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Handyspiele in Japan: Smartphones stehlen Konsolen die Game-Show

Von , Tokio

Auf der Spielemesse Tokyo Game Show sehen Sony und Microsoft mit ihren hochgezüchteten Konsolen ziemlich alt aus: Das japanische Start-up Gree will mit Spielen für Handys weltweit eine Milliarde Nutzer gewinnen - und setzt dabei ganz auf den Smartphone-Boom.

Mobilspiel-Trend: Smartphone statt Konsole Fotos
SPIEGEL ONLINE

Gree ist überall. Das japanische Start-up hat nicht nur ein riesiges Heer an Hostessen in weißen Hotpants und einen der größten Stände auf der Tokyo Game Show, sondern auch einen der auffälligsten: Das mehr als 1000 Quadratmetern große Areal ist ganz in weiß gehalten und bestens ausgeleuchtet. Derart gleißend hell überstrahlt Gree mühelos die Nachbarstände von Sony und Sega.

Aber wer bitteschön ist eigentlich Gree? Die sieben Jahre alte Firma stellt zum ersten Mal auf der Tokyo Game Show aus. Sie zeigt das Gegenteil von dem, was das Publikum von der Messe erwartet: Keine aufwendig produzierten Blockbuster mit atemberaubender 3-D-Grafik, sondern kleine Handy-Spiele, die mit ihrer beschränkten Grafik in den vergangenen Jahren eher belächelt wurden.

Doch während das Geschäft mit Konsolenspielen und -hardware derzeit eher schleppend läuft wächst der Markt für Handy-Spiele rasant - und davon will Gree profitieren. In Japan betreibt die Firma erfolgreich ein soziales Netzwerk, über das Tausende Games, die Online- und Social-Network-Funktionen integriert haben, gespielt werden können.

"In einer Liga mit Facebook und Twitter"

Jetzt beginne die Ära der Social Games, sagte Firmengründer Yoshikazu Tanaka, der eine der drei Eröffnungsreden der Tokyo Game Show halten durfte. Angetrieben werde die Entwicklung von Smartphones, App-Stores und einfachen Zahlungsmethoden. Wer spielen wolle, müsse nur sein Handy herausholen und könne sofort loslegen. Um in diesem Geschäft vorne mit dabei zu sein, werde man weitere Firmen übernehmen und weitere Mitarbeiter einstellen.

Tanaka kündigte selbstbewusst an, in einer Liga mit Facebook und Twitter spielen zu wollen. Weltweit wolle Gree innerhalb der nächsten Jahre eine Milliarde Nutzer erreichen, sagte Tanaka. In Japan sind es derzeit mehr als 26 Millionen, weltweit nach der Übernahme der amerikanischen Social-Gaming-Plattform OpenFeint im Frühjahr, rund 150 Millionen.

Geld verdient das Unternehmen mit Werbung in seinem sozialen Netzwerk und virtuellen Gegenständen, die man in kostenlosen Spielen hinzukaufen kann. Das Geschäft unterscheide sich grundsätzlich von dem mit Konsolenspielen, sagte Tanaka: Der Preis eines Spieles sei geringer viele seien kostenlos, die Entwicklungszeit sei kürzer und noch am Tag der Veröffentlichung wisse man, ob das Spiel ein Hit werde.

Zehntausend Entwickler

Mit Büros in San Francisco und London und Kooperationen mit dem chinesischen Internetportal Tencent, dem südkoreanischen Provider SK telecom und anderen Partnern soll Gree ein globales Unternehmen werden. Zehntausend Entwickler bei Herstellen wie Capcom, Square Enix oder Namco Bandai liefern neue Spieletitel zu.

Über OpenFeint sollen nun englischsprachige Spiele für iOS- und Android-Geräte nach Japan kommen und japanische Spiele für den weltweiten Markt übersetzt werden. Der erste Titel, den Gree auf Englisch anbieten will soll noch im Herbst erscheinen, mehr Details verrät das Unternehmen bisher nicht, echte Neuheiten sind auf dem Messestand rar gesät.

Vom selbstbewussten Gree-Auftritt kann sich eine andere japanische Firma, die ebenfalls Milliarden wert ist, etwas abgucken: DeNA ist nur mit einem winzigen Stand auf der Tokyo Game Show vertreten. Dabei verfolgt DeNA mit seiner Spiele-Plattform Mobage eine ähnliche Strategie und will schnell im Ausland wachsen, auch durch Firmenübernahmen. Im vergangenen Jahr wurde das kalifornische iOS-Spielestudio ngmoco aufgekauft. Büros in Schweden und Singapur sind geplant, namhafte Entwickler steuern Titel bei.

Die Konkurrenz muss umdenken

Das Weihnachtsgeschäft für Mobilkonsolen werden also nicht mehr nur Nintendo mit dem 3DS und Sony mit der Playstation Vita alleine bestreiten. Smartphones treten immer stärker in Konkurrenz mit ihren hochspezialisierten Handheld-Konsolen. Gree und DeNA könnten davon profitieren und sich zu weltweit bedeutende Spielelieferanten auswachsen.

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Androidenfrühling: Sony Ericsson Xperia Play
Facebook und Google, die ihre Netzwerke ebenfalls als Spieleplattformen etablieren wollen - und Apple mit seinem "Game Center" - haben was das angeht zumindest in Japan noch einiges nachzuholen. Wie man das angehen kann zeigt Sony mit seinem Entwicklerkit für die mobile Spieleplattform PlayStation Suite, das im November veröffentlicht werden soll. Spiele, die damit programmiert werden laufen nicht nur auf der Playstation Vita, sondern auch auf Smartphones und Tablets, sofern deren Hersteller die dafür nötige Software von Sony lizenziert haben.

Die 3-D-Grafik dieser Geräte kann mit der Vita zwar nicht mithalten und etlichen Handy-Spielen mangelt es noch an erzählerischer Tiefe - aber die Entwicklung steht ja noch an ihrem Anfang. Die Smartphones aber haben sich schon jetzt einen festen Platz auf dem Spielemarkt erobert - und dürften in den kommenden Jahren noch für manche Überraschung gut sein.

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insgesamt 19 Beiträge
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1. Guter Artikel
ishigami_san 18.09.2011
Langsam haben Videospiele eine Normalität erreicht, die angenehm zu lesende Artikel erlauben. Die Zusammenfassung ist sehr treffend :)
2. Angst brauchen die Etablierten nicht zu haben
spawn478 18.09.2011
Das ist genau der gleiche überzogene Hype wie einst bei MMOs, wie bei Facebook, dem AppStore ... Fakt ist: Außer größenwahnsinnigen Wunschvorstellungen ist bisher nie was draus geworden. Klar, man kann damit Geld verdienen. Aber warum sollte das die großen Publisher interessieren, wenn sie mit einem Call of Duty oder einem Grand Theft Auto mehr Geld verdienen als die gesamte Facebook/Handy-Branche in ihrer bisherigen Zeit am Markt? Ganz ehrlich, wer davon spricht, 1 Milliarde Menschen erreichen zu wollen, der ist einfach nicht glaubwürdig und nur darauf aus, schnell an der Börse oder bei Investoren abzukassieren. Da nehmen sich Gree und Rovio nichts. Mittlerweile springen ja schon Indies auf den Zug auf, z.B. Camoflaj. wollen ein Spiel machen, was von Milliarden Menschen gespielt wird. Ich sag dazu: Lernt lieber erstmal Zählen. 250 Millionen Downloads von Angry Birds sind nicht 250 Millionen Nutzer. Oder gar 250 Millionen potenzielle Kunden. Zumal man Downloadzahlen auch noch unfassbar leicht fälschen kann. Und gerade wenn ein Unternehmen seinen angeblichen Wert nur auf Basis von Downloads berechnet (kein Wunder, dass die Börsenaufsicht da interveniert) kann nicht viel dahinterstecken. Das ist genauso erbärmlich wie Facebook-Nutzerzahlen. Die gehen nämlich in den USA mittlerweile zurück. Facebook hat zwar 750 Millionen Profile, aber die Hälfte davon sind tot. Und die andere Hälfte besteht aus einer Menge Unternehmen. Außerdem wandern Communities. Früher waren es AOL/Compuserve, dann ICQ, anschließend Trillian, dann ging es zu MySpace, StudiVZ und heute zu Facebook. Und in fünf Jahren ist Facebook genauso irrelevant wie der Rest. Zwar nicht tot, aber eben auch kein Marktführer. Und selbst wenn irgendeiner von den Handyspieleanbietern mal wichtig werden sollte, dann wird er eben flugs von den Etablierten für eine Milliarde gekauft und das hat sich erledigt. Handyspiele greifen eher Marktanteile von Browserspielen ab. Früher hat man Flashspiele gezockt (oder Minesweeper/Solitär/Hearts), heute eben auf dem Handy. Stationäre Konsolen und PCs werden niemals in die Situation kommen, wo sie sich vor Handys fürchten müssen.
3. Konsolen angeblich out
omega75 18.09.2011
Sicherlich kann man mehr Geld verdienen wenn jeder auf dem Telefon spielen kann. Alle sind ja für Ablenkung vom Alltag zu haben. Aber gleich zu behaupten das Konsolen am Aussterben sind ist doch Unsinn. Wer wirklich gerne zockt, ob Single-, oder Multiplayer, und eine PS3 oder XBox vor seinem 42 Zoll Flachbildfernseher zu stehen hat ist für mickrige Handyspiele wohl kaum die geeignete Zielgruppe, diese Leute werden auch die nächsten Generationen von Konsolen kaufen. Handyspiele sind doch was vollkommen anderes und bedienen auch eine andere Zielgruppe.
4. ---
tmp2k, 18.09.2011
Würde mir zum daddeln eher die psvita und die ps3 mit lovefilm, kaufen. Ist zusammen billiger als ein gutes Smartphone und hat trotzdem mehr Unterhaltungswert. Ohne Analogsticks macht es mir auch keinen Spaß. Nein, ein Kamera-Telefon ist ein Kamera-Telefon. Die bezahl-webseitenapps brauch ich nicht.
5. Willkommen, Ambermoon.
Ambermoon 18.09.2011
Zitat von spawn478Das ist genau der gleiche überzogene Hype wie einst bei MMOs, wie bei Facebook, dem AppStore ... Fakt ist: Außer größenwahnsinnigen Wunschvorstellungen ist bisher nie was draus geworden. Klar, man kann damit Geld verdienen. Aber warum sollte das die großen Publisher interessieren, wenn sie mit einem Call of Duty oder einem Grand Theft Auto mehr Geld verdienen als die gesamte Facebook/Handy-Branche in ihrer bisherigen Zeit am Markt? Ganz ehrlich, wer davon spricht, 1 Milliarde Menschen erreichen zu wollen, der ist einfach nicht glaubwürdig und nur darauf aus, schnell an der Börse oder bei Investoren abzukassieren. Da nehmen sich Gree und Rovio nichts. Mittlerweile springen ja schon Indies auf den Zug auf, z.B. Camoflaj. wollen ein Spiel machen, was von Milliarden Menschen gespielt wird. Ich sag dazu: Lernt lieber erstmal Zählen. 250 Millionen Downloads von Angry Birds sind nicht 250 Millionen Nutzer. Oder gar 250 Millionen potenzielle Kunden. Zumal man Downloadzahlen auch noch unfassbar leicht fälschen kann. Und gerade wenn ein Unternehmen seinen angeblichen Wert nur auf Basis von Downloads berechnet (kein Wunder, dass die Börsenaufsicht da interveniert) kann nicht viel dahinterstecken. Das ist genauso erbärmlich wie Facebook-Nutzerzahlen. Die gehen nämlich in den USA mittlerweile zurück. Facebook hat zwar 750 Millionen Profile, aber die Hälfte davon sind tot. Und die andere Hälfte besteht aus einer Menge Unternehmen. Außerdem wandern Communities. Früher waren es AOL/Compuserve, dann ICQ, anschließend Trillian, dann ging es zu MySpace, StudiVZ und heute zu Facebook. Und in fünf Jahren ist Facebook genauso irrelevant wie der Rest. Zwar nicht tot, aber eben auch kein Marktführer. Und selbst wenn irgendeiner von den Handyspieleanbietern mal wichtig werden sollte, dann wird er eben flugs von den Etablierten für eine Milliarde gekauft und das hat sich erledigt. Handyspiele greifen eher Marktanteile von Browserspielen ab. Früher hat man Flashspiele gezockt (oder Minesweeper/Solitär/Hearts), heute eben auf dem Handy. Stationäre Konsolen und PCs werden niemals in die Situation kommen, wo sie sich vor Handys fürchten müssen.
Letztens auf 4players.de Umsatzzahlen von Rockstar gelesen: Anteil der PC-Spiele am Gesamtumsatz: 8%. Davon sind MMO- und Strategiespiele nicht betroffen, aber bei allem anderen spielt der PC (aus meiner persönlichen Sicht: leider) keine Rolle mehr. In den letzten 5 Jahren ist der Casual-Markt überproportional gewachsen, meiner Meinung nach wird er das auch weiterhin tun. Die schiere Masse in Verbindung mit für den Verbraucher einfachen und überschaubaren Bezahlmodellen ("überschaubar" im Sinne von "einzelne Transaktion kostet fast nix", Spiel 1€, Schwert der adipösen Verdammnis 1€, Supertraktor der ewigen Ödnis 1€) führt zu einem lukrativen Markt, und die (noch) geringen Entwicklungskosten für Handygames kommen hinzu. Noch kann man Handygames mit einem Fünf-Mann-Team entwickeln! Also Fazit: Geringe Entwicklungskosten, hoher Profit, riesige Zielgruppe - Handygames werden siegen. Leider.
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