"GTA: Germany" - eine Vision Deutschland fehlt das Superspiel

Berlin als Moloch, Drogentransporte von Hamburg nach München: Große Videospiele im Stil eines "GTA" könnten auch im modernen Deutschland spielen. Wie könnten sie aussehen - und warum gibt es sie nicht?

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Von , und (Illustration)


Die Verfolgungsjagd kommt ins Stocken. Der alte Diesel-Golf knattert in die Fahrverbotszone, die Drogendealer im modernen BMW hinterher. Die Protagonistin, vor Kurzem aus Syrien nach Deutschland geflohen, ist zwischen die Fronten verfeindeter Clans geraten. Eines von deren Drogenverstecke im Görlitzer Park hat der Spieler in ihrer Rolle gerade geplündert.

Beide Autos rasen Richtung Oberbaumbrücke. Noch ein paar Hundert Meter bis zur S-Bahn-Station Warschauer Straße. Zwischen all den Touristen, Betrunkenen, Hipstern, Punks und Straßenmusikanten kann die Frau abtauchen. Doch, natürlich, es kommt keine Bahn. Der Spieler lernt: in Berlin niemals auf die öffentlichen Verkehrsmittel verlassen - auch nicht vor der Konsole.

So könnte eine Mission in einem Videospiel aussehen, das im Deutschland von 2018 spielt. Und sie wäre nur eine von vielen Aufgaben, denn per Knopfdruck kann der Spieler die Figur wechseln: Fortan ist er als bayerischer Polizist auf Verbrecherjagd in München. Alternativ geht es in die Rolle des arbeitslosen Brummifahrers, der an der Autobahnraststätte versucht, Waffen für eine von ihm ersonnene Bürgerwehr zu beschaffen.

Spiele mit einer großen, frei erkundbaren Spielwelt, einer Open World, zählen zum Aufwendigsten und Beliebtesten, was die Gamesbranche hervorbringt, sie heißen "Grand Theft Auto" ("GTA"), "Watch Dogs" oder "Far Cry" und sind im Kern Actionspiele. Hierzulande spielt keins von ihnen. Von kleinen Projekten abgesehen, kommt Deutschland in Spielen meist nur in einem Kontext vor: dem der Nazizeit.

Games prägen unser Bild von der Welt

Warum befassen sich so wenige Spiele mit dem modernen Deutschland? Und bleibt das so? Dazu haben wir uns umgehört - und Ideen für ein "GTA: Germany" gesammelt.

Ein Land ohne nennenswerte Videospiel-Repräsentation ist eine Debatte wert, schließlich prägen Medien wie Games unser Bild von Städten, Ländern und Gesellschaften. Los Angeles etwa haben längst nicht alle Gamer bereist - in seinem Digitalabbild Los Santos aus "GTA V" waren schon gut hundert Millionen Spieler.

Digitalvariante des Santa Monica Pier in "GTA V"

Digitalvariante des Santa Monica Pier in "GTA V"

Gefühlt hat jedes deutsche Kuhdorf eine Vorabendserie, aber das große Videospiel, das hier spielt, bleibt ein Wunschtraum. Für Deutschland wichtige Themen wie die Ost-West-Annäherung und die Integration der Flüchtlinge werden in Romanen, Filmen und Serien verhandelt, in Spielen aber fast nie. Dabei bietet schon Berlin Spieleentwicklern viele Themen, von der Wiedervereinigung bis zu Problembezirken wie Neukölln. Und, na klar, im Zweifel auch die Nazis.

Wir haben einmal herumgesponnen, worum sich ein "GTA: Germany" drehen könnte:

Von einem großen Deutschland-Spiel hat jeder eigene Vorstellungen. Der Brite Isaac Ashdown, der seit gut zehn Jahren in Berlin lebt, würde Subkulturen in den Mittelpunkt stellen. "Die Punks, die queeren Menschen", sollten Ashdown zufolge im Spiel vorkommen, genauso wie die rechte Szene, die seiner Empfindung nach dieser Tage wieder lauter werde, "auch in Berlin". Ashdown hat das Indie-Strategiespiel "All Walls Must Fall" mitentwickelt, das in den Technoklubs eines futuristischen Berlins spielt.

Für "GTA" untypisch, wünscht sich der Entwickler keine Klischees. Am interessantesten fände er die Perspektive einer Person, die nach Deutschland geflüchtet ist und nun das Land und seine Regeln verstehen lernt.

Das wäre tatsächlich mal etwas Neues, schließlich hatten viele der bisherigen Games mit Deutschland-Szenario, inklusive seinem, andere Schwerpunkte:

Weniger Waffen, weniger Gewalt?

An einem Berlin-Spiel hat auch schon Martin Ganteföhr mitgearbeitet. Er schrieb die Story für "State of Mind" von Daedalic, das im Berlin des Jahres 2048 spielt. Die Stadt wird darin von Androiden und Menschen bevölkert. Könnte er ein Deutschland-Spiel in "GTA"-Dimensionen entwerfen, würde er in die Geschichte zurückgehen, sagt Ganteföhr - aber nicht bis in die Nazizeit. Reizen würden ihn der Deutsche Herbst 1977 und die Jahre von Mauerfall und Nachwendezeit.

"Ich bin kein Fan dieses zynischen Intensivtätertums, das in den Spielen dargestellt wird", sagt Ganteföhr noch über "GTA". Ein Spiel mit Deutschland-Fokus sollte nicht aus amerikanischer Sicht geschrieben sein: Ganteföhr wäre für weniger Waffen, Gewalt soll nicht der einzige Problemlöser sein.

Entwickler aus dem Ausland haben andere Vorstellungen, wenn man sie nach Deutschland-Spielen fragt. Jason Blundell, mitverantwortlich für "Call of Duty", sagt, für ihn dürfte in solchen Games auf keinen Fall das Mittelalter fehlen. Burgen und Rüstungen, das brauche es. Tim Willits vom "Doom"-Hersteller id Software wiederum meint, ein Spiel, das in Deutschland spielt, müsse sich um Autos drehen: "Die Deutschen bauen einfach die besten Autos."

Berlin als Moloch

Klischeefrei wäre ein virtuelles Deutschland also wohl nicht, würde sich ihm ein großes, internationales Studio annehmen. Das muss es aber auch nicht sein, Spiele wie "GTA" oder "Far Cry" überzeichnen reale Orte und Probleme bewusst.

Aaron Garbut von Rockstar erzählte mal, dass die "GTA"-Weltenbauer stets versuchen, das "Gefühl einer Stadt" einzufangen. Dieses ergebe sich aus Besuchen, aber auch aus dem Bild, das die Medien von der Stadt zeichnen. Im Spiel sei letztlich etwas, das sich "eher wie die populäre Wahrnehmung des Ortes anfühlt als wie die eigentliche Stadt", so Garbut.

Ein Deutschland in "GTA" wäre also vermutlich, wie in unserer Fiktion, ein Land in der Identitätskrise - und Berlin ein Moloch voller Baustellen, Bürokratie und Kulturkämpfen. In jedem Fall wäre die Stadt weniger sauber als in "GTA: Berlin", einem bereits 2002 gestarteten Fan-Projekt. Das sieht übrigens so aus:

Starker Fokus auf die USA

Die meisten Blockbuster-Games mit Realwelt-Szenario spielen bislang entweder in den USA oder in Japan. Die Japan-Spiele stammen fast immer auch von japanischen Entwicklern, die mit Amerika-Schwerpunkt von überall.

Yves Guillemot ist der Chef von Ubisoft, einer der weltgrößten Spielefirmen. Sie sitzt in Frankreich, einige ihrer bekanntesten Titel mit modernen oder Zukunftsszenarien spielen aber in Amerika, darunter jeweils zwei Teile von "Watch Dogs", "The Crew" und "The Division". Und auch "Far Cry 5" siedelte Ubisoft in den USA an, im Bundesstaat Montana.

Ob sich Spiele mit Amerika-Szenario besser verkaufen, fragen wir Guillemot. "Das hängt von der Art des Spiels ab", sagt er. "Manchmal ja." Darüber, wo Games spielen, werde in den Ubisoft-Studios aber intensiv diskutiert.

San Francisco in "Watch Dogs 2"
Ubisoft

San Francisco in "Watch Dogs 2"

"Far Cry 5" sei in den USA wohl auch deshalb so gut angekommen, weil es im Land spiele, meint Guillemot. Vielen Amerikanern, aber auch Gamern aus anderen Ländern habe das Spiel Lust gemacht, Montana zu bereisen. "Du musst Orte nehmen, die für jeden attraktiv sind", sagt er.

New York schlägt Berlin

Ähnliches hören wir aus Frankfurt, dort sitzt mit Crytek die weltweit wahrscheinlich bekannteste deutsche Spielefirma. Ihr Kommunikationschef Jens Schäfer erzählt uns, bei der Konzeption des Shooters "Crysis 2" sei Berlin als Schauplatz im Gespräch gewesen. Letztlich habe man sich aber für New York entschieden: Die Stadt sei weltweit "sehr viel bekannter", so Schäfer, dasselbe gelte für ihre Wahrzeichen wie die Freiheitsstatue oder die Grand Central Station - im Unterschied etwa zur Gedächtniskirche oder dem recht neuen Berliner Hauptbahnhof.

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Postapokalypse-Artworks von Crytek: Deutschland mal anders

Wenn Crytek schon kein großes Deutschland-Spiel macht, wer dann? Bislang werden hier viele Videospiele gekauft, aber verhältnismäßig wenig große Games entwickelt. Dem Branchenverband game zufolge machten PC- und Konsolenspiele in Deutschland 2017 fast 1,2 Milliarden Euro Umsatz, davon entfiel aber nur ein Prozent (11,5 Millionen) auf Produkte deutscher Studios.

Hoffnung setzen einige in der Branche auf ein von game skizziertes, von der Politik aber noch nicht abgenicktes viele Millionen schweres Förderprogramm. Ein sogenannter Kulturtest soll mitentscheiden, welche Entwickler Geld bekommen: "Abgefragt wird hierbei aber nicht, ob die Spielfiguren Lederhosen tragen und in Fachwerkhäusern wohnen", erklärt der game-Vorstandsvorsitzende Ralf Wirsing. "Spiele erhalten aber Punkte dafür, wenn sie beispielsweise in der Spielgestaltung, Story oder beim Design Aspekte der deutschen oder europäischen Kultur, Geschichte oder entsprechende Persönlichkeiten aufgreifen."

Eine Förderung würde so dazu führen, "dass es mehr Games mit Bezugspunkten zur deutschen Kultur gibt", meint Wirsing. Wo genau ein Titel spielt, das findet er aber "nicht so entscheidend". Wichtiger sei ihm, "welche kulturellen Aspekte er aufgreift".

Vielleicht doch erst mal "GTA Europe"

Eine Förderung wird also nicht unbedingt zu Spielen à la "GTA: Germany" führen. Denn die große Frage ist schließlich auch: Würde sich ein Spiel im modernen Deutschland - womöglich ohne Nazi-Thema - auch in den Nachbarländern verkaufen? Oder in den USA? Vermutlich wäre es realistischer, auf ein "GTA: Europe" zu hoffen, mit Städten wie London oder Paris - und vielleicht ja auch Berlin.

Schwer abzuschätzen bleibt auch, wie die deutsche Politik- und Medienlandschaft auf ein Spiel reagieren würde, in dem es vielleicht möglich wäre, im Berliner Regierungsviertel Amok zu laufen oder Zivilisten zu überfahren. Stünde eine Neuauflage der unsäglichen Killerspieldebatte bevor?

Linda Breitlauch, Professorin für Game-Design, meint: "Ja, vielleicht - aber nicht mehr mit den unglaublichen Nachwirkungen wie in der Vergangenheit. Und nicht mehr mit der Reichweite." Die Argumente seien "immer dieselben und immer noch genauso falsch". Zudem rede man bei einem "GTA" ja über ein Spiel, das ausschließlich für Erwachsene sei.

Klar ist: Ein Spiel wie "GTA: Germany" könnte helfen, Spielefans mehr über das Außenbild und den tatsächlichen Zustand Deutschlands reflektieren zu lassen. Die Welt aber wartet darauf wohl nicht so sehr wie die deutschen Gamer. Würde ein Deutschland-Spiel die Aussicht auf einen weltweiten Kassenschlager bieten, hätte sich vermutlich längst ein großes Studio daran versucht.



insgesamt 24 Beiträge
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barbierossa 13.10.2018
1. Seiten schinden
In einem der alten Werner-Hefte hab ich vor Jahrzehnten mal gelacht, als da über mehrere Seiten der Held beim Seiten schinden zu sehen war. Als ich durch die "Fotostrecke" dieses Artikels klickte, fühlte ich mich stark daran erinnert. Paar Fotos nehmen, zwei, drei PS-Filter drüber laufen lassen, zusammenkleben und dann davon Ausschnitte präsentieren. Zeitaufwand: 10 Minuten. Ach Kinners, wer hat da noch Lust, die vermutlich mit ebensoviel Aufwand zusammengedenkelten Texte drunter zu lesen?
femdoc 13.10.2018
2. warum?
weil es keinen Spass macht, die Realität zu simulieren. in Berlin sieht´s schon aus wie bei Grand Theft Dystopia, man braucht nur mal U-Bahn zu fahren, wenn Sie wissen, was ich meine.....
Ökofred 13.10.2018
3. na ja ..
Zitat von femdocweil es keinen Spass macht, die Realität zu simulieren. in Berlin sieht´s schon aus wie bei Grand Theft Dystopia, man braucht nur mal U-Bahn zu fahren, wenn Sie wissen, was ich meine.....
Also, ich bin gestern noch gefahren und mir machen eher die Touristenhorden Angst. Aber das kann man ja auch verwerten, quasi als ironischer Seitenhieb auf die sog. "Masseneinwanderung" überfluten Hippstermassen und Kegelvereine Berlin. Oder doch besser "GTA Visselhövede"? Mit einem Minispiel an der lokalen Tanke, wer sich schnellstens den meisten Alk organisiert?
tombik251 13.10.2018
4. Man sitzt nur noch
sprachlos vor dem Monitor und es fällt einem nix mehr ein. Wenn man diese Bilder sieht. Nichts mehr.
ironcock_mcsteele 13.10.2018
5. Schöne Idee
Habe den Artikel gern gelesen. Der Erfolg der GTA-Reihe liegt in der klischeehaften Überzeichnung der Gruppen, schwarze Gangster sind richtig böse, Schwule sind richtige Tunten und Frauen sind richtig dämlich. Ich glaube, ohne diese Überzeichnungen würde es nicht funktionieren, Deutschland aus der Sicht eines Flüchtlings kennenzulernen wäre kein großer Kaufreiz, schließlich kennen wir unser Land ja schon. Ein paar erfolgreiche Spiele, die in Deutschland spielen, gibt es ja auch schon, nämlich die WK2-Shooter. Im neuen BF5 soll es (endlich) auch Missionen in der Rolle der Wehrmacht geben.
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