Spiele-Genre Wo seid ihr, Fußballmanager?

In seiner Jugend waren diese Computerspiele extrem angesagt und machten süchtig: Fußballmanager. Markus Böhm hatte mal wieder Lust drauf und probierte ein paar Apps aus. Er erlebte eine Enttäuschung nach der anderen.

Benutzeroberfläche des "Fußball Manager 14": Fürs Smartphone und Tablet gibt es diverse Manager-Apps, meist aber ohne große Spieltiefe
Electronic Arts

Benutzeroberfläche des "Fußball Manager 14": Fürs Smartphone und Tablet gibt es diverse Manager-Apps, meist aber ohne große Spieltiefe


Die Recherche-Serie
Über viele Nachrichten und Menschen wird eine Zeit lang sehr ausführlich berichtet - dann verschwinden sie wieder aus den Schlagzeilen. Wie entwickeln sich die Themen weiter, was wurde aus den Personen? Das erklären wir in dieser Serie.
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Eigentlich will ich nur erleben, wie mein Team gewinnt - Spiel um Spiel, Titel um Titel, dank meiner Anweisungen und Transfers. Ich will einen Fußballmanager für mein Tablet, mit halbwegs ansehnlichen Spielszenen, mit möglichst echten Vereinsdaten. Keine Lust habe ich darauf, mein Team immer wieder mit echtem Geld aufzupäppeln oder stundenlang aufs nächste Spiel zu warten.

Mit diesem doch eigentlich bescheidenen Wunschzettel habe ich mich neulich durch die App-Stores geklickt. Im Jahr nach dem deutschen WM-Titel hatte ich mal wieder Lust auf ein Videospiel im Stil von Klassikern wie "Anstoß 3" oder EAs "Fußball Manager" (FM), der in meiner Jugend verlässlich Jahr für Jahr auf den Markt kam. Ich habe damals überwiegend "Fifa" und "Pro Evolution Soccer" gespielt, wo man die Spieler direkt steuert, fand es aber fast genauso reizvoll, virtuell als Trainer und Manager anzutreten.

Heutzutage ist es nicht so leicht, ein Spiel zu finden, das sich noch so spielt wie die Titel von damals. Zwar gab es insgesamt wohl nie so viele Fußballmanager-Spiele wie 2015, dafür bietet der Markt aber auch allerlei Anlässe sich aufzuregen.

EA hat die Lizenzrechte, aber keinen Manager

So ist EA noch bis 2018 im Besitz exklusiver DFL-Lizenzrechte, dürfte also anders als die Konkurrenz ein Computer- oder Tablet-Managerspiel veröffentlichen, in dem die Bundesliga vorkommt. Seine "FM"-Reihe hat das Unternehmen aber vor zwei Jahren eingestellt. Auf Nachfrage heißt es, derzeit befinde sich "keine neue Management-Simulation in der Planung". Man könne ja zum Beispiel im Karrieremodus der "Fifa"-Serie weiter seine Managerfähigkeiten unter Beweis stellen. Na ja.

Screenshot aus dem "FM 14": Letztes Spiel der bekannten EA-Reihe
Electronic Arts

Screenshot aus dem "FM 14": Letztes Spiel der bekannten EA-Reihe

Auf andere Art unbefriedigend ist die Situation mit dem von Sega vertriebenen und vor allem in England beliebten "Football Manager". Spätestens seit dem Aus des "FM" gilt diese Reihe als mit Abstand bestes Spiel, dank großer Spieltiefe im Paket mit vielen Lizenzen. Es existieren verschiedene Fassungen des Spiels, für den Computer, aber auch abgespeckt fürs Smartphone und für Tablets.

Handheld-Variante des "Football Manager 2015": In Deutschland nur auf Umwegen erhältlich
Sega

Handheld-Variante des "Football Manager 2015": In Deutschland nur auf Umwegen erhältlich

Ärgerlich nur, dass keine der Versionen in Deutschland offiziell verkauft wird. Der Hersteller Sports Interactive teilt auf Anfrage mit: "Wegen einer Reihe von Lizenz- und rechtlichen Gründen haben wir leider keine Möglichkeit, das Spiel in Deutschland zu verkaufen oder zu bewerben - und das wird auch in absehbarer Zeit so bleiben." Wer den "Football Manager" will, muss ihn also aus dem Ausland importieren oder auf ausländische App-Stores ausweichen.

Keine App überzeugt so richtig

Leider scheint der Aufwand nötig, zumindest, wenn man ein Spiel mit Tiefe sucht - und nicht nur einen Zeitvertreib beim Warten auf den Bus. In die letztere Kategorie fallen die meisten Managerspiele, die in den deutschen App-Stores beliebt sind.

Apps wie "Top Eleven 2015" und "Goal One" mögen zwar auf hohe Download-Zahlen kommen - mir fehlt darin aber fast immer mindestens ein wichtiges Spielelement: von der Möglichkeit, jederzeit zum nächsten Spiel zu springen, bis zur Chance, sich die Spiele anzusehen und beispielsweise zu wechseln, die Taktik anzupassen. Zudem sind die meisten Apps so konzipiert, dass sie sich ohne Internetverbindung gar nicht erst starten lassen. Blöd für längere Reisen im Zug oder Flugzeug.

Was mich konkret an drei populären Apps und einem Browser-Spiel nervt, habe ich im Folgenden zusammengefasst - per Klick oder Wischen kommen Sie jeweils zum nächsten Bild.

Goal One

"Unterstützt durch den DFB", heißt es in der Fernsehwerbung zu "Goal One", einer Manager-App für iOS und Android. Praktisch bedeutet das, dass im Spiel die deutsche Nationalmannschaft und Jogi Löw vorkommen. Auf echte Klubs trifft man dagegen nicht. Stattdessen tritt man gegen Vereine anderer Spieler wie den "123456789 FC" und den "Tim FC" an.

Für eine App ist "Goal One" ansehnlich, das Hauptmenü wirkt sogar schick. Im Menü Team-Aufstellung kann man entscheiden, welcher Spieler wo spielt. Ein Fenster weiter lässt sich die Taktik festlegen. Neue Spieler bekommt man über Echtzeit-Auktionen auf einem Transfermarkt, alternativ lassen sich Scouts mit der Spielersuche beauftragen.

"Goal One" ist kostenlos, setzt aber eine Internetverbindung voraus – ohne startet das Spiel erst gar nicht. Steckt man also im Funkloch, kann man nicht mal eben die Aufstellung anpassen. Weil man in der Liga gegen andere App-Nutzer antritt, finden die Spiele jeweils zu festen Zeiten statt – meistens abends. Bis dahin passiert nicht viel, obwohl man viele Einstellungen vornehmen kann, vom Sponsoring bis zu den Ticketpreisen.

Die Spiele selbst lassen sich in Form eines Text-Tickers verfolgen – die Bausteine wiederholen sich dabei allerdings auffallend schnell. Wichtige Spielszenen in Tornähe werden zusätzlich in 2D-Grafik dargestellt. In der Liga gibt es 38 Spieltage, es dauert also mehr als einen Monat Realzeit, bis eine Saison rum ist.

Wer will, kann in "Goal One" echtes Geld ausgeben. Man kann sieben Coins für 0,99 Euro kaufen, 92 für 10,99 Euro und 1250 für 99,99 Euro. Von den Coins lassen sich zum Beispiel sogenannte Booster kaufen, mit denen sich die Frische oder die Moral der Spieler aufbessern lassen.

Für mich macht die Bezahloption das Spiel unattraktiv. Der Gedanke, dass ein Team umso leistungsfähiger wird, je mehr Geld der Spieler ausgibt, schreckt mich davon ab, Zeit und Energie in "Goal One" zu investieren. Okay finde ich dagegen, dass man die Coins auch in neue Trikots oder Wappen investieren kann, die keinen spielerischen Einfluss haben.

Goal Manager 2015

Optisch überhaupt nicht angesprochen hat mich der werbefinanzierte "Goal Manager 2015", den es für Android und iOS gibt. Schon der Hauptbildschirm macht wenig Lust, sich mit dem Programm zu beschäftigen. Hinzu kommt, dass das Spiel auf dem iPad auffallend lange lädt.

Wie bei "Goal One" tritt man auch im "Goal Manager" zu festen Zeiten gegen erfundene Vereine anderer Spieler an. Mein Klub trifft in der ersten Partie auf einen Gegner namens "king kadir Julius cesar". Die eigenen Spiele kann man in Form eines Texttickers verfolgen, man hat jedoch keine Möglichkeit, einzugreifen. Nicht einmal eine Auswechslung ist möglich.

Die taktischen Möglichkeiten des Spiels sind ein Witz: Man kann die Startelf festlegen, den Kapitän bestimmen und entscheiden, ob das Team "offensiv", "neutral" oder "defensiv" spielt. "Aggressiv", "normal" oder "relaxed" stehen ebenfalls zur Auswahl. Danach hilft wohl nur Daumen drücken.

Echte Spieler sind mir bei "Goal Manager" nicht begegnet, dafür kann ich mich zwischen mehreren Angeboten echter Sponsoren entscheiden. Soll vielleicht "Bild+", das Bezahlangebot der "Bild"-Zeitung, mein Team finanziell unterstützen?

Weil es insgesamt so wenig zu tun gibt, schaffte es der "Goal Manager" letztlich nicht mal, mich bis zum nächsten Spiel bei der Stange zu halten. Schade drum, fällt doch zumindest positiv auf, dass das kostenlose Spiel auf In-App-Käufe verzichtet. Das allein macht aber noch keinen guten Mobil-Manager. Der "Goal Manager" erinnert mich eher an Tamagotchis.

Top Eleven 2015

Die Manager-App, die mir auf den ersten Blick am ehesten zusagte, war "Top Eleven 2015". Das Spiel für iOS und Android wirbt mit dem Konterfei von Chelsea-Trainer José Mourinho und bietet auch sonst manchen echten Namen. So lassen sich im Online-Shop des Spiels zum Beispiel virtuelle Trikots von Real Madrid und Dortmund kaufen – für umgerechnet etwa fünf Euro. Ein stolzer Preis.

Auch "Top Eleven" ist ein Freemium-Spiel, sprich: Man kann es kostenlos spielen, Zusatzkäufe sind aber möglich. Neben Trikots und Wappen kann man mit echtem Geld die Regeneration nach Verletzungen und generell die Erholung seiner Spieler beschleunigen, ebenso lässt sich die Moral des der Profis verbessern. Auch Finanzspritzen fürs Vereinskonto werden angeboten.

In Sachen Taktik bietet das Spiel zumindest eine Handvoll Einstellungsmöglichkeiten. So kann man sich etwa für einen bestimmten Pass- und einen Grätschen-Stil entscheiden oder eine Abseitsfalle einschalten. Insgesamt wirkt die Bedienung von "Top Eleven" gut durchdacht.

Auch in "Top Eleven" finden die Spiele zu bestimmten Uhrzeiten statt: Als Spieler ist man also dazu angehalten, sich immer wieder einzuloggen – was eine Internetverbindung voraussetzt. Online duelliert man sich mit Fantasie-Teams anderer Spieler, wie dem "Homer A.C." und dem "Eric FC".

Die Spiele werden bei "Top Eleven" leider nur in Textform dargestellt. Gut fand ich, dass man auch während des Spiels taktische Veränderungen vornehmen kann. Hier führt mein Team gerade mit 2:0 gegen den "Homer A.C.". Von den regelmäßigen Ligaspielen abgesehen sind bei "Top Eleven" auch Freundschaftsspiele gegen andere Teams möglich. Dazu kann man sich auch mit einem Wunschgegner verabreden.

Online Soccer Manager

Anders als die drei anderen Beispiele ist der "Online Soccer Manager" ist in erster Linie ein Browserspiel. Die Browserversion ist mit den App-Ablegern kompatibel, die es für Android und iOS gibt. Das prinzipiell kostenlose Spiel kommt in gewöhnungsbedürftiger Comic-Optik daher, als Identifikationsfigur dient ein glatzköpfiger Anzugtrainer.

Positiv überrascht war ich bei der Team-Auswahl: Man kann im "Online Soccer Manager" mit echten Bundesliga-Vereinen wie dem 1. FC Köln und dem Hamburger SV antreten – nur komisch, dass diese Option nicht offensiv auf der Website des Spiels beworben wird. Auch die deutschen Spieler- und Stadionnamen sind echt.

Dass man gegen andere Spieler und nicht gegen Computerteams antritt, nervte mich schon beim ersten Start. Nachdem ich mein Team ausgewählt hatte, erhielt ich die Information, dass es bis zu meinem ersten Ligaspiel noch zwei reale Tage dauert.

Bis endlich die Liga losgeht, kann man zumindest noch Freundschaftsspiele austragen – jedoch seltsamerweise nur in der Browser-, nicht in der iPad-Version, die ich installiert hatte. Während man spielt, fordert einen der "Online Soccer Manager" hin und wieder dazu auf, seinen Fortschritt auf Facebook zu teilen – Spiele wie "Farmville" lassen grüßen.

Am meisten enttäuscht hat mich am "Online Soccer Manager" die Spieldarstellung: Man kann bei den Partien weder eingreifen noch zugucken. Stattdessen bekommt man schlicht Statistiken präsentiert, wenn das Spiel vorbei ist.

Wer will, kann auch im "Online Soccer Manager" echtes Geld investieren. Auf Wunsch lassen sich hier zusätzliche Funktionen freischalten. Wer zahlt, kann das Spiel zum Beispiel ohne Werbung spielen oder parallel ein weiteres Konto eröffnen und so zwei Teams managen.

Der bekannteste Entwickler macht Pause

Die Frage, warum das Angebot in Deutschland so ist wie es ist, habe ich kürzlich Gerald Köhler gestellt. Köhler ist im Manager-Genre eine Legende, er verantwortete die "Anstoß"-, aber auch die "FM"-Reihe. Heute entwickelt seine Firma Bright Future vor allem Browser- und Mobilspiele, etwa ein Strategiespiel über Trucker.

Köhler spielt oder programmiert derzeit keine Fußballmanager, er selbst spricht von Sabbat-Jahren. Dass es kaum noch klassische Fußballmanager gibt, liegt seiner Einschätzung nach am schwierigen Markt. Einerseits würden die Spiele vor allem in England und Deutschland gekauft. Anderseits seien die klassischen Manager in erster Linie PC-Spiele - für Konsolen- oder Mobilspieler seien die Titel in ihrer früheren Form kaum geeignet.

Die "FM"-Spiele hätten immer einen Schock-Moment beinhaltet, sagt Köhler, wenn man nach dem Start irgendwann im Hauptmenü landet. "Dort wird man von hundert Bildschirmen mit Einstellmöglichkeiten erschlagen - das kann nicht die Zukunft sein." Köhlers Aussagen klingen nicht danach, als sei bald mit neuen Genre-Aushängeschildern zu rechnen. "Die Spiele sind sehr komplex, es ist schwer, neue Spieler für das Genre zu begeistern."

Spielszenen sind eine Herausforderung

Auch mit Blicks aufs Spieldesign sei es schwierig, neue Produkte zu etablieren: Wenn man jetzt neu ansetzt, brauche es ein paar Jahre, bis man auf das Niveau der großen Manager kommt, meint Köhler. Niemand schüttle einfach so eine gute Engine aus dem Ärmel, wie sie etwa für Live-Spielszenen gebraucht wird.

Im Moment bleibt Fußballfans wie mir, die mehr wollen als seichte Apps, also wohl nur der "Football Manager", zu dem es zumindest ein deutsches Fanforum und eine inoffizielle, von der Community erstellte deutsche Sprachdatei gibt. Alternativ bleibt noch reine PC-Software wie der Manager "Torchance 15", Testberichte zu Letzterem machen aber wenig Lust auf das Spiel.

Gerald Köhler selbst hat offenbar derzeit keine Comeback-Pläne, will aber auch nicht ausschließen, dass er doch wieder einmal in das Genre einsteigt.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 84 Beiträge
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Seite 1
c.klaus 14.05.2015
1. Bmh,
war der einzig wahre Fußballmanager ...
dissidenten 14.05.2015
2.
Der FM von EA war eigentlich immer eine ziemliche Zumutung und Frechheit. Was da an Bugs über Jahre gesammelt und nie behoben wurde, geht auf keine Kuhhaut. Der englische Manager ist gut, verdarb mir aber durch die fehlende deutsche Übersetzung etwas den Spaß. Und Anstoß 14, 15 oder 16 sind als Projekt angelegt, mit dem Ziel sich peu-a-peu zum Top Manager zu entwickeln. Mal sehen, was die Zukunft noch so bringt.
Biot 14.05.2015
3. 2 Minuten Manager
Früher in den 90ern habe ich Anstoss und Starbyte Super Soccer gespielt. Sagenhafte Spiele, für die es heute leider keine Nachfolger mehr gibt. Als langjähriger (bald 10 Jahre) Mitspieler kann ich jetzt den 2minman empfehlen. Zwar auch nur online möglich mit nur einem Spiel pro Tag, aber angenehm einfach zu steuern und trotzdem mit ausreichend Tiefe (Aufstiege, Europapokal, Nationalteams) so dass es mir bisher nie langweilig wurde. Der Vorteil von Onlinemanagern ist eben, dass man gegen andere menschliche Gegner spielt, die nie so ausrechenbar sind wie ein Computer. Einfach mal danach googlen.
emeticart 14.05.2015
4.
... sagt wohl einiges über die heutigen Spieler aus! Dabei, waren doch gerade das komplexe und die Spieltiefe, das Interessante an diesem Genre! Deshalb, findet man auch im Strategiebereich auch nur noch flache, teilweise strunzdumme Spiele. Schnell konsumierbar, aber nach kürzester Zeit langweilig. MfG
AlexB1985 14.05.2015
5. Anstoß 3
und das etwas ältere bmh waren großartige spiele. Anstoß 3 hatte seine ironische Note. schade das meine CD kaputt ist
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