Kennenlernen in Videospielen "Und der eine bärtige Zwerg war meine heutige Frau"

Beide wollen Orks verkloppen, da kreuzen sich die Wege: Manchmal wird aus einer Begegnung in einem Videospiel echte Freundschaft oder Liebe. Fünf Beziehungsgeschichten.

Midway Games

Protokolle von


Die Schlachtfelder von "Battlefield 1", der Fußballplatz in "Fifa 18", die Rennstrecken von "Mario Kart 8": Spiele leben von Konflikten und dem Wettkampf zwischen den Spielern. Die Konkurrenz führt aber nicht zwangsläufig zu Feindschaften, im Gegenteil: Aus Konflikten werden Allianzen. Aus Rivalität das Interesse für den Menschen hinter dem Avatar.

Hier erzählen fünf Menschen, wie sich aus dem virtuellen Zusammentreffen in Online-Spielen ganz besondere Begegnungen abseits des Spiels ergeben haben.

Caro, 22-jährige Journalismus-Studentin, traf Chris, 28-jährigen Softwareentwickler, in "Overwatch"

"Seit 'Overwatch' im Mai 2016 erschienen ist, sind wir beide dabei. Nachdem ich mehrere Spielergruppen ausgetestet hatte, landete ich schließlich in einer mit Chris. Die Gruppe war bunt gemischt, ich mit Abstand die jüngste. Aber auch die einzige Frau. Einer der Spieler hat deshalb immer wieder dumme Sprüche gebracht, wurde dann aber recht zügig aus der Gruppe verwiesen. Chris ist mir damals hingegen durch ziemlich amüsante Sprüche aufgefallen. Das war kein wildes Flirten von ihm. Vielmehr machte er das sehr vorsichtig und liebevoll. Die ganze Gruppe war dann auch auf einer Augenhöhe, es gab keine Witze über weibliche Spieler oder ähnlichen Unsinn.

Blizzard Entertainment

Dann ging es tatsächlich ganz kitschig mit Emotes los. Herzchen und so. So kamen wir uns näher. Dann kam Facetime hinzu, so sahen wir uns zum ersten Mal. Kurz vor der Gamescom 2016 haben wir uns dann erstmals getroffen, wir wohnen 150 Kilometer voneinander entfernt. Seitdem sind wir tatsächlich zusammen - und glücklich. Es ist ein großer Luxus, einen Partner zu haben, der auch zockt. So hören wir uns fast jeden Abend. Das macht die Fernbeziehung leichter, nicht nur wegen der Distanz, sondern auch, weil wir unser größtes Hobby und Lieblingsspiel teilen."

Timo, 39, und Maike, 40, treffen sich in "Herr der Ringe Online". Beide sind IT-Systemadministratoren von Beruf.

"Zwei bärtige Zwerge laufen über die Felder von Fornost in 'Herr der Ringe Online'. Beide wollen sie Orks verkloppen, als sie sich zufällig über den Weg laufen. Kurzum tun sich die beiden Zwerge zusammen. Zu zweit werden sie den Orks das Fürchten beibringen. Das war 2011. Und der eine bärtige Zwerg war meine heutige Frau. Das lief mehrere Wochen so. Am Abend wurden zusammen Orks vermöbelt. Meine Überraschung war ziemlich groß, als ich im Gilden-Teamspeak irgendwann mitbekam, dass dieser Zwerg eine Frau ist. Ich war nicht unglücklich darüber. Wir trafen uns täglich am Abend, um über Teamspeak miteinander zu spielen. Dann tauschten wir Nummern, schrieben uns ununterbrochen SMS.

Midway Games

Nach einiger Zeit haben wir uns dann zum ersten Mal persönlich getroffen. Und da hat es sofort gefunkt. Über ein Jahr haben wir eine Wochenend- und Fernbeziehung geführt. Inzwischen wohnen wir zusammen. Auch heute spielen wir noch sehr viel zusammen. Besonders seit unser Sohn, der dreieinhalb Jahre alt ist, schon Interesse am Spielen zeigt. Er schaut uns begeistert zu. Besonders bei 'Mario Kart' muss der Papa immer vorspielen. Das mach ich natürlich nur zu gerne."

Mojang

Jakob, 23-jähriger Sozialarbeiter, traf Robert, 26-jährigen Informatiker, durch "Minecraft"

"Vor acht Jahren, ich war damals 15, habe ich angefangen, 'Let's Plays' zu machen - denn wer steht nicht auf Videos von pubertären, überdrehten Kids, die gerade im Stimmbruch sind? In der Zeit bin ich mit einem Zuschauer in Kontakt gekommen, der mich auf den Minecraft-Server seiner Freunde eingeladen hat. Dort habe ich dann Robert kennengelernt.

Die nächsten Monate verbrachten wir in einer Gruppe von fünf Leuten sehr viel Zeit gemeinsam auf diesem Server. Die anderen kannten sich alle schon und wohnten gemeinsam in einem Dorf tief im Süden. Irgendwann ging das dann aber auseinander. Wir hatten alle nur noch sporadisch Kontakt. Der einzige, mit dem ich im regelmäßigen Kontakt blieb, war Robert. Das sah letzten Endes so aus, dass wir fast jeden Tag mehrere Stunden geskypt haben.

Teils haben wir nicht mal zusammen gespielt, sondern jeder für sich, gequatscht wurde aber ununterbrochen. Hauptsächlich natürlich über Spiele, aber auch über alles andere. Immer wieder gab es auch Phasen, in denen wir etwas weniger miteinander zu tun hatten. Robert ist nicht immer ein einfacher Zeitgenosse und hat ein Händchen dafür, mich auf die Palme zu bringen. Doch irgendwie haben wir uns immer wieder zusammengerauft. Der Begriff "altes Ehepaar" trifft es wohl ganz gut.

Ich würde Robert als guten, eigentlich sogar besten Freund bezeichnen, der wohl eine der größten Konstanten in meinem Leben darstellt - und das, obwohl wir uns im echten Leben erst zwei Mal getroffen haben. Einmal vor fünf Jahren bei ihm im Dorf und dieses Jahr auf der Gamescom-Messe."

Hanna, 33, traf den 39-jährigen Computerspezialisten Andi in "Travian"

"Im Herbst 2005, als das Internet für mich noch neu und aufregend war, habe ich über ein paar Schulfreunde angefangen, 'Travian' zu zocken. Mittelerfolgreich in einer mittelguten Allianz. Irgendwann fingen die Mitglieder einer sehr viel stärkeren Allianz an, uns auszunehmen. Als Außenministerin war ich beauftragt, mit deren Chefdiplomaten den Frieden zu verhandeln.

Mein Screen-Name war Skrofulose. Das machte ihn neugierig. Ich zitierte daraufhin aus einem Discworld-Roman, und der Rest ist Geschichte. Es wurde Frieden geschlossen und Andi - so der Name des Chefdiplomaten - und ich chatteten stundenlang über ICQ. Er hat damals in Dresden gewohnt, ich war in Bonn. Irgendwann hat er mich auf dem Rückweg von einem Job in Straßburg besucht.

Travian Games

Es stand kurz im Raum, ob wir romantisch werden. Daraus wurde glücklicherweise nichts. Stattdessen hat er mich in die Geheimnisse des Nerd-Humors eingeführt, den Comic-Strip 'Pokey the Penguin' oder die Internetserie 'Pure Pwnage'. Wir gingen unseren Freunden damit unfassbar auf den Keks. Im nächsten 'Travian'-Spiel hatten wir dann einen gemeinsamen Account.

Über Jahre haben wir uns hin und her besucht. Mittlerweile haben wir beide Familien. Die Freundschaft ist zwischen Köln und Berlin schwieriger zu pflegen. Er ist der Patenonkel meiner erstgeborenen Tochter, und wann immer wir uns sehen, geben wir uns größte Mühe, unsere Partner nicht völlig in den Wahnsinn zu treiben. Gemeinsam online zocken wir nicht mehr. Wenn wir uns treffen werden stattdessen Brettspiele hervorgeholt."

Netts

Chiara, 22-jährige Redakteurin, erlebt ihren ersten Herzschmerz in "Florensia" mit Markus, 25

"Andere in meinem Alter machten ihre ersten romantischen Erfahrungen in der Schule oder in der Disco. Ich saß mit 14 Jahre vor dem Rechner und verliebte mich in einen 17-Jährigen Jungen. Den kannte ich nur über das Spiel 'Florensia'. Bei unserer ersten Begegnung streifte ich durch die Spielwelt, bis ein Spielcharakter mir durch vorprogrammierte Gestikulation deutlich machte, dass er mit mir spielen will. Wir erlebten einige virtuelle Abenteuer zusammen und verlagerten unsere Kommunikation ganz romantisch auf SchülerVZ.

Markus und ich waren irgendwann der festen Überzeugung, dass wir verliebt waren. Diese Art von virtueller Liebe war in der Tat keine Seltenheit. Einige Mitglieder unseres Clans führten ebenfalls solche Beziehungen. Nach zwei Monaten trafen wir uns.

Ich überredete meine Mutter, mit mir in das Einkaufszentrum in Oberhausen zu fahren.

Dort angekommen, sah ich ihn endlich. Er stand am Eingang. Wie angewurzelt. Anders, als ich ihn mir durch seine Fotos vorgestellt habe. Zusammen mit ihm verbrachte ich die unangenehmste Stunde meines Lebens. Denn im realen Leben waren wir leider überhaupt nicht auf einer Wellenlänge. Ich suchte mir eine Ausrede und verschwand so schnell, wie es ging. Via Skype machte ich ihm klar, 'dass ich nichts mehr für ihn empfinde'. Das letzte was ich von ihm hörte, war ein 'Alles Gute zum 18. Geburtstag' auf meiner Facebook-Timeline vor knapp fünf Jahren."



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Politische Bildung? 22.12.2017
1. Blutelfe und Orc
Mein Partner und ich sind seit über 7 Jahren liiert. Kennen und lieben gelernt haben wir uns in World of Warcraft. Es war absolut verrückt und auch nicht geplant. Wir waren im selben Raid und stellten fest, dass wir nicht weit von einander entfernt wohnen. Zocken tun wir schon lange nicht mehr, aber die Liebe ist geblieben :) Und wenn andere nach unserer Kennenlerngeschichte fragen, haben wir die Lacher immer auf unserer Seite!
ThomasLE 24.12.2017
2. Vor achteinhalb Jahren...
traf mein Tauren-Jäger im Brachland eine Blutelfen-Schurkin... Wir waren beide definitiv nicht darauf aus online einen Partner zu finden! Nach einem halben Jahr sehr angenehmen Miteinanders in den online Abenteuern merkten wir beide, dass wir gedanklich doch sehr aneinander hängen. Es gab also nur zwei Möglichkeiten: die Sache beenden oder ein Zugticket zu kaufen. Ich entschied mich für das Zugticket. Bei unserem Treffen kamen zum wohligen Kribbeln noch Funken dazu - ein halbes Jahr später zogen wir zusammen, drei Jahre später heirateten wir. Dadurch das wir uns ganz vorbehaltlos kennen lernten, und unsere Werte und Vorstellungen in einer ganz zwanglosen Umgebung ausloteten, hat es uns auf eine ganz andere Art und Weise verbunden. Auch wenn es für uns beide heute immer noch ziemlich verrückt ist, wie wir uns gefunden haben! Nun sind wir seit 4 Jahren verheiratet, und ich bereue keinen einzigen Tag - auch damals mit meinem Tauren durch das Brachland gezogen zu sein! Wir zocken heute immer noch, wenn auch weniger, dafür aber abwechslungsreicher. Wir finden es im Übrigen beide toll, einen Partner zu haben, der die Leidenschaft fürs Spielen nachvollziehen kann, würden aber bei unseren Kindern auf die richtige Dosis und die richtigen Inhalte achten.
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