"Papers, Please" angespielt: Pässe stempeln, Menschen quälen, überleben

Dokumententhriller: So sieht "Papers, Please" aus Fotos
Lucas Pope

"Papers, Please" ist eines der überraschendsten und wichtigsten Spiele des Jahres. Als Grenzbeamter eines totalitären Regimes muss man Dokumente prüfen, Familien abweisen, das Flehen alter Menschen barsch abbügeln. Wer unmenschlich handelt, kann seine Familie ernähren.

Das Dokument ist eine plumpe Fälschung. Vor der Glasscheibe meines Kontrollpostens steht eindeutig eine Frau, kein Mann. Laut Ausweis ist sie aber ein "Er". Auch ihr Versuch, mich in ein Rotlichtetablissement zu locken, kann mich nicht von der Fälschung ablenken. Ich weise sie ab. Ich schicke sie zurück nach Kolechia, den Nachbarstaat, mit dem mein Land sechs Jahre lang Krieg geführt hat. Schließlich bin ich Grenzbeamter, muss aufpassen, dass keine Terroristen ins Land kommen und keine Menschen, die hier ohne Erlaubnis arbeiten.

Ich mache nur meinen Job. Tag für Tag. Und ich fühle mich zunehmend schlecht dabei. Ich weise alte Leute ab, Menschen, die ihre Verwandten besuchen wollen. Solche, die nichts von den neuesten Bestimmungen im Reisegesetz gehört haben. Sie weinen und flehen. Sie beschimpfen mich. Aber ich bleibe hart, ich muss schließlich auch an meine Liebsten denken. Wer in Arstotzka eine Familie ernähren will, muss funktionieren. Und auch dann ist es schwer genug. Arstotzka ist ein Staat irgendwo im Ostblock, 1982. Im kalten Krieg, der hier mit den Kriegen auf dem Balkan und im Kaukasus vermischt wird. Düster und bedrückend.

"Papers, Please", ist eines der überraschendsten und wichtigsten Spiele des Jahres, ein Dokumententhriller. So zumindest nennt Entwickler Lucas Pope das zur Zeit nur auf Englisch erhältliche Spiel. Er hat lange Zeit bei Naughty Dog gearbeitet, unter anderem an "Uncharted", und macht jetzt allein Spiele. Einfache, in grober Pixel-Grafik. Pope schafft es nicht nur, eine düstere Welt zu zeichnen, sondern auch, die Mechanismen eines totalitären Staates in simple Regeln zu übersetzen. Und mit spielerischen Mitteln etwas über die Mühlen der Bürokratie, über totalitäre Systeme, über Mitläufer und Zivilcourage zu erzählen.

Das Spielprinzip von "Papers, Please" ist einfach: Ich überprüfe Pässe, Visa, Reisegenehmigungen. Ich studiere jeden Morgen die Änderungen in den Reisebedingungen. Was gestern noch galt, ist heute nicht mehr. Ich vergleiche Passnummern, Fotos, Anschriften. Ich überprüfe Siegel, Arbeitserlaubnisse und vergleiche die Namen mit einer Liste gesuchter Verbrecher. Für jede abgefertigte Person bekomme ich Geld, bei Fehlern drohen Lohnabzüge - zumindest, wenn ich die Falschen ins Land lasse. Am Ende eines jeden Tages kann ich dieses Geld verteilen: Auf Heizkosten, Miete und Essen für meine Familie. Immer wieder muss ich sie hungern lassen, noch viel öfter frieren sie.

Ich bin gezwungen, schneller zu arbeiten, im Zweifelsfall abzuweisen. Schnell und schroff zu sein. Für Menschlichkeit fehlt die Zeit. Jeder kleine Fehler wird bemerkt. Ich werde überwacht und immer nervöser. Und verstehe immer mehr, wie Menschen gegen ihre eigene Menschlichkeit handeln können. Wie sie sich selbst verraten und auch andere. Wie sie keine Alternative sehen können. Und wie sie gleichzeitig an so etwas einfachem wie dem Vergleichen von Pässen Spaß haben können.

"Papers, Please" von Lucas Pope für Windows und OSX, 8,99 Euro unter www.papersplea.se

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insgesamt 11 Beiträge
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1.
berufskonsument 02.09.2013
Miese Grafik, langweilige Spielidee, man kann nur verlieren und aus jeder Zeile tropft die Betroffenheit über diese unmenschliche Welt. Das "wichtigste Spiel des Jahres" wird bestimmt der Renner.
2. Renner
HorstOttokar 02.09.2013
Zitat von berufskonsumentMiese Grafik, langweilige Spielidee, man kann nur verlieren und aus jeder Zeile tropft die Betroffenheit über diese unmenschliche Welt. Das "wichtigste Spiel des Jahres" wird bestimmt der Renner.
Das will ja auch gar kein Renner werden, sondern Denkanstöße liefern. Das ist der gleiche Gegensatz wie der zwischen einem Blockbuster und einem Arthaus-Movie, oder zwischen einem Bestseller-Schmöker und einem Suhrkamp-Roman. Hat alles seine Berechtigung und sein Publikum. Nur, das man diesen Gegensatz bei Filmen und bei Büchern schon gewohnt ist, während er bei Computerspielen noch etwas Neues ist. Aber ein interessantes Zeichen dafür, dass das Genre langsam erwachsen wird (auch wenn man die Message sicherlich etwas weniger plump verpacken könnte, da haben Sie schon recht).
3.
hans-wurst1989 02.09.2013
In Zeiten des Grafik-Overkills, wo mir jedes Jahr praktisch die selben Spiele (z.B.Call of Duty) mit verbesserter Grafik und minimalen Tweaks in Story und Setting zum Preis von 60€ verkauft werden, bin ich über jedes neue Spielkonzept froh. Der pixelige Retro-Look ist hierbei oft Stilmittel und daher nicht per se "schlecht". Die technikgeilen "Hardcore Gamer" (damit meine ich nicht die Hardcore-Gamer in ihrer Gesamtheit), die alles spielen, so lange es wie eine digitale Umsetzung eines michael-bay-films daherkommt, machen die Industrie kaputt. Gute Ideen und neue Spielkonzepte wandern in den Indiebereich, zu Valve und vielleicht noch zu Nintendo ab, während die AAA-Titel seit Jahren auf bewährte Konzepte und immer krassere Technik setzen, dabei aber hohl und austauschbar werden. Während auf der Technikseite rasante Fortschritte gemacht werden, herrscht auf der Kreativseite zumindest im Mainstreambereich weitgehend stillstand. Wer spielt denn Spiele wie Uncharted oder Gears of War wirklich mehr als einmal durch (die Jagd nach Trophies/Achievments mal aussen vor gelassen)? Zeitlose Klassiker, die man auch 20 Jahre später noch gerne mal aus dem Regal holt, werden solche Spiele nicht werden. Sie sind jetzt gut, weil sie gut aussehen. Wenn der Lack einmal ab ist, wird sich die Wahrnehmung ändern... Ich finde das Konzept von Papers, please klingt interessant und wenn der Preis okay ist (>10€), spiele ich es sicher mal an. Den Titel wichtigstes Spiel des Jahres finde ich trotzdem weit hergeholt.
4. Interessant
amber25 02.09.2013
Klingt für mich echt nach einer sehr interessanten Spielidee.
5.
wahlossi_80 02.09.2013
Das Spiel wirkt sehr interessant. Die "miese Grafik" bringt eine Metaebene ins Spiel, denn zur Zeit des kalten Krieges gabs reihenweise Titel wie "Raid over Moscow", so dass die 8-bit-Grafik uns genial in die 80er versetzt. Für ein weiteres Urteil muss ich das Spiel heute abend mal testen (ja, hab's mir schon für 7,50€ gekauft).
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Zum Autor
  • Carsten Görig liebt obskure Bands, seine Gitarre und seine Familie. Seit vielen Jahren schreibt er außerdem über Videospiele.


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