Trashfilm-Zitate Je schlechter der Film, desto besser das Spiel

Für viele sind Videospiele nur Schrott, und diese Wahrnehmung machen sich manche Game-Designer lustvoll zu eigen: Zitate aus Trash-Filmen sind zentraler Bestandteil vieler - guter! - Spiele. Ein aktueller Titel treibt das auf die Spitze.

Grasshopper Manufacture

Von Achim Fehrenbach


Kaum ist Astronaut Dick Starspeed gelandet, muss er auch schon gegen antennenbewehrte Ritter und Ufos kämpfen.

Er stürzt aus großer Höhe in ein Getreidesilo, findet zufällig eine Laserpistole und erlegt dann eine Horde lilafarbener Mini-Brontosaurier. Dann verteidigt die einheimischen Affenmenschen gegen Schlägertrupps weißer Riesenprimaten. Zum Glück findet er schon bald zwei Verbündete, eine Space-Amazone und einen tonnenförmigen Roboter. Gemeinsam erklimmen die Helden für den Showdown den tödlichen Turm der Monster.

Das klingt nach üblem Trash - und das soll es auch. "The Deadly Tower of Monsters" das jetzt für den PC erscheint, ist eine Computerspiel-Parodie auf B-Movies der Fünfzigerjahre: auf Alien-, Monster- und Mutantenfilme. Andere Spiele, zum Beispiel das 2013 veröffentlichte "Far Cry: Blood Dragon", nehmen die neongetränkten Action-Filme der Achtzigerjahre auf die Schippe - oder parodieren, wie etwa "Lollipop Chainsaw" (2012), den Zombiefilm.

"Der Reiz von B-Movie-Parodien liegt zum einen in ihrem Zitate-Reichtum - und zum anderen in dem Nostalgiefaktor, den Trash-Perlen vergangener Jahrzehnte besitzen", sagt Andreas Rauscher, Kurator der Frankfurter Ausstellung "Film und Games. Ein Wechselspiel".

Die Parodisten schöpfen dabei aus einem gewaltigen Vorrat. "Die Unterteilung in A- und B-Pictures stammt ursprünglich aus dem Hollywood der Dreißiger Jahre", so Rauscher. Um das steigende Unterhaltungsbedürfnis zu bedienen, führten die Studio- und Kinobetreiber damals Double Features ein: Doppelvorstellungen, die aus einem aufwendig produzierten A-Picture und einem schnell und günstigen abgedrehten B-Picture bestanden. Beliebte B-Genres waren Krimis, Melodramen und Western, aber auch Horror- und Science-Fiction-Filme. In den Folgejahrzehnten boten die Low-Budget-Produktionen immer auch Platz für Experimente und Gesellschaftskritik. Spätere Kultregisseure wie Roger Corman und John Carpenter spielten gekonnt mit den Genre-Konventionen. In den Achtzigern eroberten B-Movie-Themen den Mainstream - und ziehen sich durch bis ins heutige Blockbuster-Kino.

Unzählige Anspielungen auf Horror- und Science-Fiction-Filme

Im Videospiel wurden B-Movies schon früh parodiert. Klassische Point-and-Click-Adventures wie "Maniac Mansion", "Day of the Tentacle" oder "Zak McKracken" enthalten unzählige Anspielungen auf Horror- und Science-Fiction-Filme - zum Beispiel die fleischfressende Pflanze Chuck, eine Artgenossin von Audrey jr. aus Roger Cormans schwarzer Komödie "Little Shop of Horrors". "Maniac Mansion" integriert den Horror-Gaststar nahtlos in seinen eigenen Rätsel-Kontext: Um die Pflanze außer Gefecht zu setzen, müssen Spieler ihr Pepsi-Cola verabreichen - vor lauter Rülpsen schafft sie es dann nicht mehr, Menschen zu attackieren. In Cormans Film frisst die Pflanze stattdessen einfach den Protagonisten.

Games mögen noch so sehr mit Referenzen gespickt sein - wenn Story und Gameplay nicht mithalten, bricht das Ganze meist auseinander. Das blutige Action-Spiel "WET" von 2009 mag mit seinen akrobatischen Schwertkämpfen eine Hommage an Grindhouse- und Martial-Arts-Filme sein, ja sogar Tarantinos "Kill Bill 1" zitieren. Doch die Auftragskillerin Rubi Malone bleibt zu flach, um die Story wirklich tragen zu können, auch die Kämpfe werden auf Dauer eintönig.

Besser, wenn die Referenzen nicht als reines Blendwerk dienen - sondern das jeweilige Spiel notfalls auch ohne filmisches Vorwissen funktioniert. "It Came from the Desert" (1989) ist ein Beispiel: Es zitiert aus etlichen B-Movies der Fünfzigerjahre, vor allem aus "Formicula" (1954) - so wird aus der Jagd nach mutierten Riesenameisen ein spannendes Detektiv- und Action-Spiel. Ganz gut gelingt dieser Brückenschlag auch dem Action-Titel "Destroy all Humans" von 2005. Spieler steuern ein wütendes Alien, das Menschen mit Todesstrahlen, Radioaktivität und Psychokinese malträtiert - Tim Burtons "Mars Attacks!" lässt grüßen.

Das Spiel als Trash-Fundgrube

Auch viele Blockbuster-Titel beziehen sich mal mehr, mal weniger explizit auf das B-Kino. Aktuelle Beispiele sind das Survival-Horror-Game "Until Dawn" , das sich massiv bei Slasher-Filmen bedient - oder auch die Open-World-Zerstörungsorgie "Just Cause 3" mit ihren bewusst platten Dialogen.

"Im Shooter Max Payne gibt es viele Situationen, die zum Standardrepertoire von Rachegeschichten wie 'Ein Mann sieht rot' gehören", sagt Andreas Rauscher. "Dieses permanente Rache-Pathos würde schnell nerven, wenn das Spiel nicht ganz eigene Qualitäten hätte. Es macht die Stationen eines typischen Rachedramas erlebbar und präsentiert auch einige sehr originelle Einfälle."

"The Deadly Tower of Monsters" ist eine Trash-Fundgrube, bis zum Rand hin vollgepackt mit hölzernen Dialogen, Logikfehlern und miesen Spezialeffekten: Raketenmodelle hängen an Fäden, Palmen sind aus Plastik, Felsen aus Pappmaché, die Bossmonster sind per Stop Motion animiert und das Mikro ragt gelegentlich von oben ins Bild.

Dazu kommen Off-Kommentare des fiktiven Regisseurs, eines gewissen Dan Smith. Sein Machwerk erscheint als Jubiläumsausgabe auf DVD, weshalb er auch ungehemmt und selbstherrlich aus dem Nähkästchen plaudert: Über den Einsatz echter Affen, die dann aber mit Kot um sich warfen. Oder wie er das Stunt-Personal anwies, nur ordentlich auf die Helden einzudreschen... sollte ja schließlich alles echt aussehen. Stirbt einer der Protagonisten, wird eben zurückgespult. "The Deadly Tower of Monsters" geht damit weiter als die meisten Trash-Parodien: Es macht die Produktionsbedingungen zum eigentlichen Thema.



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Bueckstueck 23.01.2016
1. Wie bitte?
Das Action-Spiel "WET" (2009) setzt auf akrobatischen Schwertkampf im Stile von Tarantinos "Kill Bill 1". Die Hauptfigur - Auftragskillerin Rubi Malone - bleibt allerdings weitgehend blass. Nicht immer wird aus schlechten Filmvorlagen auch ein gutes Spiel. Kill Bill ist keine schlechte Filmvorlage. Das Spiel ist einfach nur schlecht.
Freifrau von Hase 23.01.2016
2.
"Kill Bill ist keine schlechte Filmvorlage." Hmm....das ist wohl eine Frage des Geschmacks.....
achim_fehrenbach 25.01.2016
3.
Zitat von Freifrau von Hase"Kill Bill ist keine schlechte Filmvorlage." Hmm....das ist wohl eine Frage des Geschmacks.....
Liebe Leser, vielen Dank für Ihr Feedback. In seinem Film "Kill Bill 1" spielt Quentin Tarantino meiner Meinung nach durchaus gekonnt mit Zitaten aus B-Movies und Trash-Filmen. Insofern war der oben genannte Satz irreführend, wir haben ihn wieder aus der Bildergalerie herausgenommen. Beste Grüße Achim Fehrenbach
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