Games für Spinnenphobiker: Angst vor dem Krabbelmonster

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Sie spielen gerne am Computer, fürchten sich aber vor Spinnen? Dann haben Sie vermutlich ein Problem, so wie Tausende in Deutschland. Denn in Games wie "Skyrim" wimmelt es nur so von Achtbeinern. Nun nehmen sich Software-Entwickler des Themas an: Sie programmieren die Tiere einfach um.

Games: Spiele mit Spinnen Fotos
Universität Würzburg/ Andreas Mühlberger

3,4 Millionen Käufer in 48 Stunden: Es gibt viele Spieler, die in "The Elder Scrolls 5: Skyrim" die Welt retten wollen. Anya Bungartz hat diese Herausforderung erst mal verschoben. Die 33-Jährige würde zwar gern gegen Drachen und Werwölfe kämpfen - nicht aber gegen Spinnen. Als ein Freund ihr erzählte, dass in Skyrim gar "die gigantischsten Spinnen aller Zeiten" vorkämen, beschloss sie, das Spiel auf keinen Fall in seiner Urfassung auszuprobieren. Ihr graut es davor, beim Weltretten zitternd vom PC wegzulaufen.

Bungartz, Rollenspielfan aus Neustadt, zählt zu den rund vier Millionen Deutschen, die an Arachnophobie leiden - sie fürchtet sich vor Spinnen. Manche haben sich diese Angst von ihren Eltern abgeschaut, bei anderen ist sie mit persönlichen Erlebnissen verknüpft, etwa einem nächtlichen Erschrecken, weil plötzlich eine Spinne durchs Bett krabbelte. 90 Prozent der Betroffenen sind Frauen. Obwohl Spinnenphobiker wissen, dass ihre Angst irrational ist, beeinflusst sie ihr Leben - bis hin zum Medienkonsum. Spinnen aus Kinofilmen, auf Postern oder in Pixelform können bei einem Phobiker ähnlich intensive Ängste auslösen wie der Weberknecht an der Wohnzimmerdecke.

Schuld ist das limbische System

Stephane Bouchard, Phobieforscher an der kanadischen Uni Quebec, erklärt diesen Effekt mit dem limbischen System, das im Gehirn die Emotionen verarbeitet. "Das limbische System funktioniert nach recht einfachen Prinzipien und reagiert schneller als die Teile, die für das logische Denken zuständig sind", sagt er. Werde ein Phobiker mit dem gefürchteten Reiz konfrontiert, reagiere er daher ängstlich, bevor er überhaupt darüber nachdenken könne, dass alles nur ein Spiel sei.

Ob Spielspinnen realistisch wirken oder comicartig wie in "Super Mario Galaxy", macht nach Bouchards Erkenntnissen offenbar kaum einen Unterschied. Selbst auf eine pinke Spinne mit blauen Flecken, die einen Hut trägt, könne ein Phobiker ängstlich reagieren, sagt der Forscher - wenn die Reize, die die Angst auslösen, trotz der Verfremdung vorhanden seien. "Bei Spinnen sind diese Reize oft der Schatten, die Beine oder das Verhalten", berichtet Bouchard, der seine Experimente in einem Virtual-Reality-Raum durchführt: Rundum von Leinwänden umgeben, durchleben seine Probanden darin Szenarien inklusive Spinnenbegegnung (wie das funktioniert: siehe Video).

In der Spielekultur sind virtuelle Spinnen seit Jahrzehnten verankert. Bestanden sie in Achtziger-Arcade-Klassikern wie "Tron" oder "Centipede" noch aus wenigen Pixeln, sind sie schnell realistischer geworden. "Das erste Spiel, bei dem mich meine Phobie beeinträchtigte, war 'Might & Magic 6', in dem die Spinnen als 3-D-Modelle vorkamen", erinnert sich Anya Bungartz. "In älteren Spielen aus der Vogelperspektive konnten die Spinnen nicht plötzlich ins Bild krabbeln oder mich hinter der nächsten Ecke erschrecken."

"Ich warte aufs Game over"

Gerade im Rollenspielgenre kommt kaum ein Titel spinnenfrei auf den Markt. Besonders berüchtigt sind etwa die Spinnen aus "Dark Messiah of Might and Magic" und "Dragon Age". In letzterem Spielehit lassen sich die Achtbeiner schon mal unmittelbar vor der Kamera von der Decke herab. Für Bungartz war das zu viel, sie hat das Spiel nach wenigen Minuten abgebrochen. "Wenn ich einer Spinne in ihre Fratze schaue, springe ich reflexartig vom Rechner weg und schreie", beschreibt sie ihre Begegnungen mit diesen Gegnern. "Ich kann danach auch nicht mehr auf den Rechner gucken und warte woanders, bis mein Charakter gestorben und das Spiel beendet ist."

Mittlerweile spielt Bungartz fast nur noch Titel, von denen sie weiß, dass sie spinnenfrei sind. Oder Spiele, die sich leicht modifizieren lassen. Denn bei diesen ist sie als Software-Entwicklerin in der Lage, einen Anti-Spinnenpatch zu programmieren, der alle Spinnen durch andere Gegner ersetzt. Das hat sie unter anderem für "Drakensang", "Titan Quest" und "Dungeon Lords" gemacht. "Bei 'Dungeon Lords' reichte schon der Austausch weniger Dateien, damit aus Spinnen Skorpione werden", sagt Bungartz.

Ihre Patches bietet die Neustädterin auf ihrer Website zum Download an - denn sie ist nicht die einzige, die sich nach solcher Software sehnt. Im Internet kursiert etwa ein Dutzend Anti-Spinnen-Patches, vorwiegend für Rollenspiele: In "Dragon Age 2" ersetzt ein Programm die Spinnen durch Kriegshunde, in "Dark Messiah" durch Schweine. Zur Not verzichten phobiegeplagte Spieler mit der Angst auch auf Authentizität.

Spiele können ein Schritt zur Selbsttherapie sein

Andreas Mühlberger, der an der Uni Würzburg die Spinnenphobie erforscht, findet, dass solche Modifikationen im Spiel optimal seien - überwinden könne man seine Angst so aber nicht. "Dafür müsste muss man sich aktiv mit ihr auseinandersetzen", sagt Mühlberger. "Im Sinne einer Selbsttherapie ist das prinzipiell auch in Form von Computerspielen möglich."

Mittlerweile hat Mühlberger selbst eine Art Spiel zur Phobiebehandlung entwickeln lassen, auf Basis von Valves Source-Engine. Über Head-Mounted-Displays bringt die Software "Spider Room" Probanden mit Pixelspinnen in Kontakt. Per Joystick können die Testpersonen entscheiden, wie nah sie den virtuellen Exemplaren kommen wollen, die je nach Szenario unterschiedlich zahlreich, groß und beweglich sind. Während die Phobiker an ihre Grenzen gehen, misst Mühlberger ihre körperlichen Reaktionen wie Hautleitfähigkeit und Herzfrequenz.

Nach Tests mit rund hundert Probanden findet der Forscher, dass Computersimulationen für die Phobietherapie hilfreich sein könnten - denn in seinen Studien reagieren die Patienten auf die Computerspinnen ähnlich ängstlich wie auf echte. "Patienten könnten sich in künftigen Therapien zum Beispiel zunächst virtuell einer Vogelspinne annähern, bevor sie eine echte über ihre Hand laufen lassen", schlägt Mühlberger vor.

Vogelspinnen? Anya Bungartz graut es allein beim Gedanken an eine derartige Begegnung. Solange die Angst nicht ihr Leben bestimmt, sieht sie aber keinen Grund, ihre Phobie zu behandeln. Und seit einigen Tagen darf sie auch wieder mit Skyrim liebäugeln: Soeben ist ein Spinnenpatch erschienen, der ihre Angstgegner durch Bären ersetzt. Er wurde schon über tausend Mal heruntergeladen.

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insgesamt 24 Beiträge
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1. .
miruwa 27.11.2011
Schön für alle Betroffenen, wenn sich die Spielefirmen das gefallen lassen. Es gibt viel zu viele Spiele, die durch permanente Verbindung oder regelmäßigen Dateienabgleich verhindern, dass man an ihnen was verändert.
2. Interessant
Meckermann 27.11.2011
Angesichts der enormen Verbreitung von (Riesen-)Spinnen in Rollenspielen habe ich mich schon länger gefragt ob Spinnenphobiker damit nicht Probleme haben.
3. Gehören Skorpione
Giraffenzebra 27.11.2011
Zitat von sysopDas hat sie unter anderem für "Drakensang", "Titan Quest" und "Dungeon Lords" gemacht. "Bei 'Dungeon Lords' reichte schon der Austausch weniger Dateien, damit aus Spinnen Skorpione werden", sagt Bungartz.
Gehören Skorpione nicht auch zu den Spinnentieren? ... dachte ich jedenfalls immer. MfG
4. schade
FunKuchen 27.11.2011
Ich finde es sehr ärgerlich, dass sich in der Fotoserie zum Artikel kein einziges Bild von Skyrim Spinnen finden lässt, sondern nur zu diversen anderen Spielen. hier mal ein bild einer Spinne http://i51.tinypic.com/2h2e1r4.png und hier das eines Bären http://www.pcgames.de/screenshots/original/2011/11/no_spiders_skyrim_1.jpg
5. Gute Sache
Flashmack 27.11.2011
Noch nicht ganz ausgereift wie man auf Foto 5 und 6 sieht (da werden die Ratten als Smaragspinnen bezeichnet), aber ne gute Sache. Bei zB meiner Begeisterung für RPGs wärs der reinste Horror wenn ich vor jedem Spielkauf irgendwelche Spieler fragen müsste, die es schon durchhaben, ob da Spinnen drin vorkommen, weil ich in dem Fall eher vor Schreck meinen PC kaputt mach, als die KI-Gegner.
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