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01. Oktober 2017, 19:01 Uhr

20 Jahre "Grand Theft Auto"

Männerkitsch

Von Rainer Sigl

"Grand Theft Auto" wird von Millionen Fans heiß verehrt - und von Kritikern wegen Sexismus und Gewaltverherrlichung verdammt. Zu Recht? 

"Grand Theft Auto" ist ein Phänomen. Die vor 20 Jahren gestartete Spieleserie ist eines der erfolgreichsten Unterhaltungsprodukte der Welt. Über 150 Millionen Exemplare der Spiele wurden in zwei Jahrzehnten verkauft, darunter 80 Millionen Mal der neueste Teil "GTA V".

In unübertroffener Perfektion hat "GTA" sein Genre und das Medium mitgestaltet. Die virtuellen Städte, in denen "GTA"-Spieler als Kriminelle zu Fuß oder in unzähligen Fortbewegungsmitteln unterwegs sind und im Wesentlichen tun, worauf sie gerade Lust haben, sind Meisterleistungen. Sie sind lebendig, abwechslungsreich und als unverkennbare Spiegelbilder realer US-Metropolen ein Erlebnis, ob man in ihnen gerade vor der Polizei flieht oder nur spazieren geht.

Der Name "GTA" ist aber auch mit Provokation verbunden. Rassismus, Gewaltverherrlichung, Sexismus und Frauenfeindlichkeit werden der Reihe von Anfang an vorgeworfen. Der Fan-Begeisterung taten Skandale wie ein Sex-Minispiel in "GTA: San Andreas" allerdings keinen Abbruch - im Gegenteil.

Tabubruch als Kultfaktor

Provokation gehört seit jeher zum Erfolgsrezept, denn "GTA", so sehen es seine Verteidiger, ist eine Ikone einer als subversiv verstandenen Gegenkultur - und der Widerspruch von außen befeuert seinen Kultstatus. Inzwischen findet die "Subversion" jedoch in einer Reihe statt, die als Millionenseller längst Mainstream geworden ist.

Unverschämtheit als Prinzip, Tabubruch als Kultfaktor, Verachtung für die "Political Correctness" der Kritiker, der ausgestreckte Mittelfinger an jeden Widerspruch: In diesen Aspekten ist "GTA" eng mit der ebenfalls 20 Jahre alten Kultserie "South Park" verwandt - und auch in Sachen problematischer Ballast ähneln sich die beiden. Einen großen Unterschied gibt es jedoch: Der düstere "GTA"-Humor lässt sich im Unterschied zur Serie mit dem Begriff "Satire" nur unzureichend beschreiben.

Die US-amerikanische Gegenrealität von "GTA" ist zynisch bis zum Nihilismus, sie zeichnet alle ihre Figuren als unsympathische Egomanen, lächerliche Verlierer oder geldgeile Kriminelle. Nichts und niemand ist "gut" in diesem zutiefst korrupten, düsteren Zerrspiegel einer gegenwärtigen US-Realität - weshalb auch niemand das Recht haben soll, sich ungerecht behandelt zu fühlen.

Als Sozialkritik gewichtlos

Nur: Wird hier wirklich eine Realität karikiert? Immerhin ist "GTA" kein amerikanisches Spiel, sondern ein britisches. Seine Schöpfer, Dan und Sam Houser, spiegeln in der Welt von "GTA" nicht die USA, sondern genau genommen nur das mediale Bild, das die globalisierte amerikanische Massenmedienkultur von den USA zeichnet - in Thrillern, Serien, Musikvideos, Talkradio-Formaten.

"GTA" arbeitet sich weniger an der gesellschaftlichen Realität ab, als an ihrem medialen Bild. Das macht die Serie global wiedererkennbar, in ihrer angeblichen Sozialkritik aber auch gewichtslos und oberflächlich.

Ihr nihilistischer Zynismus begnügt sich damit, medial vermittelte Vorurteile wiederzugeben und erneut zu festigen - eine zutiefst resignative, letztlich konservative Weltsicht. "GTA" benennt die Missstände nicht, um die herrschenden Zustände zu kritisieren - es normalisiert sie. Der implizite sozialkritische Anspruch jeder Satire, auch pädagogisch zu wirken, muss "GTA" in diesem Licht abgesprochen werden.

Wer nicht mitlacht, ist humorlos

Frauen kommen kaum vor, und wenn, dann nur als Prostituierte, habgierige Ehefrauen oder fette Emanzen? Schwarze bewegen sich fast ausschließlich in einer stereotypen Welt aus Gewalt und Drogen? Folter und sexuelle Belästigung als Spielelemente? Alles Satire!, sagen die Verteidiger der Serie. Wer nicht mitlacht, ist humorlos.

So wurde etwa eine Journalistin, die in ihrer ansonsten hymnischen Besprechung von "GTA V" in ein paar Nebensätzen das Thema Frauenfeindlichkeit ansprach, tausendfach von jener - hauptsächlich männlichen - Fanschar niedergebrüllt, die den Spaß richtig verstanden haben will.

Die Ausrede, "GTA" sei satirisch und jede Kritik deshalb ungerechtfertigt, ist so bequem wie das virtuelle Leben in einer Welt, in der alles egal ist, weil es kein Gut und Böse gibt. "GTA" zeichnet eine sexistische, misogyne, gewalttätige Welt, in der wir alles tun können, was wir wollen - außer sie das kleinste bisschen zum Besseren zu verändern. Und das ist insofern vielsagend, als sich das Genre der Open-World-Spiele, dessen Höhepunkt "GTA" ist, eigentlich die absolute Freiheit ihrer Spieler auf die Fahnen geschrieben hat.

Die Spielplätze als Reiz

Spielerische Freiheit, Sozialkritik und Satire gehen bei "GTA" bisher nur schlecht zusammen. Da mögen sich die Storys der Spiele gelegentlich noch so differenziert, erwachsen oder gar moralisch geben. Da mögen einzelne Figuren wie Niko Bellic aus "GTA IV" noch so komplex und mit tragischer Vorgeschichte ausgestattet sein. Da mag man in der Trias der Hauptfiguren in "GTA V" noch so gern Allegorien auf Ich, Über-Ich und Unterbewusstes erkennen.

Der Reiz und das Erfolgsgeheimnis der Reihe liegt abseits dieser narrativen Elemente. Letzten Endes sind die "GTA"-Spiele vor allem Spielplätze, auf denen man mit Gewalt ohne Konsequenzen anarchisches Chaos anrichten darf.

Ein Appell zur Weiterentwicklung

"GTA" bietet als Open-World-Spiel keine blanke Leinwand, sondern eine Welt, die letztlich das liefert, was die Autorinnen Elisabeth Raether und Tanja Stelzer treffend als "Männerkitsch" bezeichnet haben. Für "GTA V Online", als von Story weitgehend befreites Mehrspieler-Online-Spiel, gilt dies umso mehr.

Ein hartes Urteil über die Reihe - aber auch ein Appell zur Weiterentwicklung. Denn natürlich hat "GTA" Qualitäten, die unabhängig von ihrem Inhalt Respekt verdienen. Lebendige Welten wie aus einem Guss und spielmechanische Vielfalt haben die Serie zu Recht zum globalen Bestseller gemacht - als dieser verkommt aber konsequenterweise der ewige Anspruch auf Subversion zur satten Bequemlichkeit und Zynismus zur berechnenden Verkaufstaktik.

Nach 20 Jahren wäre es vielleicht, in kommenden Fortsetzungen, an der Zeit, die lukrative, aber unreife Fuck-you-Mentalität abzulegen - und der Kritik mit gewohnter Qualität zu begegnen. Vielleicht mit einer weiblichen Hauptfigur, mit einer Spielewelt, die mehr tut, als Stereotype achselzuckend zu wiederholen - und mit Satire, die diesen Namen wirklich verdient hat.

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