Undercut-Frisur sitzt. Bei der "Virtuellen Bundesliga" in Dortmund fotografiert ihn sein Manager von der Agentur, die der Fußballclub bezahlt. Der Manager bastelt auf dem Handy eine Collage, die Siep auf Instagram und Twitter hochlädt.

Am Mittag würde Siep sich gerne in die Sonne legen. Aber er muss sich vor ein Auto des Vereinssponsors stellen und die VfL-Fans in einer Video-Nachricht grüßen.

"Nicht so arrogant wie echte Fußballer"

Dann wollen einige Fans Selfies und Autogramme. Siep lächelt geduldig, etwa für den 14 Jahre alten Marc. Marc zockt jeden Tag nach der Schule mit Klassenkameraden das gleiche "Fifa" wie der sechs Jahre ältere Siep. Marc meint: "E-Sportler sind viel netter und nicht so arrogant wie echte Fußballer."

Der Jugendliche ist mit seinem Vater gekommen. Dieser möchte herausfinden, warum sein Sohn das virtuelle Kicken so toll findet. Er sagt: "Solange seine Schulnoten gut sind, ist das schon okay."

Schwer damit eine Haltung zum Thema zu entwickeln, tut sich der Deutsche Fußball-Bund (DFB). Er lehnte den E-Sport allgemein lange ab. Im März sagte Präsident Reinhard Grindel im Deutschen Fußballmuseum: "Fußball gehört auf den grünen Rasen. Als größter Sportfachverband der Welt müssen wir darauf achten, dass E-Sports nicht den normalen Sport ersetzt."

Der DFB änderte seine Position

Einen Monat später teilte der DFB mit, dass er nur Gewaltspiele ganz zurückweise. "Wenn dagegen fußballbezogene Spiele als Ergänzung zum Sport im Verein wirken und über diesen Weg vielleicht sogar der eine oder andere in den Verein kommt, findet das unsere Unterstützung", ließ sich Grindel in einer Pressemitteilung zitieren. In Spanien und den Niederlanden haben Fußballdachverbände derweil bereits eigene E-Sport-Ligen gegründet.

Hierzulande konzentrieren sich die meisten Vereine wie Wolfsburg und Leipzig im Sinne des DFB auf virtuelle Fußballer. Schalke hingegen beschäftigt neben "Fifa"-Spielern und Gamern einer anderen Fußball-Simulation auch ein Team des Fantasiespiels "League of Legends", wo mehr Geld im Spiel ist als bei "Fifa". Bei "League of Legends" gab es schon Preisgelder im Millionenhöhe, bei "Fifa" liegt man im Bereich mehrerer Hunderttausend Dollar.

Schalke hat für die fünf eigenen "League of Legends"-Spieler extra ein Haus in Berlin, in dem sie mit zwei Trainern und einem Koch leben. Um ihre Konzentration zu verbessern, soll das Essen gesund sein. Sechs Stunden pro Tag üben die Spieler und analysieren anschließend ihre Leistung. Um ihre Konzentration zu steigern und weil sie lange sitzen, müssen sie jede Woche fünf Stunden ins Fitnesscenter. Viele E-Sportler leiden an Rückenschmerzen.

Pausen helfen

Abgesehen von guter Ernährung und Fitness wissen Sportwissenschaftler aber noch nicht genau, wie man mit E-Sportlern am besten für Hochleistungen trainiert, sagt Professor Ingo Froböse von der Sporthochschule Köln. Er testet zurzeit mit Gamern des 1. FC Köln Finger- und Konzentrationsübungen sowie Nackentraining. Er bilanziert: "Die Jungs zocken besser, wenn sie nach zwei, drei Stunden Pause machen, aber vielen ist das noch nicht bewusst."

Die "Fifa"-Profis der Bundesligisten üben oft ohne Trainer. Von zu Hause spielen sie online gegeneinander. Siep schläft meist bis 10 Uhr aus, spielt zwei, drei Stunden "Fifa" am Morgen und macht am Nachmittag Videos für die sozialen Netzwerke. Lust darauf hat er meistens: "Aber nach einer doofen Niederlage muss ich mich schon zwingen", sagt er.

Im Herbst kommt regelmäßig eine neue "Fifa"-Version heraus, das bedeutet, dass sich die Spieler ein Stück weit umstellen müssen - nicht jede Routine, nicht jeder Trick aus der Vorversion klappte noch genauso gut. Siep trainiert nach einem "Fifa"-Release daher sogar fünf, sechs Stunden pro Tag, um seine Spielzüge anzupassen.

Am Abend zockt er ab und zu ein Online-Turnier. Oder er entspannt mit Freunden, geht in einen Club oder eine Shisha-Bar. Am Wochenende muss er zudem 40 Online-Spiele absolvieren, um sich für Turniere zu qualifizieren - viele Stunden gehen dafür drauf. Manchmal tut er auch etwas für seine Muskeln im Fitnesscenter.

Sieg oder Niederlage - die Fans warten

Für diesen Herbst besitzt Timo Siep einen Plan: Er möchte "Fifa" nur noch Teilzeit spielen - und daneben studieren, wahrscheinlich Sport-Management. "Ich will später ja nicht auf der Straße stehen." Professionell zocken möchte er weiter, bis er 30 ist. Dann will er ins E-Sport-Management wechseln - oder sonst was tun.

Bei der "Virtuellen Bundesliga" in Dortmund tritt Timo Siep in seinem entscheidenden Spiel gegen Cihan Yasarlar vom RB Leipzig an. 2:0 steht es nach der ersten Halbzeit. Siep lächelt, streckt die Faust in Gewinnerpose hoch. Dann spielt Cihan aggressiver, holt auf. Und gewinnt.

Siep sinkt schlaff in seinem Stuhl zusammen. "Cihan Yasarlar steht im Viertelfinale der Tagheuer Virtuellen Bundesliga. Und Timo Siep ist ausgeschieden", sagt ein Kommentator.

Eine Stunde später veröffentlicht Siep eine Instagram-Story für seine Fans: trauriges Gesicht, Kapuze des VfL-Pullis über dem Kopf. "#DankeFürSupport", dazu ein Herz-Emoji." Sein Manager sagt: "Heute darf er traurig sein. Aber morgen muss er das Spiel analysieren und daraus lernen."

dpa/mbö



insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
theos001 05.07.2018
1.
Na hoffentlich weiß Spon auf was sie sich einlassen. Die Diskussionen unter einem YT-Video wo der eine DFB heini versucht hat, E-Sport möglichst schlecht darstehen zu lassen, waren teilweise erbitterte Wortschlachten, wo "echte" Fussball freunde einiges an Anstand vermissen ließen. Daumen drücken.
irgendwer 06.07.2018
2. e-sports braucht die Sportverbände nicht
Bei den unter 30 jährigen ist e-sports und gaming bereits die beliebteste Unterhaltung. Die Strukturen sind meist international. Hoffentlich schaffen es die Sportverbände mit ihren nationalen Vermarktungsmonopolen nicht in dieses Segment einzudringen. Fernsehen und RL Fußball sind gestern.
equigen 06.07.2018
3. Zumindest hab ich nichts von Hooligans gehört
Ist doch auch schonmal ein Fortschritt im Vergleich zum echten Fussball. Ist halt vermutlich doch ein etwas anderes Klientel - aktiv und passiv.
benmartin70 06.07.2018
4.
Zitat von theos001Na hoffentlich weiß Spon auf was sie sich einlassen. Die Diskussionen unter einem YT-Video wo der eine DFB heini versucht hat, E-Sport möglichst schlecht darstehen zu lassen, waren teilweise erbitterte Wortschlachten, wo "echte" Fussball freunde einiges an Anstand vermissen ließen. Daumen drücken.
Wen wundert's?
Tom77 06.07.2018
5. e"sport"
Schon irgendwie albern, dass das Zocken von Sportspielen von Sportvereinen gesponsort wird. Mit "Sport" hat das auch wenig zu tun. Ich selbst spiele auch, schaue mir auch Streams und Videos an und bin durchaus informiert, was läuft, aber es ist - sorry - kein Sport. Sonst könnte man auch Mah-Jong als Sport bezeichnen, oder Kreuzworträtsel lösen, oder die Mathearbeit in der Schule, oder das Hotdog-Wettessen. Nicht alles, wo Konzentration gefragt ist und man sich im Wettkampf mit anderen misst, ist gleichzeitig auch Sport. Es sind Wettkämpfe, nichts anderes. Dass man damit wie im Sport Geld verdienen kann ist das eine, aber es sollte immer noch klar zwischen Sport und Gaming unterschiedenen werden. Ansonsten gehen die Kiddies bald gar nicht mehr vor die Tür, weil sie ja gerade mit ihren Daumen schon Sport vor der PlayStation machen.
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