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"Grand Theft Auto V" durchgespielt: Gesellschaftskritik mit dem Holzhammer

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"Grand Theft Auto V" hat in drei Tagen eine Milliarde Dollar eingespielt, wurde hymnisch bewertet, gefeiert. Doch Gewalt, Zynismus und eine Folterszene sorgen für Kontroversen, Menschenrechtler kritisieren das Spiel. Was bleibt am Ende von "GTA V"? Wir haben es durchgespielt.

Spoilerwarnung: Im letzten Absatz dieses Textes wird das Ende der Spielstory von "Grand Theft Auto V" angedeutet. Hinweis für Eltern: "Grand Theft Auto V" ist ab 18 Jahre. Zu Recht.

Es ist das richtige Ende. Im Sonnenuntergang auf einer Klippe über dem Pazifik. Im Nirgendwo nördlich der Stadt. Da, wo Ruhe ist. Wo man den Wahnsinn der Los-Angeles-Kopie Los Santos abstreifen, sich für einen Moment zurücklehnen kann. Durchatmen nach rund 30 Stunden. Die Geschichte von "Grand Theft Auto V" ist vorbei. Zumindest die, die Entwickler Rockstar Games erzählen möchte. Wer mag, kann jetzt seine eigene schreiben.

Kann mit dem Auto durch die Großstadt fahren, mit dem Mountainbike vom höchsten Berg des Spiels rasen, mit dem Flugzeug über die Wüste fliegen, tauchen gehen. Oder ziellos durch die Landschaft fahren, HipHop-Klassiker, Dub oder Country-Radio hören. Sich freuen, dass Bootsy Collins oder Pam Grier moderieren, oder sich in seinem Unterschlupf vor den Fernseher setzen und "Republican Space Rangers" glotzen. Kann sich fragen, wie Rockstar es schafft, innerhalb kürzester Zeit und auf kleinstem Raum komplett verschiedene Landschaften darzustellen, ohne merkliche Brüche dazwischen. Wie sie dieses spezielle kalifornische Licht hinbekommen.

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"GTA V": Das Spiel, die Stadt und der Tod

Bis dahin aber ist "GTA V" die Geschichte von Michael, Franklin und Trevor. Ein alternder Dieb im Zeugenschutzprogramm, dem es wieder in den Fingern kribbelt, ein Jungspund aus der Hood, dem die Arbeit für einen betrügerischen Autohändler zu viel Ärger und zu wenig Geld einbringt. Und dann ist da Trevor. Der Mann aus der Wüste, aus dem Trailer Park. Paranoid, Drogen konsumierend, saufend, mordend. Ein alter Partner von Michael, bis zu einem Raubüberfall, der schiefging. Die Figur, durch die sich "GTA V" von seinen Vorgängern abhebt.

Drei Protagonisten geben Rockstar neue Möglichkeiten. Zwischen ihnen lässt sich hin- und herschalten. Wie in einer guten Fernsehserie wechseln sich nun Familiendramen und Alltagsgeschehnisse ab mit Raubüberfällen und Verfolgungsjagden. Das Spiel ist vielseitiger, vielschichtiger als die Vorgänger. Dass nebenbei lästige Fahrzeiten überbrückt werden können, indem man einfach zu einem anderen Charakter schaltet, ist ein willkommener Nebeneffekt. Doch all das wäre egal, gäbe es da nicht Trevor.

Manchmal bekommt man Angst, wenn er auftaucht

Bis er auftaucht, scheint das Spiel vorhersehbar, typische Rockstar-Geschichte, wie man sie aus "Max Payne","Red Dead Redemption" oder alten "GTA"-Teilen kennt: Typen, die eher widerwillig in kriminelle Machenschaften verwickelt werden. Die stehlen, rauben, morden und doch gegen diesen Lebensstil wettern. Max Payne, CJ oder Niko Bellic fungieren dabei als Über-Ich der Spieler, als Gewissen. Die Spieler würden sich schließlich in der echten Welt nicht so verhalten, wie sie es hier tun. Und werfen sich doch mit Lust in dieses Spiel, rauben und morden, fahren immer mit Vollgas, ohne Rücksicht auf Fußgänger oder Gegenverkehr. Wenn ein Auto Schrott ist, wird eben das nächste geklaut.

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Grand Theft Auto V: Drei Männer in der Sonne
Trevor ist anders als die gespalteten "GTA"-Helden der Vergangenheit. Er zelebriert sein kaputtes Leben in der Wüste. Benutzt Crack-Huren, schlägt Junkies tot, metzelt Rednecks nieder. Doch gerade dann, wenn er seine schlimmsten Gewaltausbrüche hinter sich hat, zeigt sich, dass da wohl doch so etwas wie Menschlichkeit in ihm steckt. Sein kaputter Kompass braucht extreme Ausschläge, um sich wieder einzunorden. Trevor ist der unberechenbare Teil des Spiels. Manchmal bekommt man Angst, wenn er auftaucht. Macht die Augen zu, bevor wieder etwas Unsagbares geschieht.

Wie in der Folterszene. In der Trevor auf Wunsch eines Beamten einem Menschen Zähne zieht, Elektroschocks verpasst und Waterboarding anwendet. Das ist quälend, kaum zu ertragen, schlimmer als Folter im Film oder im Fernsehen. Ein Moment, in dem man kurz davor ist, den Controller hinzulegen und sich zu wehren. Manche haben genau das getan.

Menschenrechtsgruppen kritisieren Folterszene

Es ist die böseste Szene in diesem Spiel. Nicht wegen der Gewalt, die schließlich hundertfach stattfindet. Sondern weil sie Spieler zwingt hinzuschauen. In Nahaufnahme. Nicht glorifiziert, nicht spannend, sondern schmutzig, quälend. Und die damit dem Rockstar-Spiel am nächsten kommt, das verteufelt wird wie kein zweites: "Manhunt", das ebenfalls unter all seinem Schmutz zutiefst moralisch ist und Fragen an die Spieler stellt. Fragen nach Gewalt, nach der eigenen Moral. Warum man eigentlich so etwas spielen möchte. Auch in der Folterszene fragt "GTA V" explizit nach der Moral einer Gesellschaft, die genau diese Foltermethoden zulässt. Die gegen ihre Grundsätze handelt, wenn sie sich bedroht fühlt. Schließlich haben US-Beamte Waterboarding und andere Quälmethoden tatsächlich angewendet, um Gefangene gefügig zu machen.

Zwei Menschenrechtsgruppen haben die Szene trotzdem heftig kritisiert. Man kann Rockstar durchaus Zynismus vorwerfen, denn natürlich ist diese Kontroverse einkalkuliert. Gleichzeitig kann man nicht behaupten, dass die Folter hier - wie, sagen wir mal, in Serien wie "24" - als notwendiger Akt, als zielführend oder gar notwendig dargestellt würde. Schließlich wird sie von einem verabscheuungswürdigen Wahnsinnigen ausgeübt - und selbst der hält sie für sinnlos. Hinterher sagt Trevor zu seinem Opfer, bevor er es freilässt, im Duktus des rational argumentierenden Soziopathen: "Folter ist nur für den Folterer da. Oder für denjenigen, der die Folter anordnet. Man foltert um des Spaßes willen! Wir alle sollten uns das eingestehen. Um Information zu erlangen, ist sie nutzlos."

"Wir bestätigen Ihre Vorurteile"

"GTA", so heißt es oft, ist eine Satire auf Amerika. Doch im Grunde ist es vor allem ein erboster Kommentar zu einem Land, das - zumindest in seinen Medien - zu seiner eigenen Karikatur geworden ist. Wer einmal den USA ferngesehen oder Radio gehört hat, wundert sich nicht mehr über die Abbilder in "GTA V". Hier ist kaum etwas allzu sehr überspitzt. Es gibt liberale Laberrunden genauso wie reaktionären Wahnsinn. Die Gesellschaftskritik ist nicht subtil. Sie wird Spielern mit dem Holzhammer eingebläut. So, wie es Jon Stewart in seiner "Daily Show" macht. Man greift sich die schwachsinnigen Höhepunkte der Sender und stellt sie heraus, isoliert sie. Mehr muss nicht sein. Die Idiotie entlarvt sich selbst. Und damit es auch der Letzte mitbekommt, wird es anschließend erklärt. So wie im Slogan des "GTA"-Nachrichtensenders Weazel News: "Wir bestätigen Ihre Vorurteile."

Das gilt auch für das Spiel selbst: Das neue "GTA" macht all das, womit seine Vorgänger teils wütende Reaktionen provoziert haben - nur noch schlimmer. Rockstar bestätigt die Vorurteile seiner Feinde. Und natürlich ist "GTA V" kein karitatives Produkt - es hat in den ersten drei Tagen eine Milliarde Dollar umgesetzt, das ist Weltrekord.

Trotzdem ist "GTA V" unter all seiner Pracht, seiner Größe, seiner Brutalität ein moralisches Spiel. Es will seine Spieler erziehen und beeinflussen. Es will die Lügen offenlegen, mit denen sich die amerikanische Gesellschaft - und letztlich jede westliche - zufriedengibt. Rockstar nimmt sich die Freiheit, empört zu sein über das, was man als gegeben akzeptiert. Und am Ende fast überraschend naiv zu werden: Michael, Trevor und Franklin stehen dann trotz allen Wahnsinns wie die drei Musketiere füreinander ein und können stellvertretend die hässliche Fratze des Kapitalismus besiegen. Dann muss "GTA V" nur noch mit der letzten Ironie klarkommen: selbst Teil des kritisierten Systems und zudem eines seiner erfolgreichsten Produkte überhaupt zu sein.


"Grand Theft Auto V" von Rockstar Games, für Playstation 3 und Xbox 360, ca. 60 Euro; PC-Version angekündigt; USK: Ab 18 Jahren

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insgesamt 129 Beiträge
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1. Menschenrechtler kritisieren das Spiel
johnnybongounddie5goblins 22.09.2013
Zitat von sysopRockstar Games "Grand Theft Auto V" hat in drei Tagen eine Milliarde Dollar eingespielt, wurde hymnisch bewertet, gefeiert. Doch Gewalt, Zynismus und eine Folterszene sorgen für Kontroversen, Menschenrechtler kritisieren das Spiel. Was bleibt am Ende von "GTA V"? Wir haben es durchgespielt. http://www.spiegel.de/netzwelt/games/grand-theft-auto-v-durchgespielt-a-923737.html
"Menschenrechtler kritisieren das Spiel" Was genau sind das für Menschenrechtler? Solche dir mir das Recht absprechen, das Spiel zu spielen das mir gefällt? Solche die anderen vorschreiben wollen, welche Spiele sie zu produzieren haben? Auf welche Rechte genau beziehen sie sich bei ihrer Tätigkeit?
2. @Johnny
Schwarzer Luxemburg 22.09.2013
Zitat von johnnybongounddie5goblins"Menschenrechtler kritisieren das Spiel" Was genau sind das für Menschenrechtler? Solche dir mir das Recht absprechen, das Spiel zu spielen das mir gefällt? Solche die anderen vorschreiben wollen, welche Spiele sie zu produzieren haben? Auf welche Rechte genau beziehen sie sich bei ihrer Tätigkeit?
Sie spielen nicht das Spiel das Ihnen gefällt. Sie spielen das Spiel, das produziert wurde von Menschen, die wußten, daß Sie es toll finden werden in künstlich generierten Parallelwelten zu morden, vergewaltigen und sonstwas anzustellen. Sprich, anderswo kennt man längst das Verhalten und die Bedürfnisse des weißen männlichen Mittelstandsspießers. Wer die Schriften von Edward L. Bernays und Walter Lippmann zur gezielten Massenmanipulation kennt, überrascht dieses weitere Machwerk nicht.
3. Aha
LDaniel 22.09.2013
Zitat von Schwarzer LuxemburgSie spielen nicht das Spiel das Ihnen gefällt. Sie spielen das Spiel, das produziert wurde von Menschen, die wußten, daß Sie es toll finden werden in künstlich generierten Parallelwelten zu morden, vergewaltigen und sonstwas anzustellen. Sprich, anderswo kennt man längst das Verhalten und die Bedürfnisse des weißen männlichen Mittelstandsspießers. Wer die Schriften von Edward L. Bernays und Walter Lippmann zur gezielten Massenmanipulation kennt, überrascht dieses weitere Machwerk nicht.
Also Schwarze, Asiaten und Latinos spielen das nicht? Interessant, da es vermutlich keine 1 Milliarde weiße, männliche Mittelstandsspießer auf dieser Welt gibt. Aber es gibt offensichtlich auch immernoch Leute wie Sie, die Fantasie und Realität nicht auseinanderhalten können und diese Fähigkeit dann gleich auch allen anderen Menschen absprechen... .
4.
max-mustermann 22.09.2013
Zitat von Schwarzer LuxemburgSie spielen nicht das Spiel das Ihnen gefällt. Sie spielen das Spiel, das produziert wurde von Menschen, die wußten, daß Sie es toll finden werden in künstlich generierten Parallelwelten zu morden, vergewaltigen und sonstwas anzustellen. Sprich, anderswo kennt man längst das Verhalten und die Bedürfnisse des weißen männlichen Mittelstandsspießers. Wer die Schriften von Edward L. Bernays und Walter Lippmann zur gezielten Massenmanipulation kennt, überrascht dieses weitere Machwerk nicht.
Warum haben sie nicht gleich "Oh mein Gott, denkt denn keiner an die Kinder" schreien äh schreiben können. Mal ehrlich Menschen die nicht zwischen Realität und PC-Spiel/Film/Buch usw. unterscheiden können sollten sich vielleicht mal entsprechende Hilfe suchen anstatt so einen Unsinn hier zu schreiben.
5.
Schwarzer Luxemburg 22.09.2013
Zitat von LDanielAlso Schwarze, Asiaten und Latinos spielen das nicht? Interessant, da es vermutlich keine 1 Milliarde weiße, männliche Mittelstandsspießer auf dieser Welt gibt. Aber es gibt offensichtlich auch immernoch Leute wie Sie, die Fantasie und Realität nicht auseinanderhalten können und diese Fähigkeit dann gleich auch allen anderen Menschen absprechen... .
1 Milliarde? Was soll das für eine Zahl sein? Glauben Sie in Ihrer Fantasiewelt, daß 1 Milliarde Menschen dieses Spiel spielen? Wie viele Schwarze, Latinos und Asiaten kennen Sie denn, die sich das Spiel kaufen? Ich hör immer nur die weißen männlichen Mittelstandsspießer in ihrer üblichen Denkfaulheit darüber schwärmen.
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