Geocaching-Boom Die Welt, eine Schatzinsel

Mit Hilfe von GPS-Empfängern versteckte Kisten aufzustöbern, galt lange als Zeitvertreib für Nerds. Inzwischen aber haben Smartphones die Zahl der Nutzer explodieren lassen, weltweit gibt es über eine Million Verstecke - die Hightech-Schatzsuche namens Geocaching ist zum Trendsport geworden.

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SPIEGEL ONLINE

Dave Ulmer ahnte wohl nicht, was er da anrichtete. Der Amerikaner hatte gehört, Bill Clinton werde das vom US-Militär entwickelte Ortungssystem GPS Navstar für die Allgemeinheit freigeben. Ulmer wollte die neue Technik testen - und versteckte Mitte 2000 einen alten Eimer in der Nähe seines Hauses bei Portland. Dessen Inhalt: Eine Zwille, ein Buch von Ross Perot und die Videokassette "George of the Jungle". Die Koordinaten postete er in einem Forum. Binnen weniger Tage pilgerten mehrere Leute zu Ulmers abgeschiedener Hütte, um den "Schatz" zu heben.

Zehn Jahre später liegt die Zahl solcher Verstecke (Caches) bei über einer Million. Es gibt sie in großen Städten, in entlegenen Waldgebieten, sogar in der Antarktis. Über vier Millionen Menschen praktizieren inzwischen Geocaching. Und einige Beobachter glauben, dass dies erst der Anfang eines enormen Booms sein könnte.

Der Ablauf der Hightech-Schatzsuche ist recht einfach. Jemand versteckt eine kleine Kiste oder ein Filmdöschen - und stellt die Koordinaten nebst einer Beschreibung des Ortes in einer Datenbank ein. Andere Geocacher navigieren dann per GPS-Gerät zu dem Schatz und schreiben ihren Namen in ein im Behälter bereitliegendes Logbuch - zum Beweis, dass sie wirklich da waren.

Lost Places in der eigenen Stadt

Die größte Plattform der Community ist Geocaching.com. Hier sind aktuell 1.081.885 Caches verzeichnet, es gibt etwa vier Millionen aktive Spieler. "Angefangen hat es eher als Outdoor-Aktivität", sagt die beim Betreiber Groundspeak zuständige Produktmanagerin Jen Sonstelie. Spieler liefen stundenlang durch Wald und Flur, um einen Cache zu finden. "Inzwischen hat sich das Hobby in die Stadt verlagert."

Manchmal befinden sich die Verstecke in der Nähe von Sehenswürdigkeiten - oft jedoch eher an Orten, die man gemeinhin als lost places bezeichnet: Vergessene Ecken im Unterbauch der Metropole, wie etwa das Berliner Gleisdreieck. "Man erhält völlig neue Einblicke in seine Stadt, erforscht Ecken die man vorher noch nie gesehen hat", sagt Marco Hopp* aus Frankfurt.

Der Bankmanager hat bereits über 400 Caches aufgesucht - geloggt, wie man in der Szene sagt. Tatsächlich ist es erstaunlich, worauf man beim Geocaching so stößt. Der Autor fand beim Selbstversuch in einem Hamburger Hinterhof beispielsweise ein gigantisches Graffito, an dem er zuvor Dutzende Male ahnungslos vorbeigelaufen war.

Rasantes Wachstum dank Smartphones

Von Dave Ulmers erstem Cache bis zu Nummer 500.000 dauerte es sieben Jahre, für die nächsten 500.000 Verstecke brauchte Geocaching.com nur noch drei. Das rasante Wachstum dürfte vor allem von drei technologischen Entwicklungen ausgelöst worden sein: Der Verbreitung des Internets, dem sinkenden Preis von GPS-Empfängern - und vor allem dem Aufstieg des Smartphones. "Die Sache hat sich stark aufs Mobiltelefon verlagert", sagt Sonstelie.

Es gibt immer mehr Smartphones - und immer weniger Telefone die noch ohne GPS ausgeliefert werden. Der Marktforscher Gartner rechnet damit, dass 2013 die Hälfte aller neuen Handys das Ortungsfeature besitzen wird. Während sich Geocacher noch vor wenigen Jahren händisch Koordinaten notierten und dann mit klobigem Gerät auf die Pirsch gingen, verläuft die Schatzsuche heute wesentlich komfortabler.

Per iPhone-App lassen sich jederzeit Cache-Daten in der Nähe abrufen. Gepaart mit den kürzeren Wegen bei der innerstädtischen Schatzsuche wird Geocaching so von einer zeitaufwändigen Wochenendbeschäftigung zu einem Zwischendurch-Hobby, wie man an vielen Logeinträgen auf Geocaching.com sehen kann: "Nach der Arbeit noch kurz vorbeigeschaut" heißt es da oder "Habe hier in der Mittagspause mal schnell geloggt."

Virtuelle Schätze im Cache

Smartphones der nächsten Generation könnten das GPS-Spiel zudem zu etwas völlig Neuem mutieren lassen. Ole Braukmeyer*, IT-Spezialist aus Essen, bevorzugt schon heute sogenannte Multicaches, bei denen man den nächsten Cache nur finden kann, wenn man ein im vorherigen liegendes Rätsel oder Puzzle löst. "Es gibt aber auch schon Multicaches, die zum Beispiel über Audiodateien funktionieren, die man herunterladen muss", so Braukmeyer.

Geocaching-Expertin Sonstelie glaubt, dass solche Multimedia-Elemente in Zukunft verstärkt zum Einsatz kommen werden. Ihre Firma könne sich im Prinzip auch den Einsatz von sogenannter Augmented-Reality-Software vorstellen: "Beim Blick durch seine Handy-Kamera könnte man dann vielleicht virtuelle Schätze sehen, zusätzlich zu den normalen Sachen, die im Cache liegen".

Theoretisch wären dann auch völlig virtuelle Caches denkbar - niemand müsste mehr eine mit Magneten gesicherte Tupperbox unter Brücken oder Torbögen verstecken. Nicht allen Geocachern behagt diese Vorstellung - manche wollen Dinge lieber weiter offline verstecken und suchen. Auch Braukmeyer ist eher Traditionalist: "Geocaching ist nämlich ideal, um lauffaule Kinder vor die Tür zu bekommen."

*Name von der Redaktion geändert



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 12 Beiträge
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HariboHunter, 13.06.2010
1. ...
und manchmal loesst ein Cache einen Bombenalarm aus. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,651399,00.html
titeroy 13.06.2010
2. 2003
Anfang 2003 war ich drauf und dran mir aus anderen Gruenden einen GPS-Empfaenger zu kaufen - war allerdings noch unschluessig und die damals noch hohen Preise in Deutschland schreckten mich ab. Dann erschien im Maerz 2003 im Spiegel ein => _*Artikel ueber Geocaching*_ (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-26557165.html) Bei einem Auslandsaufenthalt kurz darauf konnte ich ein GPSr guenstig erstehen und ab da waren wir kaum noch zu halten. Damals gab es im Umkreis von 100km etwa ein Dutzend Caches und jeder war ein kleines Abenteuer. Heute gibt es im Umkreis von 10km gut 500 solcher Verstecke. Leider ist die Mehrheit der Caches heute oft trivial und die Stadtcaches interessieren uns ueberhaupt nicht. Allerdings gibt es auch sehr viele wirklich interessante Caches, bei denen man wochenlang knobelt und/oder Kletterausreuestung benoetigt. Es gibt auch sehr viele informative Caches, bei denen man entweder ueber die Historie eines Ortes oder die umgebende Natur viel lernen kann. Fuer erfahrene Cacher ist eine Liste mit interessanten Caches der beste Reisefuehrer - und fuehrt die Eingeweihten oftmals an interessante Locations, die dem normalen Touristen verborgen bleiben.
volatus123 13.06.2010
3. Großer Spass
Großer Spass für die ganze Familie. Im Urlaubbkommt man an Orte, die in keinem Reiseführer stehen.
geohunter 13.06.2010
4. Geocaching Boom
Mit Geocaching beschäftige ich mich mittlerweile seit 2004 und ich bin erstaunt welche Kreise dieses anfängliche Nischenhobby mittlerweile zieht. Woran man sieht, dass der "Sport" mittlerweile auch schon die breiten Massen erreicht hat ist auch die stetig wachsende Anzahl an Online-Shops, die GPS-Geräte und anderes Geocaching Zubehör anbieten. In einem meiner Lieblings-Shops wurde der heutige Artikel auf Spiegel-Online wohl auch nochmal zum Anlass genommen, Bezug ( http://www.geocaching-gps.de" ) darauf zu nehmen. So bin ich gerade erst auf den Artikel von Spiegel gestoßen. Auf jeden Fall ist euer Artikel gut recherchiert und gibt sehr gut die Geschichte rund um das beliebte Hobby wieder. Es würde mich freuen, wenn sich noch viele Leute fänden, die mit auf den Zug aufspringen und die Community weiter wachsen lassen.
kongus 13.06.2010
5. Die Welt - eine Schatzinsel
Zitat von geohunterMit Geocaching beschäftige ich mich mittlerweile seit 2004 und ich bin erstaunt welche Kreise dieses anfängliche Nischenhobby mittlerweile zieht. Woran man sieht, dass der "Sport" mittlerweile auch schon die breiten Massen erreicht hat ist auch die stetig wachsende Anzahl an Online-Shops, die GPS-Geräte und anderes Geocaching Zubehör anbieten. In einem meiner Lieblings-Shops wurde der heutige Artikel auf Spiegel-Online wohl auch nochmal zum Anlass genommen, Bezug ( http://www.geocaching-gps.de" ) darauf zu nehmen. So bin ich gerade erst auf den Artikel von Spiegel gestoßen. Auf jeden Fall ist euer Artikel gut recherchiert und gibt sehr gut die Geschichte rund um das beliebte Hobby wieder. Es würde mich freuen, wenn sich noch viele Leute fänden, die mit auf den Zug aufspringen und die Community weiter wachsen lassen.
Dem gut recherchierten Artikel ist nix hinzuzufügen. Dem Beitrag vom 'geohunter' schon: Ich bin immer wieder überrascht, wie schnell die 'community'gewachsen ist und welche 'Blüten' dabei herausgekommen sind. Da gibt es die 'statistikgeilen' Wasserratten und Krokodile, die immer und über alles meckernde Dosenmilch, das Ferkelchen und wie sie alle heissen mögen. Es würde mich freuen, wenn sich noch viele Leute fänden, die mit auf den Zug aufspringen und die bis vor etwa zwei Jahren ungeschrieben gültige Ehrbarkeit der Geocacher wieder aufleben lassen - den o.g. 'cachern' ( die die 'community' in Verruf gebracht haben und weiter bringen ) das 'Handwerk' legen - und viel Spaß an der ursprünglichen Idee des Geocachens haben: Leuten interessante Stellen in ihrer Stadt zu zeigen, die man ohne Geocachen nie zu sehen bekommen hätte. In diesem Sinne ... kongus
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