Gamescom-Trend: Wir spielen mal Gott mit dem Touchscreen

Von Christian Stöcker, Köln

Gamescom: Die interessantesten Spiele für den zweiten Schirm Fotos
Ubisoft

Nintendo hat es mit der Wii U vorgemacht. Alle anderen großen Videospielhersteller legen auf der Gamescom in Köln jetzt nach: Tablets und Smartphones werden zu Zusatz-Controllern für Konsolenspiele. Es ist häufig ein großer Gewinn.

Die Firma Quantic Dream stellt Spiele exklusiv für Sonys Konsolen her. Umso erstaunlicher mutet es an, wenn Quantic-Dream-Chef David Cage vor einem Publikum aus internationalen Fachjournalisten einen Playstation-3-Controller hochhält und erklärt: "Viele Menschen fürchten sich vor dem hier." Cage ist ein Entwickler, der sich selbst als Innovator des Mediums betrachtet.

Seine Spiele "Fahrenheit" und "Heavy Rain" sind eigenwillige, stark an interaktive Filme erinnernde Werke - und genau so werden sie auch genutzt, berichtet Cage bei der Kölner Gamescom: Viele hätten "Heavy Rain" in Gesellschaft gespielt, mit dem Freund, der Freundin, der Ehefrau neben sich auf dem Sofa, als Zuschauer und Hinweisgeber. Zur Illustration schreit Cage mit verstellter Stimme: "Geh da rüber! Nein! Schau da hin!"

Im für Anfang Oktober angekündigten neuen Spiel "Beyond: Two Souls" können die Zuschauer jetzt auch eingreifen, sagt Cage. Während Spieler eins das Mädchen Jodie - verkörpert von der Schauspielerin Ellen Page - steuert, das über eigenartige, furchteinflößende Fähigkeiten zu verfügen scheint, kontrolliert Spieler zwei ihren körperlosen Sidekick, das Geistwesen Aiden. Das kann beispielsweise Wände durchdringen und Jodie unterstützen.

Wenn Spieler zwei die Kontrolle über Aiden übernimmt, muss Spieler eins pausieren, aber den Controller nicht hergeben: Spieler zwei kann Aiden entweder mit einem zweiten Playstation-3-Controller steuern, oder aber mit einem iOS- oder Android-Gerät, auf dem die entsprechende kostenlose App installiert ist, wie Cage in Köln enthüllte. "Jeder von uns hat so ein Gerät mittlerweile ohnehin zu Hause und weiß, wie man damit umgeht", sagt er. Wer will, kann das Spiel auch komplett mit seinem Handy oder Tablet als Steuergerät durchspielen. Wird dieser Modus aktiviert, schaltet das Spiel automatisch auf "einfach" um.

Begleit-App steuert Raketenangriffe

"Beyond: Two Souls" ist bei weitem nicht das einzige Spiel mit Begleit-App. In Ubisofts "Tom Clancy's The Division", einem Taktik-Shooter, kann ein Spieler das Schlachtfeld auf seinem Tablet von oben oder von der Seite betrachten und gottgleich einzelne Spieler des eigenen Teams mit Fingerstupsern stärken, oder Gegner schwächen, kann sogar Raketenschläge anordnen, die dann in der Spielwelt auf dem großen Fernsehgerät gravierende Schäden anrichten.

In Lionheads neuem Rollenspiel "Fable: Legends" kann ein Spieler die Rolle des Bösewichtes übernehmen, der eine Gruppe typischer Rollenspielhelden attackiert. Er kann Monster herbeizaubern und, wiederum per Fingerstupser, auf dem Spielfeld dirigieren. Der Bösewicht spielt gewissermaßen ein Echtzeit-Strategiespiel in Draufsicht, während die tapferen Helden einzeln gesteuert werden. Zwei Schirme, eine Spielwelt.

Tatsächlich kommt gefühlt kaum noch ein neuer Titel ohne irgendeine Art von Handy- oder Tablet-Anbindung aus, mal sinnvoller, mal weniger sinnvoll. In Cryteks visuell spektakulärer Altes-Rom-Metzelei "Ryse: Son of Rome" ist die sogenannte Companion App eher eine Art erweitertes externes Menü, etwa mit der Möglichkeit, seinen Spielfortschritt zu überwachen.

Fotostrecke

29  Bilder
Xbox One, Playstation 4: Die neuen Spielkonsolen im Überblick
Bei Ubisofts "Watch Dogs" dagegen ermöglicht die zugehörige App für iOS und Android einen ganz eigenes Spielmodus, der sich nahtlos in das Online-Universum des Spiels einfügt. In "Watch Dogs" übernimmt der Spieler die Rolle eines einsamen Superhackers, der in einer Großstadt gegen böse Mächte kämpft. Der in einer offenen Spielwelt angesiedelte Titel erinnert auf den ersten Blick an die "Grand Theft Auto"-Reihe, doch der Kern ist das Hacken: Der Spieler kann alle Ampeln auf Grün stellen, um Verkehrschaos auszulösen - oder per Telefon-Hack Informationen über beliebige Passanten herausfinden.

Tablet-Spieler steuern in "Watch Dogs" Hubschrauber

Wer nun die Smartphone- oder Tablet-App zum Spiel installiert hat, kann anderen das Leben schwermachen: Beliebige Spieler, die gerade online sind, lassen sich herausfordern, man kann ihnen eine bestimmte Aufgabe mit Zeitbegrenzung stellen. Während der Konsolenspieler seine Spielfigur durch ein virtuelles Chicago steuert, kann sein Tablet-Widersacher auf einer stilisierten Stadtansicht Polizeihubschrauber oder Streifenwagen in Marsch setzen, um ihn aufzuhalten - oder aber mit elektrisch gesteuerten Pollern Straßen sperren, Dampfrohre zum Bersten bringen, Ampeln umschalten.

Auch hier findet auf dem TV-Bildschirm die Welt in Nahaufnahme statt, Tablet oder Handy gewähren gottgleiche Übersicht. Der Tablet-Spieler muss das Konsolenspiel nicht einmal besitzen, lediglich einen Account bei Ubisofts Spiele-Netzwerk UPlay braucht er. Denn letztlich geht es hier natürlich nicht nur um Mehrwert für Spieler, sondern auch um die Akquise potentieller Neukunden. Außerdem ist jeder Tablet-Spieler ein Lieferant kostenloser Spielintelligenz, er wird gewissermaßen selbst zum Content.

Apps als Begleiter zu einem Konsolenspiel sind keine neue Idee - in der App zum NBA-Basketballspiel von 2K etwa kann man schon seit Jahren einen Spieler zwischendurch mit Minispielen trainieren, Punkte sammeln, mit denen sich im Hauptspiel schicke Turnschuhe freischalten lassen. Dass die Touchscreens aber als Zusatzcontroller über Live-Verbindungen direkt in Spiele eingreifen, ist neu.

Fast tragisch wirkt dabei, dass einmal mehr Nintendo die nun von vielen anderen umgesetzte Idee als erstes in ein fertiges Produkt gegossen hatte: Die Wii U mit ihrem Tablet-Controller ist genau für derartige Spielkonzepte gemacht. Sie verkauft sich aber ziemlich schlecht.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. optional
xxbigj 22.08.2013
Ja man wann kommt Heavy Rain 2? Der erste Teil war der Kracher. Selten soviel Spielspass gehabt, bin sonst eher ein FIFA Spieler!
2. Gottgleich = Drohne
RougeSquadron 22.08.2013
Man schwebt nicht "Gottgleich" über die Mitspieler sondern steuert eine Drohne. Ich finde diese Entwicklung sehr toll! ABER es muss darauf geachtet werden das es NICHT zum MUSS wird. Bzw. wenn man es nur vom Tablet aus steuern kann darf es nicht der Kern des Spiels sein. BF4 löst das gut, man kann den Commander wahlweise vom PC und/oder vom Tablet spielen.
3. Funktionen für den 2. Spieler sind ein zweischneidiges Schwert
metzelkater 22.08.2013
Die meisten Zocker sitzen immer noch alleine vor ihren Konsolen und da stellt sich die Frage, wei man im Single Player Modus mit dem Tablet und dem Controller jonglieren soll. Meist machen Spiele, die für zwei Personen ausgelegt sind, alleine deutlich weniger Spass. Natürlich kann man auf dem Tablet oder Smartphone zusätzliche Informationen einblenden, aber man hat nur zwei Hände und selbst wenn man keine Aktionen simultan ausführen muss, wird es schnell zu einem nervigen Hin- und Her zwischen Controller und Tablet. Da mein Computer nur 2 Meter vom Fernseher entfernt ist, sehe ich mir Spieletips lieber im Netz an, weil ich den Controller dann nicht aus der Hand legen muss. Daher sehe ich den Tablet Sachen eher skeptisch entgegen, solange es in Richtung Multiplayer geht. Das ist der falsche Weg, ich besorg mir doch keinen Mitspieler nur weil man ein Spiel nicht alleine zocken kann. Mein Partner macht da eh nie mit und andere Leute will ich nicht in meiner Nähe herumlaufen haben nur weil ein Spiel das erfordert. Vor allem will ich Spielen, wenn ich darauf Lust habe und nicht, wenn gerade der Mitspieler verfügbar ist. Dabei könnte man mit einem Tablet auczh tolle Sachen machen. Beispielsweise indem man Minispiele integriet, mit denen man unterwegs etwas für sein Spiel tun kann, beispielsweise ein wenig "Grinden" in der U-Bahn. Unter Grinden versteht man das wiederholte Provozieren von Zufallsbegegnungen um mit den Kämpfen seine Spielfigur in einem Rollenspiel aufzuwerten. In Rollenspielen sammeln die Figuren Erfahrungspunkte, die sie aufsteigen lassen und so mächtiger machen. Durch Zufallsbegegnungen kann man die Erfahrung erhöhen, weil die Monster immer wieder auftauchen. So macht das in meinen Augen mehr Sinn, das Spielerlebniss portabel machen, so das man gewisse Dinge auch abseits des großen Bildschirms machen kann, wenn Schatzi fernsieht oder man selber im Real Life unterwegs ist und dort Leerlauf hat, beispielsweise beim Bahnfahren oder warten.
4. Cage kann
Falcon030 22.08.2013
tolle Geschichten erzählen, aber die Steuerung seiner Spiele empfinde ich als so unterirdisch, dass ich zwar gerne zuschauen, aber nicht selber spielen mag. Bei Heavy Rain hab ich mich so sehr darüber geärgert, dass ich "Beyond..." gar nicht mehr anspielen möchte.
5. Heavy Rain 2
cor 22.08.2013
Mir wäre es lieber, Cage hätte mal paar Sätze zum zweiten Teil dieses hervorragenden Spieles verloren. Warum das noch noch nicht auf dem Markt ist, versteht wahrscheinlich keiner so richtig. An mangelnden Verkaufszahlen liegt es wohl nicht. Wie man Touch-Devices wirklich vernünftig in ein Spiel integriert, wird BF4 im Oktober zeigen: Commander-Modus.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Games
RSS
alles zum Thema Gamescom
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 8 Kommentare


E-Book-Tipp
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher
    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.A.

    Kindle Edition: 1,99 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon bestellen.