Google Play Store Top-Spiele?! Schrott-Spiele!

Miese Grafik, Werbung im Sekundentakt: Immer wieder landen Spiele mit Titeln wie "Auto Fahrt Parken Meister" in Googles App-Charts. Die Entwickler profitieren von einer Grundsatzentscheidung des Konzerns.

Rock Paper Scissors Games/ Google

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Wer in einem App-Store auf "Neue Top-Spiele" klickt, sucht wohl Qualität. In dieser Kategorie darf man eigentlich Blockbuster-Spiele erwarten, innovative Indie-Games oder Klassiker mit moderner Grafik. Doch der Google Play Store, neben Apples Store die wichtigste Verkaufsplattform für Apps, präsentiert oft anderes.

In die "Top"-Charts mischen sich dort immer wieder Schrott-Spiele, an denen so gar nichts top ist. Bereits von Platz 20 an tauchen Apps auf wie "Wasserrutsche bergab", "verkettete Autorennen 3D" und "Auto Fahrt Parken Meister". Mobil-Games, die in der Regel so wenig Spaß machen, wie es die lieblose Übersetzung ihrer Titel erahnen lässt.

Viele Auto-Apps etwa sind mit einfachen Baukasten-Tools programmiert und wirken schon auf den Vorschaubildern billig. Außerdem wird der Spielfluss alle paar Sekunden von Werbebannern unterbrochen, die sich quer über den Smartphone-Bildschirm legen. Wie schaffen es solche Apps in die Charts?

Dahinter steckt vor allem ein Google-Algorithmus. Eine Software prüft die Nutzerbewertungen von Apps und vergibt außerdem Bonuspunkte, wenn ein Spiel innerhalb weniger Monate sehr oft heruntergeladen wird. Je besser die Bewertungen und je häufiger die Downloads, desto höher steigt die App in den Charts.

Dieser Algorithmus hat beispielsweise schon einen Hochzeitsbus-Simulator mit immerhin bis zu 50.000 Downloads und ein Parkhaus-Spiel mit bis zu einer Million Downloads nach oben gespült (siehe Fotostrecke).

Mit Tricks in die Charts

App-Store-Experte Matthäus Michalik geht davon aus, dass manche Entwickler beim Erfolg ihrer Trash-Apps nachgeholfen haben. "Diese Spiele sind schrecklich", sagt Michalik, der für die Digital-Agentur Performics arbeitet. "Solche Apps landen nicht mit ganz legalen Mitteln in den Charts."

Er könnte sich gut vorstellen, dass die Entwickler für Downloads und Bewertungen bezahlt haben, sagt Michalik. Die mögliche Überlegung: Aggressive Werbung und gekaufte Downloads kosten zwar Geld, doch diese Tricks zahlen sich in der Regel aus. Denn Spieler müssen die App lediglich ausprobieren, um mehrere Werbeclips angezeigt zu bekommen.

Es gibt Schätzungen, dass Entwickler rund 20 Cent an einem in einer App abgespielten Werbevideo verdienen. Zusätzlich kann man mittels In-App-Käufen versuchen, direkt vom Nutzer Geld zu verlangen, so dass man im Idealfall schnell mehr einnimmt, als man fürs Hochpushen der Apps ausgeben musste.

Fotostrecke

30  Bilder
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Möglichst viele Spieler ansprechen

Laut der Einschätzung von Branchenkenner Michalik setzen die Entwickler minderwertiger Spiele vor allem auf Masse. Ihre Apps seien kostenlos herunterladbar und würden in möglichst vielen Ländern veröffentlicht. Wie das Spiel dann in einer anderen Sprache heiße, sei Nebensache.

Im Zweifel werden die Originaltitel einfach durch ein Übersetzungs-Tool gejagt, das dann Namen ausspuckt wie "Unmöglicher Bike Attack: Cop Car City Police Chase". Michalik sagt: "Google muss dringend die Qualitätskontrolle im Play Store verbessern und die Apps manuell überprüfen."

Grundsätzlich kann bislang jeder seine Apps in den Google-Shop bekommen. Die Hürde ist vergleichsweise niedrig, da die Anwendungen nicht händisch auf ihre Qualität hin kontrolliert werden. Ob eine App Unsinn ist, wie eine Taschenlampen-App, bei der alle paar Sekunden ein Werbevideo eingeblendet wird, interessiert erst einmal niemanden.

Nur auf den Bildern wie "GTA 5"

Entwickler haben dadurch die Chance, Seltsames im Store zu platzieren, wie ein Programm, das dem Nutzer nicht mehr bietet als das Foto eines Goldbarrens, dafür aber 300 Euro verlangt. Und das System ermöglichst es App-Anbietern zum Beispiel auch, ihr Spiel mit Screenshots aus dem Blockbuster "GTA 5" zu bewerben, obwohl es sich eigentlich nur um einen plumpen Scharfschützen-Shooter mit schäbiger Grafik handelt.

Google setze darauf, dass Entwickler ihre Spiele möglichst schnell im App Store veröffentlichen können, sagt ein Sprecher auf SPIEGEL-Anfrage, "und zwar innerhalb von Stunden, nicht Tagen oder Wochen". Die Apps werden demnach nicht von Mitarbeitern geprüft, sondern hauptsächlich von Software auf schädlichen Code und Spam hin abgeklopft.

Für einen inhaltlichen Check seien eher die Nutzer zuständig: "Wir sind weiterhin dabei, unser Kontrollsystem zu verbessern, und vertrauen darauf, dass die Nutzer-Community Apps für eine zusätzliche Überprüfung meldet", heißt es von Google.

Apples Mitarbeiter prüfen Apps manuell

Bemerkenswert ist, dass man in Apples App-Store niveaulosen Werbeschleudern und seltsamen Spieletiteln deutlich seltener begegnet als bei Google - selbst in Charts, auf die Apple keinen Einfluss hat, wie in der Übersicht der Apps mit den meisten Downloads. Apple prüfe alle Apps streng, bevor sie in den Store gelassen werden, sagt dazu Experte Michalik. "Bei Google Play herrscht eher Wilder Westen."

Tatsächlich dürfte es manche Entwickler von Schrottsoftware abschrecken, dass Apple angebotene Apps bereits in der Bewerbungsphase manuell begutachtet: Mitarbeiter des sogenannten Review Teams entscheiden, welche Anwendung in den Store gelangt, und welche nicht.

Experte Michalik würde solch eine Prüfung auch für Googles Store empfehlen. Er findet, dass vor allem zu viele Programme mit nerviger Dauerwerbung im Angebot landen und fordert: "Apps mit zu vielen Werbeeinblendungen müssen abgestraft werden." Solange die Hürde für neue Apps weiter so gering sei, herrsche bei den Entwicklern von Schrottspielen weiter "Goldgräberstimmung".



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
mikaiser 16.10.2017
1. 20 Cent Pro Werbeeinblendungen?
Also hat SPON heut Morgen bereits 2,80 Euro daran verdient, dass ich mich hier über die Dinge informieren wollte, die heute Nacht passiert sind... Allerdings stimme ich dem Artikel zu, was das Urteil über diese Schrott-Apps angeht.
zieglerm 16.10.2017
2. kritiklose Lobhudelei an Apple
Die Zensur, die Apple in seinem Store betreibt hat vor allem auch Zensur zum Ziel. Egal ob es um im prüden Amerika nicht gern gesehen Inhalte oder um Konkurrenzapparat geht. Auch Apple hat sich hierbei nicht mit Ruhm bekleckert und gerade als Verlag sollte man darauf schon hinweisen. Wenn man wie Google seinen AppStore im Gegensatz zu Apple offen hält, muss man auch AfD ähnliche Auswüchse hinnehmen.
kantirandavivorhodan 16.10.2017
3. Wo ist bitte...
...das Problem? Ein Blick in die Rezensionen und schon kann man schnell sehen, ob es sich bei dem Spiel um eine Werbeschleuder handelt. Einfach mal die Denkmurmel einschalten. Und bei Apple gibt es so etwas nicht? Mit Werbung vielleicht nicht, da wird man direkt über den Preis der App abgezockt. Es ist noch gar nicht so lange her, da war es eine oft genutzte Masche bei Spielen in Apples App Store, eine einfach zusammengeklöppelte App hochzuladen und nach der Freischaltung die vorhandenen Screenshots mit wesentlich hübscheren (Teils auch von anderen Spielen) auszutauschen. Der Nutzer dachte also, dass er ein tolles Clicki-Bunti-Spiel bekommt, stattdessen gabs etwas ganz anderes. Und da Apple, im Gegensatz zum bööööösen Google, nach wie vor Apps nur bei direkter Anfrage an den Support zurücknimmt (und nicht wie Google einen "Umtausch" innerhalb ein paar Stunden ermöglicht), wollten sich viele Nutzer den Stress nicht antun und haben die App einfach nur gelöscht. Apple hat zumindest daraus gelernt und seitdem das Austauschen von Screenshots nur noch bei großen Updates erlaubt. Dennoch zeigt es deutlich, dass man auch bei Apple nicht vor Betrug sicher ist.
jhea 16.10.2017
4. selber schuld
Wer mobile 'for free' Games nutzt hat es nicht anders verdient. Entweder gibt man schon einmal einen Euro oder 5 aus, oder lässt es ganz unterwegs zu spielen. Im Zug beim Pendeln kann ich es noch halbwegs verstehen, aber ansonsten? Wenn ich daheim bin hab ich einen richtigen PC/Konsole und bräuchte das nur unterwegs... aber da sollte ich mich eher darauf konzentrieren nicht gegen einen Laternenpfahl zu rennen.
Kunstgriffe 16.10.2017
5. Passt schon ...
Irgendwo muss der App-Müll doch nunmal hin. Da ist der Google Play Store doch der passende Ort.
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