Kanzlerin auf der Gamescom Menschen sehen Journalisten zu, die Merkel zusehen, die Spielern beim Spielen zusieht

Die Kanzlerin auf einer Videospielmesse? Das hätte peinlich werden können, doch Angela Merkel war abgeklärt genug, alle Fettnäpfchen zu vermeiden. Wie die Gamescom wirklich ist, erfuhr sie so aber nicht.

DPA

Aus Köln berichtet


Was macht Angela Merkel auf der Gamescom?

Wahlkampf. Im Sinne von: Präsenz und Interesse zeigen. Dienstagmittag hat die Kanzlerin an der Seite von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet die Kölner Spielemesse eröffnet, zum ersten Mal überhaupt.

Für Merkel ist der Termin ein PR-Geschenk, da die Bilder aus den Hallen längst nicht nur Tausende Gamescom-Besucher erreichen dürften. Vermutlich wird es kaum bis zum Abend dauern, bis Fotos der Kanzlerin im Spieleland überall im Netz verbreitet werden.

Hat Merkel auch selbst etwas gespielt?

Im Wesentlichen hat die Kanzlerin mit Menschen aus der Branche gesprochen oder anderen beim Spielen zugeschaut. Selbst einen Controller in der Hand hatte Merkel nur kurz, beim "Landwirtschafts-Simulator".

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Messe in Köln: Das sind die Spielehits der Gamescom 2017

Nach einer kurzen Eröffnungsansprache nahm Merkel an einem Rundgang durch mehrere Gamescom-Hallen teil, bei dem sich ihr zum Beispiel die deutschen Studios Blue Byte und Yager vorstellten.

An Spielen wurden Merkel zum Beispiel eine Virtual-Reality-Version des Rennspiels "Gran Turismo", das Onlinespiel "Dreadnought" und das Weltenbauspiel "Minecraft" vorgesetzt - Letzteres samt eines Merkel-Avatars.

Gab es auch skurrile Momente?

Am amüsantesten war der Besuch wohl für Außenstehende ohne Reporter-Auftrag: Sie konnten einem Haufen Journalisten zusehen, der der Kanzlerin zusieht, die wiederum einem Dritten beim Spielen zusieht. Normalerweise nimmt man als Gamescom-Besucher lieber selbst ein Gamepad in der Hand.

Am Sony-Stand sprach Merkel eine junge Dame an, die zuvor einige Minuten lang neben ihr Autorennen gefahren war, mit einem Virtual-Reality-Headset auf dem Kopf. "Sind Sie zufrieden hier mit Ihren Leistungen?", fragte Merkel die Frau, als diese wieder ohne Headset und somit ansprechbar war. "In den Kurven war's manchmal ein bisschen langsam, ne?" Was die Fahrerin darauf antwortete, konnte man leider nicht so recht verstehen.

Merkel neben Gamerin mit Virtual-Reality-Headset
STEINBACH/ EPA/ REX/ Shutterstock

Merkel neben Gamerin mit Virtual-Reality-Headset

Wie hart war der Kulturschock für Merkel?

Man kann sagen: Das erste Gamescom-Level hat Merkel überstanden. Wegen ihrer Sicherheitsleute und weil die Messe erst morgen für jedermann öffnet, hat sie aber auch einiges nicht erlebt: das Gedränge in den Hallen etwa, wenn jungen Menschen von der Bühne aus kostenlose T-Shirts zugeworfen werden. Oder das ohrenbetäubende Gekreische der Fans beim Auftritt eines YouTubers.

Und auch die wichtigste Erfahrung vieler Besucher fehlt Merkel: wie es sich anfühlt, zwei, drei Stunden für wenige Minuten Spielzeit mit dem Lieblingstitel zu warten.

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Gamescom: So lief Merkels Besuch auf der Spielemesse

Die Union spielte in der "Killerspiel"-Debatte der Nullerjahre eine unrühmliche Rolle. Wie ging Merkel mit dem Thema um?

Merkel war klug genug, das Gamer-Reizwort "Killerspiele" nicht in ihrer Rede zu erwähnen. Die Kanzlerin sprach aber durchaus an, dass immer wieder über einen möglichen schädlichen Einfluss von "Gewaltspielen" auf die Entwicklung junger Menschen diskutiert werde: "Außer Frage steht dabei für mich, dass es eine zweifelsfreie, pauschale Antwort darauf nicht geben kann, dass die Sorgen und Bedenken aber immer wieder von uns ernst genommen werden sollten." Ein verantwortungsvoller Umgang mit Spielen sei deshalb "von allergrößter Bedeutung".

Merkel entging somit auch hier Fettnäpfchen, sagte aber eben auch nichts, was den Eindruck erweckte, das Thema Gaming begeistere sie. Bei ihrem Rundgang präsentierte sich Merkel als routinierte Beobachterin von außen und stellte auch entsprechend grundlegende Fragen: Sonys Playstation-Spitzenfunktionär Jim Ryan fragte sie zum Beispiel, ob Sony neben Hardware eigentlich selbst auch Spiele entwickelt.

Die Spielebranche wünscht sich von Angela Merkel neue Fördermittel. Wird Merkel diesen Wunsch erfüllen?

Auf konkrete Zusagen an die Branche hat Merkel bei ihrem Besuch verzichtet. Sie sagte aber, der Wunsch der Entwickler nach neuen Fördermöglichkeiten sei ihr bekannt: "Durch solch einen Besuch lernt man ja auch dazu." Man werde sich genau anschauen, was andere Länder wie Kanada, Frankreich und Polen für die Förderung der dort ansässigen Spielebranche tun, versprach Merkel. "In der nächsten Legislaturperiode" könnte es ein Treffen aller Akteure zum Thema Fördersituation geben.

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Entwicklungen beim Gaming: Die Trends der Spielebranche

Besuchen noch weitere Spitzenpolitiker die Gamescom?

Ja. Ministerpräsident Laschet sagte zur Messe-Eröffnung, auf der Gamescom seien dieses Jahr "so viele Politiker wie noch nie". Auf dem sogenannten Gamescom Congress zum Beispiel treten am Mittwoch Peter Tauber (CDU), Hubertus Heil (SPD), Matthias Höhn (Die Linke), Michael Kellner (Die Grünen) und Nicola Beer (FDP) auf. Sie werden unter anderem mit dem YouTuber LeFloid über Digitalthemen diskutieren.

Laut dem Fachmagazin "Gameswirtschaft" kommen insgesamt mehr als 150 Politiker auf die Gamescom, darunter etwa Bundesfamilienministerin Katarina Barley und Grünen-Chef Cem Özdemir.


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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
dirk1962 22.08.2017
1. Die typische Merkel
So kennen wir sie doch immer. Unbeteiligt herumstehen, keinen Beitrag leisten und dümmlich in die Kamera winken. Also alles gut.
adama. 22.08.2017
2. Killerspiele vs Killerideologien
Mir ist aufgefallen, dass Menschen die Killerspiele anprangern, meist einer Killerideologie anhängen. Vereinzelte Amokläufer sollen angeblich durch Killerspiele zur Tat angeregt und angestiftet worden sein. Ich meine, dass sehr viel mehr Menschen durch Ideologien, wie Kommunismus und Faschismus oder Religionen, wie Christentum und Islam, dazu gebracht worden in großen Massen noch größere Massen von Menschen zu töten, zu foltern, einzusperren und Umerziehen. Nicht Spiele gehören verboten, sondern Ideologien, die verlangen, dass Menschen andere Menschen zwingen wie sie selbst zu sein. Auch Demokraten sind von dieser Killerideologien angesteckt. Denn ein toleranter Demokrat findet jeden Zwang irgendwie auch verständlich und gut.
Spirit in Black 22.08.2017
3. Killerspiele?
So ändert sich die Gesellschaft. Ging es vor 15 Jahren bei Games noch hauptsächlich um "Killerspiele" dienen sie jetzt als Wahlkampfhilfe.
lynx2 22.08.2017
4. Und das soll..
Zitat von Spirit in BlackSo ändert sich die Gesellschaft. Ging es vor 15 Jahren bei Games noch hauptsächlich um "Killerspiele" dienen sie jetzt als Wahlkampfhilfe.
.. staatlich gefördert werden? Die Datenbrillen sind das Brett vorm Kopf.
lynx2 22.08.2017
5. Es ist immer das Gleiche:
Zitat von dirk1962So kennen wir sie doch immer. Unbeteiligt herumstehen, keinen Beitrag leisten und dümmlich in die Kamera winken. Also alles gut.
Der Bundeshosenanzug watschelt auf Technologiemessen rum, setzt sich meistens eine Datenbrille auf (als Brett vorm Kopf), läßt sich was erklären, was er doch nicht versteht, labert den Reportern was ins Mikro und dann ertönt von den Branchen- und Verbandsfunktionären der Ruf nach staatl. Subventionen.
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