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"Firewatch" im Test: Es brennt so schön

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"Firewatch" angespielt: Beeindruckender Ausflug in den Wald Fotos
Campo Santo

Hier explodieren keine Autos, kein Monster lässt sein Leben: In "Firewatch" geht es um den Mittvierziger Henry, der in der Wildnis nach Waldbränden Ausschau hält. Eines der schönsten Spiele des Jahres.

Wer seinen Sommer damit verbringen will, auf einem Turm in den Wäldern Wyomings zu sitzen und sich nach Waldbränden umzuschauen, muss ein Problem haben.

Vor allem dann, wenn er - wie Henry - Mitte 40 ist und nicht mehr jugendlich-romantischen Vorstellungen von Einsamkeit und den Ideen von Thoreau nachhängt. Henry hat ein Problem, sein Leben ist aus den Fugen geraten, die Einsamkeit soll seinen Schmerz lindern.

"Was stimmt nicht mit dir?" Diese Frage steht am Anfang von "Firewatch", einem Spiel, mit dem das Entwicklerstudio Campo Santo aus San Francisco ein kleines Meisterwerk geschaffen hat, angesiedelt irgendwo zwischen "The Walking Dead", "Dear Esther" und "Gone Home". Eine Geschichte über Einsamkeit, Beziehungen und Natur, angesiedelt Ende der Achtzigerjahre.

Verpackt ist "Firewatch" in eine wunderschöne Grafik, in der die Wildnis und Schönheit der Natur zur Geltung kommen, ohne einen großen Anspruch an Realismus zu haben. In dem aus Ego-Perspektive erlebten Spiel sind menschliche Gesichter nur in Comicform auf Fotos zu sehen.

Erinnerungen an alte Reiseplakate

Die Ausblicke, die Berggipfel im Sonnenuntergang erinnern an alte Reiseplakate, die in wenigen Farben die Schönheit und die Sehnsucht nach besseren Orten einfingen. Jeder Moment, in dem man in "Firewatch" still steht, wird mit einem potenziellen Postkartenmotiv belohnt. Kein Wunder, dass man sich in der PC-Version gleich ein eigenes Fotobuch erstellen und zuschicken lassen kann. Mehr Einblicke gibt unsere Fotostrecke.

Wachturm in Wald: "Firewatch" sieht toll aus Zur Großansicht
Campo Santo

Wachturm in Wald: "Firewatch" sieht toll aus

Es ist schwer, über "Firewatch" zu schreiben, ohne etwas zu verraten. Schließlich gehören die Entdeckungen, die Entwicklung der Geschichte und ihre Überraschungen untrennbar zur Faszination des Spiels. Wer zu viel weiß, nimmt sich gespanntes und banges Warten, verzichtet auf Überraschungen. Wer auch nur etwas an dem Spiel interessiert ist, sollte sich gleich daran setzen ohne weiterzulesen.

Zusammenfassen könnte man "Firewatch" so: Henry hat einen großen Verlust erlitten, steht in seinem Leben vor einem Scherbenhaufen und flüchtet sich in einen neuen Job. Einen Sommer lang lebt er auf einem Turm in den Wälder Wyomings, um Ausschau zu halten nach Waldbränden und diese rechtzeitig zu melden.

Er soll Wanderer ermahnen, die sich nicht an die Regeln halten, Feuer an ungeeigneten Stellen machen oder Müll hinterlassen. Er lernt, Kompass und Karte zu benutzen, lernt sein Gebiet kennen und sich darin zu bewegen. Nach und nach erkundet er weitere Gebiete, findet Werkzeuge, mit denen er bisher unerreichte Wege nutzen kann. Ein einfacher, auch spielerisch wenig fordernder Job, der viel Raum lässt für Interpretationen von Umwelt und Mitmenschen.

Aus kleinsten Dingen eine neue Geschichte bauen

Henrys einziger Kontakt zur Außenwelt ist seine Chefin Delilah, die einen Turm weiter sitzt und ihm per Funk Anweisungen gibt. Ohne sich zu treffen, bauen beide langsam eine Beziehung auf. Und die wird vom Spieler gesteuert. Die Art und Weise wie Henry antwortet, kann beeinflusst werden. Von sarkastisch knapp zu ernsthaft, von spielerisch flirtend zu abwehrend füllt der Spieler Henry mit Bedeutung und gibt ihm einen Charakter.

Der Spieler ist auch dabei, wenn sich Henry und Delilah in ihren Vorstellungen verrennen, wenn die Einsamkeit kleine Ereignisse zu großen Verschwörungen zusammenbaut, wenn man nicht mehr weiß, was in den Köpfen der beiden stattfindet und was real ist. Und es ist der große Verdienst von "Firewatch", diesen Verschwörungsideen ein befriedigendes Ende zu geben. Das Spiel flüchtet sich nicht wie andere in ein übersinnliches Ende, sondern bleibt dem selbst gesteckten Rahmen treu.

Man könnte noch viel erzählen. Darüber, wie Spieler elegant und kaum merklich die Vorgeschichte von Henry selbst schreiben. Wie die Beleuchtung die Stimmung der jeweiligen Momente unterstreicht, wie prägnant die kurzen - leider nur auf Englisch gehaltenen - Dialoge sind, wie viel sie in wenigen Worten sagen. Wie man als Spieler gespannt von einem Ort zum anderen wandert und selbst aus kleinsten Dingen eine neue Geschichte baut.

Und vielleicht waren schon das zu viele Worte, um ein Spiel wie "Firewatch" zu beschreiben, zu dem man eigentlich nur sagen möchte: Wer sich nur ein wenig für Spiele interessiert, in dem Geschichte, Charakter und Beziehungen behandelt werden, darf an "Firewatch" nicht vorbeigehen. Oder noch kürzer: unbedingt anschauen.


"Firewatch" von Campo Santo, Download für PC, Mac, Linux und Playstation 4; Englisch; circa 20 Euro

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insgesamt 9 Beiträge
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1. guter Artikel
naklar261 12.02.2016
klasse geschrieben. hat meine neugier geweckt...jetzt brauch ich nur noch 28h tage damit zeit finde zum zocken
2. Liste
kein_gut_mensch 12.02.2016
Schöner Test. Habe ich auf meiner Liste aber ich hoffe noch auf eine Lokalisierung. Außerdem soll die PS4-Portierung wohl noch nicht ganz rund sein. Aber der Entwickler arbeitet wohl dran. Entscheidend wird aber für mich wohl eher eine Lokalisierung sein. Sollte die kommen wirds gekauft.
3. La Familia :)
darbluu 12.02.2016
Gronkh hat auch gerade angefangen dieses Spiel zu spielen :D Finde ich sehr schön, vorallem die deutsche Synchronisation. Sehr angenehme Stimmen, glaubwürdige Gespräche und ein gesundes Maß an Sarkasmus. Mal schauen wie die nächsten Folgen noch werden.
4. Sehr gutes Spiel
Andreas_ 12.02.2016
Ich kann das Spiel sehr empfehlen! Habe einige Stunden auf der PS4 gespielt und kann die Klagen über die Performance in keiner Weise nachvollziehen. Lediglich bei den automatischen Speicherpunkten kommt es zu minimalen Rucklern. Die fallen aber im Anbetracht des restlichen Spiels nicht ins Gewicht! Die Sprachausgabe in Englisch ist hervorragend, wer die Sprache einigermaßen beherrscht sollte nicht auf eine Syncronisation warten.
5. Ruckel dich durch den Wald
oskarshamn 12.02.2016
Ein Satz zur grauenvoll hingepfuschten PS4-Version wäre noch hilfreich gewesenen.
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Zum Autor
  • Carsten Görig liebt obskure Bands, seine Gitarre und seine Familie. Seit vielen Jahren schreibt er außerdem über Videospiele. Für Angespielt bei SPIEGEL ONLINE probiert er die wichtigsten Titel aus.


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