Flipperautomaten Glamouröse Oldtimer der Games-Kultur

Der Flipper lässt sich wenig von moderner Spielkultur beeindrucken - und prägt sie dennoch mit. Seit Jahrzehnten begeistert das klobige Gerät, denn sein Prinzip lässt sich am Computer nur schwer nachbilden.

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Von WASD-Autor Robert Glashüttner


Es war ein schneller Wechsel: Mitte bis Ende der Siebzigerjahre kommen die mechanischen Automaten aus den Arcade-Hallen raus und elektronische Gerate rein. Die alten Spiele, bei denen man bloß einzelne Elemente schieben, drehen, klappen oder ziehen kann, oder wo es schlicht nur möglich ist, eine Münze einzuwerfen, damit sich etwas bewegt - sie sind nun Schnee von gestern und fortan nur noch als historische Kuriosität interessant.

Pinball-Tische, also Flipperautomaten, betrifft das vorerst auch. Sie gelten bald als langweilig und obsolet, das ewig gleiche Herumrollen einer silbernen Kugel ist keine Konkurrenz gegen den intergalaktischen Invaders-Krieg oder das schweißtreibende Katz-und-Maus-Spiel zwischen einer gelben Kugel und vier bunten Geistern.

Seit dem Siegeszug des digitalen Spiels rund ums Jahr 1980 ist den Pinheads, also der Flipperfreundin und dem Flipperfreund, das digitale Spiel ein Dorn im Auge. Das Videospiel wird lange Zeit ihr natürlicher Feind bleiben, sie sind nunmal der Grund, warum klobige Holz- und Plastikgehäuse, in denen Computer und Bildschirme verbaut sind, die schicken, vierbeinigen Tische mit den Silberkugeln aus den Hallen drängen.

Flipper ziehen mit der neuen Technik mit

Doch was man nicht besiegen kann, sollte man umarmen. So lassen die Flipperhersteller zur Zeit, als das Videospiel massentauglich wird, dieselbe Technik auch in die Pinball-Tische einfließen. Der Flipper wird zu einem Hybrid, das digital und analog in sich vereint und gleichzeitig genauso aufwendig und robust gebaut ist wie eh und je.

Die meiste Aufmerksamkeit bekommen die nächsten Jahre über zwar Videospiele, doch Flipper dürfen mit der neuen Technik zumindest teilweise mitziehen, gewinnen etwas Zeit und erfinden sich neu. Diese Neuerfindung passiert Anfang der Neunzigerjahre: Statt der alten Statusanzeigen, bei denen einzelne Zeichen wahlweise aus nur sieben, 14 oder 16 beleuchteten Einzelteilen zusammengesetzt werden, prangen auf den Köpfen der Flipper ab sofort Dot-Matrix-Anzeigen mit einer Auflösung von beispielsweise 192 mal 64 Pixel. Sie erlauben nicht nur die Anzeige von Highscores und anderen Punkten, sondern können Bilder und kleine Animationen darstellen.

Der sogenannte "Video Mode" als Feature vieler Pins der Neunzigerjahre ist ein eigenes, kleines Videospiel innerhalb des Flippers. Die gesamte Anmutung der Tische dieser Zeit steht in Sachen Rasanz und Komplexität in keinem Vergleich mehr mit den Flippern der Prä-Videospiel-Ära. Es findet ein Wettrüsten statt zwischen dem digitalen Sieger und seinem mechanischen Vorgänger, der hartnackig bleibt, nicht aufgibt und mithilfe notwendiger Innovation in Technik und Design neu erblüht.

Ausgerechnet am Rechner lebt die Silberkugel weiter

Flipper drohen dennoch um die Jahrtausendwende ein zweites Mal auszusterben. Die Videospielhalle ist nun im Westen obsolet, die Heimkonsolen sind online und die Freuden des heute so gemütlichen und hippen Beisammenseins im lokalen Multiplayer können gegen diese neue Faszination des dezentralen und allgegenwärtigen Webs nicht ankommen. Mit Stern Pinball übersteht nur ein einziger Flipperhersteller weltweit die karge Zeit der Nullerjahre. Doch lebt die Silberkugel weiter - ausgerechnet im Rechner.

Schon zu frühen Videospielzeiten werden Flipper simuliert, wenngleich auch eher krude. Gleichzeitig zum kreativen und technischen Höhenflug der Pins in den späten Neunzigerjahren erlebt auch der Computerspielflipper einen Hohepunkt. Die Pro Pinball-Serie aus dieser Zeit gilt in Fankreisen noch heute, 15 Jahre später, als die beste Flippersimulation überhaupt. Der Tisch Timeshock! wird derzeit sogar als physikalischer Tisch nachgebaut - eine Umkehr der früheren Verhältnisse der ehemals vermeintlich uncoolen Flipper und der ach so modernen Computerspiele, die aufmerken lasst.

Das Internet hat uns verraten

Flipper passen perfekt in die zeitgenössische, manchmal vielleicht auch ein wenig rückwärtsgewandte Welt des Do-It-Yourself (DIY) und gemeinsamen Beisammenseins, ganz ohne Netz und always-on. Denn das Internet hat uns mit seiner Überwachung in seinen ursprünglichen Idealen verraten. Die weltweite Kommunikation mit E-Mail und Social Media ist toll, doch hat sie uns nach und nach voneinander entfremdet. Der tapfere Kampf des Individuums und kleiner, alternativer Gruppen gegen hocheffiziente Industrialisierung von Nahrung und Gebrauchsgegenständen äußert sich durch Selbstgepflanztes und die Verweigerung des Konsums von Massenproduktionsware.

Obwohl natürlich eine moderne Flippermaschine auch online gehen und die aktuelle Firmware laden kann, steht das Gerät an nur einem Ort und lasst sich stur durch keine Software ersetzen. Flippern ist ein haptisches Erlebnis. Auch wenn Pinball im Jahr 2015 auf Tablets, am PC und der Konsole audiovisuell stimmig, physikalisch einigermaßen korrekt und spielerisch durchdacht daherkommt: Es wird nie eine massive Konstruktion aus Holz, Metall, Plastik, Glas, Gummi und jeder Menge Elektronikbauteilen sein.

Ein Stoß mit dem Knie hilft beim Computerspiel wenig

Die Interaktion zwischen Mensch und Flipper beschränkt sich nicht auf einzelnes Knopfdrücken, wie am Computer, sondern lebt von subtilen Zwischenräumen, die von leichtem Antippen der Flipperbuttons bis hin zum gezielten Rütteln des Tisches reichen. Slap-Save? Slam-Tilt? Haltespule? Das Computerspiel versteht hier nur Bahnhof, denn es lässt sich nicht durch einen Klaps auf die Tastatur beeindrucken, und schon gar nicht von einem Stoß mit dem Knie auf den Rechner. Auch wenn man es auf den ersten Blick nicht vermuten wurde: Die elektromechanischen Feinheiten eines Flippers sind schwer nachzubilden. Es gibt in modernen Simulationen kaum Rücksichtnahme auf Details wie unterschiedliche Reibungswiderstände zwischen Ball und Spielflache oder die ständig wechselnden Unterschiede in Drehung und Geschwindigkeit, denen die Kugel ausgesetzt ist. Die einzige Möglichkeit, einen Flipper naturgetreu ins digitale Zeitalter zu bringen, ist, ihn als Flipper zu belassen.

Die junge Firma Multimorphic aus Texas arbeitet gerade an ihrem ersten Produkt namens P3 - ein modularer Flippertisch, bei dem die Grundelemente wie Flipperfinger, Slingshots und andere physische Elemente wie gewohnt funktionieren, der Großteil der Spielflache aber ein interaktiver Bildschirm ist, der auf die Kugel reagiert. Unterschiedliche Spiele können auf demselben Tisch gespielt werden, es müssen nur wenige Elemente und Module getauscht werden, um zwischen den Flippermodellen zu wechseln.

Flippern erschließt sich jeder und jedem sofort

Weil es kaum noch Geschicklichkeitsspielhallen gibt, können wir oft nicht mehr länger die Flipper besuchen, sondern die Flipper müssen zu uns kommen. Stern Pinball, der neu hinzugekommene Hersteller Jersey Jack Pinball und einige kleinere sogenannte boutique manufacturers bauen die vierbeinigen Spielekasten mit den Silberkugeln schon seit einigen Jahren gezielt für Privatkunden. Auch die Öffentlichkeit erobern sie sich langsam zurück: Weil die gemeinsamen Abende mit Freunden und Familie nicht immer nur in den eigenen vier Wanden stattfinden und ein Flipper ja auch optisch und akustisch einiges hermacht, werden Pins mittlerweile etwa in Bowlinghallen aufgestellt.

Flippern erschließt sich jeder und jedem sofort, es ist eine physische Symbiose zwischen Tisch und Spieler. Jeder Flipper ist eine klobige Maschine, in der seit Jahrzehnten die immer gleichen Elemente verbaut werden, die noch dazu ziemlich fehleranfällig sind. Flippern ist die Antithese zum örtlich unabhängigen, flexiblen und komplexen Software-Spiel - und doch ein Grundpfeiler von sowohl mechanischer als auch digitaler Retro-Spielkultur. Die Flippermaschine ist ein beständiger Oldtimer, der es trotz seines Alters und des archaischen Spielprinzips schafft, ständig neue Geschichten zu erzählen und für unvorhersehbare Spieldynamiken zu sorgen. So raffiniert diese in unseren Computern oft auch angedeutet werden: Die wahren Kugeln rollen in den Maschinen.

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insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
archiebald 01.02.2015
1. Ein wirklich toller Artikel!
Spielautomaten und Spielhallen! Soviel Zeit an den Automaten vetbracht! Das war ne tolle Zeit! Wenn ich bald mehr Platz zur Verfügung habe, werde ich mir einen Jugend Traum erfüllen und einen Flipper in die Bude stellen!!!
silverballmania 01.02.2015
2. Guter Artikel - aber es gibt noch mehr!
Vielen Dank an den Autor, der dieses faszinierende - leider inzwischen - "exotische" Thema aufgenommen hat. Flippern in der Öffentlichkeit ist leider tatsächlich inzwischen fast komplett gestorben, selbst wenn die eine oder andere Bowlingbahn wieder einen Flipper aufstellt. Allerdings hat sich in den letzten Jahren mit einer steigenden Dynamik eine "private" Flipperszene gebildet. Es gibt doch nicht wenige, die einen, zwei, drei, vier oder... sehr viele Flipper ihr eigen nennen. Entsprechende Internetforen helfen sich untereinander zu helfen und zu vernetzen... googelt mal "flippermarkt". Dazu gibt es noch mehrere Locations (Museen, Vereine, etc.), die wunderbare Flipper "zum Spielen" ausstellen. Auch hat sich mittlerweile ein schöne Turnierszene gebildet. Angefangen von lokalen Ligen (mittlerweile ca. 40 in ganz Deutschland) bis hin zu überregionalen Turnieren. Ein echtes Hightlight war die Weltmeisterschaft vor nicht ganz zwei Jahren in Echzell. War einmal richtig viele Flipper in sehr gutem Zustand spielen möchte, sucht am besten im Web nach Freddys Pinball Paradise (Echzell ;-)) Flipper sind ein wunderbares Thema mit so viele Aspekten - wunderbar! Aber Vorsicht - Suchtgefahr :-)
guentherzaruba 01.02.2015
3. Smart set - cappersville - polo
Da gab es fantastische Tische. von wegen eintönig - Bei manchen wurde z.T. mit 3 Kugeln gleichzeitig gespielt. Ich hatte Tische, da musste man mit einem Hebel die Kugel in Abschussposition bringen. Der Abschuss - war schon mit entscheidend für manchen Spielverlauf- vielleicht hört ja mal jmd. gern "PINBALL WIZZARD" von The Who aus Tommy-
sober 01.02.2015
4. Adrenalin
Als Student nutzte ich Flippern in der Bonner Daddelhalle als genialen Ausgleichssport. Was auch immer vorher im Kopf rumschwirrte - am Lieblingsgerät (Adams Family!) war alles weg, da zählte nur der nächste Multiball und das Treffen des elektrischen Stuhls! Es gab einen High Score, und ich muss gestehen: Mein Staatsexamen habe ich bekommen, am 1. Platz in der Flipper-Bestenliste bin ich bis zum Schluss gescheitert. Ich zog dann weg, habe der Spielhalle aber in den kommenden Jahren bei jedem Besuch meine Aufwartung gemacht, meine Freunde waren reichlich genervt. Doch es war ein Niedergang zu beobachten: der Flipper wurde kaum noch gepflegt, seine Flipper-Finger waren bald so schwach, dass sie die Kugel gar nicht mehr über die große Rampe rüberschießen konnten. Dann wurde die Flipper-Abteilung ganz geschlossen, später verschwand die ganze Halle.
Alastor2718 01.02.2015
5. Timeshock!
Timeshock wird endlich gebaut! Ein alter Traum wird wahr!
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