Gamescom-Trend: Wir spielen mal Gott mit dem Touchscreen
Nintendo hat es mit der Wii U vorgemacht. Alle anderen großen Videospielhersteller legen auf der Gamescom in Köln jetzt nach: Tablets und Smartphones werden zu Zusatz-Controllern für Konsolenspiele. Es ist häufig ein großer Gewinn.
Die Firma Quantic Dream stellt Spiele exklusiv für Sonys Konsolen her. Umso erstaunlicher mutet es an, wenn Quantic-Dream-Chef David Cage vor einem Publikum aus internationalen Fachjournalisten einen Playstation-3-Controller hochhält und erklärt: "Viele Menschen fürchten sich vor dem hier." Cage ist ein Entwickler, der sich selbst als Innovator des Mediums betrachtet.
Seine Spiele "Fahrenheit" und "Heavy Rain" sind eigenwillige, stark an interaktive Filme erinnernde Werke - und genau so werden sie auch genutzt, berichtet Cage bei der Kölner Gamescom: Viele hätten "Heavy Rain" in Gesellschaft gespielt, mit dem Freund, der Freundin, der Ehefrau neben sich auf dem Sofa, als Zuschauer und Hinweisgeber. Zur Illustration schreit Cage mit verstellter Stimme: "Geh da rüber! Nein! Schau da hin!"
Im für Anfang Oktober angekündigten neuen Spiel "Beyond: Two Souls" können die Zuschauer jetzt auch eingreifen, sagt Cage. Während Spieler eins das Mädchen Jodie - verkörpert von der Schauspielerin Ellen Page - steuert, das über eigenartige, furchteinflößende Fähigkeiten zu verfügen scheint, kontrolliert Spieler zwei ihren körperlosen Sidekick, das Geistwesen Aiden. Das kann beispielsweise Wände durchdringen und Jodie unterstützen.
Wenn Spieler zwei die Kontrolle über Aiden übernimmt, muss Spieler eins pausieren, aber den Controller nicht hergeben: Spieler zwei kann Aiden entweder mit einem zweiten Playstation-3-Controller steuern, oder aber mit einem iOS- oder Android-Gerät, auf dem die entsprechende kostenlose App installiert ist, wie Cage in Köln enthüllte. "Jeder von uns hat so ein Gerät mittlerweile ohnehin zu Hause und weiß, wie man damit umgeht", sagt er. Wer will, kann das Spiel auch komplett mit seinem Handy oder Tablet als Steuergerät durchspielen. Wird dieser Modus aktiviert, schaltet das Spiel automatisch auf "einfach" um.
Begleit-App steuert Raketenangriffe
"Beyond: Two Souls" ist bei weitem nicht das einzige Spiel mit Begleit-App. In Ubisofts "Tom Clancy's The Division", einem Taktik-Shooter, kann ein Spieler das Schlachtfeld auf seinem Tablet von oben oder von der Seite betrachten und gottgleich einzelne Spieler des eigenen Teams mit Fingerstupsern stärken, oder Gegner schwächen, kann sogar Raketenschläge anordnen, die dann in der Spielwelt auf dem großen Fernsehgerät gravierende Schäden anrichten.
In Lionheads neuem Rollenspiel "Fable: Legends" kann ein Spieler die Rolle des Bösewichtes übernehmen, der eine Gruppe typischer Rollenspielhelden attackiert. Er kann Monster herbeizaubern und, wiederum per Fingerstupser, auf dem Spielfeld dirigieren. Der Bösewicht spielt gewissermaßen ein Echtzeit-Strategiespiel in Draufsicht, während die tapferen Helden einzeln gesteuert werden. Zwei Schirme, eine Spielwelt.
Tatsächlich kommt gefühlt kaum noch ein neuer Titel ohne irgendeine Art von Handy- oder Tablet-Anbindung aus, mal sinnvoller, mal weniger sinnvoll. In Cryteks visuell spektakulärer Altes-Rom-Metzelei "Ryse: Son of Rome" ist die sogenannte Companion App eher eine Art erweitertes externes Menü, etwa mit der Möglichkeit, seinen Spielfortschritt zu überwachen.
Bei Ubisofts "Watch Dogs" dagegen ermöglicht die zugehörige App für iOS und Android einen ganz eigenes Spielmodus, der sich nahtlos in das Online-Universum des Spiels einfügt. In "Watch Dogs" übernimmt der Spieler die Rolle eines einsamen Superhackers, der in einer Großstadt gegen böse Mächte kämpft. Der in einer offenen Spielwelt angesiedelte Titel erinnert auf den ersten Blick an die "Grand Theft Auto"-Reihe, doch der Kern ist das Hacken: Der Spieler kann alle Ampeln auf Grün stellen, um Verkehrschaos auszulösen - oder per Telefon-Hack Informationen über beliebige Passanten herausfinden.
Tablet-Spieler steuern in "Watch Dogs" Hubschrauber
Wer nun die Smartphone- oder Tablet-App zum Spiel installiert hat, kann anderen das Leben schwermachen: Beliebige Spieler, die gerade online sind, lassen sich herausfordern, man kann ihnen eine bestimmte Aufgabe mit Zeitbegrenzung stellen. Während der Konsolenspieler seine Spielfigur durch ein virtuelles Chicago steuert, kann sein Tablet-Widersacher auf einer stilisierten Stadtansicht Polizeihubschrauber oder Streifenwagen in Marsch setzen, um ihn aufzuhalten - oder aber mit elektrisch gesteuerten Pollern Straßen sperren, Dampfrohre zum Bersten bringen, Ampeln umschalten.
Auch hier findet auf dem TV-Bildschirm die Welt in Nahaufnahme statt, Tablet oder Handy gewähren gottgleiche Übersicht. Der Tablet-Spieler muss das Konsolenspiel nicht einmal besitzen, lediglich einen Account bei Ubisofts Spiele-Netzwerk UPlay braucht er. Denn letztlich geht es hier natürlich nicht nur um Mehrwert für Spieler, sondern auch um die Akquise potentieller Neukunden. Außerdem ist jeder Tablet-Spieler ein Lieferant kostenloser Spielintelligenz, er wird gewissermaßen selbst zum Content.
Apps als Begleiter zu einem Konsolenspiel sind keine neue Idee - in der App zum NBA-Basketballspiel von 2K etwa kann man schon seit Jahren einen Spieler zwischendurch mit Minispielen trainieren, Punkte sammeln, mit denen sich im Hauptspiel schicke Turnschuhe freischalten lassen. Dass die Touchscreens aber als Zusatzcontroller über Live-Verbindungen direkt in Spiele eingreifen, ist neu.
Fast tragisch wirkt dabei, dass einmal mehr Nintendo die nun von vielen anderen umgesetzte Idee als erstes in ein fertiges Produkt gegossen hatte: Die Wii U mit ihrem Tablet-Controller ist genau für derartige Spielkonzepte gemacht. Sie verkauft sich aber ziemlich schlecht.
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