Geheimnisse in Games Wie Online-Detektive Videospiele sezieren

Im Internetforum "Game Detectives" versammeln sich Codeknacker und Bildanalysten: Gemeinsam wollen sie Geheimnisse aus der Welt der Videospiele aufdecken. Ihre Hingabe freut die Spielehersteller.


Es ist etwas versteckt in vielen Videospielen. In ihren unwichtigsten Unterordnern, in den langweiligsten Trailern, in den hintersten Ecken der obskursten Indie-Titel befinden sich Symbole, Codes, Botschaften. Und es gibt eine Gruppe im Netz, die diese Geheimnisse entschlüsselt: Die Spiele-Detektive.

"Game Detectives" heißt ein Subreddit, ein Unterforum auf der Plattform Reddit, auf der Nutzer eigene, themenbezogene Foren anlegen können. Während die meisten Subreddits eher als Diskussionsplattform über Politik, Technik oder aktuelle Nachrichten dienen, verfolgt /r/gamedetectives eine Mission: Die etwa 14.000 Mitglieder der Community suchen in Spielen nach Geheimnissen, die die Entwickler versteckt haben.

Scrollt man durchs Forum, liest sich die Arbeit der Nutzer teils so, als hätte Sherlock Holmes eine Kanzlei für Gamer aufgemacht ("Ich habe den hexagonalen Code der E-Mail durch den XOR Decrypter gejagt und bekam den Wert 757999121316121072611711b7206 mit dem 23er Schlüssel"), und dann wieder, als hätten die Games-Detektive zu viele Chemtrails abbekommen ("Die Bildschirme in der Numbani-Map flackern seit neuestem. Meinungen?").

Oft sind die Mutmaßungen aber mehr als Verschwörungstheorien. Im Juli war ein kurzes Flackern in einem Trailer für den Shooter "Overwatch" zu sehen. Die Detektive koordinierten sich über die Chat-Plattform Discord und konnten das Flackern über sieben Entschlüsselungsschritte in einen QR-Code umwandeln. Die Nachricht: "Now that I have your attention, let's make things more difficult". Eine Botschaft der neuen "Overwatch"-Heldin Sombra, mutmaßen die Detektive.

Am Ende oft nur Werbung, dennoch ein großer Spaß

Neu ist das Konzept nicht. Schon 1979 zum Beispiel packte Entwickler Warren Robinett einen geheimen Raum in sein Spiel "Adventure". Wer an einer bestimmten Wand ein bestimmtes Pixel findet und mitnimmt, darf einen sonst unsichtbaren Raum betreten. An der Wand steht: "Created by Warren Robinett", das digitale Äquivalent eines Sprayer-Tags und ein Akt der Rebellion gegen Atari, Robinetts damaligem Arbeitgeber, der die Namen seiner Entwickler nicht im Spiel sehen wollte.

Der geheime Raum wird unter Spielern zu einer Art Lackmus-Test und Atari entscheidet sich, ähnliche Geheimnisse in ihre anderen Spiele zu packen. "Easter Eggs", Ostereier, nennen sie das Konzept. Erst später entwickeln Agenturen und Studios das Konzept weiter zu Alternate Reality Games (ARGs), also Spielen, in denen die Geheimnisse und Rätsel über diverse Webseiten, Bilder oder Videos verteilt werden, um ein großes Ganzes zu ergeben, meistens: Werbung für ein neues Produkt. Zu den berühmtesten ARGs gehört "The Beast" für Spielbergs Film "A.I." und "I Love Bees" für den Shooter "Halo 2".

Auch die aktuellen Fälle der Game Detectives können weitgehend unter das ARG-Label gefasst werden. Die Suche nach Hinweisen zur neuen "Overwatch"-Heldin Sombra beschäftigt nicht nur die Game Detectives, sondern auch Teile der über 557.000 Mitglieder des "Overwatch"-Subreddits. Dass die Nutzer eigentlich nur Teil einer viralen Marketingmaßnahme sind, scheint in den Subreddits kein Thema zu sein. Es überwiegt der Spaß daran, Rätsel zu lösen und Codes zu entschlüsseln.

Ein Monster in "GTA 5"

Und genau diese Begeisterung befeuert auch Entwickler, immer komplexere Rätsel in ihre Spiele zu integrieren. Über Monate hinweg jagen beispielsweise die Spieler von "GTA 5" nach einem Monster. Eine Untergruppe namens "The Codewalkers" untersucht den Quellcode des Spiels nach jedem einzelnen Update auf kryptische Hinweise, um im Spiel sieben goldene Peyote-Pflanzen zu finden, die bei bestimmtem Wetter und an bestimmten Wochentagen im Spiel verspeist werden mussten.

Erst nachdem die Codewalkers das Peyote-Rätsel lösten, packte die Spielefirma Rockstar Games weitere Hinweise in die Spiel-Dateien, die es der Gruppe ermöglichten, endlich das Monster zu fangen: einen Werwolf mit Collegejacke.

Das vielleicht seltsamste aktuelle Geheimnis ist das Symbol einer Hand mit einem Auge, das in vielen, teils jahrealten Indie-Spielen auftaucht. Kein Entwickler möchte sagen, was es damit auf sich hat. Die Game Detectives haben den Fall aber bereits angenommen.


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insgesamt 5 Beiträge
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scxy 26.08.2016
1. Litmus-Test?
...könnte man auch Lackmustest nennen für diejenigen in der Leserschaft, die des Englischen nicht so mächtig wie der Autor sind.
xp2016 26.08.2016
2. Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod ...
"Die Game Detectives haben sich dem Fall aber bereits angenommen." ... gut, wenn sie sich DES FALLES bereits angenommen haben ;-) Sicher auch DES GENITIVS ...
scxy 26.08.2016
3. ..ansonsten aber schöner Artikel
wollte ich noch sagen ;-)
niwa67 26.08.2016
4. Kein Genitiv, kein Dativ...
Jetzt kommt kein Fall im ersten Satz mehr vor: "Die Game Detectives haben den aber bereits angenommen.Fall aber bereits angenommen." Ansonsten interessanter Artikel.
celondir 28.08.2016
5. Binding of Isaac
Noch von keinem Spiel habe ich soviel Rätsel und Hingabe zu deren Erstellung und Lösung gehört wie bei Binding of Isaac. Wen sowas interessiert, googlet das mal ;-)
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