Entwickler-Wettbewerb: In 48 Stunden von der Idee zum Spiel

Von , München

"Global Game Jam": So werden Spiele in 48 Stunden entwickelt Fotos
Markus Böhm

Ein Computerspiel entwickeln in zwei Tagen: Beim "Global Game Jam" programmieren Spieleentwickler um die Wette. Neben guten Ideen zählt vor allem Teamwork. Wir haben einige Teilnehmer begleitet und präsentieren fünf der 48-Stunden-Spiele.

In der Kultfabrik, einem Münchner Discoareal nahe des Ostbahnhofs, geht es jedes Wochenende kreativ zu: Betrunkene erklären Türstehern, warum sie eigentlich gar nicht betrunken sind, Nüchterne suchen nach dem richtigen Getränkemix, um es im sogenannten Schlagergarten auszuhalten. Doch diesmal beschäftigen sich manche Gäste auch kreativ mit Videospielen - beim "Global Game Jam", einem Entwicklerwettbewerb, der auf mehreren Etagen über dem "New York Tabledance" stattfindet. Rund 60 Entwickler haben im Werk 1 ihre Computer aufgebaut, manche sind mit Schlafsack angereist. Während unten im Club gestrippt wird, wollen oben Computerspiele erfinden, in nur 48 Stunden.

An über 300 Orten weltweit findet dieser "Global Game Jam" an diesem letzten Januarwochenende statt. Außer in München beispielsweise auch in Rom, Sydney und Osaka. Über 15.000 Teilnehmer sind zur fünften Auflage des Wettbewerbs angetreten, im Vorjahr waren es 10.684. Dabei ist ein "Game Jam" auch Arbeit: Das Ziel des Wettbewerbs ist es, ein funktionsfähiges Spiel zu entwickeln und ins Netz zu stellen - innerhalb von 48 Stunden. Die Aufgabe soll in Teams bewältigt werden. Zudem gilt es, ein zuvor geheimes Motto umzusetzen. Diesmal haben es die Veranstalter in Videoform präsentiert, es lautet "Herzschlag".

Babykatzen und Panikattacken

Mit dem Video beginnt der Countdown für die Münchner Entwickler, jetzt ist der Wettbewerb in ihrer Zeitzone angekommen. Zunächst bilden sie Kleingruppen, um Ideen zu sammeln. "Mich erinnert das Motto an Arcade-Games - an diese Herzen, die man einsammeln muss", sagt Michel Wacker, 33, der aus Würzburg angereist ist. Doch das bleibt nicht das Einzige, was seinem Team einfällt: Die Ideen reichen vom bildlosen Audiospiel, bei dem nur der Herzschlag Orientierung bietet, bis zu Babykatzen, die der Spieler opfern muss, um einen wütenden Geist zu beruhigen. Letztendlich schickt Wackers Team ein "Horror-Escape-Spiel" in die folgende Ideenpräsentation, ein Konzept, bei dem die Hauptfigur in einem Raum gefangen ist.

"Die Kunst bei einem Wettbewerb wie dem "Game Jam" ist es, sich nicht in Ideen zu verlieren", sagt Markus Vill, 28, der bereits bei mehreren Jams mitgemacht hat. "Meine Faustregel lautet: Maximal zehn Stunden planen und dann möglichst schnell einen Prototyp entwickeln. So merkt man früh genug, ob das Spiel überhaupt Spaß macht. Das grundlegende Gameplay ist das Wichtigste, die Steuerung muss funktionieren." Bei der Technik rät Vill zu Bewährtem: "Neue Software sollte man lieber nicht unter Zeitdruck ausprobieren."

Vor allem Action- und Puzzlespiele

Zu Michel Wacker hat sich im Lauf des Freitagabends ein vierköpfiges Team gesellt, das mit ihm an "Stay calm" arbeiten will, wie das Konzept mittlerweile heißt. Mit drei Programmierern, einem Grafiker und einem Story-Beauftragten geht es ans Planen und Programmieren, jede Minute zählt. Es wird skizziert und überarbeitet, die Spielemacher diskutieren Gameplay-Elemente. In den Räumen nebenan arbeiten derweil andere Entwickler an Konzepten wie dem Tablet-Spiel "Zombie Love Affair". Auch vor Wortspielen im Titel wie "Heartcore Rambot" und "Heart to find" schreckt niemand zurück. Am Ende zählt der Spaß.

Theoretisch ist beim "Global Game Jam" jedes Genre erlaubt, praktisch dominieren Action- und Geschicklichkeitsspiele. Die Teilnehmer dürfen Tools wie die Mapping-Software Tiled oder das Musikprogramm iNudge nutzen, um beim Arbeiten schneller voranzukommen. Trotzdem wird besonderes Engagement belohnt: Hält sich ein Spiel an eine von zahlreichen optionalen Veranstaltervorgaben, bekommt es einen Online-Orden. Die Auszeichnung "Atari Age" etwa verdienen sich Spiele, die nicht größer sind als vier Kilobyte.

Zwei Online-Orden für "Stay calm"

Als "Stay calm" am Sonntagnachmittag fertig ist, schmücken es zumindest zwei solcher Orden: Die Münchner Produktion spielt komplett in einem Raum ("Stay inside the box") und sie läuft ohne Plug-Ins im Browser ("May the (Web) Force Be with You"). "Es ist ein gutes Gefühl, so ein Projekt abgeschlossen zu haben", sagt Wacker, der einige Stunden in einem Hotel geschlafen hat, "abgesehen von kleineren Bugs lief die Entwicklung gut und das Team passte zusammen."

Dass "Stay calm" kein Indie-Hit ist, wissen seine Macher. Anderseits sind Spiele wie "Minecraft" auch nicht in zwei Tagen entstanden. Entsprechend selbstbewusst präsentieren sie ihr Spiel: Ein Videotrailer etwa kündigt es als Gewinner des fiktiven "Best Candle Game Choice Award" an. Den ersten Beta-Tester zitieren die Entwickler mit den Worten: "Das gruseligste Spiel, das ich jemals gespielt habe."

Vier weitere Spiele im Video

Neben "Stay calm" wurden beim "Global Game Jam" noch Hunderte weitere "Herzschlag"-Spiele programmiert, zum Beispiel die folgenden vier:

  • "I know CPR!": Ein amerikanisches Entwicklerteam hat dieses kooperative Spiel entwickelt: Während ein Spieler die Hauptfigur manövriert, steuert der Mitspieler einen Charakter, der den Herzschlag der Figur reguliert. Nur, wenn beide geschickt zusammenspielen, können sie "I know CPR!" meistern.

  • "Ouch! A Panic Project": Ziel dieses Spiels aus dem "Werk 1" ist es, möglichst spektakulär möglichst viele Zombies zu vernichten, die eine U-Bahn-Station betreten. Die Station soll denen in München nachempfunden sein.

  • "O2": Aus dem australischen Sydney stammt dieses Spiel, bei dem es darum geht, die Besatzungsmitglieder eines abgestürzten Raumschiffs mit Sauerstoff zu versorgen. Der Spieler muss entscheiden, welchen Crewmitgliedern er die Chance gibt, zu überleben.

  • "Bacteria": Dieser Sidescroller eines Münchner Teams spielt im menschlichen Körper. Es gilt, sich durch eine Ader zu ballern, inklusive größerer Zwischengegner. Die Levels sind laut den Entwicklern zufallsgeneriert.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Video-Interviews
Hendrik 31.01.2013
GGJ 2013: Mini-Doku vom Global Game Jam 2013 in München - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=au7C-BDI-f4)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Games
RSS
alles zum Thema Games
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 1 Kommentar
Zum Autor
  • Natalie Stosiek
    Markus Böhm schreibt von München aus am liebsten über Medien und die Menschen dahinter. Als "Kioskforscher" setzt er sich voller ungesunder Begeisterung bloggend mit Zeitschriften auseinander.



Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon kaufen.